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23.05.2012
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Dokumentiert

Predigt von Bischof Genn anlässlich der Diakonenweihe

Bistum. Bischof Felix Genn hat am Sonntag (26.04.2009) drei Priesteramtskandidaten im münsterschen St.-Paulus-Dom zu Diakonen geweiht. In diesem Gottesdienst predigte er. kirchensite.de dokumentiert die Vorlage seiner Predigt.

Liebe Mitbrüder im Bischöflichen-, Priesterlichen- und Diakonenamt, verehrte, liebe Weihekandidaten, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, an diesem Nachmittag hier in unserem Dom möchte ich gerne mit Ihnen eine Freude teilen. Ich lade Sie ein, ein wenig mitzugehen in diese Freude hinein.

"Ihr seid Zeugen dafür" (Lk 24, 48). So hat der Diakon es uns eben als letzten Satz der Verkündigung des heutigen Evangeliums gesungen: "Ihr seid Zeugen dafür." Das war damals in der Erfahrung mit dem auferstandenen Jesus Christus, und das gilt bis zur Stunde. Ist es nicht wunderbar zu erfahren, dass dieses Wort Jesu Kraft hatte? So viel Kraft, dass es bis zur Stunde für uns heute wirksam ist. Es berührt mich zu innerst zu erfahren, dass diese Zeugenschaft der kleinen Gruppe von damals bis an die Enden der Erde gegangen ist in alle Räume der Welt, und zu allen Zeiten vor uns stehen kann. Es bewegt mich zu innerst, wenn ich mir anschaue, dass ich deswegen Christ bin, weil sie damals diesen Auftrag ernst genommen haben und nicht verschüchterte Funktionäre und vorsichtige Agenten waren, sondern Menschen, die diese Erfahrung allen anderen mitteilen wollten, weil es gar nicht anders ging:

Wenn ich erlebt habe, dass ein Toter lebendig ist, dann muss ich es weitergeben. Ganz gleich, was jemand davon denkt und darüber redet, davon hält. Das, was diese drei Mitbrüder heute übernehmen, ist derselbe Auftrag. "Ihr seid Zeugen dafür." Es liegt genau in dieser Spur, wenn sie demnächst das Wort Gottes verkünden, die Botschaft der Auferstehung in die Gemeinden tragen, Menschen mit diesem Jesus, dem Auferstandenen, durch das Sakrament der Taufe in Beziehung bringen, Menschen auf dem letzten Weg begleiten bei der Wegzehrung und bis zum Grab, Menschen die Kraft des Auferstandenen für das Eheleben zusprechen, oder wenn sie in den Gemeinden ganz konkret gerade da, wo die Mächte des Todes stark sind, die Botschaft des Lebens hintragen in konkreten diakonischen Zeichen und Taten.

Liebe Schwestern und Brüder, ich kann mir vorstellen, dass manch einer von Ihnen heute Nachmittag hier ist, der sicherlich ganz persönlich einem von diesen Dreien innerlich zugetan ist, weil er ihn kennt, aber Sie vielleicht in einer Distanz bleiben müssen, weil Sie diese Freude nicht teilen können. Bei allem Respekt und bei aller Hochachtung vor der Entscheidung dieses Mannes, den Sie kennen, dieser Männer, die hier vor uns stehen - Sie fragen sich: "Kann man das noch sagen?" Und Sie spüren in Ihrem Herzen, dass die Freude des Bischofs durchaus ernst gemeint sein kann, aber Sie hören die Botschaft, und es bleiben viele Fragen. Darf ich Sie mitnehmen in den Raum, aus dem dieser Auftrag "Ihr seid Zeugen dafür" damals erklungen ist? Dann begegnen Sie Menschen, die es genauso durchmachen wie Sie: Eine kleine Gruppe, die ihre Hoffnung auf diesen Jesus von Nazareth gesetzt hatte, die erfahren durfte, welche Kraft der Liebe in diesem Menschen steckte, gerade auch für diejenigen, denen man normalerweise kaum Beachtung geschweige denn Sympathie schenkt, und die erfahren mussten: Tot ist tot selbst wenn da welche kommen und sagen, sie seien Ihm begegnet, so bleibt ihr Herz doch zu.

