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11.02.2012
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Bischof Felix Genn.

Für Bischof Felix Genn haben Beratungen in Gremien eine geistliche Komponente: "Was will Jesus heute von uns?"

Bischof Felix Genn im Interview

Wenn der Geist die Sitzung leitet ...

Bistum. Kirchliches Leben – dazu gehören auch Gremien und Räte, Verbände und Gruppen. Regelmäßig treffen sich diese Kreise zu Sitzungen. Vor dem Diözesanrat betonte Bischof Felix Genn vor einigen Wochen, dass derartige Beratungen für ihn vor allem ein geistlicher Vorgang sind. – Kirche+Leben fragte nach und wollte vom Bischof wissen, was er damit meint und wie Gremienmitglieder dies praktizieren können.

Kirche+Leben: In der kirchlichen Gremienarbeit gibt es in der Regel eine Trennung zwischen dem "frommen" Teil wie etwa Gebet oder Bibelteilen am Beginn und dem folgenden Rest der Tagungsarbeit. Was ist daran nicht gut?

Genn: Im Schnittpunkt des Hörens geschieht die Umgestaltung der Welt und meines Lebens im Sinne Jesu.

Bischof Felix Genn: Zunächst möchte ich sagen, was daran gut ist. Gut ist das Bewusstsein: Was wir hier tun, steht im Zusammenhang mit Glaube und Kirche. Deshalb ist es durchaus angebracht, mit einem Gebet zu beginnen, um auf diese Weise allen zu zeigen: Wir versuchen, unser Tun mit dem zu verbinden, was der Wille Gottes ist.

Kirche+Leben: Und was ist nicht gut?

Genn: Nicht gut ist, wenn man dann zu einer Tagesordnung übergeht, bei der man den Eindruck hat, das Erste hat mit dem Zweiten gar nichts mehr zu tun. Wir sollten das Eine mit dem Anderen besser verzahnen.

Kirche+Leben: In diesem Sinn sagten Sie vor dem Diözesanrat, dass Beratung für Sie eine geistliche Komponente habe und ein geistlicher Vorgang sei. Wie meinen Sie das?

Genn: Ich finde es interessant, dass dies zur Frage wird. Offen gestanden: Ich habe auch damit gerechnet, dass das so kommt. Schauen Sie, was Gregor von Fürstenberg, der Vizepräsident von Missio, beim Festvortrag bei der Verabschiedung von Frau Pernhorst als Vorsitzende der diözesanen Laienvertretung gesagt hat. Er hat beschrieben, dass es eigentlich eine Selbstverständlichkeit in der Weltkirche ist, genau diese Verbindung, von der wir gesprochen haben, zu versuchen. In den so genannten "Kleinen Christlichen Gemeinschaften" geschieht das in großer Lebendigkeit.

Kirche+Leben: Welche Lehren lassen sich daraus ziehen?

Genn: Unser Christenleben besteht aus einem doppelten Hören. Einmal aus dem Hören: Was ist im Augenblick Sache? Was steht zur Debatte? Und dann aus dem noch tieferen intensiven Hören auf das, was Gott mit seinem Wort in der Schrift und in der Lehre der Kirche uns vermittelt. Und im Schnittpunkt des Hörens geschieht die Umgestaltung der Welt und meines Lebens im Sinne Jesu. – Das meine ich mit Beratung als geistlicher Vorgang.

Kirche+Leben: Das ist hierzulande sicher nicht allerorten so üblich. Geht das so einfach?

Genn: Das muss man einüben und kann so ein Gespür dafür entwickeln. Man muss vor allen Dingen das Bewusstsein überwinden: "Oh, es soll nicht zu fromm zugehen!"

Kirche+Leben: Warum ist Ihnen dies wichtig?

Genn: Vielleicht schenkt uns der Herr erst eine Erkenntnis, wenn wir tiefer gebohrt haben.

Genn: Zunächst einmal, weil ich für mich selber mein eigenes Leben gar nicht anders denken kann. Zum anderen sehe ich darin ein Geschenk, das mir Laien machen. Die "Kleinen Christlichen Gemeinschaften", von denen Fürstenberg gesprochen hat, sind Laienbewegungen. Lassen Sie es mich salopp sagen: Das ist für mich genau die Einflugschneise des Zweiten Vatikanischen Konzils. Denn ohne einen engagierten Einsatz von Laien in der Kirche – und dies meine ich jetzt nicht mit Blick auf den Priestermangel – können wir heute nicht Kirche sein. Aber das bedeutet meinerseits auch, den Laien zu helfen, auf das Wort Gottes und damit auf die Stimme des Geistes zu hören und dafür sensibel zu werden. Deshalb ist mir das so wichtig.

