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Seite: Aktuelles  >  Predigt Weihbischof Overbeck zum Deutschlandkongress der JU
23.05.2012
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Dokumentiert:

Predigt von Weihbischof Overbeck zum Deutschlandkongress der Jungen Union

Münster. Mit den Teilnehmern des Deutschlandkongresses der Jungen Union hat Weihbischof Franz-Josef Overbeck am Samstag (17.10.2009) einen ökumenischen Wortgottesdienst im St.-Paulus-Dom in Münster gefeiert. kirchensite.de dokumentiert die Vorlage seiner Predigt.

Verehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Deutschlandkongresses der Jungen Union, liebe Schwestern und Brüder! Wer den Dom zu Münster betritt, erst recht in ihm einen Gottesdienst feiert, dem tritt in einem sehr sinnenfälligen Zeichen das Einander von Glaube und Politik und die Bedeutsamkeit einer vom Glauben geprägten Lebenshaltung, Denkform und politischen Überzeugung vor Augen. In diesem Dom findet sich nämlich das Grab des Seligen Bischofs von Münster Clemens August Kardinal Graf von Galen. An ihm und seinem bischöflichen Dienst während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft und an seinem unbedingten Einsatz für den Schutz des Lebens von Behinderten und Kranken, kann jeder Mensch ablesen, welche Bedeutung für uns Christen eine vom Glauben geprägte Denkform und Grundhaltung für die Politik, für die Öffentlichkeit wie für das Gemeinwohl und alle gesellschaftlichen Bezüge hat. Bei seiner Bischofsweihe wählte Kardinal von Galen als Leitwort „nec laudibus, nec timore – Weder Lob noch Tadel“. Dieses Wort, das aus der Weiheliturgie der Bischofsweihe stammt, erinnert an die Festigkeit eines Gewissens, das sich seiner Grundüberzeugungen, seiner Wertvorstellungen und ihrer Begründungen gewiss ist. Woher hatte Kardinal von Galen diese Kraft und diesen Mut für seine Überzeugungen, für die er ganz bewusst die Möglichkeit des Martyriums in Kauf nahm? Diese Kraft und dieser Mut kamen aus einem tiefen und überzeugten Glauben, aus einer innigen Gottverbundenheit und aus einer großen Nähe zu den Menschen und ihren Nöten. Auf diese Weise vollzog er seinen bischöflichen Dienst. Auf diese Weise war er ein äußerst glaubwürdiger Christ seiner Zeit.

Als junge Politikerinnen und Politiker, als Männer und Frauen, die sich im politischen Leben unseres Landes bewusst einsetzen wollen, stehen Sie vor einer ähnlichen großen Herausforderung, nämlich glaubwürdig und überzeugend zu sein, weil Sie entschieden sind. Es geht um Ihre Denkform, um die Begründung Ihrer politischen Überzeugungen und um eine Verantwortung, die weiter reicht als der politische Erfolg des Tagesgeschäfts es oft vermuten lässt. In der Welt, in der wir leben, gibt es - davon wissen wir alle, die wir wach das politische Leben verfolgen und an ihm teilnehmen - unterschiedlichste Begründungsmuster für Grundhaltungen, politische Überzeugungen und Handlungen, und zwar mit weit reichender Wirkung. Immer ist auch das Gewissen herausgefordert.
In unserem Dom sind wir zusammen gekommen, um zu beten, das heißt uns Gottes und des Evangeliums sowie der Menschen und unserer Verantwortung für sie zu erinnern. Damit sind bereits die Gründe angegeben, die den Christen prägen, der sich, in seinem Gewissen geschult, im Blick auf konkrete Werte und um des Gemeinwohlwillens für eine konkrete politische Überzeugung einsetzt und Verantwortung übernimmt.

