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Seite: Aktuelles  >  Predigt von Bischof Genn bei der Eröffnung der Misereor-Fastenaktion am 21.02.2010
11.02.2012
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Dokumentiert

Predigt von Bischof Genn bei der Eröffnung der Misereor-Fastenaktion

Bistum. Am Sonntag (21.02.2010) wurde in Münster die Misereor-Fastenaktion eröffnet. Bischof Felix Genn feierte hierzu einen Pontifikalamt im münsterschen St.-Paulus-Dom. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben! "Misereor" – "Mich erbarmt des Volkes". Mit diesem einen Wort umschreibt Jesus seine Sendung, die ihn vom Vater zu den Menschen geführt hat, und sein innerstes Herzensanliegen, das ihn in der Begegnung mit den Menschen erfüllt. Er sieht die Vielen und im Zeichen der wunderbaren Brotvermehrung macht er deutlich: Er möchte den Menschen das Erbarmen Gottes bringen und ihnen durch seine Lehre und durch sein Wort zeigen, dass die Sehnsucht des Menschen in Gott gestillt werden kann, dass der Mensch nicht nur vom Brot lebt (vgl. Lk 4,4).

"Misereor" - mit diesem Wort haben die deutschen Bischöfe vor 52 Jahren eine Aktion ins Leben gerufen, die gegen Hunger und Krankheit in der Welt Bewusstsein schafft und in Projekten in Lateinamerika, Asien und Afrika Menschen in Not hilft. Vieles ist, so kann man in Dankbarkeit zurückblicken, in diesen Jahren geschehen. Und doch weiß jeder von uns: Not, Hunger, Krankheit sind nicht beseitigt. Ja, bisweilen hat man den Eindruck: Das war nur ein Tropfen auf einen Stein. Die Schere zwischen Arm und Reich, zwischen Nord und Süd geht immer mehr auseinander. Wir werden sensibler und wacher für die Fragen des Umwelt- und Klimaschutzes, der Veränderungen in der Schöpfung, und wir spüren, dass diese Welt, wenn wir sie allen Menschen als kostbares Werk Gottes lassen und der kommenden Generation übergeben wollen, in großen Gefahren steht. Wir spüren, dass wir es kaum "hinkriegen", menschlich bewältigen, die Menschen zu bewegen: Auch das, was wir in den reichen Ländern tun, wovon wir leben, was wir für uns zur Verfügung haben, hat Auswirkungen auf das Klima und betrifft Menschen gerade in den ärmsten Regionen der Erde. Sind wir als katholische Christen mit dieser Aktion im Verbund mit vielen Menschen guten Willens nicht herausgefordert, dieses Erbarmen Gottes, von dem Jesus spricht, auch in diesen Fragen den Menschen zuteil werden zu lassen?

Liebe Schwestern, liebe Brüder, mit der Dankbarkeit für die reichen Kollekten in den zurückliegenden Jahren und mit der Bitte, auch in diesem Jahr für Misereor zu spenden, verbindet sich aber zugleich der noch intensivere Wunsch dieser Aktion, dass wir alle mithelfen, das Bewusstsein zu verändern, es zu wagen, auch von Einschränkung und Verzicht bei uns zu sprechen zu Gunsten der anderen. Wenn es so weit käme, dass Politiker nicht mehr zu befürchten brauchen, Stimmen zu verlieren, weil sie sich für Entwicklungszusammenarbeit und Klimaschutz einsetzen, wenn wir dazu kämen, dass sie deshalb Stimmen gewinnen, hätte sich viel verändert!

Liebe Schwestern und Brüder, ich bitte Sie - auch in Ihren kleinen Gruppen und Gemeinschaften - zu schauen, wo wir unseren Lebensstil ändern können, damit das Bewusstsein für die Schöpfung nicht das Engagement von einigen wenigen bleibt, die wir möglicherweise auch belächeln, sondern unser aller Anliegen ist. Es ist Gottes Schöpfung, nicht unser Werk. Sie gehört allen – nicht nur uns und nicht nur unserer Generation. Die Schöpfung zu bewahren, damit alle Menschen leben können, ist das Leitwort der diesjährigen Misereor-Fastenaktion. Sie schließt an auch an das Wort von Papst Benedikt XVI. zum Weltfriedenstag am 1 Januar diesen Jahres: "Wenn du den Frieden fördern willst, bewahre die Schöpfung."

Wir haben eben in der Lesung, liebe Schwestern und Brüder, gehört, wie das Volk Israel sich immer wieder neu erinnert, dass es ihm nicht gut ging, dass das Land, in dem es lebt, reines Geschenk und Gabe von Gott her ist. In der Geste des Korbes, den man dem Priester übergibt, wird deutlich: Nicht ich besitze die Welt und dieses Land, sondern sie ist mir gegeben, ich verdanke sie einem anderen. Haben wir dieses Bewusstsein? Oder meinen wir, es gehört alles uns? Jedes Essen, das mit einem Tischgebet umrahmt ist, kann uns helfen, deutlich werden zu lassen: Alles ist Geschenk, auch das, was wir essen und trinken, womit wir uns kleiden, was uns zur Verfügung steht. In der Österlichen Bußzeit ist das eine gute Übung, sich dieser Herkunft neu bewusst zu werden.

Freilich, liebe Schwestern und Brüder, brauchen wir noch mehr das Zeugnis: Gott ist es, der uns diese Welt gegeben hat. Gott ist es, der sie uns geschenkt hat. Wenn wir nicht von Gott her denken, dann werden diese Erde und diese Welt in noch größere Gefahren kommen. Das ist freilich eine Herausforderung an uns Glaubende. Beten wir möglicherweise all die anderen Mächte an oder stellen sie in den Mittelpunkt, die nicht göttlich sind, damit wir über sie herrschen und sie uns dienen können? Ist nicht der Egoismus, der nicht nur eine persönliche Eigenschaft darstellt, sondern auch kollektiv sich gestaltet, das große Hindernis, daran zu denken: Der Afrikaner und die Asiatin und der Mensch in Lateinamerika sind meine Schwestern und meine Brüder, weil sie von Gott genauso geliebt sind?!

Wenn wir die Versuchungsgeschichte Jesu hören, spüren wir: Er will uns durch diese Versuchung zeigen: Es kommt auf Gott an, er ist die Mitte, und zwar ein Gott, der sich so erbarmt, dass er sich in Jesus in die Versuchungen der Menschen hinein begibt, ob es denn so mit Gott stimmen könnte, ob man es nicht einmal einfach versuchen könnte, ob er denn eingreift. Jesus sieht Gott nicht als Zauberkünstler, der aus Steinen Brot macht, sondern als den, vor dem allein man sich niederwirft und den man allein anbetet, weil er ein Gott aller ist und weil er es wagt, uns seine Schöpfung anzuvertrauen, damit alle Menschen leben können.

Christen können in dieser Österlichen Bußzeit zur lebendigen Gestalt von Misereor werden. Menschen, die zeigen: Mich erbarmt der Schwestern und Brüder. Ich habe es gar nicht nötig, um mich selbst zu kreisen. Amen.

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  1. undefinedPontifikalamt zur Misereor-Eröffnung: "Die Armen vertrauen auf uns" (21.02.2010)
  2. Öffnet internen Link im aktuellen FensterDossier: Bischof Felix Genn
  3. Öffnet internen Link im aktuellen FensterDossier: Fastenzeit und Ostern

Text: Bischof Felix Genn
21.02.2010

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