
Prof. Dr. Hartmut Remmers (Uni Osnabrück) bei seinem Vortrag zum Ärztetreffen im Franz-Hitze-Haus. In der ersten Reihe: hören ihm zu (v.l.): Akademikerseelsorger Dr. Ludger Winner und Bischof Felix Genn.
Pflegewissenschaftler fordert neuen Umgang mit Demenzkranken
230 Mediziner beim Ärztetreffen des Bistums Münster
Bistum. Der Osnabrücker Pflegewissenschaftler Professor Hartmut Remmers hat zu einem neuen Umgang mit demenzkranken Menschen aufgerufen. Beim Ärztetreffen des Bistums Münster am Mittwoch (08.06.2011) im münsterschen Franz-Hitze-Haus warnte der Experte davor, die Schutzrechte der Dementen anzugreifen.
Stattdessen appellierte er an die Gesellschaft, auf die Respektierung ihrer Würde zu achten und sie stärker zur Teilhabe an sozialen Prozessen zu befähigen. "Wir stehen vor großen Herausforderungen an die pflegerische Betreuung", mahnte Remmers. "Vor diesem Hintergrund ist generell ein Betreuungskonzept für Alterserkrankungen nötig."
Unwiederbringlicher Verlust der Persönlichkeit
Zum diesjährigen Ärztetreffen, das unter dem Thema "Umgang mit dementen Patienten – ethische Fragen in Theorie und Praxis" stand, waren 230 Mediziner aus dem ganzen Bistum Münster gekommen.
Vor diesem fachkundigen Publikum ließ der Gastreferent keinen Zweifel an den Auswirkungen einer Demenz, die einen "schleichenden, bislang unentrinnbaren, unwiederbringlichen Verlust der Persönlichkeit" darstelle. Eine Kommunikation im herkömmlichen Sinne sei mit einem Demenzkranken nicht möglich, und nach wie vor seien die am weitesten verbreiteten Formen von Demenz, die Alzheimer-Erkrankungen, nicht heilbar.
"Innere Vereinsamung und physische Pein"
Trotzdem müsse der Erhalt und die Verbesserung der Lebenssituation der Patienten Richtlinie ärztlichen Handelns bleiben. Dabei müsse es eine der wichtigsten Zielsetzungen sein, Demenzkranken eine optimale Lebensqualität zu ermöglichen, um sie nicht "in innerer Vereinsamung und physischer Pein" versinken zu lassen. Remmers verwies dabei auf Forschungsergebnisse des Heidelberger Instituts für Gerontologie, nach denen die Fähigkeit zum emotionalen Erleben und zum Ausdruck von Emotionen eine zentrale Ressource demenzkranker Menschen darstelle.
"Deswegen hängt viel davon ab, inwieweit Pflegekräfte und Angehörige Fähigkeiten besitzen, ihre Emotionen an der Mimik abzulesen", hob der Pflegewissenschaftler hervor. Enge Patientenkontakte seien deshalb unabdingbar. "Die Kranken haben Anspruch auf einen angemessenen Umgang bis zum Ende ihres Lebens", so Remmers. Alle in die Pflege Eingebundenen müssten kleinste Zustandsveränderungen erspüren können.
Genn: Der Demenzkranke zeigt von Gott geschenkte Würde
Für diese elementare zwischenmenschliche Kommunikation aber sei eine besondere, qualifizierte Schulung erforderlich. Der Gastreferent ließ allerdings keine Illusionen darüber aufkommen, dass der allmähliche Zerfall einer Persönlichkeit den Wunsch nach einer sinnvollen Vollendung des Lebens zunichte mache. "Aber vielleicht kann man die Demenz auch als biologischen Ausdruck eines Nachgebens und Sich-Fallen-Lassens der Person deuten", schloss Remmers seine Rede mit einem Hoffnungsschimmer.
Zu Beginn hatte Bischof Felix Genn als Gastgeber des Ärztetreffens daran erinnert, dass das Alter in der Bibel Zeichen des Segens Gottes sei. "Wir dagegen werden nicht selten mit Schreckensszenarien von einer vergreisenden und zukunftslosen Gesellschaft konfrontiert", kritisierte der Bischof. Gerade der demenzkranke Mensch aber könne auf seine Weise von der Würde sprechen, die Gott den Menschen schenke. "Das ist eine Frage der Menschenwürde, die hochgefährdet ist und ständig in Frage gestellt wird", warnte Genn. Aus christlicher Sicht aber spiegele sich Gott selbst im Antlitz eines jeden Menschen wider.
Winner: Das eigene Herz investieren
Auch der Akademikerseelsorger des Bistums Münster, Pfarrer Ludger Winner, betonte, dass angesichts von 1,2 Millionen Demenzkranken die Gesellschaft als ganze gefragt sei, wie viel sie sich die Anerkennung der Menschenwürde kosten lassen wolle. Gefordert sei eine Bereitschaft zur Zuwendung zum kranken Menschen, "in die wir nicht weniger als das eigene Herz investieren müssen", so Winner. Die Begleitung eines Demenzkranken sei langwierig und beanspruchend, könne aber auch ein heilsames Umdenken bewirken. "Unsere Gesellschaft ist nun einmal auf Nächstenliebe angewiesen", stellte der Akademikerseelsorger mit Nachdruck fest.
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