Das von der Vorbereitungsgruppe für den heutigen Gottesdienst ausgewählte Evangelium aus dem 18. Kapitel des Lukas steht in einer Reihe bedeutender Texte und Gleichnisse, die sich mit der neuen Ordnung von Gottes Reich beschäftigen, wie es bei Lukas aufgeschrieben ist. Unter anderem werden dabei so wichtige Gleichnisse wie die vom verlorenen Schaf und von der verlorenen Drachme, vom klugen Verwalter, aber auch vor allem das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) erzählt.

Der heutige Text Lk 18,1-8 beginnt mit einer Zielformulierung. Die Hörer sollen alle Zeit beten und darin nicht nachlassen. Damit ist ein erstes angegeben, das zu den Grundquellen der Prägung des Gewissens, des Denkens und der Überzeugungen gehören, die Männer und Frauen in den Blick nehmen, die sich für das Gemeinwohl aus christlicher Überzeugung einsetzen. Sie sind betende Menschen. Gebet bedeutet, sich an Gott zu wenden, sich als Beschenkte zu erfahren, alle Fragen, Nöte und Sorgen nicht nur bei sich selbst zu belassen, sondern sie Gott anzuvertrauen. Beten bedeutet, einer Macht, die größer ist als der Mensch und sich jeder menschlichen Verfügbarkeit entzieht, nämlich der Macht Gottes, mehr zu trauen als jeder menschlichen Macht. Darum kann der betende Mensch große Gelassenheit wie auch innere Sicherheit gewinnen, weil er weiß, dass er sich dem Unbedingten verpflichtet hat und von ihm zugleich beschenkt wird. Daraus folgt für Sie, liebe Schwestern und Brüder, die konkrete Frage: Wie halten Sie es mit dem Beten? Wie sehr sind wichtige Entscheidungen immer auch von einer Zeit bewussten Betens geprägt, d. h. des sich Wendens an Gott und des Bedenkens vor der göttlichen Macht, die größer ist als unsere menschliche.

Das nach diesem ersten Vers folgende Gleichnis berichtet von der Einsicht eines ungerechten, ja gottlosen Richters, der von sich sehr nüchtern sagt, dass er weder Gott fürchte noch auf einen Menschen Rücksicht nähme (vgl. Lk 18,4). Er wolle der Witwe zu ihrem Recht verhelfen, da sie ihn sonst nicht in Ruhe lasse. Diese innere Gesinnung des Richters ist von Angst gekennzeichnet wie von der klaren Einsicht bestimmt, dass Gerechtigkeit zu den Tugenden gehört, die jedermann zu üben und jedem zu gewähren hat. Jesus fügt nämlich hinzu, dass er von der Mächtigkeit Gottes überzeugt ist, der Recht und Gerechtigkeit schafft und vor allen Dingen die erhört, die aus gerechten Gründen nach Gerechtigkeit rufen, ja schreien (vgl. Lk 18,7-8). Zur Haltung eines Mächtigen gehört sein Sinn für Gerechtigkeit.

