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14.12.2018
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Gerhard Hirschfelder.

Gerhard Hirschfelder.

Neue Biographie von Gerhard Hirschfelder (1)

Uneheliche Geburt als Weihehindernis

Er musste als nichteheliches Kind manche Hürde zum Priesterberuf überwinden. Er konnte die Jugend in der schlesischen Grafschaft Glatz für Christus begeistern. Er stand gradlinig zu seiner Überzeugung. Er verlor sein Leben im Konzentrationslager Dachau als Preis für sein Glaubensbekenntnis. Bald selig gesprochen, kann Gerhard Hirschfelder ein Brückenbauer zwischen Deutschen, Polen und Tschechen sein.

In Glatz lebt Maria Hirschfelder. Sie ist am 13. Dezember 1881 geboren und ist 25 Jahre alt, als sie am 17. Februar 1907 ihr einziges Kind zur Welt bringt. Unter Nummer 36 heißt es in der vom Standesbeamten am 18. Februar 1907 unterzeichneten Urkunde: "Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute, der Persönlichkeit nach bekannt, die Hebamme Frau Anna Neumann und zeigte an, dass von der ledigen Maria Hirschfelder, ohne Beruf, katholischer Religion, in ihrer Wohnung am 17. Februar 1907 mittags um vier Uhr ein Knabe geboren worden sei und dass das Kind die Vornamen Gerhard, Franziskus, Johannes erhalten habe. Frau Neumann erklärte, bei der Niederkunft zugegen gewesen zu sein."

Wie wird dem jungen Gerhard zumute sein, wenn er zum ersten Mal von seiner unehelichen Geburt erfährt? Wird ihn das als Makel ein Leben lang begleiten? Und wird er nicht den Vater vermissen, der Zuwendung und Geborgenheit gibt und ebenso Geschwister als Spielgefährten?

Vater geachteter Kaufmann

Zwei Tage nach seiner Geburt, am 19. Februar 1907, wird der Junge in der Stadtpfarrkirche St. Maria Himmelfahrt von Kaplan Augustin Bergmann  auf die Namen Gerhard, Franziskus, Johannes getauft. Sein Rufname ist Gerhard ... Die allein erziehende Mutter muss sich um den Unterhalt ihres Kindes und um ihren eigenen Unterhalt sorgen ... So ist der Junge oft sich selbst überlassen. Er sucht sich draußen auf der Straße seine Spielgefährten. Nachbarn und Bekannte nehmen sich seiner an und holen ihn oft zu einer Mahlzeit mit an ihren Tisch.

Der leibliche Vater von Gerhard Hirschfelder besitzt in Glatz ein Lebensmittelgeschäft und gilt als wohlhabender Kaufmann. Sein Name ist Oswald Wolff ... Da Oswald Wolff in Glatz ein bekannter Kaufmann ist, ist zu vermuten, dass Gerhard ihn gekannt hat. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, ob er wusste, dass er sein leiblicher Vater ist. Es sind auch keine Äußerungen bekannt, in denen er auf seinen Vater Bezug nimmt, ihm begegnet ist oder mit ihm gesprochen hat.

Dass er unehelich geboren wurde und ohne Vater und Geschwister aufwächst, mag Gerhard Hirschfelder mit zunehmendem Alter bewusster geworden sein und ihm auch manche Unannehmlichkeiten gebracht haben ...

Bemerkenswert ist, dass die allein erziehende Mutter, die es schwer genug hat, für ihren eigenen Lebensunterhalt und für den ihres Sohnes zu sorgen, ihm sogar eine Höhere Schulbildung ermöglicht ...

Gerhard Hirschfelder als Student.

Nachdem Gerhard Hirschfelder im Frühjahr 1927 das Abitur bestanden hat, führt ihn sein Weg in das Theologenkonvikt in Breslau. Wie soll er jedoch sein Studium finanzieren? Seine Mutter hat genug Last, für ihren eigenen Lebensunterhalt zu sorgen. Es gibt keinen Hinweis, dass der leibliche Vater, der wohlhabende Kaufmann Oswald Wolff, – eventuell auch heimlich – seinen Sohn unterstützt hätte.

Unversehens bietet sich Hilfe an. In der Chronik seiner Heimatpfarrei findet sich zum 4. Februar 1927 der Eintrag: "Eine Frau Meier schenkte dem Pfarrer einen goldenen Ring, den ihres verstorbenen Mannes, für die Monstranz. Der Ring wurde aber für 2400 Mk verkauft und die Summe für arme Theologen auf die Sparkasse gelegt."

Solche Theologen sind von Ostern ab "Gerhard Hirschfelder, unehelicher Sohn der Schneiderin Maria H. hier und des Kaufmanns Oswald Wolff". Dann wird noch ein weiterer Name genannt, der des Theologiestudenten Ernst Heinze ...

