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Seite: Aktuelles  >  Vortrag von Bischof Genn am 9. Dezember 2010
24.05.2012
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Dokumentiert:

Vortrag von Bischof Genn zum Thema "Der Stellenwert der katholischen Krankenhäuser in der Kirche"

Bistum. Am Donnerstag (09.12.2010) hielt Bischof Felix Genn einen Vortrag auf der Mitgliederversammlung der Arbeitgemeinschaft katholischer Krankenhäuser im Caritasverband für die Diözese Münster e. V. zum Thema "Der Stellenwert der katholischen Krankenhäuser in der Kirche". kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung dieses Vortrags.

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Mitglieder der diözesanen Arbeitsgemeinschaft katholischer Krankenhäuser in der Diözese Münster, herzlich grüße ich Sie und bedanke mich für die freundliche Einladung, auf Ihrer Mitgliederversammlung zu dem Thema sprechen zu können "Der Stellenwert der katholischen Krankenhäuser in der Kirche".

Dieses Thema haben Sie mir als Bischof gestellt, um zu erfahren, wie Ihr Bischof den Stellenwert der katholischen Krankenhäuser in der Kirche einschätzt.

Hierzu zunächst eine grundsätzliche Vorbemerkung: Der Stellenwert der Krankenhäuser in der Kirche hängt zusammen mit dem Stellenwert, den sie für die Menschen, für die Kranken, den sie in der Gesellschaft haben und umgekehrt.

Ferner: Vom Sendungsauftrag der Kirche her gehören Kranke und Kirche zusammen - von Anfang an. Das ist eine Grundkomponente, die auch meiner Behandlung dieses Themas zugrunde liegt.

Eine Anmerkung zum Stellenwert der Frage nach Gesundheit, Heilung und Heil

Das Thema Gesundheit ist in aller Munde, und es ist zum Megatrend erklärt. Beim ersten christlichen Gesundheitskongress in Kassel im März 2008, wo sich drei Tage lang mehr als 1.100 Interessierte aus allen Bereichen von medizinischer Forschung, Heilkunst, Krankenhaus und Seelsorge trafen, bezeichnete der Zukunftsforscher Leo Nefiodow das Gesundheitswesen als die Wachstumslokomotive des 21. Jahrhunderts. Neben den boomenden Bereichen Informationstechnologie und Umweltschutz werde der Gesundheitssektor zusammen mit der Biotechnik zum Supermarkt schlechthin.

Aber er schränkte dann ein: "Trotz aller Anstrengungen: Wir werden nicht gesünder." Nefiodow sah gravierende Fehler im System. Er forderte einen Richtungswechsel, der unter anderem auch den ursprünglichen christlichen Heilungsauftrag wieder stärker ins Spiel brächte zugunsten einer so genannten ganzheitlichen Medizin, die die naturwissenschaftlich geprägte Medizin nicht in Frage stelle: - Auch kirchliche Krankenhäuser wollen und bringen Hochleistungsmedizin -, aber es müssten noch spirituell ergänzende Dinge hinzukommen. Das Interesse an Heilungsmethoden, die den Menschen als Körper – Geist – Seele – Einheit sähen, wachse.

Geht so etwas in die Richtung des Jesu-Wortes "Dein Glaube hat Dir geholfen" (vgl. z. B. Mk 5, 34/Lk 17, 19)? Bereits 1961 hatte der evangelische Theologe Paul Tillich formuliert: "Eine Religion, die keine heilende und rettende Kraft hat, ist bedeutungslos."

Was heißt das aber in den Sach- und Ökonomiezwängen des täglichen Krankenhausbetriebes, des Medizin- und Gesundheitsgeschehens in unserer Gesellschaft? Ist dafür Raum, kann dafür Raum geschaffen werden? Können kirchliche Krankenhäuser ihren eigenen Sendungsauftrag noch genügend einbringen? Und: Glaube ist gute Medizin, aber er ersetzt natürlich keine Medikamente, ersetzt keine Untersuchung, ersetzt keine Operation.

Zum Stellenwert vom fundamentalen Maßstab her: der Mensch in seiner Würde und das Prinzip der Freiheit (Ich bezieh mich hier auf Anregungen aus einem unveröffentlichten Manuskript des Verfassungsrichters a-. D. Prof. Paul Kirchhof)

Es ist keine Frage, dass unser Gesundheitssystem leistungsfähige Krankenhäuser braucht. Diese Institutionen – in ihrer unterschiedlichen Ausprägung – sollen nach dem heutigen Stand der medizinischen Wissenschaft und Technik Krankheiten heilen, Schmerzen lindern, Funktionsschwächen auffangen, aber auch diesem Patienten als ganzem Menschen gerecht werden – und ihm unter Umständen ein Sterben in Würde ermöglichen.

