Dokumentiert:
Predigt von Bischof Genn zum Wallfahrtssonntag in Herzfeld
Herzfeld. Zum Wallfahrtssonntag (05.09.2010) predigte Bischof Felix Genn in der Wallfahrtskirche St. Ida in Herzfeld. - kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe junge Mitchristen, liebe Kinder, "Ihr werdet meine Zeugen sein" (Apg 1, 8), das ist das letzte Wort, das Jesus auf Erden gesprochen hat, so wie es uns die Apostelgeschichte des hl. Lukas berichtet. Kurz vor der Aufnahme in den Himmel unterhält sich Jesus mit seinen Aposteln und Jüngern und gibt ihnen diesen Auftrag: "Ihr werdet meine Zeugen sein in ganz Judäa und Galiläa, in Samarien und bis an die Enden der Erde" (ebd.).
Liebe Schwestern und Brüder, das haben diese Menschen damals ganz ernst genommen. Wenn wir uns umschauen und in die Welt blicken, dürfen wir sagen: Auch wenn nicht alle Menschen an Jesus glauben, seine Botschaft ist bis an die Grenzen der Erde gekommen. Wir treffen Christen in Grönland, genauso wie in Australien, in Alaska, genauso wie in den Fernen Asiens, in Europa und Afrika, überall. Das Evangelium des Auferstandenen hat die Grenzen der Erde erreicht, und doch bleibt dieser Auftrag bestehen; deshalb haben Sie ja hier in Herzfeld dieses Wort und diese Aufforderung des Herrn als Leitwort für die Feier der Ida-Woche gewählt.
Sie sind, liebe Schwestern und Brüder, hier Zeugen! Das durfte ich schon vor einigen Jahren erfahren, als ich in meiner Eigenschaft als Bischof von Essen von Domkapitular Lohmann eingeladen wurde, hier, an diesem Ort, den Ida-Schrein zu erheben; an diesem Ort, der so viele Jahrhunderte geprägt wurde durch das Wirken der Mönche von Werden, wo sich das Grab des hl. Liudger befindet. Dieses Wort: "Ihr werdet meine Zeugen sein" (Apg 1, 8), hat mich in den Essener Jahren immer wieder erinnert an meinen Vorvorgänger, den ersten Bischof dieser Diözese, Franz Kardinal Hengsbach, der genau dieses Wort absolut richtig für diese Region als Leitwort seines bischöflichen Wirkens gewählt hat.
Liebe Schwestern und Brüder, ich habe gesagt: "Sie sind Zeugen". Das durfte ich heute Morgen schon in reichem Maß erfahren, als ich von einer so großen Gruppe in Kesseler empfangen wurde, das darf ich auch jetzt in dieser Stunde mit Ihnen und Ihrem Beten, Singen und Feiern, spüren. Ich möchte Sie ermutigen, gerade auch die jungen Christen unter Ihnen, dass Sie dieses Wort des auferstandenen Herrn, das jetzt 2.000 Jahre durch die Geschichte widerhallt, aufnehmen und weitertragen in die Zukunft.
"Ihr werdet meine Zeugen sein" (Apg 1, 8). Sie, hier in Herzfeld, greifen das Zeugnis einer Frau auf, das seit über 1.000 Jahren besteht und deren Gedächtnis hier begangen wird. Es ist doch etwas ganz Erstaunliches! Wie viele Menschen gab es damals zur Zeit der hl. Ida! Aber ihr Zeugnis hat offensichtlich in sich eine solche Dichte und Kraft gehabt, dass es die Jahrhunderte überdauert. Es gab sicherlich auch andere, die als Ehefrauen, Mütter und später als Witwen, Gutes getan haben, aber offensichtlich steckte in ihr eine Zeugniskraft, dass Menschen daran festgehalten und sie weiter verehrt haben. Es bleibt erstaunlich, dass das so viele Jahrhunderte angehalten hat. 200 Jahre nach ihrem Tod ist einer meiner Vorgänger in der Aufgabe als Bischof von Münster hierher gekommen und hat die Gebeine erhoben. Das zeigt: Damals hat man sie bereits verehrt, und Sie haben das von Ihren Vorfahren übernommen und bewahrt.
Liebe Schwestern und Brüder, wenn Sie einmal in die Geschichte der Kirche hineinschauen, dann werden Sie feststellen, dass es genau das gewesen ist, was anhielt - oder wir würden heute modern sage: Was Nachhaltigkeit hatte. Denken Sie, dass bis zur Stunde das Beispiel des Bischof von Tours in Frankreich, des hl. Martin, Kinder und Erwachsene im November auf die Straßen zieht; dass das Gedächtnis des Bischofs Nikolaus von Myra in Kleinasien, ebenfalls wie Martin, Hirte des 3. Jahrhunderts, bis heute Anreiz ist, sich zu beschenken. Offensichtlich zündet der Glaube, wenn er in der Liebe wirksam ist. Das, liebe Schwestern und Brüder, ist heute nicht so einfach. Sie haben das sicherlich auch in den zurückliegenden Wochen und Monaten diesen Jahres erfahren:
"Machst Du bei dem Laden noch mit?" Wie viele Briefe habe ich bekommen, die "Nein" sagen. Wie viele Briefe habe ich bekommen, die sagen: "Jetzt ist Schluss!" Warum haben Sie durchgehalten? Weil Ihnen der Glaube eine Kraft gibt, weil Ihnen der Glaube eine solche Kraft gibt, dass Sie davon überzeugt sind, Sie als Eltern und Großeltern, enthalten Ihren Kindern etwas vor, wenn Sie ihnen diesen Glauben nicht weitergeben. Sie wollen nicht Ihre Kinder, wie es jemand ausgedrückt hat, um Gott betrügen, d. h., ihnen Gott vorenthalten, sondern Sie geben es weiter. Aber gerade Kinder und Jugendliche erleben in ihren Cliquen, Klassen, Gruppen, dass das nicht unbedingt "in" ist. Deshalb brauchen sie Frauen und Männer, die zeigen, dass der Glaube dem Leben einen Mehrwert gibt, weil er einen Nährwert enthält, weil er eine Kraft hat.