Gerhard Hirschfelder wird in das Theologenkonvikt in Breslau aufgenommen, obwohl für die späteren Weihen zum Subdiakon, zum Diakon und zum Priester das Weihehindernis der unehelichen Geburt vorliegt.

Im Codex Iuris Canonici, dem Kirchlichen Gesetzbuch vom Jahr 1917, heißt es in Kanon 984,1: "Vom Empfang der Weihe sind die unehelich Geborenen ausgeschlossen."

Es war früher auch außerhalb der Kirche oft allgemeine Meinung, dass ein unehelich geborenes Kind womöglich Eigenschaften erbt oder eine Erziehung erfährt, die dem priesterlichen Beruf nicht zuträglich sind. Dieses Urteil lässt sich nicht rechtfertigen, und darum ist auch der genannte Kanon nicht mehr in den neuen, seit dem Jahr 1983 gültigen Codex des kanonischen Rechtes aufgenommen worden.

Als das Weihehindernis der unehelichen Geburt noch gilt, obliegt es der päpstlichen Obrigkeit, davon zu dispensieren. In der Regel wird die Dispens erst eingeholt, wenn die Eignung des Kandidaten durch sein Studium, durch das Leben im Theologenkonvikt und durch die wissenschaftliche Ausbildung und die geistliche Vorbereitung nachgewiesen ist, die damals noch gespendeten "Höheren Weihen" Subdiakonat und Diakonat in Aussicht genommen sind und der Zulassung zur letzten Höheren Weihe, der Priesterweihe, nichts mehr im Wege steht.  

Von Gott geführt

Gerhard Hirschfelder verbringt seine Vorbereitungszeit auf den Priesterberuf in der Hoffnung und Erwartung, dass ihm die notwendige Dispens entsprechend den Gutachten der im Breslauer Theologenkonvikt für die Priesterausbildung Verantwortlichen und der Empfehlung des zuständigen Bischofs erteilt wird ...

Er weiß sich von Gott "an den Platz gestellt". Dorthin, wo er lebt und wirkt, ist er von Gott berufen und geführt. Das ist der Kern seines priesterlichen Selbstverständnisses ...

Zielstrebig sucht er trotz aller Hindernisse seinen Weg, und er erkennt seine Berufung zum Diener Christi und seiner Kirche gemäß dem Bibelwort: "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt" (Joh 15,16). Sich zu diesem Dienst erwählt zu wissen, das macht Gerhard Hirschfelder dankbar und gibt ihm Sicherheit. Diese Berufung bestimmt seine Vorstellungen vom Leben und Dienst des Priesters und ist der Grund für seinen späteren unermüdlichen Einsatz ...

Bald stehen die "Niederen Weihen" bevor, die bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil jeder Priesteramtskandiat in einem ein- bis zweijährigen Abstand vor der Priesterweihe empfing. Mit handschriftlichem Schreiben vom 3. Juni 1931 bittet Gerhard Hirschfelder den "Hochwürdigsten Herrn Kardinal und Fürsterzbischof" von Breslau, Herrn Kardinal Bertram, "gehorsamst um die gnädige Erteilung der Tonsur und der Niederen Weihen".

Alle litten mit ihm

Am Weihetag ist jedoch die römische Dispens vom Weihehindernis der nichtehelichen Geburt noch nicht eingetroffen, sodass er diese Weihen nicht zusammen mit den Kollegen seines Weihejahrgangs empfangen kann.

Der auch aus Glatz stammende Kollege seines Weihejahrgangs und spätere Vorgänger als Kaplan in Habelschwerdt, Ernst Heinze, schreibt am 19. Oktober 1980 an den ihm bekannten Priester Joseph Buchmann: "Die Dispense für die Höheren Weihen kamen verspätet an. So konnte unser lieber Hirschfelder nur als Zuschauer die Weihehandlung seines Kurses miterleben; er soll bitterlich geweint haben. Wir alle litten mit ihm."

Gehorsamst und gnädig

Mit Schreiben vom 29. August 1931 erteilt die zuständige römische Kongregation die erbetene Dispens. Und so bittet Gerhard Hirschfelder mit handschriftlichem Schreiben vom 20. September 1931 Kardinal Bertram "gehorsamst um gnädige Erteilung der Subdiakonats- und Diakonatsweihe".

Gerhard als Kind beim Theaterspiel.

Die Weihe zum Subdiakon erfolgt am 26. und nach damaliger Zählung letzten Sonntag nach Pfingsten, dem 22. November 1931, und die Weihe zum Diakon eine Woche später, am ersten Adventssonntag, dem 29. November 1931. Beide Weihen erteilt Kardinal Bertram in der Kapelle des Priesterseminars in Breslau.

