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31.05.2016
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Rudy Carvallao.

Blickt aus der Ferne des deutschen Klosters auf die brasilianische Heimat: Rudy Carvallao.

Rudy Carvallao kennt das wahre Gesicht seines Heimatlandes

Samba und ganz andere Klänge

Bad Bentheim / Rio de Janeiro. Kaum hat er auf dem Stuhl Platz genommen, beginnen seine Beine zu zittern. "Hier ist es fürchterlich kalt", sagt Rudy Carvallao und schließt seine dicke Sportjacke. Der Brasilianer ist anderes gewohnt. Selbst im Winter werde es in seiner Heimat niemals so kühl wie an Regentagen im deutschen Sommer. Das Franziskaner-Kloster Bardel bei Bad Bentheim ist alles andere als der Ort, an dem es südamerikanisch heiß wird. Die dicken Klostermauern halten die Gänge kühl, viele Räume der großen Anlage sind nicht mehr bewohnt und unbeheizt.

Auf einem kleinen Flur in der ersten Etage ist aber etwas von dem Temperament seines Heimatkontinents zu finden. Wie ein Kontrast zu den dunklen Klosterfluren haben hier grelle Farben das Sagen. Fotos und Malereien hängen an den Wänden, südamerikanische Kunst und brasilianisches Handwerk stehen auf Regalen und Fußboden. Das kleine Eckzimmer, in dem er nun sitzt, ist für ihn der wohl wichtigste Raum in diesen Tagen. Hier läuft die Organisation des Aktionskreises "Pater Beda", der sich seit Jahrzehnten für die Menschen in Carvallaos Heimatland einsetzt.

Auch der bekannte Franziskaner-Pater ist gekommen. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Papiere und Akten. Er sitzt dahinter und lauscht den Worten seines Gastes. Carvallao ist für drei Monate nach Deutschland eingeladen worden, bereits zum zweiten Mal. Er unterstützt die Arbeit des Aktionskreises, fährt zu Informationsveranstaltungen in Schulen und Pfarrgemeinden, erzählt von dem Brasilien, das er kennt.

Arm und Reich

"Es ist ein anderes Brasilien, als es die Menschen erwarten." Keine Samba, kein Karneval, kein Strandleben. "Not, Ungerechtigkeit, Überlebenskampf." In drei Worten fasst er das zusammen, was abseits der Prophezeiungen der Reiseagenturen Wirklichkeit ist. In seiner Heimatstadt Campo Formoso im Norden des Landes gibt es keinen Strand und keinen Karneval. Aber die gleichen Problemen wie überall in Brasilien, sagt der 30-Jährige: "Die Schere zwischen Arm und Reich ist enorm auseinander gegangen."

Die Gewinner diese Entwicklung tun alles dafür, dass das so bleibt. "Mit Korruption, Ausgrenzung und Ungleichbehandlung schaffen sie es, sich ihre Verhältnisse zu sichern." Ein Großteil der Bevölkerung aber leidet. "Ich schätze, etwa 80 Prozent." Die Situation eines Brasilianers sei dabei von Geburt an festgelegt. "Wenn du arm bist, bleibst du arm."

Am Bildungssystem ist das abzulesen. In Campo Formoso gibt es private Kindergärten, Grundschulen und Gymnasien. Dort bekommt man eine hervorragende Ausbildung. Ohne sie hat keiner eine Chance, die schweren Aufnahmeprüfungen der Universitäten zu bestehen. Und nur wer einen Universitätsabschluss hat, hat Möglichkeiten, sein Leben mit neuen Perspektiven zu gestalten.

Aber diese Kindergärten und Schulen kosten Geld. Viel zu viel Geld, als dass sich das der große Teil der Bevölkerung leisten kann. Also bleibt nur der Weg in die staatlichen Schulen. "Ein Lehrer dort muss oft drei Stellen annehmen, um sich ernähren zu können." Das senkt die Qualität des Unterrichts. "Fremdsprachen lernt dort so gut wie keiner." Der Weg zur Hochschule ist damit verbaut. Wer in Brasilien arm geboren wird, bleibt arm.

Es sind genau diese Missstände, welche die Menschen protestierend- auf die Straße treibt – überall im Land, auch in Campo Formoso. "Es sind die, die schon lange damit gerungen haben", sagt Carvallao. "Es ist nicht die unterste Schicht, sondern es sind die, die im Bildungssystem immer wieder vor verschlossenen Türen standen." Es sei wie "Facebook auf der Straße". Die gebildete Unterschicht diskutiert die Probleme nicht mehr nur vor dem Computer, sie geht damit vor die Tür.

"Auch ich würde gehen, wenn ich jetzt da wäre", sagt Carvallao. Denn auch er zählt sich zu jener Schicht, die sich durch Wissen und Fleiß weiterentwickeln möchte, aber nicht kann. Nein, zu der großen Gruppe der "ganz Armen" zählt er sich nicht. "Es gibt viele mit weitaus weniger Chancen." Er habe eine glücklich Kindheit gehabt. "Ich musste nicht auf die Felder, um zu arbeiten, wie viele meiner Freunde – ich konnte zur Schule gehen." Sein Vater hatte ein Geschäft und eine Gaststätte, seine Mutter war Lehrerin. Ihm und seinem Bruder brachten sie bei, mit viel Einsatz für ein besseres Leben zu kämpfen. "Aber nicht zu jedem Preis – Gerechtigkeit und Ehrlichkeit waren zentrale Werte, aus einem tiefen Glauben heraus."

