
Bischof Felix Genn.
Interview mit Bischof Felix Genn zur Pfarrei-Neustrukturierung
Die Kirche: Ein offenes Haus, das Geborgenheit schenkt
Bistum. Der erste Impuls zur Neustrukturierung der Pfarreien ging im Sommer 1999 von Bischof Reinhard Lettmann aus. In Kürze wird Bischof Felix Genn diese Phase mit dem Inkraftsetzen des Struktur- und Stellenplans abschließen. Im Interview äußert er sich dazu.
kirchensite.de: Es ist angekündigt, dass der Struktur- und Stellenplan zur Neuordnung der Pfarreien im Bistum Münster von Ihnen Anfang dieses Jahres (2012) in Kraft gesetzt werden soll. Sie werden sicher schon wissen, wann das sein wird?!
Bischof Felix Genn: Nein, das weiß ich noch nicht. Aber ich werde es früher wissen als Sie …
kirchensite.de: Davon ist auszugehen, aber wenn ich es als Zweiter wüsste, würde das meine journalistische Neugier schon befriedigen.
Bischof Felix: Mal sehen, was sich machen lässt. Im Ernst: Mir ist daran gelegen, die Gemeinden mitzunehmen, bei der Großzahl der Pfarreien sind die Dinge mittlerweile geregelt. Gottlob sind wir im Bistum aufgrund der Kirchensteuereinnahmen nicht in der Situation, dass ein wirtschaftlicher Druck dazu führt, Änderungen massiv zu erzwingen. Deswegen ist mir daran gelegen, die anstehenden Fragen der Neustrukturierung friedlich zu bewältigen.
"Mir ist daran gelegen, die anstehenden Fragen der Neustrukturierung friedlich zu bewältigen." |
Trotz Konflikten zufrieden
kirchensite.de: Die Reaktions- und Diskussionszeit nach den regionalen Konferenzen zur Neuordnung des Bistums Anfang 2011 geht nun zu Ende. Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Neustrukturierung?
Bischof Felix: Ich bin froh, dass Bischof Heinrich Tenhumberg die regionale Gliederung vor rund 40 Jahren eingeführt hat: Die Weihbischöfe können vor Ort den bischöflichen Dienst präsent machen. Sie sprechen mit den Verantwortlichen, sodass am Ende eine Lösung möglich ist, die den Menschen vor Ort dient, aber auch gerecht bleibt im Blick auf die Gesamtlandschaft des Bistums.
kirchensite.de: Das hört sich nach Zufriedenheit an?!
Bischof Felix: Ja. Zwar gibt es leider an einigen wenigen Orten Konflikte, aber insgesamt sehe ich die Entwicklung positiv und als ermutigend.
kirchensite.de: Zum Teil gab es ja durchaus heftige Diskussionen, auch wenn sich in den meisten Fällen die Situation – bis auf wenige Ausnahmen – schlussendlich entspannt hat. Die Bistumsleitung wurde daher nicht müde, immer wieder auf den Kern der Neustrukturierung zu verweisen. Warum?
"Nicht nur in bekannten Kreisen bleiben"
Bischof Felix: Das ist ja nun auch unsere Aufgabe: das Ganze im Blick zu haben. Der Kern der Neustrukturierung ist der Versuch, in einer veränderten gesellschaftlichen und kirchlichen Situation, die Struktur der Pfarrgemeinden so zu bilden, dass sie den Veränderungen gerecht wird. Und das ist nun einmal anders als vor 50 Jahren, als eine Gemeinde nach der anderen gegründet wurde.
