Dokumentiert:
Predigt von Bischof Felix Genn zum "Tag für alle, deren Partner gestorben ist"
Bistum. Am Samstag (05.09.2009) fand in Münster der "Tag für alle, deren Partner gestorben ist" statt. Bischof Felix Genn feierte mit den Teilnehmern im münsterschen St.-Paulus-Dom einen Gottesdienst, in dem er auch predigte. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.
Liebe Mitbrüder im Bischöflichen-, Priesterlichen- und Diakonenamt, liebe Schwestern und Brüder im Glauben! "Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit, wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm" (1 Kor 12,26). Mit diesen Worten beschreibt der Apostel Paulus die Kirche, die er als Leib, als Leib Christi zeichnet. Die Verbundenheit der einzelnen Glieder führt dazu, dass Leiden und Freuden miteinander geteilt werden. Heute, an diesem Tag machen wir dieses Wort des Apostels wahr. Als Kirche von Münster nehmen wir teil daran, dass Menschen in ihr leiden, leiden daran, dass sie ihren Mann oder ihre Frau, ihren Ehepartner verloren haben; und wir wollen mit dieser Einladung hier in unseren Dom bekunden, dass wir Anteil nehmen an Ihrem Schmerz und Ihrer Trauer und mittragen wollen.
Zugleich bieten wir Ihnen in dieser großen Gemeinschaft einen Raum an, der Sie erfahren lässt: "Ich stehe mit meiner Trauer und meinem Schmerz ganz persönlich allein, und doch bin ich verbunden mit anderen, denen es genauso ergeht wie mir. Ja, ich darf erfahren, dass die Kirche ein Raum und ein Ort ist, der mir diese Trauer durch Trost und Gebet zu tragen hilft." Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie durch diese gemeinsame Feier der Eucharistie, durch den Segen und auch durch die Angebote des nachmittäglichen Programms Stärkung erleben und nach Hause fahren in dem Bewusstsein: "Es ist mir ein lieber Mensch genommen, aber ich bin nicht total verlassen und einsam."
Jeder von Ihnen hat ja in diesen zurückliegenden Monaten, oder vielleicht sind es nur einige Wochen, unterschiedlich erfahren, was das bedeutet, wenn eine solche Lücke gerissen wird. Ein Mensch, der Ihnen viel bedeutet hat und weiterhin bedeutet, ist nicht mehr da, und das ist endgültig! Ich kann es drehen und wenden, wie ich will, es ist endgültig! Bei aller inneren Herzensverbundenheit muss ich mir sagen: Ich kann seine Stimme nicht mehr hören, ihn nicht mehr sehen. Ich trage ihn als Bild im Herzen, aber dieser Mensch, der mir für mein Leben so wichtig war, ist nicht mehr konkret und leibhaft bei mir.
Vielleicht hat mancher von Ihnen diesen Schmerz des Abschiedes schon innerlich angenommen und hat dabei auch erfahren dürfen, wie viele Menschen ihn stützen und tragen. Vielleicht aber spüren Sie, dass Sie das noch nicht annehmen können, dass Sie sich immer noch dagegen aufbäumen, gegen das unweigerlich Klare des Abschieds, dass Sie merken, wie der Schmerz immer wieder aufbricht, Ihnen Fragen stellt, Ihnen manchmal vielleicht sogar den Boden unter den Füßen weg nimmt. Es kann sogar sein, dass manch einer von Ihnen sich ganz tief im Innern die Frage stellt: "Ist das denn alles wahr, was uns da vom Glauben her gesagt und verkündet wird? Kann das denn stimmen, dass ein wirklich Toter aufersteht, dass es eine andere Welt gibt in Gott, ja dass Gott da ist? Oder machen wir uns nur etwas vor, um uns den Schmerz nicht zu groß werden zu lassen?"
Solche Fragen stehen dann da und bleiben zunächst einmal unbeantwortet, oder sie lösen in uns Erschrecken aus, dass man so etwas überhaupt denken kann: "Darf ich das überhaupt?" Vielleicht spüren Sie dabei auch, dass Gott Ihnen sogar fremd wird und im inneren Ringen kann es sogar sein, dass Menschen Gott fast wie einen Feind erleben und ihn anklagen, warum er denn das zugelassen hat, diesen Menschen so leiden zu lassen, ja sogar die Macht des Todes erfahren und spüren zu lassen.
Liebe Schwestern, liebe Brüder, die Kirche, so sagte ich eingangs, ist ein Raum und ein Ort, der Ihnen ermöglicht, Ihre Trauer in die Gemeinschaft der Vielen einzubringen. Ich bin sehr dankbar, dass es in manchen Pfarrgemeinden Gesprächskreise gibt, die sich gerade der Menschen annehmen, die einen lieben Menschen abgeben müssen. Ich bin dankbar für die Einrichtung von Trauercafés in vielen Gemeinden. Vor allem ist das für solche Menschen ganz besonders wichtig, die angesichts des Todes sagen müssen: "Ich habe niemanden mehr." Sie dürfen spüren: So stimmt der Satz nicht. Es sind auch noch andere da, die das genauso wie ich erlebt haben und es mit mir teilen. Das hilft in aller Einsamkeit und auch dann, wenn die Tränen noch einmal ganz besonders stark kommen. Da kann ich auch solche Fragen bis hin zu der Anklage und Anfrage an Gott ins Wort bringen.