Kranksein ist eine der sensibelsten Phasen im Leben des Menschen. Gewöhnlich legt er dann besonderen Wert darauf, diese Herausforderung des Lebens zu bestehen in einem Umfeld, in einer Lebenskultur, die ihm selbst auch eigen ist. Ob er das dann immer selber zur Sprache bringen kann, also worthaft zur Sprache bringen kann, ist eine ganz andere Frage.

Aber aus diesem Grunde brauchen wir kirchliche Krankenhäuser, die den Patienten vorzüglich behandeln, aber die eben auch sein Vertrauen genießen in seinem existentiellen, spirituellen, religiösen Erleben. Das gilt für das Krankenhaus insgesamt, nicht nur für den Bereich der Seelsorge, auch wenn sie hier einen bestimmten eigenen Zugang zu den Fragestellungen hat.

Wenn ein Mensch ein Krankenhaus aufsuchen muss, erwartet er eine Hochleistungsmedizin, moderne menschengemäße Pflege und Betreuung in seiner besonderen Notlage, "als religiöser Mensch auch eine Entfaltung seiner Würde in den Werten seiner Religion" (P. Kirchhof).

Wenn ein Mensch ernsthaft krank wird, dann gewinnen gerade die existentiellen Fragen und Befindlichkeiten an Bedeutung. Er erwartet in dieser Krisensituation von seiner Religion Halt und Orientierung. Deshalb ist dieses "Spirituelle", dieses "Religiöse" nicht nur für die Religiösen wichtig, sondern auch eine wesentliche Bedingung des gesamten Zusammenwirkens aller Freiheiten in einer freiheitlichen Gesellschaft.

Denn nicht zufällig beginnen die Verfassungsbemühungen ab dem 18. Jahrhundert mit den Freiheitsrechten, mit der Garantie der Religionsfreiheit – selbst wenn diese Freiheiten zunächst einmal gegen Auffassungen der Kirche erworben werden mussten. Aber dabei gehört zur Religionsfreiheit selbstverständlich auch das Recht, nicht religiös zu sein, sich gegen die Existenz eines höheren Wesens, eines Gottes auszusprechen, sich für religiöse Fragen nicht zu interessieren. Aber die Freiheit braucht Institutionen, die dem Freiheitsberechtigten die tatsächlichen Voraussetzungen der Freiheitswahrnehmung erschließen.

Wenn sich nun der Staat als ein freiheitlicher bezeichnet, dann muss er auch die Institution so schaffen – das gilt auch für die Erziehung der Kinder – .,dass dort dieses Gesamtmenschliche, diese Grundinspiration des Menschlichen, des Religiösen zum Ausdruck kommen kann. Das Freiheitsprinzip spiegelt sich auch in den Institutionen, die Freiheit ermöglichen; und der Staat muss ermöglichen, dass man die Behandlungen unter dem Gesichtspunkt, den die Religion und ihr spezielles Menschenbild kennzeichnet, auch ermöglicht. Der Stellenwert der Krankenhäuser in der katholischen Kirche ergibt sich in dieser Perspektive daraus, dass sie die Institutionen zur Verfügung stellt, die dem Staat dies ermöglichen. Sie nimmt mit den Krankenhäusern diese Freiheitsrechte wahr, ermöglicht dem Staat, diese Freiheit zu bedienen und dient gleichzeitig ihrem eigenen Sendungsauftrag.

Paul Kirchhof sagt dazu: "Wenn unser Staat, unsere Gesellschaft dem einzelnen Menschen eine Fülle von Institutionen und Hilfen zur Gestaltung seines Lebens anbieten, gewinnen Caritas und Diakonie für die Allgemeinheit der religiösen und nichtreligiösen Menschen vor allem Bedeutung bei ihren Leistungen für das Kind und den kranken Menschen".

