
Laufrevier direkt vor der Klostertür: Schwester Lucia joggt gern über die Promenade.
Schwester Lucia Dießel startet bald zu ihrem zweiten Marathon
Laufend Antworten finden
Münster. Es sei der gleiche Weg, sagt sie. "Nur dass ich ihn zum einen laufen, zum anderen auf ihm still werden und beten kann." Clemensschwester Lucia Dießel tut beides. Seit etwa drei Jahren joggt sie regelmäßig, trainiert mit den Laufsportfreunden Münster und bereitet sich auf Wettkämpfe vor. Was sie dabei erlebt, bereichert ihren Ordensalltag und gibt ihr Kraft für ihre Aufgaben.
Sie laufe gern, viel und weit, sagt Schwester Lucia Dießel. Es sei aber kein Wegrennen: "Keine Flucht aus meinem klösterlichen Leben – es ist eine Einheit." Was sie beim mehrmaligen Laufen in der Woche erlebe, bereichere ihren kontemplativen Alltag genauso wie ihre Arbeit als Seelsorgerin in einem Krankenhaus in Emsdetten.
"Es ist für mich wie eine Aktivmeditation", sagt die Clemensschwester aus Münster. "Ich kann meine Gedanken kommen und gehen lassen." Das sei ähnlich wie bei dem Herzensgebet, das sie jeden Tag spreche: "Durch das immer wieder Gleiche schaffen sich Erinnerungen und Ideen Platz, die sonst nicht an die Oberfläche kommen." Nichts anderes geschehe auch dem Pilger, der lange Strecken zu Fuß gehe. Er sei zuerst davon erfüllt, was er erlebt habe, dann aber komme die Tiefe in die Gedankengänge. "Erst denkst du, dann wirst du gedacht", sagt sie dazu. "Wie ein Steinmetz, der viel Stein abschlagen muss, um an das verborgene Bild zu kommen."
Alltagsprobleme könnten sich dadurch schnell relativieren, hat die Ordensfrau erlebt. Gerade in ihrer Aufgabe als Krankenhaus-Pastoralreferentin lade sie sich manchmal viel an Fragen und Sorgen auf. "Wenn du etwa den Tag am Bett eines Sterbenden verbracht hast, hilft es enorm, ein wenig Abstand gewinnen zu können." Und dieser "Reinigungsprozess" gelingt ihr besonders gut, wenn sie sich um ihre Seele und ihren Körper kümmert: "Das Laufen ersetzt nicht das tägliche Gebet – aber es schafft mir zusätzlichen Raum für meine Auseinandersetzung mit eben jenen Fragen, die ich mitbekommen habe."
Wie nah diese zwei Seiten für sie zusammengehören, zeigt ihr Tagesrhythmus. Morgens betet sie die Laudes und feiert die Eucharistie, bevor sie nach Emsdetten aufbricht. Sie kehrt erst am späten Abend zurück, wenn die gemeinsamen Gebetszeiten vorbei sind. In der Zeit, in der im Kloster dann die abendliche Ruhe einkehrt, schnürt sie die Laufschuhe. Ein bis zwei Stunden ist sie unterwegs, um nachher der Meditation wieder Raum zu geben. "Auf meiner kleinen Kniebank spreche ich das Jesus-Gebet."
Nicht selten überschneiden sich aber auch Besinnlichkeit und körperliche Aktivität. Etwa dann, wenn sich beim Laufen Glaubensimpulse ergeben, nach denen sie vielleicht lange gesucht hat. "Manchmal danke ich dann einfach Gott dafür, dass ich eine solche Erkenntnis habe." Oder sie lobt ihn, wie bei ihren Laufwegen durch die Rieselfelder am Wochenende. Dann summe sie gern Kirchenlieder vor sich hin. "Großer Gott, wir loben dich ..." ist dabei einer ihrer Favoriten.
