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Seite: Aktuelles  >  Predigt von Bischof Genn anlässlich der Diakonenweihe 2010
24.05.2012
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Dokumentiert:

Predigt von Bischof Genn anlässlich der Diakonenweihe

Bistum. Bischof Felix Genn hat am Sonntag (18.04.2010) zehn Priesteramtskandidaten im münsterschen St.-Paulus-Dom zu Diakonen geweiht. In diesem Gottesdienst predigte er. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.

Liebe Mitbrüder, die Sie heute die Diakonenweihe empfangen, liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und Diakonenamt, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, aus den unterschiedlichen Gemeinden, Gemeinschaften und Gruppen unseres Bistums! In besonderer Weise denke ich an die unter Ihnen, die an dieser Feier teilnehmen, weil Sie zwar mit einem der Weihekandidaten oder mit mehreren persönlich sehr eng verbunden sind, aber dennoch in einer gewissen Zurückhaltung an diesem Geschehen beteiligt sind. Vielleicht, weil Sie bei aller Sympathie spüren, dass das nicht Ihre Welt ist, dass es Ihnen fremd bleibt. Oder vielleicht spüren Sie in besonderer Sensibilität das, was uns in diesen Wochen in ganz intensiver Weise bedrückt. Wie kann man nur, so mögen Sie vielleicht denken und auch viele von uns, die enger mit der liturgischen Feier in Beziehung stehen! Wie kann man nur in dieser Zeit diesen Schritt tun! Wirkt es nicht fast in seiner gewaltigen Feierlichkeit wie eine Gegendemonstration? Und Sie fragen sich möglicherweise: Hat sie einen inneren Grund, hält sie? Steht sie fest? In dieser Situation das Versprechen eheloser Keuschheit abzulegen, dem Bischof in die Hände Gehorsam zu versprechen!

Liebe Schwestern und Brüder, diese zehn Männer wissen durch ihr Suchen, Fragen und Ringen, auf was sie sich einlassen. Das bezeugen mir die Gespräche, die die Verantwortlichen in der Ausbildung mit ihnen über Jahre geführt haben, und auch das Gespräch, das ich mit ihnen hatte. Sie wissen, dass dieses Versprechen Gott gegeben wird, und dass es trotzdem ein menschliches Wagnis ist, das einer Pflege bedarf, das eingeordnet ist in den Zusammenhang der Nachfolge des Auferstandenen. Der Gehorsam gegenüber der Kirche, repräsentiert im Bischof, und die Ehelosigkeit vertragen nur einen Lebensstil, der dem Herrn folgt in Demut, Bescheidenheit und Armut. Sie vertragen keinen Vorbehalt und erst recht keine Lüge, aber sie brauchen Zusammenhänge.

Es ist nicht einfach Romantik, wenn diese zehn Brüder, Sie, als Motto über diese Feier schreiben: "Wir sind Diener eurer Freude", und das tun in einer Stunde der Kirche, in der uns wenig nach Freude zu Mute ist. Wie können sie das? Liebe Schwestern und Brüder: Weil es den Auferstandenen gibt. Weil das wahr ist mit Tod und Auferstehung Jesu Christi. Nur deshalb können sie es. Nur deshalb können sie sich als Diener unserer Freude bezeichnen, nicht von irgendwelchen Spaß-Events, sondern von einer Freude, die erfüllt ist von einer tiefen Hoffnung, die gründet im Geschehen der Auferstehung.

Liebe Schwestern und Brüder, was wir eben im Evangelium gehört haben, ist eine Ur-Erfahrung der ersten Jünger. Sie wollten eigentlich das Handtuch hinwerfen und ihrer Alltagsbeschäftigung, dem Fischfang, wieder nachgehen. Und sie erfahren, dass der Herr zu ihnen kommt, in ihrer Mitte ist. Die ungebildeten Fischer vom See Genezareth wagen es, diese Erfahrung anderen mitzuteilen, so dass sie sogar fähig sind, gegenüber den Gebildeten ihres Volkes, dem Hohen Rat und den Ältesten, wie wir eben in der Episode aus der jungen Kirche gehört haben, klar gegenüber zu treten und zu sagen: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen, denn dieser Jesus ist der von Gott eingesetzte Richter, der die Vergebung der Sünden schenkt" (Apg 5.29.31). Das ist das Machtwirken Gottes. Ja, sie sind sogar bereit, dafür gepeitscht zu werden, und freuen sich, als man ihnen verbietet davon zu sprechen, dass sie um des Namens Jesu willen Schmach auf sich nehmen.

