
Dieter Geerlings freut sich auf seinen Dienst als Regionalbischof.
Die Praxis ist der Ernstfall des Evangeliums
Interview mit dem ernannten Weihbischof Dieter Geerlings
Region Coesfeld-Recklinghausen. Zum Interview mit Domkapitular Dieter Geerlings, der am Sonntag (29.08.2010) zum Weihbischof geweiht wird und als Regionalbischof für die Kreisdekanate Coesfeld und Recklinghausen zuständig sein wird, traf sich Kirche+Leben-Redakteurin Michaela Kiepe.
Kirche+Leben: Wie haben Sie sich auf Ihre neue Aufgabe vorbereitet?
Dieter Geerlings: Zunächst hoffe ich, dass mein bisheriger Weg als Mensch und Priester in unterschiedlichen Aufgaben in unserer Diözese eine gute Vorbereitung für meine neue Aufgabe ist. Ich war in verschiedenen Pfarrgemeinden, in der verbandlichen Jugendarbeit tätig, war Regionalvikar am Niederrhein, 22 Jahre Vorsitzender des Diözesancaritasverbands, in den vergangenen Jahren mit dem Schwerpunkt für den Krankenhausbereich bundesweit aktiv. Die Zusammenarbeit mit vielen ehrenamtlichen und beruflichen "Laien", die alle auf ihrem Gebiet Experten sind, hat mich deren Dienst innerhalb und außerhalb von Kirche schätzen gelehrt. Ich habe den Eindruck, einen Blick dafür bekommen zu haben, wie vielschichtig und komplex die Problemlagen vieler Menschen sind: im zwischenmenschlichen Bereich wie auch bei der kirchlichen und politischen Gestaltung. Einfache Antworten auf alles und jedes greifen oft zu kurz und sind unter Umständen sogar gefährlich.
Kirche+Leben: Welche Rolle spielt Gott im Bereich der Caritas?
Geerlings: Die Caritas ist tätig von der Suppenküche bis zur High-Tech-Medizin. In diesem Spannungsbogen, der mich geprägt hat, sollte man sich immer wieder die Frage nach Gott stellen. Den biblischen Gott kann man nicht konsumieren, er ist nicht für unsere Wellness zuständig. In unserer Gottesrede werden die schmerzlichen Erfahrungen des Lebens nicht ausgeklammert. Sie ist unlösbar mit der praktischen Solidarität mit den Schwachen, den Armen, den Fremden, den Schwerkranken, den Behinderten, den Sterbenden, dann auch in anderer Weise mit den Kindern, den Jugendlichen, den Familien verbunden – und mit der Hoffnung für sie. Die Praxis ist nicht nur der Anwendungsfall, sondern auch der Ernstfall des Evangeliums.
Das ist eine für mich zentrale Erfahrung über die Jahre geworden. Ich kann sie hoffentlich weiter vertiefen, ergänzen und fruchtbar machen im Zusammensein mit den Christen in den Regionen und im Bistum, aber auch in der gemeinsamen Verantwortung für die Kirche mit unserem Bischof. Er wird in der Weiheliturgie unter anderem die Frage stellen: "Seid ihr bereit, um des Herrn willen den Armen und den Heimatlosen und allen Notleidenden gütig zu begegnen und zu ihnen barmherzig zu sein?" Ich hoffe, ich kann – wie auch zu den anderen Fragen – gut vorbereitet sagen: "Ich bin bereit."
Kirche+Leben: Was ist seit Ihrer Ernennung passiert?
Geerlings: Meine Ernennung zum Weihbischof ist für mich überraschend gekommen. Danach hat sich manches verändert. Was die konkrete Vorbereitung betrifft, war der Prozess der Verabschiedung aus meinem Amt als Vorsitzender des Diözesancaritasverbands zu überlegen. So wie ich zuversichtlich und froh – trotz der offensichtlichen Kirchenkrise – in meine neue Aufgabe als Weihbischof hineingehe, so schwer ist mir der Abschied aus dem Caritasverband gefallen. Den Urlaub habe ich auch dazu benutzt, mich mit Themen auseinander zu setzen, die für meine neue Aufgabe wichtig sind: Beschäftigung mit den Kreisdekanaten Coesfeld und Recklinghausen, mit der Gemeindekatechese, mit der Bischofskonferenz und ihren Aufgaben, mit spirituellen Gesichtspunkten zum Bischofsamt und vieles mehr. Zudem fanden vorbereitende Gespräche mit dem Bischof und Verantwortlichen der Diözese statt. Dankbar bin ich für die fast einwöchigen Exerzitien in Kloster Gerleve zur Vorbereitung auf die Weihe, die mir Abt Laurentius gehalten hat.