"Mir ist ja durchaus bewusst, das in der jetzigen Zeit die Veränderungen viel schwerer zu tragen sind, als zu einer Zeit, da die Gemeinden zahlenmäßig wuchsen und man einfach neue bilden konnte." |
kirchensite.de: Und dann erleben Gemeindemitglieder, dass ihre Gemeinde zur Mutterpfarrei zurückkehren soll und die Kirche, an der sie mitgebaut haben, womöglich abgerissen wird. Da können Sie keine Begeisterung erwarten …
Bischof Felix: Das tue ich auch nicht. Mir ist ja durchaus bewusst, das in der jetzigen Zeit die Veränderungen viel schwerer zu tragen sind, als zu einer Zeit, da die Gemeinden zahlenmäßig wuchsen und man einfach neue bilden konnte. Aber auch das war der Antwortversuch auf eine veränderte gesellschaftliche Situation. Er war nur einfacher, weil man aufbaute – auch wenn dies viel Engagement und Kraft erforderte, aber es war von froher Aufbruchstimmung getragen. Jetzt sind die Vorzeichen leider anders – aber das dürfen wir doch nicht ignorieren, wenn wir bestehen bleiben wollen.
kirchensite.de: Wer ehrlich ist, muss auch diese Veränderungen akzeptieren: weniger Gläubige und auch zurückgehende Seelsorgerzahlen.
Bischof Felix: Aber es gibt ja nicht nur äußere Veränderungen: Die Menschen sind mobiler und flexibler geworden. Sie wählen in ihren Weltanschauungen aus. Der christliche Glaube und die katholische Konfession ist ja nicht für alle Zeitgenossen zwangsläufig die erste Option. Und doch gibt es Menschen, die als Erwachsene kommen oder vielleicht auch zurückkommen. Dem müssen wir doch Rechnung tragen und können nicht in den vorhandenen Kreisen, in denen wir uns wohl fühlen, bleiben.
Keine "kleinkarierte Heimattümelei"
kirchensite.de: Sie haben ja in einem Interview einmal gesagt, die Kirche sei kein Heimatverein. Meinen Sie das?
Bischof Felix: Da bin ich leider völlig falsch verstanden worden und mich ärgert es, diesen Vergleich gewählt zu haben. Um es klar zu sagen: Zum einen ist es gut, dass sich Heimatvereine um das jahrhundertealte Erbe und die Verbundenheit der Menschen mit ihrem Ort kümmern. Zum anderen sollen sich natürlich Menschen in einer Gemeinde zuhause fühlen.
kirchensite.de: Was wollten Sie stattdessen ausdrücken?
"Kirche darf keine geschlossene Gesellschaft sein und muss mehr machen als die Pflege von Tradition und Gewohnheit." |
Bischof Felix: Kirche darf keine geschlossene Gesellschaft sein und muss mehr machen als die Pflege von Tradition und Gewohnheit. Die Pfarreien sollen Heimat sein für die Gläubigen, eine Chance, Wurzeln zu schlagen in einer konkreten Gemeinschaft von Menschen. Es geht nicht um kleinkarierte Heimattümelei. Die Kirche ist ein Geborgenheit schenkendes Haus – aber mit ganz weit offenen Türen. Wir müssen Offenheit für Interessierte und Suchende signalisieren. Und noch einmal: Das geht nicht gegen die Heimatvereine!
kirchensite.de: Ich habe den Eindruck, dass die mittlerweile sorgfältige Differenzierung zwischen Gemeinde und Pfarrei vielen haupt- und ehrenamtlich Engagierten geholfen hat. Sehen Sie das auch so?
Bischof Felix: Diese Unterscheidung zwischen der Organisations- und Rechtsgröße Pfarrei und der konkret erlebten und überschaubaren Gemeinde war immer mein Denken und Fühlen – übrigens schon zu Essener Zeiten. Man darf nur nicht der Gefahr erliegen, in der Gemeinde eine Parallel- oder gar Gegenstruktur zur größeren Pfarrei zu entwickeln. Das führt nur zu Ärger vor Ort. Deshalb ist eine Balance wichtig.
"Kirche ist Gemeinde vor Ort – aber nicht nur"
kirchensite.de: Gibt es auch die Gefahr einer Gemeindeideologie?