Auf diesem Zeugnis gründet die Kirche, gründet jeder Dienst in der Kirche. Hätten die gelogen, dann wäre unser Glaube, wie der Apostel Paulus in einer intensiven Auseinandersetzung mit der Korinthischen Gemeinde sagt, leer, nichtig, und unsere Verkündigung, in die diese Mitbrüder jetzt eintreten, sinnlos. Ja, wir würden sogar als falsche Zeugen gegen Gott auftreten, sagt Paulus, denn wir würden behaupten, er habe Jesus von den Toten auferweckt und wir wären wahrhaftig erbärmlicher dran, als alle Menschen (vgl. 1 Kor 15, 14.15.19). Erst recht mit unserer ehelosen Lebensform. Mit dem, was diese Männer in ihrem Dienst als Diakon tun werden, stellen sie den Zusammenhang mit der Auferstehung her. Wenn sie taufen, ist das nicht einfach ein bürgerlicher Akt, mit dem man den Anfang eines Lebens garnieren kann, sondern die intensive Gemeinschaft mit diesem Geschehen des Todes und der Auferstehung Christi. Wenn sie Menschen zu Grabe geleiten, dann ist das nicht einfach eine humane Geste, die eine gewisse Feierlichkeit in sich trägt, sondern ein Bekenntnis, dass dieser Leib auferstehen wird, dass das unsere christliche Hoffnung ist. Wenn sie Menschen für den Bund der Ehe segnen, dann hat das ebenfalls mit dieser innigen Gemeinschaft zu tun, die Gott mit uns Menschen pflegen will, weil sie gerade einen solchen Beginn unseres Lebens an seine unverbrüchliche Treue knüpft. Erst recht, wenn der Diakon in der Kirche uns alle, Bischöfe und Priester und Gemeinden, daran erinnert, dass der Dienst an den Armen und für die Armen einen besonderen Vorrang hat, dann ist das nicht einfach ein soziales Tun, gegründet auf einem lauteren Humanismus, sondern weil Gott keinen übersieht, sondern Jesus für jeden sein Leben hingegeben hat, ganz arm wurde, niedrig, eben herunter gekommen ist. Und erst recht diese Lebensform! Man kann dem Herrn nur ein solches Versprechen geben, weil er eine Treue erwiesen hat, die alle Mächte des Todes in den Hintergrund drängt.

Liebe Schwestern und Brüder, freilich, so sagte ich, bedarf das einer Pflege, ein Leben lang. Das wissen Sie, liebe Brüder. Das hat man nicht auf einmal, sondern Sie stellen sich in den Prozess, das zu werden, was Sie sind, und dazu schenkt uns die Kirche an diesem Tag wunderbare Texte. Ich möchte Sie auf drei Punkte aus dieser reichen Gabe hinweisen:

Das Erste: Das, was Sie tun, ist, dem Wort zu folgen, das am Ende dieses Evangeliums steht. Der Herr sagt es zu Petrus: "Folge mir nach" (Joh 21,19). Es ist etwas ganz Persönliches. Es gilt Dir, als jedem Einzelnen. Und Sie tun es nicht, weil derjenige, der jetzt neben Ihnen sitzt, es auch tut, sondern Sie folgen Ihm nach, und Sie versuchen, Ihm die Antwort zu geben auf die Frage, die er exemplarisch zwar an Petrus stellt, aber uns allen zumutet: "Liebst du mich sogar mehr als diese?" (ebd. 15). Nur, weil Sie ganz persönlich und intim sagen können: "Ich liebe Jesus", deshalb können Sie das tun. Und Liebe braucht Pflege. Sie überlassen sich in dieser Liebe dem Herrn, denn er mutet dem Petrus sogar zu, ihn dahin zu führen und zu gürten, wohin er nicht will, und der Evangelist fügt hinzu: "Das sagte Jesus, um anzudeuten, welchen Tod er sterben werde" (vgl. ebd. 19). Das Kreuz, das Nicht-mehr-über-sich-selbst-verfügen-können, gehört dazu – besonders zum Petrusamt, aber zu allen Diensten in der Kirche. Sich gürten und führen zu lassen, wohin man nicht will. Ich habe doch nie im Leben daran gedacht - bei meiner Diakonenweihe - einmal im Münsteraner Dom Diakone zu weihen. Aber man wird geführt, und es ist der Herr, der es tut. Diese ganz persönliche Wirklichkeit versprechen Sie, wenn Sie dem Bischof die Bereitschaft zusagen, gerade mit der Kirche und für die Kirche das Stundengebet zu verrichten, und Sie wissen, dass es den Rahmen der Betrachtung und des Gebetes ganz persönlich braucht. Tag für Tag sich Zeit zu nehmen für den Geliebten ist kein Luxus!