Wichtige Güter in einer Gesellschaft, die schon in seinen frühen Jahren auseinanderbrach. "Für uns Kinder war das noch kein Thema, wir haben das spielerisch genommen." Der Sohn des Plantagenbesitzer aus der noblen Villa am Ende der Straße gehörte genauso zur Clique wie der Sohn des Feldarbeiters, dessen Familie in ihrer kargen Wohnung nicht einmal einen Ofen hatte. Die Schieflage des Systems war schon damals präsent. Während die Familie des einen Freundes täglich ums Überleben kämpfen musste, fuhr die andere mehrmals im Jahr ins Ferienhaus am Atlantik.

Fast mittelalterlich

"Die Reichen wohnen am Meer", heißt ein geflügeltes Wort in Brasilien. In Campo Formoso gibt es kein Meer. Es ist mehr als 400 Kilometer entfernt. Viele der Menschen werden es niemals sehen. Denn der Kampf ums Überleben hat sich für die meisten verschärft. "In manchen Teilen mutet es fast mittelalterlich an", sagt Carvallao. Ein Beispiel seien die vielen Minen in dem edelsteinreichen Felsen der Umgebung. "Männer, Frauen und Kinder sitzen auf Reifen und lassen sich an Seilen in die Tiefe hinab." Dann müssen sie den ganzen Tag unter Lebensgefahr Erde und Steine abbauen, um es in schweren Säcken nach oben zu befördern. Was beim Sieben übrig bleibt, gehört den Minenbesitzern. Die Arbeiter gehen mit etwa fünf Euro pro Tag nach Hause. "Ein Hungerlohn."

Ob Edelsteine, Erze oder Sisalanbau – überall ist das System gleich: Auf der einen Seite harte Arbeit für wenig Geld, auf der anderen Seite viel Besitz und großer Gewinn. "Die Gewinner schützen das System und bauen es mit Hilfe politischer Macht weiter aus", sagt Carvallao. Sozialleistungen? "Keine – nicht einmal um die Gesundheit der Menschen kümmern sie sich." Auch hier zähle nur das Geld. "Wer etwas hat, dem wird geholfen." Er selbst konnte das erleben, als er mit einer Hautkrankheit im Gesicht kämpfte. "Sie blieb weitgehend unbehandelt." Die vielen Narben auf seinen Wangen sind deutliche Zeichen der brasilianischen Ungerechtigkeit.

"Endlich gibt es diesen Kristallisationspunkt, an dem die Menschen diese Ungerechtigkeit öffentlich machen." Fußball-Turniere und Olympiade habe die Missstände auf die Spitze getrieben. Hier Milliardenausgaben für Sportereignisse, dort schwindende Perspektiven für die Menschen. Carvallao freut sich vor allem über die weitgehend friedliche Form der Proteste. Er will sich ihnen anschließen, sobald er wieder in seiner Heimat ist. "Wir werden hartnäckig bleiben", sagt er. "Erst wenn sich wirklich und langfristig etwas ändert, werden wir ruhiger."

Unruhe ist gut. Nur Bewegung bringt Veränderung. Aber ist diese Form der Bewegung auch gut für die Gäste des Weltjugendtags? "Sie können ohne Angst kommen", sagt der brasilianische Gast. "Aber sie sollten sich diesen Verhältnissen stellen." Es dürfe nicht bei einer Fantasie Brasiliens bleiben. Die Armenviertel, das Elend, die Not müssten gesehen werden. Die Bannmeile Rios müsse genauso zum Programm gehören wie das bunte Strandleben. "Nur so können die Gäste verstehen, warum die Armen dort vor Hunger sterben und die Reichen aus Angst vor den Armen.

Jesus würde demonstrieren

Schwer verdauliche Brocken für junge europäischen Gäste. Das Erleben von Armut und Elend werde ihnen zusetzen. Zerbrechen aber werde keiner daran, sagt Carvallao. "Die große Freundlichkeit und Herzlichkeit der Brasilianer wird das verhindern." Und der tiefe Glaube, aus dem die meisten Brasilianer lebten. "Die Jugendlichen sollten nicht kommen, um Rio zu sehen, sondern um Jesus zu finden", sagt er. "Genau den finden sie bei den Armen." Jesus gehöre zum Elend des Landes. "Er würde heute mit auf die Straße gehen und protestieren."

Wer im Dunkel sitzt, sucht Licht. Für die meisten Brasilianer hat die Sonne des Wohlstands noch nie geschienen. Ihre Sehnsucht nach der Strahlkraft des Glauben ist groß. Carvallao kennt viele von ihnen aus seinem pastoralen Engagement. Seit seiner Jugend ist er in den mehr als 160 Kapellengemeinden der Region unterwegs, um die zwei Priester bei der Seelsorge zu unterstützen – in der Jugendarbeit, als Katechet, als Betreuer. Am häufigsten aber als Musiker. Das ist sein Beruf. Damit ernährt er sich, seine Frau und seine kleine Tochter. Für die Menschen in den Gemeinden spielt er ohne Honorar. Auch für die Gefangenen unter den katastrophalen Lebensbedingungen in überfüllten Gefängnissen. "Für sie ist meine Musik oft der einzige Lichtblick."

Seine Gitarre hat er immer dabei, auch auf dem Stuhl im Büro des Aktionskreises "Pater Beda" liegt sie auf seinen zitternden Knien. Wenn er nicht spricht, zupft er nachdenklich an den Saiten. Es sind die Klänge eines Landes, das von den Europäern noch verstanden werden muss. Es ist der Rhythmus eines Landes, das der Prüfung seiner strahlenden Fassade nicht standhält. In den Tönen schwingen Traurigkeit und Sehnsucht mit, aber auch Lebensfreude und Glaubenskraft. Carvallao freut sich auf seine Rückkehr. Nicht nur, weil die Sonne wärmer scheinen wird.

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Text: Michael Bönte | Foto: Michael Bönte in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
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