Bischof Felix: Ich bin da sehr vorsichtig, vor allem, weil all das Gute, das in der Gemeindetheologie entwickelt und praktiziert wurde, keine Einseitigkeit verträgt. Das gute Gemeindebewusstsein, das sich gebildet hat, muss sich weiten auf unser Verständnis des Katholischen. Und das meint: Allumfassend! Kirche ist Gemeinde vor Ort – aber nicht nur. Kirche – das ist Gemeinschaft aller Gläubigen mit dem Bischof und dem Petrusamt. Das ist doch auch eine faszinierende Seite unserer Kirche.
kirchensite.de: An einigen Orten gab es zum Teil erhebliche Widerstände. Können Sie das verstehen?
Bischof Felix: Nur zum Teil. Wenn es falsch kommuniziert wurde, dann ist der Ärger berechtigt. Da lässt sich dann auch die Schuldfrage stellen. Versäumnisse gab es auf Bistumsseite, aber es gab auch Kommunikationsfehler vor Ort. Aber wir sollten diese Schuld nicht gegenseitig aufrechnen. Mir ist wichtig, aus den Fehlern zu lernen, damit wir es künftig besser machen können.
kirchensite.de: Beim Seelsorgertag Anfang November 2011 haben Sie eingeräumt, dass die Kommunikation nicht optimal gelaufen ist. Was wird sich ändern?
Bischof Felix: Wir werten derzeit die Rückmeldungen aus den Gesprächskreisen beim Seelsorgertag aus. Noch ist es zu früh, dazu Definitives zu sagen. Wir schauen uns die Aussagen genau an und werden dann daran gehen, auch in diesem Teil für eine Verbesserung zu sorgen.
Prüfen, was Laien tun können
"Es gilt aber auch sorgfältig abzuwägen, was Laien tun können und tun sollten und nicht nur mit Blick auf das Amt." |
kirchensite.de: Es gab zum Teil auch Widerstand von Hauptamtlichen. Woran liegt das?
Bischof Felix: Dies hängt zum Teil an Kirchenbildern und unterschiedlichen theologischen Vorstellungen. Auch zur Art und Weise, ob und wie man bestimmte brisante Fragen angeht, gibt es unterschiedliche Auffassungen. Gut ist es, dass man im Gespräch bleibt. Manchmal ist es aber auch eine Frage, wie ernst der Einzelne sein Gehorsamsversprechen gegenüber dem Bischof nimmt.
kirchensite.de: Immer wieder wird derzeit dafür plädiert, dass Laien mehr Aufgaben übernehmen sollten. Wie stehen Sie dazu?
Bischof Felix: Natürlich lässt sich diese Forderung leicht aufstellen. Es gilt aber auch sorgfältig abzuwägen, was Laien tun können und tun sollten und nicht nur mit Blick auf das Amt. Wir müssen eben auch gut prüfen, worin sich haupt- oder ehrenamtlich tätige Laien unterscheiden. Darum gehört auch Geduld zu den Tugenden, die in dieser Phase der Neustrukturierung gefragt sind.
kirchensite.de: Aber das müsste man doch kommunizieren können, oder?
Bischof Felix: Was meinen Sie, was ich den ganzen Tag tue?! Ich muss aber auch leider erleben, dass einige nicht bereit sind, auf Argumente zu hören oder andere Meinungen zu akzeptieren.
Konflikte haben Spuren hinterlassen
kirchensite.de: Warum hat der Prozess der Neugestaltung und der Zusammenführung von Pfarreien an einigen Ort gut funktioniert und andernorts zu heftigen Streit geführt?
Bischof Felix: Ich muss es leider sagen: Das liegt häufig an den handelnden Personen. Wenn das Team den Wandel gut gestaltet, geschieht es auch in einer guten Atmosphäre.
kirchensite.de: Sie sind als Bischof heftig angegriffen worden. Hat das Spuren hinterlassen?