Und dann das Zweite: Liebe Schwestern und Brüder, man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen, sagen die Apostel vor dem Hohen Rat. Gott die Ehre zu geben. Wollen wir das, wollen wir Menschen, die Gott die Ehre geben? Übrigens, in der zweiten Lesung haben wir einen liturgischen Text aus der Verfolgungszeit der ersten Christengemeinde. Dort wird ausdrücklich das geschlachtete Lamm geehrt. Es wird der Hoffnung Sprache gegeben, dass dieses geschlachtete Lamm am Thron der höchsten Herrlichkeit ist. Denken Sie: Am Thron der höchsten Herrlichkeit eine Wunde, die Wunde der Liebe! Gott die Ehre geben? Was heißt das heute, liebe Schwestern und Brüder? Gott mehr gehorchen als den Menschen. Ist Gott eine Farce oder real, dem ich sogar meinen Leib und mein Leben geben kann, ein Leben lang in dessen Dienst mich stellen kann? Eine schwere Herausforderung, die Gottesfrage wach zu halten, Zeugen dafür zu sein, dass Gott ist. Ich sage das, liebe Schwestern und Brüder, weil ich damit unbedingt den dritten Punkt verknüpfen will.

Der dritte Punkt nämlich ist der, den wir im Evangelium durchgehend heute hören können. Dieser Dienst, in den diese Brüder treten, geht nicht ohne Gemeinschaft. Gott die Ehre geben, zu erspüren, wo wir heute Gott mehr gehorchen als den Menschen, geht nur in gemeinsamen Hören und Tun. Das herauszufinden ist nicht bloß eine Sache der hauptamtlich Tätigen, sondern aller Christen. Schauen Sie, wie schön sich diese Geschichte in dieser Hinsicht darstellt. Petrus sagt: "Ich gehe fischen, und die anderen sagen: Wir gehen auch mit" (ebd. 3). Ohne Kooperation der Gemeinden und der hauptamtlich Tätigen wird Kirche in dieser Stunde nicht ihre Sendung erfüllen können. In dieser Kooperation, selbst im Augenblick, wo sie am Tiefpunkt sind, wo sie nichts fangen - ob wir am Tiefpunkt sind jetzt, weiß ich nicht, aber wir spüren, dass wir nichts greifen können - in dieser Situation dafür sensibel zu bleiben, dass der Herr den entscheidenden Rat gibt. "Wirf das Netz auf der rechten Seite aus" (ebd. 6). Das können wir nur gemeinsam erspüren, wo der Herr will, dass wir die Netze auswerfen. Dann wird einem geschenkt, dass einer aus der Gruppe, der vielleicht in einer ganz intensiven Beziehung, manchmal viel intensiver als wir Priester, Diakone und Bischöfe, mit dem Herrn steht, sagt: "Das ist der Herr" (ebd. 7). Und das aufzunehmen, sich vielleicht beschämen zu lassen durch das Zeugnis von einem anderen, der mir als Bischof, Dir als Diakon, uns als Priester sagt, es sei der Herr, das geht nur im Miteinander.

Dann will der Herr, dass Sie das, was Sie gefischt haben, zu dem legen, was er bereits bereitet hat. "Bringt von den Fischen, die ihr eben gefangen habt" (ebd. 10). Dabei können wir sehr schön feststellen, wie diese Kooperation in unterschiedlichen Rollen verläuft. Denn Petrus schließlich ist es, der das Netz an Land zieht, das Netz mit 153 großen Fischen, das doch nicht zerreißt. Ich empfinde in dieser Stunde darin eine ganz besondere Herausforderung, und ich fühle mich verletzt, als Bischof aufgefordert zu werden, das Netz zerreißen zu lassen, indem ich mich gegen Papst Benedikt XVI. stelle. Mein Versprechen, das ich bei meiner Weihe gegeben habe, soll ich aufheben? Petrus zieht das Netz an Land, und wir haben den Auftrag dafür zu sorgen, zusammen zu bleiben, dass das Netz nicht zerreißt.

Liebe Schwestern und Brüder, zusammen sein – wirkt das in unseren Gemeinden? Tragen wir das Zeugnis dieser Männer mit? Oder machen wir es ihnen schwerer, weil wir ihr Versprechen, ihren Dienst immer nur hinterfragen oder sogar mit noch mehr Erwartungen überlasten? Hier sind wir alle gefordert, denn keiner der Getauften gehört nicht in das Netz.

Liebe Schwestern und Brüder, die Mitte dieses Textes ist die Szene, in der Jesus zum Mahl einlädt. Das Brot ist da, und der Fisch ist er. Eucharistie – Mitte, aus der alles, die Einheit der Kirche in aller Verspannung und Spannung, entspringt, in der die Kooperation von Ihm verstärkt und neu gefordert wird. Sie kennen die Situation bei der Wandlung oder der Kommunion. So stelle ich mir das damals vor: "Niemand wagt zu fragen. 'Wer bist du?', denn sie wussten: Es ist der Herr" (ebd. 12). Das ist das Geheimnis unseres Glaubens, das Sie verkünden werden. Amen.

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  1. undefinedDiakonenweihe für zehn Priesteramtskandidaten (19.04.2010)
  2. Öffnet internen Link im aktuellen FensterDossier: Bischof Felix Genn

Text: Bischof Felix Genn
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