Das Abwarten der römischen Dispens erklärt, dass die Weihen zum Subdiakon und zum Diakon in so kurzem Abstand voneinander und erst etwa zwei Monate vor der Priesterweihe erfolgen.

Zusammen mit seinen Studien- und Kurskollegen wird Gerhard Hirschfelder am 31. Januar 1932 im Hohen Dom zu Breslau zum Priester geweiht.

Die Weihe erteilt Erzbischof Adolf Bertram. Er war in den Jahren 1906 bis 1914 Bischof von Hildesheim. Nach dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1919 wird ihm das Erzbistum Breslau übertragen.

Osterlamm auf Primizbild

Gerhard Hirschfelder wird geweiht auf den Titel der heimatlichen Erzdiözese Prag-Grafschaft Glatz, das heißt der Erzbischof von Prag trägt auch Sorge für den Lebensunterhalt des Geweihten.

Auf seinem Primizbild stehen die Worte: "Christus, unser Osterlamm ist geschlachtet, Alleluja." Das Motto seines Primizbildes wird ihm Leitwort für sein Leben und für seinen Dienst. Ahnt er, was dieses Wort in seiner ganzen Fülle und Tiefe für ihn bedeuten kann? Zweifellos bringt er bei seiner Weihe seine rückhaltlose Bereitschaft zur Nachfolge Jesu zum Ausdruck. Denkt er auch daran, dass dieser Weg der Nachfolge bis zur Hingabe seines Lebens führen kann? ...  

Bereits am Morgen nach dem festlichen Tag der Priesterweihe mit unbeschreiblichem Hochgefühl holt ihn die Wirklichkeit wieder ein. Auf Grund seiner nichtehelichen Geburt ist es ihm nicht gestattet, in seiner vertrauten Heimatpfarrkirche St. Maria Himmelfahrt zu Glatz die Primiz, die erste heilige Messe, zu feiern.

Sieben Kilometer von Habelschwerdt entfernt liegt der Kurort Bad Langenau. Dort ist das Herz-Jesu-Kloster mit den Herz-Jesu-Schwestern. In der Kapelle dieses Klosters feiert er zusammen mit seiner Mutter, mit seinen Bekannten und Freunden und mit den Ordensschwestern am 1. Februar 1932 seine Primiz.

Mögen an diesem Ort der Verbannung äußerer Glanz und äußere Feierlichkeit gefehlt haben, von Dankbarkeit erfüllte Herzen werden diesen Mangel ausgeglichen haben. Vielleicht ist diese Feier von größerer und tieferer Wahrhaftigkeit erfüllt als jene prachterfüllten Feiern einiger seiner Weihekollegen.  

Zweierlei Maß

Unter dem 3. Februar 1932 findet sich in der Chronik seiner Heimatgemeinde der Eintrag: "Am letzten Sonntag wurden in Breslau zwei Glatzer zum Priester geweiht, Ernst Heinze und Gerhard Hirschfelder. Der Letztere feierte seine Primiz in Bad Langenau bei den Herz-Jesu-Schwestern, da er unehelich ist, Sohn der Modeschneiderin Frl. Maria Hirschfelder und des Kaufmanns Oswald Wolff in Glatz. Heinze feierte die Primiz in der Glatzer Pfarrkirche."  

Kann Gerhard Hirschfelder diese unterschiedliche Behandlung menschlich wegstecken?

Gerhard Hirschfelder

- Geboren am 17. Februar 1907 in der schlesischen Grafschaft Glatz / Kłodzko als nichteheliches Kind der Schneiderin Maria Hirschfelder.
- Besuch des humanistischen Gymnasiums in Glatz.
- Weihe zum Priester durch Kardinal Adolf Bertram am 31. Januar 1932 im Breslauer Dom.
- Von 1932 bis 1939 Kaplan in Grenzeck / Tscherbeney.
- Von 1939 bis 1941 Kaplan in Habelschwerdt / Bystrzyca Kłodzka und Diözesanjugendseelsorger für die Grafschaft.
- Am 1. August 1941 Verhaftung in Habelschwerdt und Inhaftierung im Gefängnis von Glatz.
- Am 15. Dezember 1941 Beginn des Transports in das Konzentrationslager Dachau.
- Am 27. Dezember 1941 Einlieferung ins KZ Dachau und Herabwürdigung zum Gefangenen Nummer 28972.
- Am 1. August 1942 im KZ Dachau an den Folgen fortgesetzter Misshandlungen völlig entkräftet gestorben.

Buchhinweis:

Hugo Goeke:
"Gerhard Hirschfelder – Priester und Märtyrer"
200 Seiten, Festeinband
ISBN 978-3-941462-33-5
Dialogverlag Münster
14,80 Euro
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