Dann aber erfahren sie ihn – und es geht von ihm ein Friede aus! Man muss sich das so vorstellen: die haben in dem Augenblick gedacht: Sind wir in einer virtuellen Welt? Dann erfahren sie Ihn und von Ihm geht ein Friede aus. Bin ich plötzlich auf einem anderen Planeten? Habe ich etwas geschluckt, dass mein Geist durcheinander kommt? Sie haben gezweifelt. Sie waren geschockt, verängstigt. So steht es da. Der griechische Verfasser des Textes spricht ausdrücklich mit einem Wort davon, das man vielleicht zu schnell mit "Zweifeln" übersetzt: "dialogismoi", d. h.: in ihrem Herzen haben die manches hin und her erwogen, diskutiert. Sie haben in ihrem Herzen Unterredungen geführt, Dialoge. Das kennen wir doch: "Soll das wahr sein? Kann doch nicht stimmen." Manchmal geht es mir so, dass ich denke: Soll das wirklich wahr sein? Mit Gott, das haut ja noch irgendwie hin, aber im Letzten braucht mich das nicht zu interessieren. Das Leben läuft auch so. Aber, dass dieser Jesus von Nazareth der entscheidende Punkt sein soll, an dem die Macht des Todes von der Macht Gottes überholt wird, dass er derjenige sein soll, an dem Gott zeigt: Er kommt gegen die Macht des Todes an. In diesem Augenblick geht Er auf sie ein und zeigt sich ihnen ganz real mit Wunden: Seine Hände und seine Füße.

Nicht wahr, liebe Schwestern und Brüder, jeder von uns kennt, was der Priesterdichter Andreas Knapp einmal sagt: Deine Wunden gehen immer mit dir -  und wenn du sie als Narbe siehst. Vor allem die Wunden, die deine Liebe erlitten hat. Das erfahren die Leute im Abendmahlssaal; und er macht es ganz drastisch mit einem Stück gebratenem Fisch deutlich. Der heilige Augustinus hat einmal das Bild vom gebratenen Fisch in einem anderen Zusammenhang  mit der ihm eigenen wunderbaren Redeweise gedeutet: "Piscis assus, Christus passus - der gebratene Fisch, der gelittene Christus." Im gebratenen Fisch erkennen wir das  Zeichen, dass er wirklich mit seiner Liebe ins Letzte gegangen ist. Aber das alles kann die Jünger noch nicht berühren. Erst das Wort, hinter dem Er als glaubwürdiger Zeuge steht, schließt ihnen auf: Hier ist Leben. Gott ist nicht irgendwo und irgendwie, sondern das ist der Gott, der durch die Geschichte Israels gezeigt hat: Er will mit uns Menschen sein.  Alles, was er in dieser Geschichte diesem Volk hat zuteil werden lassen, läuft auf diesen Punkt zu. Das ist die Zielgerade der Geschichte Israels: Die Worte, z. B. "er führt ins Totenreich hinab und führt auch wieder herauf"  (1 Sam 2, 6), werden auf einmal ansichtig in diesem Jesus von Nazareth. Es ist möglich, dass die Liebe den Sieg davon trägt, selbst wenn ihr manche Wunde geschlagen hat.

Und Er geht soweit, ihnen zu sagen: "Ihr kennt doch alle die Komplizenschaften des Bösen, die sogar den Gerechten in den Tod führen können. Ihr wisst alle, wie die Gier ein Netzwerk errichten kann, um das Eigene zu erreichen, und dann doch zum Tod führt." Er sagt es mit seinen Worten, dass ihre Sünden vergeben werden können. Das Netzwerk ist nämlich zerrissen. Dafür seid ihr Zeugen.  Davon könnt ihr Zeugnis geben.