Liebe Schwestern und Brüder, in diese Situation hinein darf ich Ihnen die Botschaft der Auferstehung verkünden. Ich wage es, das zu tun, ohne zu wissen, ob jemand von Ihnen das ganz aufnehmen kann, ohne zu wissen, dass jemand vielleicht genau darauf wartet, ohne zu wissen, ob jemand da ist, der sagt: Im Augenblick kann ich das nicht gebrauchen, mir reicht diese Gemeinschaft, die ich hier erlebe.
Die Kirche hat für diesen heutigen Samstag diese beiden Texte ausgewählt, die wir soeben aus der Heiligen Schrift gehört haben. Die Situation der Menschen, für die der Verfasser des Kolosserbriefes, möglicherweise der heilige Paulus oder einer seiner Schüler, diesen Brief geschrieben hat, ist durchaus mit Ihrer vergleichbar. Es handelt sich um Menschen, von denen dieser Prediger sagen muss: "Ihr standet ihm (gemeint ist Christus!) einst fremd und feindlich
gegenüber" (Kol 1,21a).
Er kennt das. Er weiß, dass die Botschaft von der Auferstehung manchem sehr fremd sein kann, ja, dass manch einer sogar abwehrend darauf reagiert. Außerdem, und das spielt für unsere Situation jetzt keine Rolle, war es eine Gemeinde, die sich nicht nach den Taten Christi richtete. Das hängt damit zusammen, dass diese Gemeinde nicht mehr unmittelbar wie die Apostel erlebt hat, wie dieser Gekreuzigte, dieser Tote, sie erfahren lässt: Ich lebe. Aus dieser Begeisterung, dieser umstürzenden Erfahrung, hatten einst die Apostel anderen Mitteilung gemacht, so dass diese spüren konnten. Du kannst diesen Männern und Frauen glauben. Sie belügen dich nicht. Hier in der Gemeinde in Kolossä handelt es sich also um die zweite Generation des Christentums. Die Menschen schauten vielleicht eher etwas abwartend auf die Botschaft. Deshalb beschwört der Verfasser dieses Briefes seine Gemeinde und bittet: "Lasst Euch nicht von der Hoffnung abbringen, die Euch das Evangelium schenkt" (ebd. 23b).
Das möchte ich uns und Ihnen heute genauso sagen: Lasst Euch nicht so schnell von dieser Hoffnung abbringen, die das Evangelium verkündet, denn diese Hoffnung ist verbürgt, weil der sterbliche Leib dieses Jesus von Nazareth den Tod erlebt hat und dass er Auferstehung durch den Vater, Auferweckung durch Gott erfahren durfte. Dafür haben Menschen ihr Leben eingesetzt, damit diese Botschaft in die Welt kommt, und jede Generation hat davon gezehrt. So schnell kann man sich von dieser Hoffnung nicht abbringen lassen.
Liebe Schwestern und Brüder, der entscheidende Punkt ist: "Bedeutet dieser Jesus von Nazareth mir etwas, so dass ich ihn nicht einfach als eine der vielen großen Gestalten der Geschichte ansehen kann, mit denen sich auseinander zu setzen lohnend ist, die aber letzten Endes vergangen sind, sondern dass in ihm der lebendige Gott da ist?" Und dass seine Zusage, die er am Ende der Begegnung mit den Jüngern vor seiner Himmelfahrt gegeben hat, stimmt: "Ich bin bei Euch alle Tage, bis zum Ende der Welt" (Mt 28,20). Also auch da, wo der sterbliche Leib Ihres Mannes oder Ihrer Frau den Tod erfahren hat und Sie mit dieser Trauer und diesem Schmerz umgehen müssen. "Ich bin bei Euch."
Liebe Schwestern und Brüder, das kann man nur glauben. Aber Glaube heißt, sich auf den Weg machen in die Begegnung mit diesem Jesus von Nazareth, sich mit ihm auseinander zu setzen, sozusagen ihn auch in der Situation der Anfrage und Anklage auf die Probe zu stellen, dass er die Macht seiner Auferstehung auch durch diese Anfragen hindurch leuchten lässt.
Auf diesem Hintergrund höre ich auch, was der Evangelist Lukas uns heute berichtet. Sie kennen alle das Sabbatgebot, das für die Menschen zur Zeit Jesu eines der wichtigsten Zeichen der Gottesverehrung war und das demonstrieren wollte: An diesem Tag soll man durch Ruhe, durch Feier des Gottesdienstes und durch das Gebet Gott näher kommen und sich nicht ablenken lassen durch alle möglichen Beschäftigungen und Arbeit. Aber wir wissen auch, dass dieses Gebot manchmal so überzogen wurde, wie wir es eben im Evangelium hörten, dass man sich noch nicht einmal ein paar Körner zerreiben durfte, um davon zu essen.