So wendet sich das Evangelium an den Hörer, wohl wissend, dass es um die Ordnung von Gottes Reich geht. Der Sinn für Gerechtigkeit sorgt dafür, Verantwortung zu übernehmen. Gerade aus christlicher Perspektive zeigt sich, dass in unseren jeweiligen Verantwortungsbereichen ein unerschrockenes Glaubenszeugnis und darum der unbedingte Einsatz für Gerechtigkeit gefragt ist, weil die Würde eines jeden Menschen von Gott her bestimmt ist und Freiheit wie Verantwortung von hier her Gestalt gewinnen. Darum bekennen wir Christen uns zu Werten und zu Tugenden, die ihren Ausdruck in einer Kultur von Wachsamkeit und Solidarität finden, in einer Kultur von Anerkennung und Mitverantwortung, eben in einer Kultur, die Gerechtigkeit gegen jedermann übt und dabei die Barmherzigkeit nicht aus dem Blick verliert. Gerade in den Zeiten der Wirtschaftskrise und ihrer Folgen, in denen wir uns jetzt befinden und die mutige politische wie wirtschaftliche und andere Entscheidungen erfordern, ist es wichtig zu wissen: die Kirche bejaht aus ihrem Selbstverständnis heraus ein Wirtschaftssystem und politische Zustände, die, gerade um der Freiheit und Gerechtigkeit willen, die grundlegende und positive Rolle des Marktes, des Privateigentums und der Kreativität des Menschen anerkennt und fördert. Damit solches verwirklicht werden kann, ist der wirtschaftliche wie der politische Wettbewerb die Grundlage nicht nur von Wohlstand, sondern auch Anreiz zu Kreativität, Innovation und Weiterentwicklung. Doch die damit verbundenen Nachteile sind nicht zu übersehen. Kein freier Markt praktiziert von sich aus ausgleichende Gerechtigkeit. Er sorgt nicht für die Bedürfnisse derer - die aus welchen Gründen auch immer - benachteiligt und auf die Unterstützung der größeren Gemeinschaft angewiesen sind. Es braucht darum, wie Papst Johannes Paul II. es einmal ausgedrückt hat, eine "Globalisierung in Solidarität, eine Globalisierung ohne Ausgrenzung" (CA 5). Eine in diesem Sinne verstandene soziale Gerechtigkeit zielt auf den Ausgleich zwischen sozialer Verantwortung und den freien Kräften des Marktes, zwischen Eigenverantwortung des einzelnen und subsidiärer Unterstützung durch die Gemeinschaft. Es braucht also immer eine Ordnung, die den vernünftigen Ausgleich zwischen freiem Markt und sozialer Verantwortung zum Ziel hat, die tragbare Eigenverantwortung und solidarische Verantwortung füreinander um des Gemeinwohlwillens miteinander vermittelt. Wer Freiheit will, muss Gerechtigkeit praktizieren; wer Gerechtigkeit fordert, muss die Freiheit fördern.

Einen Sinn dafür, davon zeugt unser Christsein und seine gläubigen Fundamente, hat der Mensch, der sich im Glauben immer wieder jener Macht anvertraut, die größer ist als jeder Mensch, nämlich Gott. Einen Sinn dafür entwickelt derjenige, der von hier aus sein Gewissen schult, seine Werte bestimmt, sein Denken formen und seine Verantwortung gestalten lässt.

Das Evangelium erinnert also ein Doppeltes: Der Mensch mit Verantwortung und politischer Gestaltungsmacht soll zum einen ein Mensch des Betens sein. So verirrt er sich nicht in der Fantasie, Macht über alle zu haben, sondern beugt sich vor der Macht, die alle und alles umschließt, nämlich Gott. Dies weist den rechten Weg in ein politisches Tun, das Dienst an den anderen ist. Zum anderen geht es um Gerechtigkeit, die sich konkretisieren muss, sei es in einem rechten Verständnis von Freiheit und Verantwortung, von Solidarität, Subsidiarität, Personalität, von Wahrheit und von der Würde des Menschen.

Ich kehre zurück zum Anfang. Kardinal von Galen war ein Mann des Betens und ein Mann mit einem tiefen Sinn für Gerechtigkeit. Er sorgte dafür, dass jedem das Rechte zukam, vor allem seine Würde. So kann ein Lebensbeispiel zu einem Einsatz für das Gemeinwohl provozieren, zu der Bestimmung einer politischen Überzeugung, die um das Vorläufige aller irdischen Macht und um die Unbedingtheit der Macht Gottes wie um jene Gerechtigkeit weiß, die um Gottes willen dem Menschen das Seinige zukommen lässt. Wer sich von hier her versteht, der wird, um den Abschluss des Evangeliums zu zitieren, unverzüglich den Menschen ihr Recht verschaffen (vgl. Lk 18,8 a). Aus dem Dom von Münster zu gehen heißt, von dieser Botschaft und diesem Anspruch nicht mehr losgelassen zu werden. Amen.

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  1. Öffnet internen Link im aktuellen FensterÜbersicht: Weihbischof Franz-Josef Overbeck

Text: Weihbischof Franz-Josef Overbeck
17.10.2009

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