Dokumentiert:
Predigt von Bischof Genn am Fest Mariä Geburt
Damme. Am Donnerstag (08.09.2011) feierte Bischof Felix Genn ein Pontifikalamt in Damme St. Viktor am Fest Mariä Geburt. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Kinder, liebe Jugendliche, Mädchen und Jungen, was es heißt, Geburtstag zu feiern, weiß jeder von Ihnen und von Euch. Ich kann mir vorstellen, dass bei diesem Stichwort jeder ein bestimmtes Bild vor sich sieht, wie Du kürzlich Geburtstag gefeiert hast, für Dich selbst oder bei einem anderen eingeladen warst oder vielleicht in Vorbereitungen stehst für eine Geburtstagsfeier in der Familie, im Freundeskreis oder gerade unmittelbar eine solche Feier hinter Dir hast. Da merkt Ihr, es gibt da ganz unterschiedliche Weisen, wie man das feiert. Als ich eben in die Kirche einzog und die vielen Jugendlichen hinten sah, dachte ich: Geburtstag heute – der Gottesmutter –, wie mögen die das empfinden? Ich weiß nicht, wie es Euch geht, liebe Jugendliche, wie Ihr Geburtstag feiert. Ich kann mir vorstellen, dass bei vielen in Eurem Alter es mitunter durchaus lebendig, lustig zugeht, so nach dem Motto: Da geht die Post ab.
Was ist aber der innere Sinn all dieser Feiern? Warum feiern wir das überhaupt – Geburtstag? Warum lädst Du Leute ein? Warum beschenkst Du andere, weil sie Geburtstag haben und andere Dich, weil Du Geburtstag hast? Was ist das? Drehst Du Dich da nicht um Dich selbst? Ich denke, Ihr könnt auch als junge Menschen und auch als ganz junge Kinder spüren: Da ist etwas Besonderes. Ich freue mich, dass es mich gibt, und andere freuen sich, dass es mich gibt. Ich sage anderen: Es ist gut, dass du da bist. In den Geschenken sagen mir die anderen: Es ist gut, dass Du da bist. Was ist das für ein Wort? Mit welchem Recht können wir sagen: Es ist gut, dass es Dich gibt? Woher weißt Du das? Hast Du das Recht zu sagen, ein anderer wäre gut für die Welt oder Du? Da rühren wir an ein tiefes Geheimnis, das uns übersteigt, das nur verstehbar ist, wenn man wirklich einen Menschen liebt. Da verstehst Du das ganz unmittelbar. Der Mensch, den Du liebst, das ist einer, dem Du am liebsten sagst: Es ist gut, dass es Dich gibt, dass Du einmal geboren wurdest, dass Du in die Welt gekommen bist. Du weißt aber auch, dass ein solches Wort mitunter sehr schnell zerbrechen kann. Wenn Du z. B. an Enttäuschungen denkst. Du hast gedacht: Ich bin froh, dass es diesen Menschen gibt, ich habe es ihm neulich noch gesagt, vielleicht nur durch die Blume oder durch das Poesiealbum, und jetzt werde ich von ihm verletzt. Habe ich dann noch das Recht zu sagen: Es ist gut, dass es Dich gibt?
Liebe Mädchen und Jungen, liebe Schwestern und Brüder, hier spüren wir das Geheimnis, von dem wir sagen: Es ist Gott da. Nur einer hat das Recht zu sagen: Es ist gut, dass es dich gibt. Das ist Gott! Mit welchem Recht können wir das behaupten, dass Gott dieses Recht hätte? Weil wir als Christen erfahren haben, es gibt Jesus. In diesem Menschen ist Menschen aufgeblitzt: Da ist nicht nur irgendein Mensch da, sondern, in dem ist eine Kraft der Liebe, die uns übersteigt, die von Gott kommt. Diese Liebe, die bis zum Tod am Kreuz geht, diese Liebe belegt: Gott ist der Überzeugung: Es ist gut, dass es jeden Menschen gibt. Das hat Papst Benedikt in seiner ersten Ansprache als Papst auf dem Petersplatz gesagt, als er vor der ganzen Welt bekannte: Dass jeder Mensch geliebt ist – ein Gedanke Gottes. Ich ein Gedanke Gottes. Nur Gott kann wirklich sagen: Es ist gut, dass es Dich gibt. Das ist unser christlicher Glaube, liebe Mädchen und Jungen, dass wir diesem Jesus von Nazareth abnehmen: Er hat nicht irgendwelchen Unsinn geredet, sondern Er hat eine Botschaft gebracht, die von Gott kommt, die sozusagen mit Gottes Autorität belegt ist, die Er erwiesen hat, indem Er bis zum Tod am Kreuz und in das Loch des Grabes ging, und die deshalb zeigt: Gott geht es um den Menschen. Er ist sozusagen der Erste, der zu uns sagt: Ich gratuliere Dir zum Geburtstag.