Geerlings: Eine Nebensächlichkeit, die mich vorbereitend nachdenklich macht: Einige Zeit der Vorbereitung ist zu verwenden auf das Zusammentragen der bischöflichen Kleidung und Insignien. Sie sollen – richtig verstanden – der Verherrlichung Gottes dienen und etwas deutlich machen von der Würde jedes Menschen. Ich fand ein Wort des Theologen Hans Urs von Balthasar. "Die ganze Sorge des Herrn in der Zurüstung der Apostel auf ihr Amt … geht auf Demut aus." Auch ein solches Wort immer wieder zu bedenken, ist Vorbereitung, um nicht der Gefahr zu erliegen, Abgehobenheit zu zelebrieren und "heilige Kirche" zu spielen. Dazu kommt mein Wahlspruch in Anlehnung an Römer 5,5: "Caritas dei diffusa in cordibus – die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen".
Kirche+Leben: Was verbinden Sie mit der Region und ihren Menschen?
Geerlings: Ich kenne die Region besonders aus der Caritasperspektive. In beiden Regionen gibt es eine Fülle von karitativen Organisationen, Diensten und Einrichtungen. Das Krankenhauswesen, das gut aufgestellt ist, ist zum überwiegenden Teil in katholischer Trägerschaft. Drei Einrichtungen möchte ich nennen, die dem Diözesancaritasverband besonders zugeordnet sind: die Kinderheilstätte Nordkirchen, die Vestische Caritas Kinder-und Jugendklinik Datteln und das Förderschulinternat Schloss Horneburg.
Die beiden Regionen sind sehr unterschiedlich. Das stark katholisch geprägte Kreisdekanat Coesfeld ist ländlich strukturiert und flächenmäßig weit größer als das Kreisdekanat Recklinghausen. Es hat viel weniger Einwohner als der Kreis Recklinghausen, der der bevölkerungsreichste Landkreis Deutschlands ist. Er ist städtisch und vom Ruhrgebiet her geprägt. Die Menschen im Kreisdekanat Recklinghausen sind evangelisch und katholisch zu etwa gleichen Teilen. Dazu kommen viele Muslime, die in Coesfeld weniger vertreten sind. Eine Herausforderung sehe ich darin, mit den Muslimen weiter ins Gespräch zu kommen und auch ihre soziale Situation im Blick zu haben. Die Arbeitslosigkeit im Kreis Coesfeld liegt weit unter dem Bundesdurchschnitt. Doch ist es eine Herausforderung in den Gemeinden, sich für arme Familien einzusetzen und sie nicht zu vergessen.
Ich war von 1980 bis 1984 Vikar in Herten-Westerholt St. Martinus. Ich war von 1984 bis 1988 Regionalpräses der Katholischen Landjugendbewegung am Niederrhein. Vielleicht laufen so Linien in die Unterschiedlichkeit beider Regionalteile. Ich freue mich jedenfalls auf den Dienst.
Kirche+Leben: Welche Impulse und Schwerpunkte wollen Sie setzen?
Geerlings: Jetzt kann ich noch keine Schwerpunkte programmatischer Art nennen. Viele Menschen trauen solchen Programmen auch nicht recht. Wohl möchte ich mit vielen Menschen in den Gemeinden und Verbänden sprechen und ihnen zuhören. Daraus kann sich die eine oder andere Schwerpunktsetzung entwickeln. Das sollte aber gemeinsam passieren.
Manches ist auch durch den Terminkalender vorgegeben wie die Firmungen. Ein wichtiger weiterer Akzent wird die Neustrukturierung der Seelsorge, der Pfarreien sein. Wenn man in Kirche+Leben oder ins Internet schaut, sieht man in vielen Gemeinden und Verbänden der Region ein lebendiges kirchliches Leben. Ich sehe meine Aufgabe unter anderem darin, dieses Leben zu unterstützen und zu fördern – so gut ich es vermag.
Kirche+Leben: Was ist Ihnen spirituell-religiös wichtig?
Geerlings: Ich möchte eine Auswahl von Impulsen nennen: Mit den Priestern, Diakonen, Pastoralreferenten und Pastoralreferentinnen, Ordensleuten, den vielen beruflichen und ehrenamtlichen Verantwortlichen in den Gemeinden, in der Caritas ins Gespräch kommen darüber, wie wir die Frage nach Gott in den Mittelpunkt des christlichen Lebens stellen können. Denn die Leidenschaft für Gott ist – bewusst oder unbewusst – der Antrieb aller kirchlichen Dienste. Wie können wir die "binnenkirchliche alltägliche Gottvergessenheit überwinden?", um einen Theologen zu zitieren. Wie sind wir selber Gottsucher, Sucher nach dem Gott, der die Liebe ist?