Kirche+Leben: Viele Ratsmitglieder im Diözesanrat konnten nicht so recht etwas mit dieser Vorstellung anfangen. Wundert Sie das?

Genn: Das verstehe ich. Und das ist auch keine Schande. Wir sind es vielfach nicht gewohnt.

Kirche+Leben: Die Gewöhnung ist eigentlich, dass jemand vorne sitzt, ein geistliches Wort spricht und eine Vorgabe macht.

Genn: Oder man kommt beim klassischen Bibelteilen nicht zu der Frage, was Jesus heute von uns will. Dabei fängt es an diesem Punkt an, spannend zu werden.

Kirche+Leben: Wie kann dann in diesem Sinn Beratungstätigkeit in Gremien ein geistlicher Vorgang werden?

Genn: Zum Anfang kann man ja jemanden einladen, der dies bereits praktiziert; das sind zum Beispiel die "Gemeinschaften Christlichen Lebens" (GCL). Dann merkt man, das sind normale Christen und sie tun das, ohne abzuheben. Gut wäre diese Hilfestellung. Das wird ja auch sonst gemacht in der Gemeindeberatung, bei Supervisionen, bei einer Schulung. Warum sollte man das in dieser Frage nicht auch tun? Es wäre eine geistliche Schulung für Gremientätigkeit. Dies erfordert allerdings, dass man sich ganz bewusst dafür öffnet und bereit ist, mit dem anderen seinen Glauben zu teilen und zu fragen, was Jesus von uns heute will.

Kirche+Leben: Die Erfahrung zeigt aber, dass dies eine gewisse Vertrautheit braucht und auch den Mut, sich in dieser Weise zu öffnen.

Genn: Das ist sicher richtig, auch Priester tun sich oft damit schwer.

Kirche+Leben: Auch Priester?

Genn: Ja, weil sie es vielleicht auch nicht gelernt haben. – Lassen Sie mich von mir berichten: Als ich 1969 ins Priesterseminar kam, haben wir gelernt, miteinander Schriftgespräche zu führen. Wenn man das sieben Jahre gemacht hat, wird das zu einer Selbstverständlichkeit. Ich mache das also schon seit Jahrzehnten. Daher kann ich sagen: Es ist eine Kostbarkeit, bei der man viel lernen kann. Dadurch wird man auch sensibel und springt nicht gleich auf die erstbeste Lösung an. Vielmehr ist man dann bereit, den langen Atem zu haben, in dem Bewusstsein: Vielleicht schenkt uns der Herr erst eine Erkenntnis, wenn wir tiefer gebohrt haben. Und es dauert womöglich ein Jahr, wenn wir an einem Problem arbeiten.

Kirche+Leben: Das bedeutet, immer wieder neu die Frage aus dem klassischen Bibelteilen zu stellen: Was will Jesus von uns in dieser konkreten Situation?

Genn: Ein Beraten im geistlichen Sinn: Alle sind bereit, das Wort Gottes zu hören.

Genn: Ich benutze gern das Bild vom Wiederkäuen, das die großen Theologen der frühen Kirche gebraucht haben: Man nimmt sich ein Wort aus der Heiligen Schrift und kaut das immer wieder: man wiederholt es, denkt darüber nach, betet mit dem Wort. Immer wieder aufs Neue bedenkt man: Was heißt das denn jetzt – für mich, für uns?

Kirche+Leben: Inwieweit unterscheidet sich eine gemeinsame Ratstätigkeit in diesem geistlich verstandenen Sinne von einer parlamentarischen Beratung?

Genn: In der parlamentarischen Beratungstätigkeit spielen ganz andere Komponenten eine Rolle. Gruppen möchten ihre Interessen durchsetzen. Es geht um Macht: Welche Gruppe tut sich mit einer anderen Gruppe zusammen, um durch Koalitionen ein bestimmtes Ziel zu erreichen? Da wird dann auch schon mal mit Druck gearbeitet zur Durchsetzung von Zielen. Ein Beraten im geistlichen Sinn sieht anders aus: Alle sind bereit, das Wort Gottes zu hören. Und: Wir sind bereit, auf den anderen zu hören.

Kirche+Leben: Wenn geistliche Beratung ein Tun im Geist Christi ist, muss dann nicht auch der Heilige Geist immer bestimmender werden für alle, die an diesem Prozess beteiligt sind?

