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Seite: Aktuelles  >  Dokumentiert: Predigt von Bischof Genn am Karfreitag 2011
23.05.2012
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Dokumentiert:

Predigt von Bischof Genn am Karfreitag 2011

Bistum. Im münsterschen St.-Paulus-Dom wurde zur Todesstunde Christi die Karfreitagsliturgie (22.04.2011) gefeiert. Dem Gottesdienst stand Bischof Felix Genn vor, der darin auch predigte. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, Sie alle kennen die Erfahrung, die ich mit dem Satz umschreiben möchte: Da schauen wir nicht genau hin, darauf wollen wir nicht blicken. Ich meine damit nicht die weise und kluge Entschiedenheit erziehender Menschen, die vieles sehen, das meiste übersehen und nur weniges bemerken. Vielmehr denke ich an Situationen unseres Lebens, bei denen wir lieber wegschauen. Die Wunden, die ich durch mein Verhalten anderen zugefügt habe, verborgene Schuld, die ich kaum tragen kann. Bruchstellen im Leben von anderen Menschen, denen ich verbunden bin, denen ich mich aber hilflos ausgesetzt sehe. Risse in Gruppen, Beziehungen, Gemeinschaften, auch Ungereimtheiten und Irritationen, falsche Wege in Gesellschaft, Staat, Kirche. Da schauen wir nicht einmal so genau hin. Manchmal muss man es regelrecht lernen, nicht wegzublicken, sondern genau hinzusehen.

Am Karfreitag, liebe Schwestern und Brüder, nimmt die Kirche mit ihrer Liturgie uns den Druck ab, wegzublicken. Sie schenkt uns die Möglichkeit, genau hinzuschauen. Vielleicht haben Sie Erfahrungen gemacht, gerade mit dem Bösen, das Sie übersteigt. Erfahrungen, wo Sie sagen: Da ist ein solcher Überschuss, dass bei allem Bemühen, das ich anstelle, wieder die Dinge in Ordnung zu bringen, meine Kraft versagt. Es gibt noch viel mehr, was zu heilen wäre, was ich aber nicht vermag. Als wir im Paderborner Dom zu Beginn der Frühjahrsvollversammlung gemeinsam als Bischöfe einen Bußakt gesprochen haben, ist mir das persönlich ganz bewusst geworden. Wir beten, wir denken an die Opfer und Täter, aber es bleibt ein Rest, der kaum überschaubar und von mir, von vielen, von der Kirche kaum zu heilen ist in den Herzen von vielen Menschen, die davon betroffen sind.

Heute blicken wir nicht weg und sehen auch überall, wo wir leben, diese Reste, diesen Überschuss von Unheilbarem. Da ist die Rede von einem Menschen, der gegeißelt wird. Stellen Sie sich diese Schläge einmal vor. Man müsste doch wegblicken. Die Dornenkrone auf dem Kopf, das schwere Kreuz, das zu tragen ist, Backenstreiche, Verurteilung, vollkommene Entblößung vor den anderen, Verbrecher – Er in der Mitte. Seht das Holz des Kreuzes, an dem der Herr der Welt gehangen! Schaut auf das Kreuz, das ist die Geste der Kirche am Karfreitag, auf einen Durchbohrten zu blicken, auf einen Gehängten. Zugleich schenkt uns die Kirche die Erfahrung der ersten Zeugen, die das unmittelbar erlebt haben, ihre Enttäuschung, ihre Verwirrung, ihr Nein, doch nicht zu den Jüngern zu gehören und wegzugehen, und zugleich das Überwältigtwerden von Ostern her. Dieser Gekreuzigte, das ist nicht bloß einer von den unzählbaren Menschen, die auf furchtbare Weise von anderen gefoltert wurden. Das ist auch nicht einer, dem man nachsagte, er habe sich für Gott gehalten, aber es sei besser, dass diese Lästerung ausgemerzt wird, sondern: In der Erfahrung von Ostern, mit den Augen von Ostern, mit dem Blick von der Erfahrung der Auferstehung her, offenbart sich hier Gott. Er hat ausgerechnet in dieser Schmach gestanden und gehandelt. Da war Er mittendrin.

Deshalb, liebe Schwestern und Brüder, wirkt das Geschehen des Karfreitags noch umso dramatischer und furchtbarer, dass Menschen glaubten, sie würden Gott einen Gefallen tun, wenn sie diesen Jesus von Nazareth töten, dass Menschen diesen Mann, der davon gesprochen hatte: "Selig, die keine Gewalt anwenden", mit Gewalt zu Tode brachten, dass das Böse so mächtig ist, dass es Gott ausmerzen will. Blicken wir da einmal genau hin. Hängt es nicht damit zusammen, dass wir es, wenn wir uns ganz genau anschauen, mit unserer Selbstbefangenheit auf die Spitze treiben? Wie viel tragen wir in uns an Verdächtigungen, an Vorurteilen anderen gegenüber, wie tief sitzt in uns die Meinung, dass wir es doch eigentlich besser könnten als andere? Ja, ein moderner Schriftsteller hat mich auf den Punkt aufmerksam gemacht, als er davon sprach: Wie kann man von einem Gott reden, der am Kreuz hängt und in einem Felsengrab landet? Da kann man doch nur irre werden. Das soll Gott sein? Wir wüssten schon, so schreibt er, was wir Gott zu raten hätten. Am besten wäre, wir wären es selbst! Die tiefste Wurzel des Bösen, die das alles ermöglicht, was es in der Welt gibt, die Golgotha möglich gemacht hat, wird uns heute offenbar!

