Dokumentiert:
Predigt von Bischof Genn beim 700-jährigen Jubiläum der Liebfrauenkirche
Bocholt. Am Sonntag (02.05.2010) predigte Bischof Felix Genn zum 700-jährigen Jubiläum der Liebfrauenkirche in Bocholt. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.
Verehrte liebe Schwestern und Brüder, liebe jungen Mitchristen, gerne möchte ich Sie in eine Szene hinein mitnehmen, ohne die wir den Text, der uns gerade vorgetragen wurde, nur schwer verstehen können. Vielleicht haben Sie ja auch beim Zuhören eine gewisse Verwirrung in sich gespürt, weil immer wieder der Begriff der Herrlichkeit in unterschiedlichen Zusammensetzungen vorgekommen ist. Das Wort, das Jesus heute Morgen zu uns spricht, steht nach Ausweis des Johannesevangeliums im Rahmen des letzten Mahles, das Jesus gehalten hat. Johannes berichtet uns darüber und erzählt, wie Jesus bei diesem Mahl aufgestanden ist und der Reihe nach seinen Jüngern die Füße gewaschen hat. Sie kenne die Geschichte und können sich gut in dieses Bild hineindenken: Der Meister und Herr wäscht seinen Jüngern die Füße! Dann erzählt Johannes, wie Jesus seine Jüngergemeinde mit der Tatsache konfrontiert, dass einer aus ihrem Kreis Ihn verraten wird. Wir können uns gut vorstellen, wie verstört die Jünger waren und gerne gewusst hätten, wen Jesus hier meint. Jesus erwidert, dass es einer ist, der mit Ihm das Brot teilt, und dann taucht Er Brot ein und gibt es dem Judas. Dabei bemerkt er: "Was du tun willst, das tu bald!" (Joh 13, 27b). Daraufhin geht Judas hinaus, und der Evangelist fügt hinzu: "Es war aber Nacht" (ebd. 30). Genau hier setzt der Text ein, den wir eben als Evanglienabschnitt für den heutigen Sonntag gehört haben: "Als Judas hinausgegangen war" (ebd. 31). Die Situation, dass Jesus verraten wird, ist wahrhaftig eine dunkle. Sie hat mit Schuld zu tun, mit Versagen. Es ist finster, wenn jemand durch einen anderen verraten wird. Jesus aber spricht genau in diesem Augenblick von Herrlichkeit. Wir können die Spannung geradezu innerlich verspüren: Auf der einen Seite die Nacht des Verrates, auf der anderen Seite das Wort Jesu: "Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht. Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen, und er wird ihn bald verherrlichen" (ebd. 31-32). Wie kann man hier von Herrlichkeit reden, wenn es nicht um Liebe geht. Unter Herrlichkeit verstehen wir den Glanz der Schönheit, der etwas Gutes und Wahres ausstrahlt. Jesus meint mit der Verherrlichung die Tatsache, dass Gott die Schönheit seiner Liebe, ihre tiefe Güte und Wahrheit sich nicht zerstören lässt, weil einer aus dem innersten Kern der Jüngerschaft Jesus verrät. Ja, genau in diese Tiefe der Erniedrigung muss seine Liebe hinabsteigen, um sie von dorther von Innen her aufzunehmen, zu unterfangen und zu verwandeln. Weil Jesus diesen Verrat durchsteht und in diesem Verrat die ganze Macht des Bösen, aus dem Seine Hinrichtung geschah, kommt die Liebe an diesem Tiefpunkt zu ihrem wirklichen Höhepunkt, nämlich den Menschen von Innen her zu erlösen und ihm einen Weg zu bahnen, der es zulässt, mit Recht zu sagen: Es lohnt sich zu lieben. Hier verstehen wir, warum der Evangelist Johannes zu Beginn der Erzählung von der Fußwaschung und dieser Szene, die wir eben betrachtet haben, bemerkt: "Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung" (ebd. 1).
