
Diskutierten beim Unternehmertreffen (v.l.): Karl Schiewerling, Christiane Underberg, Mariannne Heimbach-Steins, Andrea Runge und Moderator Martin Dabrowski.
Zweites Unternehmertreffen im Bistum Münster
Bischof Genn: Familienleben und Beruf in Balance bringen
Bistum. Bischof Felix Genn hat Betriebe und Politik aufgerufen, an einer "gelungenen Balance" zwischen Familienleben und Beruf mitzuwirken. Die Kindererziehung und die Pflege von Familienmitgliedern müssten sich mit einer Erwerbstätigkeit vereinbaren lassen, sagte Genn beim zweiten Unternehmertreffen im Bistum Münster am Montagabend (05.12.2011).
So wie Frauen ihre Qualifikationen im Beruf einbringen wollten, so sollten Männer bei der Arbeit zu Hause und in der Erziehung helfen können, sagte der Bischof vor knapp 300 Unternehmern in der Bistumsakademie Franz-Hitze-Haus in Münster. Angebote zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf steigerten die Arbeitszufriedenheit und Motivation der Mitarbeiter, sie seien zudem ein Wettbewerbsvorteil: "Sie helfen Unternehmen, gute Mitarbeiter zu binden." Aufgabe der Kirche sei es, "die Familie unter den Bedingungen des gesellschaftlichen Wandels zu stärken".
Christiane Underberg im Gespräch mit Bischof Felix Genn. |
"Auch Pflege in den
Blick nehmen"
Christiane Underberg, Geschäftsführerin eines Spirituosenherstellers in Rheinberg, appellierte, bei der Familienfreundlichkeit nicht nur auf Kindererziehung zu schauen: "Angesichts des demografischen Wandels müssen wir auch pflegebedürftige Angehörige im Blick haben." Patentrezepte gebe es nicht, "mehr Rücksicht" auf den einzelnen Mitarbeiter sei aber geboten. Gerade für kleine und mittlere Familienunternehmen könne solche Rücksicht eine Chance sein.
Underberg mahnte, Mütter nicht zu schnell zu "verführen, in den Arbeitsprozess zurückzukehren". Dies meine nicht Alleinerziehende oder Frauen aus Familien, die auf ein zweites Gehalt angewiesen seien. Aber: "Mutterschaft ist nicht delegierbar." Underberg plädierte dafür, dass sich Frauen in den ersten drei Lebensjahren des Kindes möglichst überwiegend seiner Betreuung widmen sollten. Als Bezugsperson sei die Mutter durch niemanden zu ersetzen.
Es sei immer die "zweitbeste Lösung", Kinder an Dritte abzugeben. Eltern hätten Verantwortung übernommen und müssten Elternschaft lernen. Underberg zollte Eltern Respekt. Es sei "einfacher, berufstätig zu sein", weil es im Beruf – anders als in der Familie – feste Arbeitszeiten und Pausen gebe.
Flexible Arbeitszeiten
Andrea Runge, Geschäftsführerin einer Fleischerei mit 50 Mitarbeitern in Nordwalde, hob den Wert flexibler Arbeitszeiten hervor. Mitarbeiter, die morgens ihre Mutter pflegen oder mittags Kinder aus dem Kindergarten abholen müssten, könnten in ihrem Betrieb die Arbeit später aufnehmen oder unterbrechen. Eine weitere Möglichkeit seien Arbeitszeitkonten. Mitarbeiter müssten ermutigt werden, ihre Situation anzusprechen: "Dann kann man gemeinsam nach Lösungen suchen." Runges Fleischerei war von der Handwerkskammer Münster für "innovative Methoden zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf" ausgezeichnet worden.
Professorin Marianne Heimbach-Steins, Sozialethikern an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, erinnerte daran, dass viele Frauen auch deswegen arbeiteten, da sie – etwa als Unverheiratete – selbst fürs Alter vorsorgen müssten. Alle Redner des Unternehmertreffens forderten die Politik auf, bei Renten von Frauen nachzubessern, zum Beispiel Erziehungs- und Pflegezeiten stärker anzurechnen. Zudem mahnte Heimbach-Steins die Unternehmen, Mitarbeitern Weiterbildung zu ermöglichen. Das sei nicht zuletzt dann sinnvoll, wenn Arbeitnehmer nach der Eltern- oder einer Pflegezeit wieder in den Beruf einsteigen wollten.
Karl Schiewerling aus Nottuln, arbeitsmarktpolitischer Sprecher der CDU / CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, ermutigte Betriebe, sich an lokalen Bündnissen für Familienfreundlichkeit zu beteiligen: "So können die Unternehmen selbst entdecken, was sie in diesem Bereich schon alles Gutes tun, ohne dass es ihnen bewusst ist."
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Text: Jens Joest | Fotos: Jens Joest
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