Genn: Ja, das ist eine Erfahrung der Übung und der offenen Bereitschaft. Aber es kann durchaus möglich sein, dass jemand im Grunde seines Herzens schon längst entschieden hat, der Heilige Geist soll mir mal nicht zu nahe treten. Dann hat der Geist wahrhaftig keine Chance. Ich muss schon bereit sein zu sagen: Was will er jetzt von mir?

Kirche+Leben: Können Sie das an einem Beispiel deutlich machen?

Genn: Ich führe ein Gespräch in dem Bewusstsein, dass ich zwar bestimmte Punkte benennen möchte, aber ich lasse mich innerlich führen, wie der Heilige Geist mir jetzt durch den anderen entgegenkommt. Ich merke dann schon, ob ich Druck verspüre, der nicht vom Geist kommt, oder ob der Geist jetzt durch den anderen zu mir spricht.

Kirche+Leben: Es geht also um eine Haltung der Offenheit.

Genn: Ja. Es hilft jedem Christen, wenn er den Tag beginnt mit einem kurzen Gebet zum Heiligen Geist. Dann ist auf jeden Fall die Bereitschaft vorhanden, für diesen Geist offen zu sein.

Kirche+Leben: Was setzt dies für die an den Beratungen beteiligten Personen voraus?

Genn: Es geht auch um die Bereitschaft, immer wieder neu umzukehren. Also zu sagen: Halt, hier kann ich mir auch vom anderen etwas sagen lassen. Das gilt auch für den Bischof. Und was habe ich mir schon von Leuten sagen lassen ...

Kirche+Leben: Wie gehen Sie dann damit um?

Genn: Wie gesagt: Ich spüre, ob sich da Druck aufbaut, der nicht vom Geist kommt. Im guten Sinn habe ich schon sehr oft von Menschen, die wirklich beten und glauben, unendlich viel empfangen von Priestern und Laien.

Kirche+Leben: Eigentlich erwartet man das umgekehrt.

Genn: Die Hierarchie hat den heiligen Ursprung von Christus her zu repräsentieren und immer gegenwärtig zu halten, aber sie hat sich nicht über die anderen zu setzen.

Genn: Wir denken: da ist die Hierarchie und da sind die Laien, die da oben und die da unten. Aber das ist nicht so: Die Hierarchie hat den heiligen Ursprung von Christus her zu repräsentieren und immer gegenwärtig zu halten, aber sie hat sich nicht über die anderen zu setzen.

Kirche+Leben: Sie legen Wert darauf, den Menschen zu sagen: Alle sind geistbegabt.

Genn: Natürlich. Wenn Sie morgens als Familienvater und Ehemann Ihren Plan für den Tag haben und das im Geist Christi tun wollen, dann aber eines Ihrer Kinder quengelt, dann fängt da schon die geistliche Übung an. Werden Sie ungeduldig oder versuchen Sie es mit Geduld? Schon haben Sie einen Akt des Geistes oder Ungeistes gesetzt.

Kirche+Leben: Der heilige Ignatius ermuntert dazu, Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden. – Setzt "geistliche Beratung" dies voraus?

Genn: Auf jeden Fall. Und dies ist auch wichtig bei all den Dingen, die mir auf den ersten Blick nicht gefallen. Kirche+Leben: Haben Sie ein Beispiel?Genn: Wenn mich jemand kritisiert, wenn ich auf Situationen treffe, die in Spannung zu dem stehen, was das Evangelium verkündet, wenn ich lernen muss, den Anspruch des Evangeliums und zugleich die Liebe gegenüber den Menschen, die diesem Anspruch nicht genügen, nicht zu verletzen.

Kirche+Leben: Im Grunde geht es also um einen Weg, das Trennende zwischen dem Frommen oder Heiligen und dem Alltäglichen oder Säkularen zu überwinden?

Genn: Ganz genau. Ich kann das ganz kurz zusammenfassen: Mose ist in der Wüste, einem Ort, wohin er geflohen war. Das ist eigentlich ein verruchter Ort. Aber gerade dort ruft Gott ihm aus dem Dornbusch zu: Der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. Gott offenbart sich ihm im brennenden Dornbusch. Sagen wir es plastischer: aus dem Gestrüpp. Gott ist im Gestrüpp – im vermeintlich Banalen, im Gewöhnlichen.

Kirche+Leben: Wenn Gott dann seinen Namen offenbart mit "Ich bin", heißt dann nicht christliche Existenz, sich dieser Gegenwart Gottes bewusst zu sein und auch so zu leben?

Genn: Ja – und zwar in allem. Und seit er durch Jesus Christus Mensch geworden ist, liebt er wirklich diese Welt, und die Welt ist seine Welt.

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