Deshalb ist es auch völlig selbstverständlich, dass die Kirche das Fest der Frau feiert, die diesen Jesus zur Welt gebracht hat, dass die Kirche sich freut, dass es Maria gibt. Deshalb begeht sie ihren Geburtstag heute. Aber wir haben schon gespürt bei der Feier, beim Hören der Texte: Sie steht völlig im Hintergrund. Manchmal ist das ja auch spürbar bei Geburtstagen von Euch. Alle gratulieren Euch, aber wer gratuliert eigentlich an Deinem Geburtstag Deiner Mutter? Und die ist nicht einmal beleidigt, sondern höchstens beschäftigt, dass Ihr ein schönes Fest feiert. Sie steht im Hintergrund. So ist das mit Maria auch. Sie weist auf ihren Sohn hin, sie weist auf den hin, den sie geboren hat. Es gibt ein schönes Bild in der Gebetssprache der Kirche für diesen Tag. Nachher werde ich das auch ausdrücklich verwenden: In ihr leuchtet die Morgenröte des Heiles auf, die die Sonne der Gerechtigkeit hervorbringt. Maria ist wie die Morgenröte am Horizont, bei der man sehen kann: Jetzt kommt die Sonne raus, und diese Sonne ist Christus. Das ist das Geheimnis des Marienlebens. Sie hat diesen Jesus, der uns sagt: Es ist gut, dass es Dich gibt!, zur Welt gebracht. Deshalb können wir uns, wenn wir ihr Fest feiern, auf Ihn konzentrieren. Das möchte ich noch in zwei Hinweisen tun.
Wenn Ihr Geburtstag feiert oder vielleicht besser, wenn Ihr erlebt, dass Eure Großeltern, Eure Eltern oder in der Familie jemand Geburtstag feiert, dann lässt man manchmal ein Video ablaufen. Dann sieht man die Jahre vor sich, was alles in diesen Jahren war. Da sieht man die Oma als Kind, den Opa als jungen Mann, die Eltern, wie sie geheiratet haben. Also: Es gehen Bilder an uns vorbei. Früher hat man dazu auch oft das Fotoalbum genommen. Die Kirche hat das heute auch gemacht. Es kam Euch nur, liebe Jugendliche, so glaube ich, sehr befremdlich vor. Wir haben eben im Fotoalbum Jesu geblättert. Als der Diakon all die Namen, die uns fremd geklungen haben, vorgetragen hat, aus welcher Linie dieser Mensch Jesus gekommen ist. Er ist einer von uns, und er hat einen Stammbaum, eine lange Geschichte von Abraham bis zu Jakob, dem Vater des Josef. Wenn man diesen Stammbaum Jesu liest und die Offenheit, mit der wir das eben gehört haben, muss man sagen: Da können wir uns ein Stück abschneiden. Ich glaube, dass wir das so nicht täten, denn, wenn Ihr mal den einzelnen Namen nachgehen würdet, dann würdet Ihr zwei Dinge dabei feststellen. Da sind eine Reihe von Leuten darunter, die haben viel Schuld auf sich geladen, die passen eigentlich nicht in eine gute Familie. Und wir sind es gewohnt, solche Personen auszuschalten und auszuklammern. Darüber redet man nicht: Der hat dies und jenes getan. Da war z. B. der David, der Ehebruch begangen hat, und andere Geschichten. In dieser Linie steht dieser Jesus. Er hatte also gar nicht eine Familie, von der man sagt: Eine Mustergeneration. Es fällt auf, dass das auch Namen sind von Personen, die mit dem Volk Israel gar nichts zu tun haben. Das hat eine Bedeutung. Damit wird schon angedeutet, dass dieser Jesus einen Auftrag hat. Er ist nicht nur für eine bestimmte Sorte Mensch da, sondern gerade für die, die Schuld auf sich geladen haben. Er ist nicht nur für ein bestimmtes Volk da, sondern für alle Völker, für jeden Menschen. Das kündigt sich darin schon an.
