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31.05.2016
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Marianne Heimbach-Steins.

Die Leiterin des ICS, Marianne Heimbach-Steins.

Zentrale Gerechtigkeitsfragen

60 Jahre Institut für Christliche Sozialwissenschaften

Münster. Aus Anlass des sechzigjährigen Bestehens des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften (ICS) an der Katholisch Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster findet ab Dienstag (04.10.2011) eine dreitägige Veranstaltung zu Themen christlicher Sozialethik statt. Unter dem Titel "Ressourcen – Lebensqualität – Sinn – Gerechtigkeit für die Zukunft denken" soll in Vorträgen, Gesprächskreisen und Diskussionen ein innovativer Zugang zu der für die Sozialethik zentralen Gerechtigkeitsfrage eröffnet werden. Im Vorfeld der Veranstaltung sprach kirchensite.de mit der Direktorin des Insituts, Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins.

kirchensite.de: Welche Bedeutung hat die lange Tradition des ICS für die heutige Lehre und Forschung?

Marianne Heimbach-Steins: Als Joseph Höffner, der spätere Bischof von Münster und Kardinal von Köln, vor 60 Jahren das Institut gründete, wollte er im Wissenschaftszusammenhang der katholischen Theologie den ganzen Kosmos der Sozialwissenschaften aufgreifen. Das Studium der philosophischen und theologischen Grundlagen und die Erforschung der konkreten geschichtlichen Wirklichkeit sollten miteinander verbunden werden, so erläuterte er im Vorwort zum ersten Band des Jahrbuchs für Christliche Sozialwissenschaften. Sein Institut stellte er unter den Anspruch, in Wissenschaft, Politik, Gesellschaft und Kirche die katholische Soziallehre auf der Höhe der Zeit bekannt und als Quelle der Gesellschaftsgestaltung fruchtbar zu machen. Dafür sollte das ICS in Deutschland das Zentrum werden. Dieser Anspruch verpflichtet! Seit den 1950er Jahren haben sich die wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Rahmenbedingungen unserer Arbeit allerdings grundlegend verändert.

kirchensite.de: Mit welchen Themen beschäftigt sich das ICS heute?

Marianne Heimbach-Steins: Das ICS-Team arbeitet an einer ganzen Reihe von Projekten; ich kann hier nur ein paar Stichworte nennen: Im Bereich der Sozial- und Bildungspolitik befassen wir uns mit dem Menschenrecht auf Bildung, besonders für benachteiligte Gruppen, mit dem Thema Kindeswohl, mit Verantwortungskooperationen in der Bildung. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf aktuellen Herausforderungen der Medien- und Internetethik. Gemeinsam mit Verantwortungsträgern in der Politik und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken arbeiten wir an einer Fortentwicklung der Sozialen Marktwirtschaft unter dem Stichwort der Sozialen Lebenslaufpolitik: Ziel ist eine Politik der Ermöglichung von Verantwortung für Jeden Einzelnen, die den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen von Unsicherheit und der Fragmentierung der Lebensläufe gerecht wird. Im Exzellenzcluster „Religion und Politik“ arbeiten wir mit einem Projekt zur Religionsfreiheit und zu Religionsbegriffen in der Rechtsprechung mit. Immer wieder befassen wir uns auch mit Fragen einer theologischen und philosophischen Grundlegung der christlichen Sozialethik – im nächsten Frühjahr wird z. B. ein Buch zum Verhältnis von Bibel und sozialethischer Argumentation erscheinen.

kirchensite.de: Was leistet die christliche Sozialethik für die Gestaltung in Politik und Wirtschaft?

Marianne Heimbach-Steins: Wir sind im Gespräch mit vielen verschiedenen Verantwortungsträgern in Politik, Wirtschaft und Kirche. Die erste Aufgabe der christlichen Sozialethik besteht darin, Fragen zu stellen und Impulse zu geben, um die ethischen Herausforderungen in den gesellschaftlichen Prozessen klar zu benennen. Oft kommt es zuerst darauf an, gute Sprachangebote zu machen, um das, was viele spüren, präzise fassen zu können. Nur dann kann man Probleme zielgenau bearbeiten. Eine zweite Aufgabe besteht darin, wohlbegründete Kriterien anzubieten, an denen das politische und wirtschaftliche Handeln Maß nehmen kann – und sich messen lassen muss. Das ist die dritte Aufgabe: Die konkreten gesellschaftlichen Entwicklungen kritisch zu begleiten, Gerechtigkeitsprobleme zu benennen, einen fragwürdigen Umgang mit Macht in Gesellschaft und Kirche zu kritisieren usw. – Das alles kann die christliche Sozialethik nur leisten, wenn sie im Gespräch ist und sich durch solide Argumente und eine große geistige Offenheit das Vertrauen der Praktiker und auch der anderen Gesellschaftswissenschaften erarbeitet. Daran zu arbeiten, ist seit den Anfängen Programm des ICS.

Interview: Johannes Bernard | Foto: Johannes Bernard
04.10.2011

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