Etwas unerwartet ist es trotzdem, eine Clemensschwester durch die münsterländische Parklandschaft trimmen zu sehen. Der Laufsport liegt im allgemeinen Trend, als Ordensfrau setzt sie dagegen einen außergewöhnlichen Akzent. Wie passt das zusammen? "Ich bin mehr als 31 Jahre im Kloster und lebe gern in der klösterlichen Tradition." Mit der sie auch nicht breche, wenn sie trainieren gehe. Wenn früher Zeit für die so genannte Rekreation war, ist das Laufen jetzt ihre "Wiederherstellung". Und sie achte darauf, dass der Kontakt mit den vielen älteren Schwestern im Mutterhaus nicht zu kurz komme. "Die meisten von ihnen finden es sogar gut, dass ich trainiere, weil sie merken, dass es mir gut tut." Außerdem sei sie in ihren Reihen nicht die einzige Sportbegeisterte: "Es gibt einige, die walken, und eine andere läuft Inline-Skates."
Schwester Lucia fühlt sich besser, wenn sie in Bewegung ist. Das war schon immer so. Etwa damals, als sie in einer kleinen Schwesterngruppe in Münster-Kinderhaus lebte. "Wir wollten einmal probieren, ob wir den Alltag nicht auch ohne Auto meistern können." Das hieß für Schwester Lucia, jeden Tag neun Kilometer Fahrradstrecke zum Clemenshospital und zurück. "Zuzüglich der zum Teil körperlich schweren Arbeit in der Pflege." Schwimmen und Bergwandern gehören damals wie heute zu ihren Freizeit- und Urlaubsaktivitäten.
In ihrer Ausbildung zur Pastoralreferentin kam dann aber etwas Neues hinzu. Eine Kollegin wollte abnehmen und suchte eine Mitläuferin. Schwester Lucia sträubte sich erst. "Ich war schon 50 Jahre alt und fühlte mich zu alt für den Einstieg." Schließlich ließ sie sich doch überreden und machte die ersten Runden mit – in Straßenschuhen. Eine schmerzhafte Erfahrung, die erst gelindert wurde, als sie die Joggingschuhe des Sohns ihrer Mitstreiterin geschenkt bekam. Die hörte irgendwann dann wieder auf mit dem Sport. Schwester Lucia aber war auf den Geschmack gekommen.
Seither sind ihre Strecken länger und ihr Training anspruchsvoller geworden. Dabei genießt sie auch die gemeinsamen Lauftreffs im Verein zwei Mal in der Woche. "Das ist kurzweilig, weil es immer etwas zu erzählen gibt." Zu tieferen Glaubensgesprächen aber kommt es nicht, auch wenn ihre Vereinskameraden ihren Hintergrund kennen. "Solche Gespräche habe ich eher, wenn ich meine Runden mit einer Freundin drehe." Laufmüde ist sie dabei in der ganzen Zeit noch nie geworden – egal ob es regnete oder schneite. "Wenn ich überhaupt keine Lust verspüre, dann weiß ich, dass ich das Laufen ganz besonders nötig habe." Und wenn ihr im Training der "innere Schweinehund" begegne, dann begrüße sie ihn freundlich: "Er muss dann einfach mitlaufen."
Dass sie so schnell auch Wettkampfformat erreichte, freut sie. "Das ist das Salz in der Suppe." Es sei schön, lange auf etwas hinzuarbeiten und dann seine eigene Leistung im Vergleich zu genießen. Bei vielen großen und kleinen Veranstaltungen hat sie das getan. Etwa beim Teutolauf – 30 Kilometer lang und mit 600 Metern Höhenunterschied. Oder bei dem bisherigen Höhepunkt in ihrem Läuferleben, dem Stadtmarathon in Münster im Jahr 2008. "Viele Freunde, Bekannte und Mitschwestern waren an der Strecke und haben mich angefeuert", erinnert sie sich. "Und ich habe unzählige Kinderhände abgeklatscht." Auf den letzten Metern habe sie sich so ausgeglichen gefühlt wie noch nie. Die Zeit von vier Stunden und 40 Minuten war ihr dabei egal. "Ich habe einfach nur die Atmosphäre genossen." Das will sie auch in diesem Jahr tun, wenn sie wieder beim Marathon in Münster antritt. "Vielleicht kann ich meine Zeit ja um zehn Minuten verbessern", fügt sie dann noch hinzu. "Ein wenig Ehrgeiz kann nicht schaden."
Text: Michael Bönte | Foto: Michael Bönte in
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