Wichtig ist es mir ebenso, einladend und in Würde die heilige Eucharistie zu feiern, die Ausgangspunkt und Ziel der Praxis des Glaubens ist. Wenn wir auf Christus schauen, erkennen wir die Wahrheit Gottes, die Wahrheit des Menschen – Christentum ist die Entdeckung Gottes im Menschen –, die Wahrheit der Kirche. Darum beten wir.
Wir sollten uns gegenseitig unterstützen, um aus der Perspektive der Armen und Schwachen Kirche und Welt wahrnehmen zu lernen. In der Partnerschaft mit den politisch Verantwortlichen sollten wir den Armen und Schwachen, besonders den Fremden, eine Stimme geben und uns für sie vorrangig einsetzen. Wichtig ist es, die Einheit mit dem Bischof und der Gesamtkirche zu suchen und zu fördern, was unter Umständen auch den "Widerspruch aus Loyalität" beinhalten kann.
Geistlich wichtig ist mir, in ökumenischer Gesinnung katholisch zu sein. Das Wort des auferstandenen Christus "Der Friede sei mit euch!" gilt über die Grenzen der Christenheit hinaus. Christus kann entdeckt werden, indem wir mit den anderen Religionen suchen, was dem Frieden, dem guten Zusammenleben aller dient. Ebenso sollten wir die weltweite Kirche und Christenheit sowie ihre Nöte, die Armen in allen Völkern, im Blick haben als im ursprünglichen Sinn gelebte Katholizität. Dies sind einige geistliche Akzente, die mir wichtig sind. Grundlage hierfür ist immer wieder die lebendige Auseinandersetzung mit der ganzen Bibel. Insofern sind mir biblische Besinnungstage, die die biblischen Abschnitte als die eigene persönliche Weggeschichte mit Gott und den Mitmenschen entdecken helfen und darin die Wahrheit der Bibel als Gotteswort in Menschenwort finden lassen, besonders wichtig.
Kirche+Leben: Was werden Sie in den nächsten Wochen machen?
Geerlings: Wenn ich mir meinen Terminkalender anschaue, sind die Tage im September gefüllt mit Gottesdiensten zur Firmung, Wallfahrten, Gesprächen mit den Dechanten und Pfarrern, Antrittsbesuchen, Jubiläumsgottesdiensten mit verschiedenen Verbänden, Gesprächen mit Caritasmitarbeitern und vieles mehr. Am 20. September werde ich zum ersten Mal mit den beiden anderen neuen Weihbischöfen an der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz teilnehmen.
Kirche+Leben: Wie bewerten Sie den Prozess der Neustrukturierung der Seelsorge in Ihrer Region?
Geerlings: Nach der Bischofsweihe werde ich mich weiter über die Situation bezüglich dieser Frage in unserer Region kundig machen. Es gibt Beispiele von gelungener Kooperation und Fusion. Es gibt auch problematische Situationen, die noch einer Klärung bedürfen. Bischof Felix hat vor den Ferien in einem Brief an Gemeinden in Dorsten erkennen lassen, dass er nichts in diesem Prozess übers Knie brechen will. Ich glaube, dass ist für meine Tätigkeit in diesem Prozess ein guter Anknüpfungspunkt.
Kirche+Leben: Münster ist ein Verbändebistum. Welche Rolle spielen die Verbände für Sie?
Geerlings: Die Verbände sind unverzichtbar. Es ist wichtig, ihre Arbeit zu unterstützen. Sie prägen das Gemeindeleben und sind Scharnier zwischen Kirche und Gesellschaft. In den Verbänden spiegelt sich die Verbindung der Menschen und auch ihre Verbindlichkeit. Ich kann die Arbeit in der Gemeinde nicht nur auf Projekten aufbauen. Dann wird sie unzuverlässig.
Kirche+Leben: Hilft Ihnen Ihre niederrheinische Herkunft, in der Region Fuß zu fassen?
Geerlings: Ich lebe seit 22 Jahren als Niederrheiner in Westfalen und fühle mich sehr wohl. Sicherlich hat mich der Niederrhein geprägt. Ich habe in Emmerich am Rhein gelebt. Dieser große Fluss lässt einen in die Weite blicken, stromaufwärts ebenso wie stromabwärts. Dieser Weitblick hilft. Aber ich habe mich überall wo ich hingekommen bin, wohlgefühlt. Zehn Jahre habe ich mit Weihbischof Josef Voß als Wohnungsnachbarn gelebt. Mit ihm bin ich in einem regen Austausch über die Region gewesen. Ich werde übrigens seinen Bischofsstab übernehmen als Zeichen unserer Verbundenheit. Er hat ihn von Weihbischof Heinrich Baaken übernommen, der mich 1956 mit diesem Stab in der Hand gefirmt hat.
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