Liebe Schwestern, liebe Brüder, Jesus sieht genau, dass für die Jünger die Zeit Seines irdischen Zusammenseins mit ihm bald zu Ende geht. Ausdrücklich redet er sie hier als "Kinder" (ebd. 33) an. Zugleich aber gibt Er ihnen ein bleibendes Vermächtnis mit, dass Seine Anwesenheit in der leiblichen Gestalt, wie sie in den irdischen Lebensjahren möglich war, übersteigt und zugleich eine Kraft hat, die Orte und Zeiten überdauert. Aus diesem Grunde gibt Er ihnen das Gebot: "Liebt einander" (ebd. 34), und zwar in dem Maße, wie Er sie selbst geliebt hat. Nur daran werden alle Menschen erkennen, dass sie die Jünger dieses Jesus sind (vgl. ebd. 35). In diese Szene haben wir uns hineinbegeben: Jesus zeigt uns, dass Er mit Seiner Liebe bis ins Letzte geht. Wie ich euch geliebt habe, das seht ihr gerade an dieser Szene, weil ich mich nämlich durch den Verrat nicht schrecken lasse, meine Liebe zu beschränken, meiner Liebe Grenzen aufzuerlegen – es sei denn, ich kann selbst nicht mehr weiter, weil der andere nicht will. Liebe lässt sich nämlich nicht aufzwingen. Aber wer weiß schon, wie es Judas im Letzten zumute war, als die Stunde seines Todes kam?
Liebe Schwestern und Brüder, das war damals. In der Situation des Mahles und der Fußwaschung findet Er bei einem keinen Glauben. Die anderen fordert Er heraus, an die Kraft Seiner Liebe zu glauben, daran zu glauben, dass diese Kraft Seiner Liebe auch bei ihnen greift. Ist das nicht die Szenerie der Kirche zu allen Zeiten, wenn wir die Jahrhunderte der Stadtgeschichte von Bocholt abschreiten, die Jahrzehnte und Jahrhunderte anschauen, in denen hier seit dem 8.und 9. Jahrhundert Christinnen und Christen diesem Menschensohn folgen? Wenn wir die 700 Jahre bedenken - und Sie tun es in diesem Jahr intensiv -, die die Geschichte der Liebfrauenkirche aufweist: Welche Wellen und Bewegungen von Verrat und herrlicher Liebe, welche Wellen und Bewegungen, wenn Menschen Ihm gefolgt sind, weil sie geliebt haben und wenn sie Ihn verraten haben!
Die erste Lesung, die die Kirche uns heute an diesem 5. Ostersonntag schenkt, lässt uns einen Blick tun in die Anfänge der Jesus-Bewegung nach Ostern. Was haben die Jünger mit diesem Wort gemacht: Mit der Erfahrung des Verrates, des grausamen Kreuzestodes und der überwältigenden Erfahrung der Auferstehung, in der sie erleben konnten, Gottes Liebe setzt sich auch da durch? Sie haben es einfach erzählt. Sie konnten nicht schweigen, sie mussten anderen davon erzählen. Sie sind hinausgegangen zu den anderen hin, die diese Erfahrung noch nicht kannten, und haben ihnen vermittelt: Das ist was für dein Leben! Der Tod und der Hass sind nicht die letzten Werte unseres Daseins, sondern Seine göttliche Kraft, die gerade in der Erniedrigung ihre ganze Herrlichkeit erweist. Aber es hat die Jünger viel gekostet! So sagen Paulus und Barnabas den Gläubigen, denen sie das Evangelium verkündet haben, ausdrücklich, bevor sie weiterziehen: "Durch viele Drangsale kommen wir in das Reich Gottes" (Apg 14, 22). Und sogleich dürfen sie immer wieder die Erfahrung machen: Unserer Botschaft öffnen sich Türen bei Menschen, die nicht geglaubt haben, aber uns aufgenommen haben.
Das, was wir in der zweiten Lesung gehört haben, darf ich als eine ganz eigene Szene anleuchten. Dieser Text ist entstanden wahrscheinlich im Westen der heutigen Türkei in lebendigen christlichen Gemeinden, die freilich in der Minderheit waren. Es gab viele andere Kulte, Heiden, die Gläubigen aus dem Judentum. Die Christengemeinde war eine kleine Schar, und sie hatte manche Trübsal und Bedrängnis zu erdulden. Es war oft für sie dunkel und Nacht. In dieser Situation verkündet ihnen der Evangelist Johannes die Zukunft, die in die Gegenwart hineinleuchtet: Wenn das mit der Auferstehung stimmt, wenn Gott hier wirklich gehandelt hat, dann haben wir Zukunft. Dann ist diese kleine Schar sozusagen der Keim des künftigen Gottesreiches, aus dem ein neuer Himmel und eine neue Erde entstehen, in denen es weder Mühsal noch Trauer gibt, ja, in der es möglich wird, dass diese persönliche Zuneigung Gottes, die Er in der Fußwaschung symbolisiert hat, jedem gilt - bis dahin -: "Gott wird jedem die Tränen aus den Augen wischen" (Offb 21,4). Jedem! Was das heißt, wissen Sie als Mütter und Väter: Jemandem die Tränen aus den Augen wischen.