Liebe Schwestern und Brüder, als wir eben die Lesung hörten, da musste ich an das Beispiel der hl. Ida denken. Wahrscheinlich hat die Kirche deshalb diesen Text aus dem Buch Jesus Sirach am Ende des alten Bundes vor der Geburt Christi ausgewählt, um uns auf dieses Beispiel hinzuweisen: "Denkt an die früheren Generationen und seht: Gab es jemanden, der auf Gott vertraute und dabei zuschanden wurde?"(Sir 2, 10). Ida sagt: "Ich bin nicht zuschanden gekommen." Der Glaube hatte einen Wert, einen Nährwert, und deshalb können wir uns von diesem Beispiel inspirieren lassen: Das, was sie damals getan hat, auch weiterzupflegen! Dann wird die Ida-Woche nicht ein Fest, das Folklore ist, das darf es auch und soll es sein, sondern es hat eine innere Kraft. Aber wie bekomme ich die?
Was sagt uns das Evangelium, liebe Schwestern und Brüder? Dort wird das Bildwort vom Schatz und das Bildwort von der Perle gebraucht: "Du bist mein Schatz, Du bist meine Perle", solche Worte verwenden wir in Liebesbeziehungen. Können wir sagen: Jesus ist für mich Schatz, ist für mich Perle, die ich gefunden habe und die mir so kostbar ist, dass ich sie nie mehr verlieren möchte? Das ist der entscheidende Punkt, die entscheidende Kraft und Lebensquelle. Ob ich das wirklich von Herzen sagen kann? Nun werden Sie vielleicht sagen: Das klingt mir etwas zu intim und auch etwas zu fromm. Ich bin nüchterner Westfale – wir sagen das so nicht. Aber ob Sie es in Ihrer Herzenskammer nicht doch sagen, ohne es nach außen zu geben? Aber wenn Sie es sagen, wird es nach außen dringen, ohne dass Sie etwas zu sagen brauchen, weil es eine innere Kraft entfaltet, die sich auswirkt in Ihrem Zeugnis. Deshalb finde ich das Beispiel der hl. Ida für unsere Tage so sprechend. Sie war eine Frau und Mutter, offensichtlich eine gestandene Frau und Mutter. Wer Jesus wirklich als Schatz entdeckt hat, weiß, wo er seine Kraft hernimmt, um in Ehe und Familie treu zu bleiben, sich nicht den Trends und Modeerscheinungen anzupassen. Interessanterweise im Zugehen auf die Begegnung mit Ihnen entdeckte ich zufällig gestern eine Buchbesprechung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über einen 700seitigen Roman, der in den nächsten Tagen übersetzt aus dem Amerikanischen auf den Markt kommt. Dort wird eine Familiengeschichte erzählt und diejenige, die das besprochen hat, schreibt: Das sei eben so das Familienbild unserer Tage in der ganzen Brüchigkeit und Zerrissenheit, mit allen möglichen Eskapaden und Seitensprüngen, und dann kommt die interessante Bemerkung: "Und sie merkte" – eine der Figuren in dieser Geschichte -, "dass die Dauerbeziehung von größerer Anstrengung ist, aber auch von bleibendem Glück". Interessant in einem Roman, in dem kein christlicher Hintergrund ist!
Was haben wir als Christen für ein Kraftquelle, um die Mühsal der dauernden Treue zum größeren Glück zu machen! Wenn junge Menschen sich fragen: Was könnte ich tun, wenn Jesus mein Schatz und meine Perle ist, vielleicht denkt Ihr daran, zu schauen, wie mache ich das später als Vater oder Mutter, oder könnte ich mir nicht auch vorstellen, dass mir Jesus so viel wert ist, dass ich Ihm in der Kirche in Armut, Gehorsam und Jungfräulichkeit diene, als Priester, als Ordensmann oder Ordensfrau, gerade deshalb, weil dieses Modell so angefragt und so zerrissen, auch in unseren Tagen, sich dargestellt hat!
Liebe Schwestern und Brüder, pflegen Sie diese Ida-Woche als Ort, wo Sie noch tiefer erfahren, dass die Kraftquelle im Wort und im Leib und Blut Jesu steckt, dann werdet Ihr Seine Zeugen sein. Amen.
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Text: Bischof Felix Genn
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