Und dann sagt Jesus: "Der Menschensohn ist Herr auch über den Sabbat" (Lk 6,5). Dieses Wort will sagen: "Ich habe einen Anspruch und dieser Anspruch ist göttlichen Ursprungs – ich bin Herr und habe das Sagen." Kann ich ihm das wirklich abnehmen, dass er der Herr ist und das Sagen hat? Dann kann ich ihm auch trauen, dass er das Sagen über den Tod und das Leben hat. Dann kann er auch der Herr über den Ewigen Sabbat sein, über die Ewige Ruhe, über die Ewige Muße. Dann ist seine Auferstehung das Zeichen dafür, dass einmal nach einer Welt der Hektik, des Stresses von Arbeit und Beschäftigung ein Ewiger Sabbat kommt, in dem die Beziehung von Gott und Mensch ausgelebt werden kann. Er ist auch Herr über diesen Ewigen Sabbat, und Ihr Mann und Ihre Frau, unsere Toten dürfen diese Ruhe erfahren. Darum beten wir, wenn wir für die Verstorbenen unser Fürbittgebet sprechen. Das kann Ihnen auch Trost sein, vor allem dann, wenn vielleicht der Verstorbene, um den Sie trauern, sehr viel Leid erfahren musste: Dass er jetzt Frieden hat und im Sabbat Gottes schauen darf, was auch er oder sie glaubt und erhofft hat.
Liebe Schwestern und Brüder, ganz gleich, wo Sie in der Auseinandersetzung um den Tod stehen: Verkosten Sie ein wenig, gerade durch dieses Wort, durch diese Feier und durch diesen Tag das, was uns die Zeugen der Auferstehung überliefert haben. Ich wünsche Ihnen, dass auch an Ihnen das Wort des Kolosserbriefes wahr wird, unerschütterlich an der Hoffnung festhalten zu können, die das Evangelium verkündet. Amen.
Mehr zum Thema in kirchensite.de:
Text: Bischof Felix Genn
05.09.2009
Bibelarbeiten
Die Bibelarbeiten befassen sich mit Schriftstellen aus dem Alten und Neuen Testament und eignen sich für die Gemeindearbeit und für die persönliche Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift.
Altbischof Kamphaus 80 Jahre
Als "Widersacher Roms", als frommer oder gar einsamer "Rebell" hat sich Franz Kamphaus nie gefühlt.
Neue Kirche in Schillig
Es ist kein Zufall, dass in einer Zeit von Kirchenschließungen genau hier eine neue Kirche entstanden ist: Der Neubau von St. Marien in Schillig an der Nordseeküste.
Glaubenswissen
Berufung: Angenommen, Jesus würde heute durch die Straßen ihrer Stadt, ihres Ortes gehen und zu Ihnen sagen "Komm, folge mir nach!" - wie würden Sie reagieren?
Neues Seelsorgekonzept
Im Bistum Münster wird derzeit ein neuer Diözesanpastoralplan erstellt. Er soll Schwerpunkte der Seelsorge benennen. Ein erster Entwurf steht zum Herunterladen bereit.
Kirchenmusik-Tagung
Mit der Zukunft der Kirchenmusik beschäftigte sich eine Fachtagung für Organisten und Chorleiter aus dem ganzen Bistum.
Dossier Familie
Bei allen Schwierigkeiten der heutigen Zeit: Ehe und Familie sind keine Auslaufmodelle. Kirche macht sich an vielen Stellen dafür stark, ihre Rahmenbedingungen zu verbessern.
Jugendkirchen im Bistum
Als erste Jugendkirche im Bistum Münster wurde am 7. Dezember 2002 die Jugendkirche "effata!" in Münster eröffnet.
Reden über Gott und Welt
Am Mittwoch (15.02.2012) ist aus organisatorischen Gründen kein Gesprächspartner aus dem Haus der Seelsorge im Chat.
Kirche von A bis Z
Vergänglichkeit allen Lebens: "Bedenke, Mensch, dass Du Staub bist und wieder zum Staube zurückkehrst."
Beratung und Information
Das Bistum Münster bietet mit der Fachstelle für Sekten- und Weltanschauungsfragen ein Angebot für Hilfesuchende.
Service für Sie
Spruch des Tages
Reden, Fragen, Antworten finden
im "
Haus der Seelsorge" hat man ein offenes Ohr für Sie
Seelsorger im Februar:
Diakon Werner Fusenig
Seelsorger/-innen
Heiligenlexikon in "kirchensite.de"
im
Heiligenkalender können Sie nach Monaten blättern. Oder wählen Sie hier nach Buchstaben aus:
Kontakt
kirchensite-Redaktion:
redaktion
kirchensite.de
Lebenshilfe+Seelsorge:
Werner Fusenig
fusenig
kirchensite.de
Technik:
technik
dialogverlag.de
















Newsticker für Ihr Web