Auf diesem Hintergrund ist Kirchlichkeit dann zunächst zu definieren als Verantwortung gegenüber dem kranken Menschen, gegenüber dem Patienten; und diese Verantwortung ergibt sich noch tiefer aus dem Anspruch Jesu heraus, der sich in Seiner Art zeigt, wie Er mit Kranken umgeht. Wir werden darauf später noch zurückkommen. Hier ist nur zu sagen, dass die erste Folge eines solchen kirchlichen Imperatives nicht die Verantwortlichkeit vor dem Gesetz ist, sondern, wie es auch in unserem Grundgesetz als Erstes formuliert wird, "in der Verantwortung vor Gott und den Menschen" (Präambel des Grundgesetzes). Diese Verantwortlichkeit kirchlicher Krankenhäuser begründet dann sofort  einen Qualitätsanspruch, den ich so definiere: Der Kranke ist nach neuestem Stand von medizinischer Wissenschaft und Technik zu behandeln. Deshalb nimmt diese Verantwortlichkeit die einzelnen Personen, die in unseren Krankenhäusern arbeiten, aber auch die Institution insgesamt in die Pflicht.

Natürlich geht es dann in dieser medizinischen und pflegerischen Behandlung aus der kirchlichen Tradition heraus, aus dem kirchlichen Sendungsauftrag heraus, der sich auf den gesamten Menschen bezieht, besonders um Zuwendung und Begleitung des Patienten. Es geht um die personale Komponente, die in einem kirchlichen Krankenhaus sehr wichtig ist, die im Grunde genommen immer Vorrang hat vor allen funktionalen Komponenten. Daraus ergibt sich schon wie von selbst der enorm wichtige Stellenwert kirchlicher Krankenhäuser in der Kirche, weil Krankheit ein fundamentales Problem des Menschen überhaupt ist.

Zum Stellenwert des Krankenhauses als kirchlicher Dienst

Ich bin zunächst von den rechtlichen Freiheitsprinzipien ausgegangen, um den Stellenwert des Krankenhauses als eines kirchlichen Dienstes in der Gesellschaft von außen sozusagen her zu definieren. Ich möchte nun mit einem Hinweis auf die Enzyklika von Papst Benedikt XVI "Deus caritas est" auch von innen her diesen Dienst beleuchten. Papst Benedikt geht in diesem Schreiben sehr einfach, aber auch bestechend der Frage nach, warum es überhaupt diese Dienste der Kirche im sozialen Bereich gibt.

Er schreibt: "Das Wesen der Kirche drückt sich in einem dreifachen Auftrag aus: Verkündigung von Gottes Wort …, Feier der Sakramente …, Dienst der Liebe … Es sind Aufgaben, die sich gegenseitig bedingen und sich nicht voneinander trennen lassen. Der Liebesdienst ist für die Kirche nicht eine Art Wohlfahrtsaktivität, die man auch anderen überlassen könnte, sondern gehört zu ihrem Wesen, ist unverzichtbarer Wesensausdruck ihrer selbst" (in Deus caritas est 25).

Es dürfte nicht schwer fallen, diese Perspektive auch auf den Krankenhausbereich zu übertragen. Der Dienst an den kranken Menschen ist der Kirche vom Evangelium Jesu Christi aufgetragen. Die Sorge um die Kranken steht in der sozialen Tätigkeit der frühen Kirche obenan. Das hängt damit zusammen, dass Jesus selbst in besonderer Weise in seiner Zuwendung zu den Kranken und seiner heilenden Begegnung mit ihnen erfahren wurde. Weil Jesus so gehandelt hat, fühlten sich die Christen in ihrem Glauben herausgefordert, alternativ zu werden. Bei dem römischen Philosophen Seneca (+ 65 n. Chr.) lesen wir den interessanten Satz: "Der Weise wird sich hüten, über das Schicksal des Unglücklichen betrübt zu sein, seine Seele soll unempfindlich sein für die Leiden, die er lindert: Das Mitleid ist eine Schwäche, eine Krankheit." (So lese ich es in dem Buch von P. J. Cordes, Tuet Gutes allen, Paderborn 1999, 61). Hier habe ich auch interessante Hinweise gefunden zu dieser Alternative der Christen. Mit dem Christentum kommen eigentlich erst Häuser zur Behandlung der Leidenden als Institutionen in der Welt und in der Gesellschaft zum Zuge. Es gab in Ägypten Tempel, in denen Kranke aufgenommen wurden. Aber das geschah nur deshalb, weil sie sich von dem Heil-Gott Asklepios Heilung erwarteten. Erst die Christen haben mit ihrem Lebensstil, sich den Kranken und Armen zuzuwenden, ob sie Christen waren oder nicht, ein alternatives Zeichen für die Würde des Menschen gesetzt und damit wesentlich zur Glaubwürdigkeit des Evangeliums in der Gesellschaft und auch zur Bekehrung anderer beigetragen.

