Dokumentiert:
Fastenpredigt von Bischof Genn im Dom zu Essen
Essen. Am Freitag (19.03.2010) hielt Bischof Felix Genn im Dom zu Essen eine Fastenpredigt. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung dieser Predigt.
Lieber Bischof Franz-Josef, lieber Weihbischof Franz, liebe Mitbrüder im Priester- und Diakonenamt, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, zunächst möchte ich Bischof Franz-Josef für die Worte der Begrüßung danken und dem Domkapitel für die Einladung, heute Abend hier das Wort Gottes zu verkünden, genau ein Jahr, nachdem ich mich von Ihnen als Bischof von Essen verabschiedet habe.
So ist es schön, im Rahmen des geistlichen Programms der Kulturhauptstadt, über dieses Wort aus dem Ersten Buch der König mit Ihnen nachzusinnen als Wort für unsere Zeit. Denn diese Reihe der Fastenpredigten steht ja unter dem Thema "Prophetische Erfahrung damals wie heute – hellsichtig – kritisch - engagiert". Der Text und damit die Begebenheit, die uns vor Augen gestellt wird, ist eine Erfahrung, die an den Grund unseres Daseins rührt: Es ist genug!
Liebe Schwestern und Brüder, dieser Satz gehört auch in die Alltagssprache. Es gibt viele Situationen, in denen Sie sicher dieses Wort gebrauchen: "Es ist genug auf deinem Teller, mehr kannst du nicht essen." "Es ist genug", so haben Sie als Eltern zu Ihren Kindern gesagt, wenn Ihnen das Toben zu viel vorkam. "Es ist genug", so denke ich an Situationen von Menschen, die ihr Leben lang geschuftet haben und froh sind, in den Ruhestand gehen zu können. Vielleicht stehen Ihnen auch Erfahrungen mit Menschen vor Augen in Leid und Krankheit; Menschen, die Ihnen sagen: "Jetzt habe ich genug; es ist einfach zuviel", diese und jene Krankheit, dieses Missgeschick und jene leidvolle Erfahrung: Es ist genug!
Liebe Schwestern und Brüder, es ist vielleicht auch möglich, dass Menschen, die sich mit Selbstmordgedanken herumtragen, so denken: "Es ist genug! Ich hab’ genug vom Leben, so wie es sich mir darstellt und zeigt. Ich bin an der Grenze. Ich bin an der Grenze, wo ich aufhören möchte. Es ist einfach genug!" Ich denke auch an menschliche Beziehungen, die sich so aufreiben, dass eines Tages der eine zum anderen sagt: "Ich habe die Schnauze voll! Es ist genug! Ich möchte nicht mehr!" Und jeder Versuch von Dritten, hier eine Versöhnung zu stiften, bricht an der Grenze desjenigen ab, der sagt: "Ich möchte nicht mehr! Es ist mir genug! Ich habe alles investiert; jetzt ist Schluss!"
Die Erfahrung, liebe Schwestern und Brüder, von der uns das Buch der Könige mit dem Propheten Elija berichtet, ist eine Gotteserfahrung: "Es ist genug, Herr" (1 Kön 19,4). Kann es nicht sein, liebe Schwestern und Brüder, dass in diesen Tagen und Wochen Menschen sagen: "Es ist genug mit der Kirche. All diese Geschichten, all dieses furchtbare Leid und Elend, das Kindern und Jugendlichen angetan wurde von Verkündern Gottes." Ich kann mir vorstellen, dass Menschen den Schlussstrich ziehen. Ich habe in diesem Zusammenhang den furchtbaren Satz – für mich furchtbaren Satz – gelesen, in Anlehnung an den alten römischen Redner Cato: "Ich bin der Meinung, und sage es immer wieder, die Kirche muss zerstört werden." Ich denke auch an Menschen, die im Dienst Gottes und der Kirche stehen, und die sagen: "Es ist genug! Mehr kann ich nicht mehr; das geht über meine Kraft!" Nicht nur das, was wir jetzt erleben, sondern auch andere Erfahrungen in diesem Umbruch, in dieser Zeit, kennzeichnet alle Gemeinden und alle Diözesen.
