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23.05.2012
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Ungefiltertes Miteinander.

Laudes in der Wohngemeinschaft (v.l.): Michael Ostholthoff, Thorsten Schmölzing, Hendrik Klostermann und Christoph Brandt.

Priester und Studenten leben in einer Wohngemeinschaft zusammen

Ungefiltertes Miteinander

Münster. Nach der Laudes ist gemeinsames Frühstück, immer am Donnerstag. Am Montagabend wird gemeinsam Eucharistie gefeiert, danach gibt es auf der Etage der Studenten Abendessen. Es sind Ankerpunkte im Alltag der Wohngemeinschaft von zwei Priestern und drei Studenten in Münster, der auch sonst nicht nebeneinander herläuft. Man bekommt viel vom Leben des anderen mit.

"Es ist kein Standardpfarrhaus", sagt Theologie-Student Christoph Brandt. "Es ist eine ganz außergewöhnliche Gemeinschaft." So außergewöhnlich wie die Idee, die dahintersteckt. Als Diözesanjugendseelsorger Thorsten Schmölzing und der Leiter der Diözesanstelle Berufe der Kirche, Michael Ostholthoff, vor etwa zwei Jahren Unterkünfte in Münster suchten, schauten beide nach einer Alternative zur Single-Wohnung oder zum isolierten Rückzug in ein großes Pfarrhaus. "Ich wäre eingegangen, wäre ich allein in eine Etagenwohnung gezogen", sagt Schmölzing. Und auch Ostholthoff hätte mit dem alltäglichen Leben ohne direkten Kontakt zu anderen Menschen "wenig anfangen können".

Die Idee der Priester-Wohngemeinschaft im Pfarrhaus von St. Martini in Münster war geboren, aber noch nicht zu Ende gesponnen. Das Haus war groß und viele Zimmer standen leer. "Wir wollten das Pfarrhaus für junge Menschen öffnen, damit sie erleben können, wie ein Priester lebt", erklärt Schmölzing die weiteren Gedanken. "Das ist doch ein großes Pfund gerade für die Berufungspastoral", ergänzt Ostholthoff. "Wir wollen den jungen Menschen nicht das Außergewöhnliche des Priesterdaseins präsentieren, sondern sie in unseren Alltag mitnehmen."

Mit Unterstützung einiger Weihbischöfe und finanzieller Zuwendung vom Bistum wurde das Projekt umgesetzt. Derzeit wohnen drei Studenten in der obersten Etage des Pfarrhauses, ein Zimmer steht immer für Gäste bereit, die für einige Zeit "hineinschnuppern" wollen. Damit schließt man in den Augen von Schmölzing eine Lücke im Angebot für junge, kirchlich interessierte Menschen. "Ich glaube, dass sie sich heute später entscheiden, manchmal auch erst nach dem Studium – für das Borromaeum oder das Institut für Diakonat und Pastorale Dienste ist es für manche zu früh."

In der "Pfarrhaus-WG" ergeben sich dabei viele Einblicke in ein geistliches Leben. Vorurteile und Schieflagen im Blick auf die priesterlichen Aufgaben könnten so schnell abgebaut werden, sind sich die beiden Priester sicher. Gerade weil sich das Zusammensein längst nicht nur auf die geistlichen Zeiten beschränke. "Wichtig sind die ganz normalen Gespräche zwischendurch", sagt Hendrik Klostermann. Der Jurastudent schätzt das gegenseitige Interesse am Leben des anderen. "Wir sprechen über das Studium, über Sport, über tagesaktuelle Themen aus den Medien." Mit Ostholthoff geht er regelmäßig auf der Promenade joggen. "Das Bild vom Priester wird dadurch ein anderes."

"Wir erleben ihren Alltag, mit allen Freuden, aber auch mit ihrem Frust", sagt Brandt. "Es ist auch bei ihnen längst nicht alles Sonnenschein." Stress, der enge Terminplan, kleine und große Probleme – man bekomme mit, was alles zum Priesterleben dazugehöre. "Sie tingeln nicht nur von Gottesdienst zu Gottesdienst, sondern müssen sich mit ganz praktischen Problemen auseinander setzen, wenn etwa Tische und Stühle im Pfarrheim nicht an der richtigen Stelle stehen." Der Blick auf die Arbeit eines Priesters sei für ihn realistischer geworden.

Das bestätigt auch Klostermann: "In meiner Heimatgemeinde war der Kreis der Geistlichen etwas Exklusives." Persönliches habe er von ihnen kaum mitbekommen. "Aber gerade das Handeln außerhalb ihrer Funktion hat für mich das Bild positiv verändert", beschreibt Klostermann das WG-Leben mit den Priestern in Münster.

