
Bischof Felix Genn.
Zum Weltgebetstag um Geistliche Berufe
Berufung – Nachfolge im Lebensmodell Jesu
Bistum. Anlässlich des Internationalen Priesterjahrs hat Bischof Felix Genn ein Buch mit Geistlichen Impulsen über das Priestertum herausgebracht, in dem er verschiedene Vorträge zusammenstellte. Zum Weltgebetstag um Geistliche Berufe an diesem Sonntag veröffentlicht Kirche+Leben einen Auszug aus einem Vortrag des Bischofs vor Priestern des Bistums Würzburg über die Berufung jedes Menschen und die Berufung zum Priester.
Was ist unter Berufung zu verstehen? Halten wir einen Augenblick inne und sondieren wir das Feld, auf dem in dieser Hinsicht zurzeit gearbeitet wird. Ich sprach von den verschiedenen Initiativen der Berufungspastoral in den deutschen Diözesen. Sehr gern wird dabei der Begriff der Berufung ausgedehnt auf die Würde, Mensch zu sein, auf die Gnade, Christ zu sein, und im Besonderen auf das Herausgerufen-Werden, Zeuge des Evangeliums zu sein. So gliedert sich oft ein Jahr der Berufung in die drei Schritte: "Berufen zum Menschsein – Berufen zum Christsein – Berufen zum Jüngersein bzw. Zeuge zu sein". ...
Davon zu sprechen, dass Menschsein eine Berufung ist, dass wir berufen sind, Menschen zu sein, kann nur auf der Grundoption des Glaubens bestehen. Das verleiht unserem menschlichen Dasein eine hohe Würde. Nur vom Glauben her kann der Mensch sich als ein ins Dasein Gerufener verstehen, als einer, der im Gegenüber zu Gott steht, der ihn ruft, und als einer, der sich in Dankbarkeit seines Berufenseins bewusst ist und mit seinem Leben eine Antwort auf diesen Ruf geben möchte. ...
Die Perspektive der Berufung zum Menschsein hat ihre Grundlage in der alttestamentlichen Bundestheologie, der zufolge sich der gläubige Israelit immer wieder neu der besonderen Erwählung inne wurde, die er als Angehöriger dieses Volkes erfahren hat. Der Schöpfungsbericht ist das Bekenntnis, dass der Gott, mit dem Israel sich im Bund weiß, nicht ein "Spezialgott" für ein bestimmtes Volk ist, sondern der Schöpfer des Kosmos' und des Menschen. Aus der Erfahrung der Erwählung Israels als Gottes besonderes Eigentum kann Israel das Bekenntnis zu Gott als Schöpfer nur in der Perspektive der Bundestheologie formulieren. Damit eröffnet es einen Raum für eine Sichtweise vom Menschen, die ihn als Partner Gottes in eine besondere Gnade und Verantwortung ruft.
In herausragender Weise wird dies im Bekenntnis zu Christus deutlich. In ihm wird nämlich der Glaube Israels an seinen Schöpfer und Erlöser über den Glauben Jesu selbst offenkundig, über sein Handeln und sein Verkündigen und erst recht über sein Leiden und Sterben zum Glauben an einen Gott, der sich ganz für sein Geschöpf einsetzt. Im Kreuzestod Jesu eröffnet Gott eine neue Weise der Beziehung zu sich selbst; in ihm ruft er den Menschen heraus "mit einem heiligen Ruf", wie der zweite Brief an Timotheus (1, 9) ausdrücklich sagt. Gott ruft den Menschen in die Gemeinschaft mit sich und damit in den Raum der Erlösung von Sünde und Tod.
Das kann der einzelne Mensch dadurch erfahren, dass er sich Jesus Christus anschließt. In Taufe und Firmung wird die Gabe des Geistes zuteil. Der Vater, der ins Leben ruft, offenbart sich im Sohn, der in seine Jüngerschaft hineinruft, der den Menschen durch die Befreiung von der Sünde als der Macht des Todes und durch den Tod als die Folge der Sünde zu Söhnen und Töchtern Gottes macht. Das meint mehr als das Berufensein zum Menschsein; es ist die Berufung ins Christsein.
Damit ist es zugleich gegeben, berufen zu sein, von dieser Christusgemeinschaft Zeugnis abzulegen. Berufen zu sein, als Christ die Gnade der Erlösung anzunehmen, birgt in sich selbst bereits den Ruf, davon Zeugnis zu geben und als Jünger Jesu zu leben. Jünger zu sein bedeutet, Christ zu sein und Missionar. Beides gehört innerlich zusammen.