Liebe Schwestern und Brüder, und wiederum die ersten Zeugen des Glaubens spürten plötzlich, dass das, was da geschehen war, nicht nur die Offenbarung der Macht des Bösen und der Sünde ist, sondern auch, dass Gott sich nicht rausstiehlt, dass vielmehr wahr ist, was dieser Jesus einmal im Laufe seines Lebens gesagt hatte: "Mein Vater will, dass alle, die er mir gegeben hat, nicht zugrunde gehen" (Joh 6, 39). Wir haben es eben in der Passionsgeschichte deutlich gehört: "Wenn ihr mich sucht, dann lasst diese doch gehen" (Joh 18, 8). So sollte sich das Wort erfüllen, das er gesagt hatte: "Keine von denen, die der Vater mir gegeben hat, sollen verloren gehen" (ebd. 9).

Liebe Schwestern und Brüder, die ersten Zeugen des Glaubens, die diese Ostererfahrung gemacht haben, spürten, dass plötzlich das, was die Tradition ihres Volkes über einen Menschen gesungen hatte: Der die Schuld von vielen trug und als Gerechter die vielen gerecht macht, in Ihm Wahrheit wird, in diesem Jesus, dass diese Vision, diese Gestalt am Kreuz für sie da war, der, der auf Erden lebend unter Tränen und Schreien bat, dass Ihm das doch nicht widerfahren sollte. Der gewissermaßen durch das Leiden hindurch den Gehorsam lernen musste, das ist der wirkliche Erlöser der Welt. Von dieser Macht des Bösen! Wer sollte uns davon befreien, wenn nicht Gott? Er wählt den Weg, dass Er es selbst durchmacht und so Tod und Böses von innen her aushöhlt: "Seht das Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen hat. Kommt, lasst uns anbeten."

Der Karfreitag mit seiner Botschaft, liebe Schwestern und Brüder, mit seiner herben Liturgie, gibt uns die Gelegenheit: Wir können hinschauen, auch auf das Befleckte, das Böse, das Brüchige in unserem eigenen Herzen und Leben. Wir brauchen nicht wegzuschauen, wir können es angucken, die Wunden, die Verletzungen, das Böse, wir können es Ihm hinhalten. Wenn Gott Gott ist, dann ist Er heilig und kann die Sünde und das Böse nur hassen. Wenn Er gerecht ist, kann Er nicht "Schwamm drüber" sagen, dann muss Er es verurteilen. Wenn Er wahr ist, kann Er es nicht ungeschehen machen. Also zieht Er es auf sich, trägt es, und nur Er kann in diesem Menschen die Schuld der ganzen Welt hinwegtragen.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir nachher das Kreuz verehren, vor Ihm niederknien oder uns vor Ihm verneigen, dann denken wir doch daran, dass dieser Jesus, der Sohn des lebendigen Gottes, die Antwort unserer Liebe will, Mitliebende sucht, damit das Böse durch uns weniger wird. Er gibt uns die Möglichkeit, nicht bloßes Mitleid mit Ihm zu empfinden, denn Er ist der Auferstandene, aber Er gibt uns die Möglichkeit, in all dem Leid dieser Welt und in all der Schuldverstricktheit, die nicht aufzulösen ist, ein Stück des Leidens mitzutragen. Meine Schmerzen, mein Leid, Ihm hinzuhalten, Er kann es verwenden, dann sind wir wirklich Sympathisanten Gottes, seine Mitleidenden in dieser Welt. Und was ist das für uns eine Chance und für die vielen, denen wir begegnen! Amen.

Anmerkung:

Der Schriftsteller, auf den ich mich beziehe, ist der Autor Herbert Meier in seiner Sammlung von Gedichten und Prosa mit dem Titel "Das Erhoffte will seine Zeit" (Johannes Verlag Einsiedeln, Freiburg 2010, S. 45). Der Text heißt wörtlich:

"Wie kann einer am Kedronbach sagen -:
"Diese Nacht werden alle irre an mir,"
und hinaufgehen zu seiner Hinrichtung,
wo Er doch für manche der Verheissene schien?

An ihm, einem Gott, der starb
und nach Tagen aus seinem Felsgrab stieg,
ist man längst irre geworden.

Wir wüssten schon, wie Er zu sein hätte –
am besten, wir würden es selbst."

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