Kann es einem mit Gott ‚genug sein’, liebe Schwestern und Brüder? "Es ist genug, Herr", sagt Elija. Derjenige, der Gott als eine Idee ansieht, als eine Möglichkeit, wo man doch letzten Endes nicht weiß, ob es sie gibt, der wird einen solchen Satz nicht sagen. Letzten Endes interessiert ihn Gott nicht. Dieses Wort des Propheten kann nur jemand sprechen, der Gott nicht bloß als jemand Fernes ansieht, als eine Möglichkeit, sondern als eine Nähe, als eine Wirklichkeit, die nahe ist und Begegnung will, also genau das Bekenntnis, das Israel uns von Gott geschenkt hat: "Der - Ich bin da". Der nahe ist und doch fern bleibt, der über uns hinausgeht und ein Geheimnis ist, so sehr wir Seine Nähe suchen und uns danach sehnen, so sehr wir Seine Nähe erfahren durften. Liebe Schwestern und Brüder, immer im Glauben an einen Gott zu leben, der ein Geheimnis ist und bleibt, um Ihn zu wissen, Ihm vertrauen zu können und doch zu spüren: Er rückt weg, ich kann Ihn nicht greifen und auf den Begriff bringen. Ich habe nur diesen wunderbaren Namen: "Ich bin da." für Ihn, das kostet: Wer so gläubig lebt, trägt gewissermaßen in sich eine Wunde. Gott brennt wie ein Feuer, das nicht verbrennt, aber ich kann Ihn nicht greifen.
Ist es in menschlich guten Beziehungen nicht ähnlich, dass der andere mir immer ein Geheimnis bleibt; ja, ich selber mir auch? Und dass ich mir so fern bin und so nahe zugleich, dass ich mich nicht greifen kann und den anderen ebenso; aber, dass da das Feuer der Liebe ist, die Wunde, die ich auch in guten, menschlichen Beziehungen mit mir trage? In dieser Situation steht der Prophet Elija, dessen Name besagt: Alles, was man irgendwie als göttlich bezeichnet, Eli, das füllt sich bei Jahwe: Gott ist der – "Ich bin da" -. Das prägt den Namen des Propheten; deshalb heißt er Elija.
Er ist so sehr mit diesem Gott verbunden, dass es ihn hellsichtig macht für die Wirklichkeit, in der der Mensch lebt. Ganz unvermittelt tritt er im Buch der Könige auf. Genau in der Situation, in der der König Achab - im Nordreich Israel mit der Hauptstadt Samaria zusammen mit seiner Frau Isebel - den Kult der Jahwe-Verehrung beiseite schiebt und anderen Göttern Raum gibt, den Baalen. Das war die Anbetung dessen, was der Mensch selber schafft aufgrund seiner Kraft, aufgrund seines Reichtums, aufgrund seiner geschlechtlichen Kraft, aufgrund all dessen, was er selber herstellen kann. Das betete man an! Dagegen opponiert Elija. Er ist hellsichtig genug, dass das den Menschen nicht genügt, dass das letzten Endes dem Leben nicht dient und dem Volk zum Verderben wird. Deshalb geht er kritisch damit um, weist immer wieder auf diese Problematik hin. Ja, er engagiert sich mit Leidenschaft. So sagt er es ja selbst: "Mit Leidenschaft bin ich eingetreten für den Gott meiner Väter, für das, was Israel von Grund auf prägt, für das, was die Geschichte dieses Volkes als besondere Geschichte ausmacht" (vgl. 1 Kön 19.14).