Die Fülle ausschöpfen
Die Berufungsinitiativen der einzelnen Bistümer legen genau darauf Wert: die Gnade des Christseins als ein Herausgerufensein zu betrachten und kirchliche Existenz nicht als ein Versorgtwerden für das Leben und das Sterben anzusehen. Es geht also um mehr als bloß darum, das menschliche Leben, wie ich es nun einmal erfahre und in dem ich mich vorfinde, einigermaßen gut zu gestalten und über die Bühne zu bringen. Es geht darum, die ganze Fülle auszuschöpfen, die mein Menschsein enthält, erfahre ich mich doch von einer tiefen Sehnsucht und Unruhe geprägt. Von ihr ist mein Herz ganz erfüllt und kommt deshalb kaum zur Ruhe, es sei denn in Gott selbst, wie Augustinus klassisch formuliert hat. Es geht darum, den Mehrwert zu entdecken, der im Glauben an den Schöpfer und den Erlöser steckt. Das erfordert in der Tat Mut, nämlich aus dem Gängigen und Üblichen auszusteigen und auszugreifen in Dimensionen, die meinem Menschsein eine Fülle geben, die sogar der Macht des Todes standhält. ...
Das Konzil hat in der Tat die Berufung aller zur Heiligkeit betont. ... Macht das die Rede von der Berufung zum Priester- und Ordensstand völlig überflüssig?... Wir wissen, dass wir uns an dieser Frage in den letzten Jahrzehnten sehr abgearbeitet haben, vielleicht bisweilen auch einen Schlingerkurs gefahren sind. ... Bisweilen hat das die Berufungsperspektive nivelliert, die in eigener Weise den priesterlichen Dienst und das Leben in den evangelischen Räten in den Blick nimmt.
Vom Konzil her war das nicht gewollt. ... Das Konzil hat ... nicht eine Nivellierung vornehmen wollen, sondern die Gewichte innerhalb des Volkes Gottes genau gesetzt. Wir haben viel zu leicht einen weiten Begriff von Berufung in den letzten Jahren gepflegt und insofern Berufung im kirchlichen Rahmen in vielfältiger Hinsicht äquivok (mehrdeutig) gebraucht. ... Es tut Not, noch einmal genauer zuzusehen, was speziell mit dem Begriff der Berufung gemeint ist. ...
Wie die Propheten als Einzelne zu Gunsten des Volkes berufen wurden, um dem Volk Israel ihre eigene Berufung zu Gunsten der Heiden vor Augen zu stellen, so werden aus diesem Gottesvolk der Christen Einzelne gerufen, alles zu verlassen, um die Grundberufung des Christseins, für die ganze und vollständige Welt da zu sein, ins Bewusstsein zu rufen, darzustellen und in ihrem eigenen Leben radikal zu verwirklichen. Dabei übernehmen sie das Modell Christi, der vom Vater gerufen ist, für die ganze verlorene Welt einzustehen. Jesus ist in seiner Existenz der, der den Bund Gottes mit Israel lebt. Er ist derjenige, der die Sendung Israels zu Gunsten der anderen in seiner Existenz vollständig lebt, indem er sich im Gehorsam völlig dem Vater überantwortet, ganz aus der Armut lebt, sich vom Geist führen zu lassen, und seinen Leib eucharistisch verteilen lässt, damit das Weizenkorn wahrhaft Frucht bringt. Das ist seine Lebens- und Existenzweise. In diese beruft er Menschen aus seinem freien Willen, sowie er Maria und die Apostel gerufen hat. Das ist Berufung im eigentlichen biblischen Sinne.
Es geht um den Ruf in die Nachfolge seines Lebensmodells. Dies aber kann nur bedeuten, völlig bereit zu sein, so wie Maria es getan hat, ja so wie Jesus es selber vorlebt, wenn er sich ganz dem Willen seines Vaters in einem grenzenlosen Gehorsam aussetzt und auf diese Weise durch sein Wirken und Leiden fruchtbar wird, die Ernte Gottes bewirkt.
Die Kirche hat im Lauf der Jahrhunderte diese Grunddimension christlichen Lebens ausgestaltet in der Form der Evangelischen Räte. Sie sind sozusagen die konkreten Weisen der Nachfolge, die Bereitschaft auszudrücken, sich dem zur Verfügung zu stellen, was Gott braucht, verwendbar zu sein für sein Werk und sein Reich, Arbeiter für seine Ernte zu sein.
Sie zeigen konkret, dass der Einzelne sich – wie die Jünger dem Meister Jesus – in freier Verfügung anbietet und deshalb in den Gehorsam eintritt, den der Sohn selber lebt, und aus dessen Kraft er im Heiligen Geist die Erlösung der Welt gewirkt hat. Jungfräulichkeit ist die totale Disponibilität von Leib und Fruchtbarkeit für die eucharistische Verteilung des Leibes Jesu selbst, worin die Ernte Gottes am deutlichsten und dichtesten sichtbar wird. Armut der Berufenen zeigt dann noch einmal sehr deutlich, dass man nichts hat außer Gott, dass die Welt immer ein Stück Fremde und Wüste bleibt und dass in Gott der einzige Reichtum liegt, dem alles andere untergeordnet und zur Verfügung gegeben wird. Das ist der christliche Berufungsbegriff, von einer absoluten Zwecklosigkeit charakterisiert, weil es nur um das Werk Gottes geht.
Buchhinweis:
Bischof Felix Genn
"Das Priestertum ist die Liebe des Herzens Jesu"
181 Seiten, gebunden, 14,80 Euro,
Dialogverlag Münster,
ISBN 978-941462-22-9
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Text: Bischof Felix Genn in
Kirche+Leben | Foto: Michael Bönte
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