Diese Norm, den Kranken als unseren Nächsten beizustehen, wurde Norm für Christlichkeit und christliche Praxis überhaupt. Diese Praxis realisiert sich dann in den Organisationsformen oder institutionellen Möglichkeiten der jeweiligen Zeit, heute eben anders als zur Zeit Jesu, in einer Zeit hochkomplexer Organisationsformen und mit den Möglichkeiten heutiger Medizin.

Das kirchliche Krankenhaus als Organisation und Institution ist Ausdruck dieser Caritas und Diakonie und tut seinen Dienst im eigenständigen Auftrag der Kirche. Neben der bestmöglichen medizinischen Behandlung und Pflege der Kranken ist die Tätigkeit für und im Krankenhaus eine wesentliche Realisierung christlichen Lebens, die kaum überschätzt werden kann.

Das heißt also im Klartext: Der Stellenwert der Krankenhäuser in der Kirche kann nicht hoch genug  eingeschätzt werden, da sie der Kirche helfen  – auch in der institutionellen Perspektive - , ihrem Sendungsauftrag zu genügen. Das sagt jetzt nichts aus über den Umfang des Engagements kirchlicher Träger, aber es sagt etwas darüber aus, dass diese Form, sich in das Gemeinwesen einzubringen, eine ganz wichtige Form kirchlichen Dienstes ist.

Etwas steil formuliert möchte ich sagen: Selbst wenn heute aufgrund anderer Bedingungen der Dienst im Krankenhaus nicht mehr von kirchlichen Trägern unterhalten werden könnte, wären wir als Kirche, als Gemeinde herausgefordert zu schauen, wo dieser Grundauftrag heute zu verwirklichen wäre, selbst wenn die Gesellschaft es uns abnehmen wollte. Wir kommen am Dienst für die Kranken nicht vorbei.

Zum Stellenwert auf dem Hintergrund von Überlegungen zu Gesundheit und Krankheit

Krankenhäuser, Institutionen der Gesundheitshilfe innerhalb der Kirche tragen dazu bei, dass die Kirche auch in sich selber die Begriffe Gesundheit und Krankheit "transportiert" und wieder in die Gesellschaft als Fragestellung hinein gibt. Was ich damit meine: Man ist heute offener dafür, dass Krankheit nicht darin aufgeht, eine biologisch gestörte Funktion zu sein und der Begriff Gesundheit sich nicht darin erschöpft, ein vollkommenes organismisches Funktionieren zu beschreiben. Gesundheit und Krankheit sind vielmehr relationale Begriffe, Begriffe, die in Beziehung stehen zueinander und zu anderen Dingen, zu dem, was in der Gesellschaft gilt, was Menschen einfach als krank oder gesund erleben.

Es ist gar nicht so einfach, Gesundheit und Krankheit zu bestimmen. Das ist aber wichtig für unser Gesundheitssystem. Die Begriffe sind unscharf geworden, schwer abzugrenzen und zu jenen Grundbegriffen gehörig, von denen der Philosoph Immanuel Kant sagte, dass sie zwar erörterbar oder beschreibbar, aber kaum definierbar seien.

Gesundheit und Krankheit werden  meist als Gegensatz verstanden. Die Gesundheit gilt in allen Kulturen als eines der höchsten Lebensgüter. Die Menschen werden sich des Wertes erst bewusst beim Verlust der Gesundheit.

Schon aus medizinischer Sicht gibt es gleitende Übergänge zwischen Gesundheit und Krankheit. Das Leben besteht aus Gesundheit und Krankheit, keineswegs nur aus Gesundheit. Es gibt so etwas wie ein "Fließgleichgewicht", so Schockenhoff in "Ethik des Lebens".

In der mittelalterlichen Medizin nannte man den Zwischenbereich zwischen Gesundheit und Krankheit die Neutralitas. Dieser Zustand mache erst das wirkliche Dasein des Menschen aus, und wir Menschen haben heute, wie wir aus Untersuchungen wissen, alle so genannte Normabweichungen.

Der amerikanische Systemtheoretiker Talcott Parcons definiert Gesundheit als "Zustand optimaler Leistungsfähigkeit eines Individuums für die wirksame Erfüllung der Rollen und Aufgaben, für die es sozialisiert worden ist".

