
Bischof Felix Genn beim zweiten Ökumenischen Kirchentag in Münschen im Mai 2010.
"Bei Lebensschutz mit einer Stimme sprechen"
Bischof Genn zur Präimplantations-Diagnostik (PID)
Bistum. Für Bischof Felix Genn wäre es "verheerend", wenn die evangelische Kirche die PID tolerieren würde – sei es auch nur in Ausnahmefällen.
Kirche+Leben: Auf Beschluss der Synode und auf Anregung des Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider prüft der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland, ob er am strikten Nein zur Präimplantations-Diagnostik festhält. Wie bewerten Sie diesen Schritt?
Bischof Felix Genn: Ich muss offen gestehen, dass mich diese Aussage sehr verwundert hat. Die PID verletzt den Grundsatz der Unantastbarkeit und Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens. Würden wir hier – wenn auch unter strengsten Auflagen – beginnen, Ausnahmen zuzulassen beziehungsweise konkrete Einzelfälle unterschiedlich zu beurteilen, käme dies einem Dammbruch gleich. Dann wären wir auf der Seite derer, die zwischen "lebenswertem" und "lebensunwertem" Dasein unterscheiden. Was für ein Horror! In dieser Frage gilt tatsächlich: Wehret den Anfängen! Es wäre verheerend, wenn die Christen hier nicht mit einer Stimme sprächen.
Kirche+Leben: Warum darf nach katholischer Auffassung die PID nicht angewandt werden?
Genn: Der Mensch ist nicht Herr über das Leben, auch nicht Herr über den Embryo. Mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle ist menschliches Leben entstanden, das von niemandem getötet werden darf. Bei dieser Methode aber würden Embryonen ausgesondert und getötet, weil sie nicht den Erwartungen entsprechen. In einem Antrag von Bundestagsabgeordneten, die die PID ablehnen, lese ich: "Eine Gesellschaft, in der der Staat darüber entscheidet oder andere darüber entscheiden lässt, welches Leben gelebt werden darf und welches nicht, verliert ihre Menschlichkeit." Es geht hier um schwerwiegende Prinzipien. Wir als Münsteraner stehen in einer besonderen heiligen Verpflichtung für dieses Zeugnis des Lebens. Der selige Clemens August hat vor fast 70 Jahren, im Sommer 1941, seine berühmten Predigten gehalten, deren eine ein großartiges Bekenntnis zum Gott und Herrn des Lebens war. Angesichts der Selektion von so genanntem "lebenswertem" und "lebensunwertem" Leben hat er alles riskiert, sogar sein eigenes Leben. Er hat die Folgen aufgezeigt, die aus der Entscheidung entstehen, den Wert des Lebens von irgendeiner menschlichen Entscheidung abhängig zu machen. Mit Leidenschaft hat er die Katholiken der Stadt Münster aufgerufen, zu erkennen, was dem Frieden dient, nämlich die Achtung der Gebote Gottes, des absoluten Herrn.
Kirche+Leben: Was würde es für die ökumenisch durchgeführte "Woche für das Leben" bedeuten, wenn die EKD ihre Haltung ändern würde – hin zur Erlaubnis der PID unter strengen Auflagen?
Genn: Angesichts des bisher Gesagten bin ich sehr besorgt. Dem gemeinsamen Zeugnis für das Leben wäre die Grundlage entzogen. Ich möchte nicht einmal daran denken.
Die Position der EKD: "Der Rat soll prüfen"
Laut Ratsbeschluss von 2003 hält die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) am Verbot der Präimplantations-Diagnostik (PID) fest. Die EKD-Synode im November 2010 beschloss aber, der Rat solle "prüfen", ob die Position "angesichts aktueller Entwicklungen in der Rechtsprechung" beizubehalten sei. Im Juli hatte der Bundesgerichtshof das PID-Verbot gekippt. Eine Bundestagsmehrheit für ein neues Verbot ist nicht sicher. Die Diskussion in der EKD hatte auch Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider angeregt. Er sagte, ein PID-Verbot werde Eltern mit genetischer Erkrankung nicht gerecht, die mittels PID prüfen wollen, ob sie ihrem Kind den Defekt vererben. Andere Protestanten, so der bayerische lutherische Bischof Johannes Friedrich, betonen, die PID überschreite "die Grenze des ethisch Verantwortbaren". (jjo)
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