Ein Drittes zeigt dieser Text. Beim Hören fällt das kaum auf. Es heißt ja immer, z.B. Abraham war der Vater des Isaak, David war der Vater des Salomon, der war der Vater von dem, der von dem. Dann bricht die Linie ab, weil es heißt: "Jakob war der Vater von Josef, dem Mann Marias" (Mt 1, 16). Es heißt also nicht: Josef war der Vater Jesu, sondern es heißt: "von ihr – gemeint ist Maria – wurde Jesus geboren, der der Christus (der Messias) genannt wird" (ebd.). Dann folgt die Erzählung von der wunderbaren Empfängnis Jesu, die zeigt, dass Er nicht bloß ein Mensch ist, sondern Gott in die Welt in Ihm einbricht und dies nur deshalb konnte, weil eine Frau da war, die bereit war, auf Gott zu hören und Gott in sich wirken zu lassen. Josef hat dann die Aufgabe diesem Kind den Namen zu geben. Dieser Name ist Programm: "Er wird Sein Volk von seinen Sünden erlösen" (ebd. 21). So wird der Name Jesus übersetzt. In diesem Jesus ist Gott mit uns. Das ist Sein Geheimnis, das Geheimnis Jesu Christi.
Ich kann das auch noch auf eine andere Weise sagen. Der Text aus der Lesung enthält einen Satz, den kann man sehr gut für Euch veranschaulichen. Da wird die Sehnsucht des Volkes Israel beschrieben nach jemandem, der wirklich Frieden bringt. Dann heißt es: "Er wird auftreten und der Hirt seines Volkes sein" (Mi 5, 3). Das kennt Ihr auch, wenn jemand einen Auftritt hat. Vielleicht fällt Euch irgendein Star ein oder eine Szene bei Thomas Gottschalk. Da gibt es Auftritte. Manchmal gibt es auch Auftritte von machtvollen Politikern. Was hatte der Gaddafi für Auftritte! Wenn wir einen Auftritt haben, dann ist das oft sehr personenbezogen, und die anderen dienen diesem Zweck. Und hier heißt es: "Er wird auftreten und der Hirt seines Volkes sein. Und er wird der Friede sein" (Mi 5, 3-4).
Liebe Mädchen und Jungen, wenn ich als Bischof in die Gemeinde komme, dann habe ich keinen Auftritt, sondern dann möchte ich den Hirten Jesus bringen, in dem sich zeigt: Gott ist mit uns. Gott sagt uns zu: Es ist gut, dass es dich gibt. In diesem Jesus ist Friede und Versöhnung und Vergebung aller Schuld. Allerdings braucht es so Leute wie Maria, die das aufnehmen, die Gott zutrauen, dass Er Recht hat für Dich, für jeden einzelnen Menschen, die ein offenes Herz haben und sagen: "Mir geschehe nach dem, was Gott sagt" (Lk 1, 38). Darum bitte ich Euch, gerade als junge Menschen: Seid solche, die Jesus in ihr Herz aufnehmen. Der braucht Euch nicht, um einen Auftritt zu haben, sondern, der ist Euer guter Hirt, der Euch führt, der Euch vergibt, der Euch auch dann zusagt: Es ist gut, dass es Dich gibt, wenn Du verletzt und enttäuscht bist. Deshalb nehmt von diesem Abend nicht all das mit, was äußerlich ist: Regen, Bischof, die beiden Bischöfe, ein Abt, sondern Jesus. Nehmt Ihn in Euer Herz auf, sprecht mit Ihm, sagt: Ich möchte an Dich glauben, und zeig mir, dass das wahr ist, was der Bischof versucht hat, uns zu sagen, dass Du mich ganz ernst nimmst und meinst. Am tiefsten erfährst Du das, wenn Du Ihn in der hl. Kommunion empfängst. Würde der Dir Seinen Leib geben, wenn er nicht meinte: Es ist gut, dass es Dich gibt?! Amen.
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05.09.2011
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