Dass man funktioniert und gesellschaftliche Rollenerwartungen erfüllt, damit geht die Vorstellung einher, das Gut der Gesundheit ließe sich wie alle anderen Güter einer effizienten Planung und Verwaltung unterstellen. Hier ist eine rein funktionale, technische, medizinische Kompetenz in der Behandlung von Krankheiten im Blick. Es wird die illusionäre Erwartung genährt, ein Leben ohne Krankheit und Leid sei wie verschiedene andere Gesellschaftsziele prinzipiell machbar. Der Gedanke eines vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens, der dem Gesundheitsbegriff der Weltgesundheitsorganisation von 1946 zugrunde liegt, wird dann zu einem säkularen Ersatz für die theologische Kategorie des ewigen Lebens.

Auf einem anthropologisch wie theologisch fassbaren Hintergrund kann aber auch gesagt werden: Zur Gesundheit eines Menschen gehört nicht nur seine Leistungsfähigkeit, sondern auch seine Bereitschaft, Leiden unter Umständen auszuhalten und an den Leiden anderer Menschen teilzuhaben. In diesem Sinne ist Gesundheit dann kein rein biologischer oder medizinischer Begriff mehr, sondern eine anthropologische Leitvorstellung, die das Ziel eines gelingenden Menschseins umschreibt.

Im Spannungsfeld solcher Diskurse über Gesundheit und Krankheit steht auch das kirchliche Krankenhaus. Dadurch kann die Kirche wirkmächtig in Gesellschaft und Staat an diesem Diskurs teilnehmen und ihre Vorstellung in die politische Gestaltungsebene einbringen.

Zum Stellenwert auf dem Hintergrund des Verständnisses von Gesundheit als Herstellung der menschlichen Normalität

Das knappe Gut Medizin ist mit dem knappen Gut Geld zu finanzieren. Darüber hier zu sprechen, erspare ich mir, weil das in eine wichtige, aber hier nicht mehr zu leistende ökonomische Diskussion hineinführt. Aber es bedeutet, dass wir die Aufgabe der Medizin immer wieder überprüfen müssen. Deshalb ist die Diskussion über den Gesundheitsbegriff so wichtig. Wenn im Gesundheitsbegriff der Weltgesundheitsorganisation gesagt wird, dass Gesundheit der Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens sei, ergibt sich daraus die Pflicht, die Lebensqualität aller Menschen zu sichern. Dazu brauchen Menschen aber eine gute Familie, eine enorme moderne Ausbildung, Erwerbsmöglichkeiten, inspirierende Unterhaltung usw. Würde sich der Staat dieser Aufgabe annehmen, würde er sich wahrscheinlich auf dem Weg zur Diktatur begeben. Das könnte skurril werden, weil vielleicht monatlich der Gewichtskommissar kommen müsste, um das Gewicht zu überprüfen, weil man einen Raucherkommissar anstellen müsste und so fort. Mit anderen Worten: Letztlich müsste der Staat nachweisen, dass jemand sein Einkommen wesentlich für seine Gesundheit eingesetzt hat.

Ein so umfassender Gesundheitsauftrag mag sympathisch sein, aber man wird sich doch von diesem Gesundheitsbegriff wohl verabschieden und einen Gesundheitsbegriff suchen, der dem knappen Gut Geld auch entspricht. Deshalb beziehe ich mich auf eine schöne Formulierung noch einmal von Paul Kirchhof: Gesundheit ist die Herstellung der menschlichen Normalität.

Diese Arbeit an der Normalität des Menschen folgt auch dem Gedanken der Würde des Menschen. Dieses Axiom von der Würde des Menschen ist in unserer Hochkultur im Christentum entwickelt, im Humanismus und der Aufklärung vertieft worden. Der christliche Ursprung wurzelt in dem Satz "der Mensch ist Ebenbild Gottes". Ohne dies im Einzelnen theologisch zu diskutieren, möchte ich auf unser Glaubensbekenntnis zurückgreifen: Gott ist in Jesus Mensch geworden. Deshalb haben die Christen ein Menschenbild, in dem Gott in jedem Menschen eine Heimat finden kann. Ich sage es einmal mit einem zentralen Wort aus der Konstitution des II. Vatikanischen Konzils über die Kirche in der Welt von heute, ein Wort, das sich in den Texten von Papst Johannes Paul II. immer wieder findet: "Tatsächlich klärt sich nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf. Denn Adam, der erste Mensch, war das Vorausbild des Zukünftigen, nämlich Christi des Herrn. Christus, der neue Adam, macht eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung …. Denn er, der Sohn Gottes, hat sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt" (GS 22). Ich halte das für den grundlegendsten Satz, ja geradezu für einen Schlüsselsatz, um die Theologie des Konzils zu verstehen, um aber auch die Theologie von Papst Johannes Paul II. zu verstehen. Übrigens hat Paul Kirchhof dies Bekenntnis als den radikalsten Freiheits- und Gleichheitssatz der Rechtsgeschichte bezeichnet, ohne sich auf das Konzil zu beziehen.