Ist das eine Utopie, in die wir uns rauschhaft hineinbegeben, weil uns die Bedrängnisse und Nöte des Alltags viel zu groß vorkommen, oder ist es Wahrheit des Glaubens? Können wir Gott abnehmen, dass Er so ist, weil Er sich so in Jesus gezeigt hat? Und was ist heute? Immer da, wo Christinnen und Christen dem Wort Jesu gefolgt sind: "Liebt einander und zwar so, wie ich euch geliebt habe" (Joh 13, 34) - nicht ein bisschen, nicht mit Einschränkungen, nicht mit Vorbehalten, sondern ganz - ohne Angst sich zu verlieren oder verbraucht zu werden -, da wurde etwas von dem jetzt schon wahr, was dieser Seher Johannes den Gemeinden in Kleinasien sagt: "Seht, ich mache alles neu" (Offb 21, 5). Und da, wo Christen Liebe pervertiert haben, so dass sie gar keine mehr war, wo sie Missbrauch getrieben haben, ist Nacht - Verrat. Die Herausforderung, dann noch zu glauben, dass sich auch da der Strom der herrlichen Liebe durchsetzt, das ist unsere Herausforderung heute. Wir können nicht einfach bloß glauben, weil einige mitmachen, hinter denen ich hergehe, sondern ich bin gefragt. Er fragt mich: Willst du dem folgen, wo ich nicht so gegenwärtig bin wie damals bei den Jüngern, sondern in der dichten Form von Brot und Wein, von Wort und Sakrament? Willst du dem folgen, und setzt du auf die Karte des Auferstandenen, dass Er auch in deinem Leben hier in Bocholt, bei uns im Bistum Münster, in der Kirche Deutschlands, Neues machen kann, weil ich Ihm die Tür meines Herzens öffne und glaube?
Liebe Schwestern und Brüder, können wir diesen jungen Christen, Euch lieben Mädchen und Jungen, begründet sagen: Es lohnt sich Christ zu sein? Die nächsten hundert Jahre werden von Euch, liebe Mädchen und Jungen, bestimmt, ob Menschen hier glauben! Diese Festfeier auf die Frage: Wird der Menschensohn noch Glauben antreffen, wenn Er kommt, wird von uns allen, aber ganz besonders von Eurer Generation, beantwortet werden und es ist eine ganz persönliche Sache, die man letzten Endes nur selber beantworten kann und die keine noch so lange Predigt, wie ich sie jetzt gehalten habe, Euch aufzwingen kann.
Ich habe von einem jungen Menschen ein Wort gehört: "Was gilt noch, wenn fast nichts mehr Gültigkeit hat? Was verleiht uns noch dauerhafte Haltepunkte, wenn wir des Hangelns von einem Griff zum anderen müde sind?". Wo sind dauerhafte Haltepunkte für Euer Leben? Ist es der Glaube? Empfangen diese Jungen und Mädchen, die jungen Christinnen und Christen unserer Stadt Bocholt, von uns das Zeugnis, dass es sich lohnt, der Weisung Jesu zu folgen, Ihm zu trauen? Vielleicht sage ich es ganz persönlich: Kann ich es wagen, Menschen weiterzugeben, was ich selbst bete: "Jesus, Dir leb’ ich, Jesus Dir sterb’ ich, Jesus, Dein bin ich, im Leben und im Tode."
Liebe Schwestern und Brüder, begeben wir uns in die Arme dieses Gottes. Dort finden wir Seine Welt, die Er liebt. Und wer das Gewicht dieser herrlichen Liebe des Auferstandenen in sein Herz nimmt, empfängt die Sendung: Dem Gewicht der Welt die rechte Ausrichtung zu geben. Dann sind wir in unserer Beziehung zu Ihm gut "justiert" und wir können sagen: Ja Herr, komm, denn bei mir wirst Du Glaube, Hoffnung und Liebe finden. Amen.
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Text: Bischof Felix Genn
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