Es gibt die Szene, wo er das Volk zur Entscheidung aufruft. Sie geht unmittelbar dem Text voraus, den wir eben als Lesung gehört haben. Er schafft es, den König dazu zu bewegen, das ganze Volk Israel auf dem Karmel zu versammeln und auch die Baals-Priester herbeizurufen. Dann tritt er vor sie hin und sagt ihnen: "Wie lange noch schwankt ihr nach beiden Seiten?" Prophet damals – Prophet heute: "Wie lange schwankt ihr nach beiden Seiten? Ist der- Ich bin da –, der wahre Gott oder das, war ihr selber produziert, was euch vor Augen steht, was ihr herstellt, was ihr macht, wovon ihr denkt: Davon kann man leben?" (ebd. 18.22). Dann schlägt Elija vor, ein Opfer darzubringen und darauf zu warten, dass das Feuer dieses Opfer verzehrt. Sowohl die Baals-Priester sollen einen Stier schlachten als auch Elija. Er erklärt sich bereit, ein Opfer darzubringen. Ganz dramatisch wird die Geschichte erzählt, wie die Baals-Priester immer wieder um dieses geschlachtete Tier herumtanzen und Baal anrufen, und es tut sich nichts. Kein Feuer steckt in dem Baal. Dann tritt Elija vor und erneuert zunächst einmal den Kult seines Volkes, indem er den Altar aufrichtet mit zwölf Steinmalen, ihn reinigt und, so wie es für Israel immer Brauch war, das Opfer herrichtet, und es wird vom Feuer des Himmels verzehrt. Vorher hatten die Leute gesagt: "Der Vorschlag ist gut" (ebd. 24). Denn, was Elija vorschlug, klang dramatisch: Das kann was werden. Sie können sich da hineinfühlen.
Jetzt auf einmal, wie es so oft bei der Masse ist, rufen sie: "Jahwe ist der wahre Gott". Was wollen sie auch anders sagen? Ob es ihre innere Überzeugung ist, ob das Feuer vom Himmel ihr Herz schon erfasst hat, steht nicht da. Dann wird Elija in seiner Leidenschaft brutal und ermordet alle Priester des Baal – für uns ein unerträgliches Geschehen. Das ruft natürlich die Rache des Königs und der Königin auf den Plan, und damit setzt die Geschichte ein, die wir soeben gehört haben. Verständlicherweise flieht Elija. Das hat er jetzt davon, dass er machtvoll Gott demonstrieren wollte. Die Königin verfolgt den Propheten. Er flieht in die Wüste.
Liebe Schwestern und Brüder, können wir nicht verstehen, wenn dieser Prophet dann in der Wüste ausruft: "Es ist aber jetzt genug!" Ich hatte gedacht, etwas Richtiges und Gutes, Hervorragendes zu leisten und zu vollbringen; aber ich bin doch nicht besser als meine Väter. Er will nicht mehr. Er kann dem Leben nicht mehr trauen, weil er glaubt, dass Gott es mit ihm nicht mehr lebt. Dann macht er da, in der Wüste - in der Wüste - die Erfahrung, angerührt zu werden! Und Gott braucht Kraft. Er muss es zweimal sagen: "Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich" (ebd. 19, 5-7). Mitten in der Wüste findet er Gott neu auf eine ganz schlichte und zarte Weise, im Zeichen des Brotes und dem Krug mit Wasser- in der Wüste! Er muss weitergehen, um seine Sendung zu vollbringen und dann selber bekehrt werden. Denn genau da, wo er Gott begegnen könnte, erfährt er: Weder mit den gewaltigen Mächten von Sturm, Feuer und Erdbeben ist Gott zu greifen, noch mit dem, was ich vorher auf dem Karmel getan habe, sondern in der Stille erfährt er, dass Gott kommt, ganz überhörbar, und dort ergeht die Sendung weiterzugehen. Aber vorher muss er erst einmal seinen ganzen Ärger loswerden, denn dieser Gott ist ihm so nah, dass er ihm sozusagen den ganzen Kram hinwerfen kann, bis hin zu den Vorwürfen, was er alles für Ihn getan hat und was er nun davon hat. Gott bleibt unerbittlich. Sein Weg mit dem Volk wird weitergehen. Er soll Könige salben und einen Nachfolger als Propheten für ihn selbst einsetzen, damit die Botschaft von dem Gott, der‚Ich bin da’ heißt, weitergehen kann.