Wenn man diesen Gedanken zu Ende denkt, und die Kirchen diesem Anspruch genügen wollen, dann werden sie also Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser gründen oder zumindest immer wieder dies unterstützen, um durch diese Art von Institutionen in der Lebensgestaltung der Menschen präsent zu sein und den Menschen zum Leben zu helfen. Ein wesentlicher Ort, um dieses Menschenbild zu bestätigen, ist der Dienst am kranken Menschen. Dieser geschieht heute durch die Einrichtungen der Gesundheitshilfe. Deswegen ist es für die Kirchen entschieden wichtig, dass der medizinische Dienst an dem so verstandenen Menschen täglich selbst erlebt wird, vom Kirchenmitglied bis zum kirchenfernen Menschen.

In diesem Zusammenhang ist die erste Frage nicht: Worin unterscheiden sich kirchliche Häuser von nichtkirchlichen Häusern? Diese Frage war speziell in der Gründerzeit von Krankenhäusern besonders im 19. Jahrhundert in unserem Bistum aus verschiedenen Gründen nicht aktuell. Natürlich ist die Frage wichtig. Aber die erste Frage ist die Frage, ob die Kirche, ob kirchliche Träger an den Schnittstellen des Lebens helfen, lebensförderlich, heilend mit ihren Möglichkeiten präsent sind, aus ihrem eigenen Auftrag heraus im Gemeinwesen, mit ihrem eigenen Bild vom Menschen, mit dem sie gerade für die Patientinnen und Patienten wichtig sind. Sie bekennt die Würde des Menschen in jedem Zustand. Auch wer im Koma liegt, behält seine Würde als Mensch. Wie will die Kirche das eigentlich in die Gesellschaft einbringen, wenn sie es nicht sozusagen in eigenen Einrichtungen erprobt, auch in allen Ratlosigkeiten?!

Zum Stellenwert im Rahmen des Spannungsfeldes kirchlicher Auftrag – staatliche Aufgabe

Zur Geschichte der Caritas und Diakonie der Kirchen gehört ihr Mandat zum politischen Handeln. Das war nie nur ein Mandat, etwas praktisch umzusetzen, es bedeutete immer auch sozialpolitische, gesundheitspolitische Entwicklungsprozesse mitzuinitiieren. So wurden zum Beispiel gerade auch durch das Engagement im Gesundheitswesen, durch die Ordensgemeinschaften, viele Anforderungsprofile von Heil- und Pflegeberufen bis heute entwickelt.

Die organisierte kirchliche soziale Arbeit trägt Mitverantwortung auch für die Gestaltung des Sozialen im Rechtsstaat – auch und gerade im Gesundheitswesen.. Der kirchliche Auftrag würde verkürzt und missverstanden, beschränkte er sich lediglich darauf, die Gemeinden zum Dienst am Nächsten anzuregen.

Kirchliche Caritas muss ihre Erfahrungen aus der alltäglichen Begegnung und Auseinandersetzung mit Krankheit und Not einbringen in die politische Gestaltungsebene – auch wenn der Spielraum im Moment sehr gering ist. Aber würde sie sich zum Beispiel aus dem Bereich der Krankenhäuser zurückziehen, hätte sie kaum noch eine Möglichkeit, auch ihre inhaltlichen und ethischen Vorstellungen und Gestaltungsformen und Qualitätsmerkmale eines Krankenhauses in den gesundheitspolitischen Gesamtbereich einzubringen.

Ich bin überzeugt, dass wir gerade in diesem Bereich Erfahrungen und Kenntnisse haben, die dem kranken Menschen dienlich sind und die wir aus unserer christlichen Identität in das Gesamt des Gesundheitswesens einzubringen haben. Die Kirche selbst lernt aus dem Lebenswissen der Kranken, der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Krankenhaus.