Bischof Felix: In der Tat hat das Spuren hinterlassen. Wir teilen uns diese Last in der Bistumsleitung, und ich kann darüber mit anderen sprechen und nach Gründen suchen. Und man muss in diesem Amt lernen zu unterscheiden zwischen Person und Sache.
kirchensite.de: Der erste Impuls zur Neustrukturierung ging im Sommer 1999 von Bischof Reinhard Lettmann aus. Wenn Sie im kommenden Jahr diese Phase abschließen, hat sie rund 13 Jahre gedauert. Was kommt dann?
Bischof Felix: Jetzt kommt die intensive, kooperative Arbeit am Pastoralplan. Wir fangen nicht bei Null an. Viele Leute vor Ort haben gut durchdachte Konzepte, nach denen sie die seelsorgliche Arbeit gestalten.
Worauf der Bischof seine Hoffnung setzt …
kirchensite.de: Die Diskussion im Diözesanrat habe ich ja auch mitbekommen, da werden auch große Hoffnungen in den Pastoralplan …
Bischof Felix: … da muss ich jetzt direkt unterbrechen: Ich setze keine Hoffnungen in einen Plan, sondern auf den Herrn der Kirche. Wir müssen all unsere Pläne relativieren, weil Gott größer ist, als alles was wir tun.
kirchensite.de: Und trotzdem gibt es eine gewisse Erwartungshaltung, dass nun nach der Strukturfrage die Inhaltsfrage wieder verstärkt in den Blick kommt.
Bischof Felix: Das ist doch ein wunderbares Zeichen. Wir sind doch aus Überzeugung Christinnen und Christen. Wir wollen diese Botschaft nicht nur für uns bewahren und für uns vertiefen, sondern wir möchten auch, dass andere davon einen Gewinn haben.
"Gegen die verbreitete Gottvergessenheit unserer Zeit"
"Wir wollen diese Botschaft nicht nur für uns bewahren und für uns vertiefen, sondern wir möchten auch, dass andere davon einen Gewinn haben." |
kirchensite.de: Welche Rolle spielt der Diözesanpastoralplan dabei?
Bischof Felix: Er benennt eine gemeinsame Basis – für alle Gemeinden in unserem großen Bistum. Der Plan kann uns helfen, Wichtiges und Nachrangiges zu benennen: Was tritt derzeit in den Vordergrund? Was kann für diese Zeit in den Hintergrund treten? Mir ist wichtig, dass wir die Erstellung des Diözesanpastoralplans als einen geistlichen Prozess auffassen.
kirchensite.de: Dem Pastoralplan vorangestellt wird ein Grundlagentext, der bereits vom Diözesanrat verabschiedet wurde. Darin wird gesagt, dass ein Kennzeichen dieser Zeit die Gottvergessenheit ist. Dazu gab es viele Wortmeldungen. Sehen Sie auch eine Gottvergessenheit in Gesellschaft und Kirche?
Bischof Felix: Atheisten haben vor einiger Zeit eine Kampagne gestartet und Busse beklebt mit der Aussage "Es gibt keinen Gott". Dies ist ja nur eine extreme Widerspiegelung einer Einstellung, die aber dennoch weit verbreitet ist: Viele Menschen leben so, als wenn es Gott nicht gibt. Interessant finde ich, wie in Dortmund die katholische Kirche auf die Aktion der Atheisten reagiert hat: Die Kirche hat ihrerseits Busse mit dem Slogan bekleben lassen: "Keine Sorge, es gibt Gott! Also schönen Tag." Wenn es uns gelingt, aus dieser Einstellung zu leben, wird das ein starkes Zeichen gegen die verbreitete Gottvergessenheit unserer Zeit sein.
kirchensite.de: Was lässt sich sonst gegen Gottvergessenheit tun?
Bischof Felix: Ich bezeuge da, wo ich gefragt werde. Ich dränge mich nicht auf, aber ich rede von Gott, wo es notwendig erscheint. Und bei mir als Bischof ist es sicher so, dass durch meine Anwesenheit die Leute sofort irgendwie an Gott erinnert werden.
Mehr zum Thema in kirchensite.de:
Dossier Bischof Felix Genn
Übersicht: Neustrukturierung der Pfarreien
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