Liebe Schwestern und Brüder, dieser Faden zieht sich durch die gesamte Verkündigung seit dieser Stunde. Wir haben es gehört in der Predigt des Apostels Petrus. Auch er bringt es auf den Punkt, dass das Netzwerk der Sünde zerrissen ist, dass Vergebung gegeben ist (Apg 3, 19). Der Apostel Johannes spricht in seinem ersten Brief ausdrücklich davon, dass ich mit meiner Schuld nicht allein bleiben muss, weil es diesen Fürsprecher Jesus gibt. Er gibt mir den Schlüssel in die Hand, woran ich erkennen kann, dass das stimmt: "Mach es doch so wie er." Wörtlich sagt Johannes: "Wenn wir seine Gebote halten, erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben. …wir erkennen daran, dass wir in ihm sind" (1 Joh 2, 3.5b). Wenn du also seine Gebote hälst, wirst du erfahren:  Es geht.

Liebe Schwestern und Brüder, das tun Sie mal und so sind Sie Mit-Zeuge. In dieser Stunde übernehmen drei Mitbrüder diese Zeugenschaft für unsere Gemeinde. Sie tun es in einer tiefen Leidenschaft, weil sie den Auferstandenen für ihr Leben entdecken konnten. Aber sie wollen Sie alle mitnehmen, mit ihnen Zeugen zu sein. Sie brauchen Ihre Zeugenschaft als Stütze und Stärkung, damit sie diesen Weg gehen können.

Machen wir eigentlich als Christen und Kirche etwas Verkehrtes, wenn wir der Welt sagen, der Tod habe nicht den Sieg davon getragen, vielmehr Christus habe den Tod besiegt, wie wir eben gesungen haben. Ist das eine schöne Musik? Oder Wahrheit? Was tun wir eigentlich Falsches, wenn wir der Welt anbieten, dass man mit seinen Aggressionen auch so umgehen kann, dass sie nicht in Gewalt ausarten müssen, sondern dass da ein Potenzial drin steckt, das in Liebe verwandelt werden kann. "Wenn ihr seine Gebote haltet, spürt ihr: Ihr seid in Ihm."

Liebe Schwestern und Brüder, wir wollen uns nicht als Gemeinden bloß vom Zeugnis unserer Mitbrüder im Diakonen- und Priesteramt bedienen lassen, sondern wir wollen sie mitbedienen mit unserem Zeugnis, weil es konkret und praktisch in jedem Alltag werden kann. Vielleicht erleben Sie manchmal, dass Menschen zu Ihnen sagen: "Du bist doch so normal. Und dann bist du auch noch Christ." Ja, eben drum, eben drum: Darum geht es. Das ist die innere Kraft, die wir den Menschen zu bieten haben. Wir können vergeben. Wir können es, einander, der Eine dem Anderem.

Welchen Dienst tun wir damit der Welt! Liebe Schwestern und Brüder, diese jungen Männer übernehmen den Dienst des Diakons in der Lebensgestalt der Ehelosigkeit. Viele sagen, das sei eine alte Klamotte. Aber wenn es den Auferstandenen gibt, dann kann ich das, weil die Kraft der Liebe ohne Grenzen ist, auch einen Verzicht fruchtbar machen kann. Weil es den Auferstandenen gibt, lebe ich ehelos. Wegen einer Leiche nicht. Wegen Goethe würde ich nicht ehelos leben, so schön ich seine Sprache finde und wegen Mozart auch nicht, so großartig die Musik erklingen mag: Wegen Jesus tue ich es.

Liebe Brüder, ich möchte Ihnen wünschen, dass Ihre Leidenschaft zur Liebe reift. Tun Sie das in einer immer neuen Begegnung mit dem Herrn. Und ich möchte Ihnen in besonderer Weise als Kriterium an die Hand geben, dass Ihr Gebet übergeht in den Dienst gerade derer, die nichts zu bieten haben, von denen man nichts erwartet, wo vielleicht andere sagen: "Den kannst du in der Pfeife rauchen. Der bringt nichts ein, der belastet vielleicht sogar das Bruttosozialprodukt." Da, wo nichts zu holen ist, da begegnen Sie dem Auferstandenen, da hinein können Sie bezeugen: Er hat den Tod besiegt. Und ich wünsche Ihnen von Herzen, dass diese Freude, Zeugen dieses Christus zu sein, auch dann seine Kraft behält, wenn Sie merken, das Zeugnis schlägt auch Wunden. Aber diese Wunden gehen mit Ihnen, weil sie von dem, der sie als Auferstandener trägt, in die Kraft der Liebe verwandelbar sind.
Amen.

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