Zum Stellenwert auf dem Hintergrund des Verständnisses eines kirchlichen Krankenhauses als eines säkularen Ortes von Kirche

Das kirchliche Krankenhaus ist als säkularer kirchlicher Ort zu verstehen und anzunehmen. Das Krankenhaus kann als ein Ort betrachtet werden, an dem zentrale gesellschaftliche und persönliche Probleme bearbeitet werden, nämlich Krankheit, Todesgefahr, Geburt. Der Aufwand, der dafür notwendig ist, hat zur Folge, dass ein Krankenhaus auch alle Konflikte der Gesellschaft widerspiegelt, also sehr gegensätzliche Interessen finanzieller, ideologischer, wissenschaftlicher, ethischer, religiöser Art aufeinander stoßen – und unter Umständen den Wettbewerb nach innen und außen mitgestalten. Auch ein kirchliches Krankenhaus ist ein solcher Ort in der Gesellschaft, in dem nun freilich Christen versuchen, mit diesem Potential an Risiken und Chancen verantwortlich umzugehen. Ein kirchliches Krankenhaus ist nicht einfach schon von vornherein ein heiliger Raum – es ist einfach unsere Welt; und deshalb kann es als säkularer kirchlicher Ort bezeichnet werden, weil praktisch die ganze Welt dort zu Hause ist, vor allen Dingen in den Patientinnen und Patienten.

Christen versuchen, aus dieser Welt des Krankenhauses eine lebbare Welt entstehen zu lassen, darin auch den Sinn des eigenen  Lebensweges zu begreifen und – womöglich und  hoffentlich – Gott zu begegnen. Insofern ist ein kirchliches Krankenhaus ein vorzüglicher kirchlicher Ort. Natürlich anders als Orte wie Kirchen oder Klöster. Krankenhäuser haben dann auch eine missionarische Funktion und deswegen einen großen Stellenwert in der Kirche selber, weil deutlich wird, aus welcher Identität heraus hier die Sorge um Kranke gelebt wird.

Spannungsfeld von Identität und Profil

Wir erleben heute sehr stark in unseren kirchlichen Einrichtungen die Frage nach dem Profil dieser Einrichtungen. Ich meine das in einer speziellen Weise, die nicht von vornherein den Wettbewerb anzielt, sondern so: Von der Beantwortung dieser Frage wird oft einer solchen Einrichtung der kirchliche Stellenwert zugemessen. Wir müssen sehen, dass wir die Diskussion von einer überzogenen Profildebatte in diese Richtung befreien. Die Profildebatte geht eher auf den Wettbewerb hin.

Mir ist die Unterscheidung der beiden Begriffe Profil und Identität hilfreich. Hier hat die Untersuchung von Professor Michael Fischer in seinem Werk "Das konfessionelle Krankenhaus" Interessantes zu benennen: Identität bezeichnet jenes, was eine Person oder eine Organisation in ihrem inneren Wesenskern ausmacht: ihre tragenden Werte, ihre Geschichte und der Grundauftrag, also zum Beispiel das Menschenbild. Identität ist gleichsam eine nach innen gerichtete Wesensbestimmung.

Das Profil hingegen ist nach außen hin sichtbar. Bei Personen beispielsweise ergibt sich das Profil aufgrund ihrer körperlichen Erscheinung oder ihres Handelns. Ebenso haben Organisationen ein Profil, das wahrnehmbar ist. Ein Profil verleiht der Identität eine wahrnehmbare Kontur, ist aber nicht dasselbe. Vielmehr setzt ein authentisches Profil immer schon eine gelungene Identitätsfindung voraus. Es kann auch sein, dass die Profile sich ähneln, auch wenn unterschiedliche Identitäten sich dahinter verbergen.

Leider wird bei der Frage nach der Existenzberechtigung kirchlicher Einrichtungen als kirchliche Einrichtung eben auch kirchlicher Krankenhäuser als kirchliches Krankenhaus allzu schnell der Fokus nur auf das Profil gerichtet. Bisweilen zwanghaft wird nach etwas Unterscheidbarem zu anderen Einrichtungen gesucht, und wenn sich nichts Unterscheidbares finden lässt, haben in solcher Fragelogik christliche Einrichtungen dann eben keine Existenzberechtigung als christliche Einrichtungen mehr.

