
Professorin Dr. Dorothea Sattler, Ökumene-Expertin an der Universität Münster.
Interview: Professorin Dorothea Sattler zu Ökumene und PID
"Keine Einmütigkeit in der evangelischen Beurteilung"
Münster. In der Debatte um die Präimplantations-Diagnostik (PID) sprechen die Kirchen derzeit nicht mit einer Stimme. Während die Katholiken Gentests an Embryonen strikt ablehnen, diskutieren die Protestanten, ob sie im Licht neuer Entwicklungen ihr "Nein" überdenken müssen. Was das für die Ökumene bedeutet, bewertet Professorin Dr. Dorothea Sattler, Direktorin des Ökumenischen Instituts an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. kirchensite.de dokumentiert das Kirche+Leben-Interview im Wortlaut.
Kirche+Leben: Welche Folgen hätte es für die Ökumene, wenn die Kirchen – etwa bei der Präimplantations-Diagnostik (PID) – zu unterschiedlichen ethischen Bewertungen kämen?
Professorin Dr. Dorothea Sattler: Es ist von hoher gesellschaftlicher Bedeutung, dass alle Kirchen sich im Sinn der biblischen Schriften dafür einsetzen, das Leben als eine Gabe Gottes zu verstehen, über die Menschen nicht eigensinnig verfügen dürfen. Jeder Zweifel an dieser Grundposition schwächt das gesamtchristliche Zeugnis. Insbesondere im Blick auf den Beginn und das Ende des menschlichen Lebens gibt es noch immer ein hohes Maß an Übereinstimmung in der ethischen Urteilsbildung der Kirchen. Das darf in der gegenwärtigen Debatte nicht aus dem Blick geraten. Die ökumenische Gemeinschaft ist zudem heute so gefestigt, dass es möglich ist, einander zunächst einmal offen und vertrauensvoll zuzuhören. Dabei wird zum Beispiel auch deutlich, dass die Auffassungen zur PID auch innerhalb einer Konfessionsgemeinschaft nicht immer übereinstimmen. Wichtig ist es, nüchtern und offen alle Argumente auszutauschen.
Kirche+Leben: Inwiefern mangelt es am ökumenischen Dialog in ethischen Fragen, damit die Kirchen mit einer Stimme in die Gesellschaft hinein sprechen können – wie das zum Beispiel beim Gemeinsamen Sozialwort 1997 gelungen ist?
Sattler: Gemeinsam sind die beiden großen Kirchen in Deutschland lange schon der Überzeugung, dass eine christliche ethische Urteilsbildung immer in ökumenischer Gemeinschaft geschehen sollte. Es gibt inzwischen eine große Zahl von gemeinsamen ökumenischen Erklärungen auch zu den vielen schwierigen Fragen, die ohne ein Gespräch mit weiteren Fachleuten – insbesondere aus der Medizin und dem Rechtswesen – nicht sachgemäß aufzunehmen sind. Seit einigen Jahren ist die Deutsche Bischofskonferenz mit der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland erneut in einem offiziellen ökumenischen Dialog über Fragen des Menschseins. Ich bin als Delegierte daran beteiligt. Die auch bei der PID entscheidende Frage nach dem zeitlichen Beginn des menschlichen Lebens ist dabei ganz vorne auf der Tagesordnung. Die römisch-katholische Sicht ist dabei eindeutig: bei der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Nicht leicht ist es, in den ökumenischen Gesprächen mit der Schwierigkeit umzugehen, dass es keine Einmütigkeit in der evangelischen Beurteilung mancher Sachverhalte gibt.
Kirche+Leben: Welche theologischen Differenzen der beiden Kirchen werden durch unterschiedliche ethische Sichtweisen zur PID offenbar?
Sattler: Bei den gegenwärtigen Überlegungen innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland zur PID geht es nach meiner Wahrnehmung keineswegs darum, die bestehende Übereinstimmung im Blick auf den unbedingten Lebensschutz in Frage zu stellen. Niemand in der Ökumene möchte zurück zu Zeiten, in denen behindertes Leben als "unwert" galt, oder gar hin zu Zeiten, in denen "Kinder nach Maß" zu schneidern sind. Unterschiede gibt es jedoch bei der Einschätzung der Frage, welche Wege Menschen offen stehen sollten, die in der sie sehr belastenden Situation sind, nur auf dem Weg einer Befruchtung außerhalb des Mutterleibs ihren großen Wunsch nach Kindern möglicherweise erfüllt zu bekommen. Wenn ein Paar bereits so viele Qualen auf sich genommen hat, um überhaupt ein Kind zu bekommen, soll ihm dann nicht geholfen werden, mit einem gesunden Kind zu leben? Die evangelische Tradition schaut stärker auf die einzelne Situation, die römisch-katholische auf Grundsätze, deren Missachtung weitreichende Folgen hat. Eines ist gewiss: Wer mit sehr guten Gründen gegen die PID ist, wird mit ebenso großem Nachdruck gegen Abtreibungen vorgehen müssen, die in einer späten Phase der Schwangerschaft bei behinderten Kindern vorgenommen werden. Deren Herz kann man bereits schlagen hören. Immer schon war es für mich unbegreiflich, warum das Töten der soeben geborenen Kinder ethisch anders zu beurteilen sein sollte als das Töten der im Mutterleib lebenden Kinder.
Stichwort: Präimplantations-Diagnostik
Bei der Präimplantations-Diagnostik (PID) werden Embryonen, die bei künstlicher Befruchtung entstanden sind, vor dem Einpflanzen (Implantation) in die Gebärmutter auf Erbkrankheiten untersucht und gegebenenfalls vernichtet. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs von Juli 2010 entstehen derzeit Gesetzentwürfe zum weiteren Umgang mit der PID. Eine Bundestags-Mehrheit für das von der katholischen Kirche geforderte Verbot gilt als unsicher.
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