Liebe Schwestern und Brüder, ist das ein Trost für uns, was damals der Prophet Elija erlebt hat? Im Rahmen der Projekte der Kulturhauptstadt steht diese Fastenpredigt heute. Wir als Kirche wollen uns da einmischen, weil wir die Gottesfrage behalten wollen. Weil wir den Menschen auch unserer Tage sagen möchten: Es gibt Gott, und er ist wirklich, nicht Idee, nicht Möglichkeit, sondern nahe. Und wir wagen es zu sagen, mitten in dieser Situation, in der die Kirche Glaubwürdigkeit verlieren kann, wir bleiben bei dem, was uns Israel als Geschenk überliefert hat, dass Gott für uns da ist, und dass wir nicht von Ihm lassen möchten.
Dabei denke ich an ein erschütterndes Dokument, liebe Schwestern und Brüder, aus dem Warschauer Ghetto. In dieser Hölle hat ein Jude einen Text geschrieben als Gebet:
Und du, Gott unserer Väter, selbst wenn du durch diese Situation hier uns den Beweis erbringen wolltest, es gibt dich nicht, ich würde trotzdem und werde trotzdem an dich glauben.
Das ist das Erbe, von dem her wir kommen. Es ist der Geist, in dem Jesus lebt, Jesus von Nazareth, der auf dem Tabor mit den Grundfiguren des Bundesvolkes, Mose und Elija, im Gespräch ist. Was hat er in seinem Leben, was er als Werk für Gott und deshalb für die Menschen gelebt hat, erfahren? Ist nicht der Schrei der Gottverlassenheit am Kreuz etwas Ähnliches, wie das Rufen des Elija: "Es ist genug!" "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mt 27, 46)
Liebe Schwestern und Brüder, muss er nicht in der Situation des Kreuzes, in der er alle Schuld der Welt auf sich nimmt, dieses ungeheure Maß an Leid, Not und Elend, das die Schuld der Menschen verursacht hat, gesehen haben und fast davon überwältigt worden sein? Bewegt ihn das, was seine Kirche tut, nicht auch? Könnte er nicht sagen: Es ist genug, Kirche! Aber er tut es nicht. Er nimmt diese Schuld auf sich, damit wir in dieser Welt dem Leben trauen können, weil Er es auch im größten Abgrund mit uns leben möchte, weil Er auf diese Weise uns befähigen will, in dieser Welt von Gott zu reden, trotz allem. Hellsichtig werden wir von Gott her; deshalb kritisch. Ich wünsche uns, dass es uns engagiert, weil nur von diesem Gott her eine vom Technischen geprägte Welt ihren Horizont erweitern kann und dem Menschen wirklich dient vom Anfang des Lebens bis zum Ende und der Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens nur darin einen Grund gibt, weil es Gott gibt, der keinen vergisst.
Liebe Schwestern und Brüder, können wir uns dafür engagieren? Wagen wir es, kritisch zu sein, auch wenn wir uns völlig allein vorkommen? Unser Leben, bis hinein in die Familien, sich manchmal anfühlt, wie diese Wüstenerfahrung des Elija und wir nicht ankommen mit der Botschaft und sagen: Es ist genug!
Vor einigen Jahren habe ich ein Bild entdeckt von dieser Szene, die wir heute Abend betrachten: Wüstensand, der Horizont tiefes Blau, dunkel, Finsternis, bizarr gestaltete Berge, die niemand zu besteigen wagen würde, ein dürrer Strauch mitten in der Wüste-- ein Krüppel von Gewächs-- und am Boden kauernd Elija, in sich gekrümmt, fast wie ein Embryo. Dieser Baum kann ihm keinen Schutz geben und diese Wüste keine Zukunft und dieser Horizont keine Weite. Es ist genug, Herr! Die Künstlerin hat in den Wüstengrund, von unten her, eine Hand gezeichnet, nur angedeutet, so als ob unter dem Wüstensand diese Hand liegt. Und durch den Strauch hindurch geht eine andere, mit einem Fingerzeig, der die Richtung weist, nach vorne zu gehen. Elija ist am Ur-Grund und kann dort nicht zu Grunde gehen, weil Gott ihn auch da noch unterfängt und seine Sendung einfordert.
Nehmen Sie dieses Bild in Ihr Herz auf für all die Situationen, wo Sie sich erschöpft und elend vorkommen und sagen: Nun ist es genug! Und dann bitten Sie den Herrn: Lass es uns an Dir nie genug sein. Amen.
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