In dieser Argumentationskette liegt aber ein Trugschluss. Denn: Die Existenzberechtigung einer kirchlichen Einrichtung hängt nicht davon ab, in welcher Form sie sich von anderen profilmäßig unterscheidet, sondern ob sie entsprechend ihrer Wesensbestimmung, ihrer Identität immer wieder ihre Praxis ausrichtet und lebt. Das ist ein ständiger Prozess und muss immer neu unterstützt werden. Da stehen wir vor einer großen Herausforderung für unsere Krankenhäuser, auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es wäre ein eigenes Thema, das ist aber sehr wichtig.

Ich kann hier nur die Anmerkung machen, dass zu einer Weiterbildung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ganz gleich in welchen Berufen sie tätig sind, immer auch die eigene Weiterbildung gehört, sich mit den Fragen des Glaubens und des christlichen Bekenntnisses innerlich auseinanderzusetzen. Ich könnte auch sagen: Es geht um eine spirituelle Weiterbildung. Diese hat ganz andere Formen als man es normalerweise gewohnt ist. Es geht letzten Endes darum, sich zu besinnen darauf, was es heißt, getauft zu sein. Ist die Taufe nur eine religiöse Garnierung für den Eintritt in ein bürgerliches Leben, oder ist sie wirklich die Einverleibung in Christus und die Einwohnung seines Geistes in uns, so dass gewissermaßen von selbst sich daraus ergibt: Ich kann nicht ohne Rückbezug auf die Bergpredigt leben. Das aber braucht Nahrung in Wort und Sakrament. Das braucht Gespräch. Das braucht auch Gebet.

Zu der Untersuchung von Professor Fischer zu den "Krankenhausträgergruppen im Vergleich" muss man sagen, dass aus dem gewachsenen Selbstverständnis heraus sich schon massive Unterschiede ergeben. Die erkennbaren Unterschiede markieren das Profil der Einrichtung und dienen dem Aufbau eines Wettbewerbsvorteils gegenüber den anderen Anbietern. Insbesondere zwischen den kirchlichen und den privaten Trägern zeigen sich nach dieser Untersuchung deutliche Unterschiede.

Um ein Beispiel zu nennen: Im Analyseraster der Trägerprofile steht bei den konfessionellen Trägern der normative Anspruch, die schwierige Lebenssituation der Patienten, das Verständnis von Krankheit, die Frage, was Sorge um die Kranken bedeutet, Seelsorge usw. ganz im Vordergrund, während bei den privaten Trägern in den unternehmenspolitischen Leitlinien die Rentabilität, die neueste Medizintechnik und die leistungsbezogenen Anreize ganz im Vordergrund stehen.

Wenn sich hier nicht schon etwas von Identität und Profil zeigt!

Schluss

Ihnen allen bekannt ist die Prognos-Studie "Kirchliche Krankenhäuser – werteorientiert, innovativ, wettbewerbsstark. Eine Studie zu Beitrag und Bedeutung kirchlicher Krankenhäuser im Gesundheitswesen in Deutschland." In dieser Studie wird in Kurzfassung am Anfang herausgestellt, wofür sich kirchliche Krankenhäuser besonders einsetzen, worum sie sich bemühen. Ich will jetzt alle diese Punkte hier nicht aufzählen, aber noch auf einen Punkt besonders hinweisen, nämlich dass kirchliche Krankenhäuser attraktive Partner für die Vernetzungen sind. Sie finden diese Vernetzungen speziell in den konfessionellen Verbänden, in dem sie dort zahlreiche Kooperationspartner haben. Da man vom gleichen Glaubenshorizont her lebt, denkt und plant, da das christliche Menschenbild bestimmend ist, ist eine Kooperation enorm erleichtert. Durch ihre lokale Vernetzung und die partnerschaftlichen Strategien bieten sich kirchliche Krankenhäuser auch bei niedergelassenen Ärzten und kommunalen Krankenhäusern als Partner für vernetzte und integrierte Versorgungskonzepte an.

Ich habe nun nicht gesprochen über Wettbewerb, über Ökonomie, über finanzielle Voraussetzungen usw. Das wäre ein eigenes Thema. Aber ich denke, dass in diesem längeren Statement deutlich geworden ist, dass der Stellenwert der kirchlichen Krankenhäuser in der Kirche sehr hoch ist, dass sie unverzichtbar sind, und dass sie ein wesentlicher Ausdruck des kirchlichen Lebens, des Sendungsauftrags der Kirche in dieser Gesellschaft sind. Ich danke Ihnen, dass Sie dazu mithelfen!

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