Schmölzing weiß, dass Jugendliche oft ein idealisiertes Bild vom Priester als "heiligem Mann" haben. "Sie kennen ihn nur aus reglementierten Situationen." Wenn sie diese Situationen auf das gesamte Leben des Geistlichen hochrechneten, entstehe ein "Bild ohne Erdung". "Die Ansprüche sollten aber nicht so hoch sein, sonst ist auch der Kontakt kaum möglich."

Entscheidend für den ehrlichen Eindruck sei die Tatsache, dass in der WG ehrlich gesprochen werde. "Sie hören die ganze Wahrheit, ob sie es wollen oder nicht", sagt Ostholthoff. Es sei eben nichts gefiltert wie sonst häufig im Kontakt mit Geistlichen. Freude und Frust seien deutlich herauszuhören, bei allen Themen. "Da bekommst du oft einen neuen Blickwinkel oder eine andere Tiefe bei bestimmten Fragen", sagt Brandt. Was keine Einbahnstraße ist. Auch Ostholthoff und Schmölzing freuen sich über den Einblick in das jugendliche Leben, gerade auch weil nicht nur Theologiestudenten in der WG wohnen. "Dadurch erlebt man viel mehr Facetten", so Ostholthoff. Die auch sie weniger gefiltert erreichten als sonst. "Wenn Jugendliche zu mir in die Diözesanstelle der Kirche kommen, haben sie oft konkrete Fragen rund um kirchliche Berufe." Die Themen in der WG sind dagegen vielseitiger: "Engagement im Jugendverband, Themen aus dem Studium, viel Alltägliches."

Eine "riesige Bereicherung" nennt Schmölzing das. "Michael Ostholthoff und ich sind zwar den ganzen Tag mit pastoralen Fragen rund um die jungen Menschen beschäftigt, einen ständigen Kontakt zu ihnen haben wir aber nicht." Zu erfahren, was sie gerade bewegt, wo Ärger oder auch Spaß liegen, seien wichtige Informationen. "Ich finde es daher auch gut mitzubekommen, wenn sie abends in ihren Zimmern mal etwas länger feiern."

Man weiß vom Leben des anderen und kann das Wissen für sein eigenes Engagement nutzen. Was für das Zusammenwohnen von Studenten und Priestern zählt, gilt im Besonderen auch für das Zusammenwohnen von Ostholthoff und Schmölzing. Die kurzen Wege zwischen dem Diözesanjugendseelsorger, der auch gleichzeitig Präses der Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) im Bistum ist, und dem Leiter der Diözesanstelle Berufe der Kirche, schaffen große Synergieeffekte. "Die Absprache zwischen diesen beiden Stellen läuft in anderen Bistümern vielleicht drei Mal im Jahr, wir schaffen es drei Mal am Tag."

"Ich bin da auch ein wenig freier Mitarbeiter von ihm", sagt Schmölzing. "Denn seine Aufgabe habe ich immer im Hinterkopf." Durch seine Arbeit mit den Verbänden und Gruppen, aber auch in seinem Engagement in der Jugendkirche "effata!" habe er eine größere Oberfläche im Kontakt mit jungen Menschen. Er könne heraushören, wenn jemand sich über seinen Einsatz hinaus für den Dienst in der Kirche berufen fühle. Nicht selten könne er dann an die Diözesanstelle vermitteln. Entscheidend sei dabei auch der andere Blickwinkel, mit denen er den jungen Menschen begegne, findet Schmölzing. "Ich möchte eine Brücke zwischen ihrer Wirklichkeit und Gott bauen." Die Diözesanstelle begegne ihnen meist erst, wenn sie schon einen weiten Weg über diese Brücke gelaufen seien.

"Der Kontakt hilft mir, die Bodenhaftung zu halten", sagt Ostholthoff. "Ich kann die Lebenswirklichkeit junger Menschen im Blick behalten, die Anfragen aus ihrem Umfeld, die Hoffnungen und Sorgen." Denn nur ein ganz geringer Prozentsatz von ihnen finde letztlich den Weg in seine Diözesanstelle. "Ich weiß dann aber schon, was in ihrem Leben alles gelaufen sein kann." Schmölzing sei dabei Informant, Vermittler und Brückenbauer. In Projekte wie Ministrantenwallfahrten, Weltjugendtage oder auch das Freiwillige Soziale Jahr sei die Diözesanstelle mittlerweile fest eingebunden.

Sie sehen das Ganze als gelungenes Pilotprojekt, für das Bistum wie für sich selbst. "Es wäre schön, wenn in anderen Orten ähnliche Wohngemeinschaften in Pfarrhäusern entstünden", sagt Schmölzing. Für sich sieht er vor allem die Geselligkeit wie das gegenseitige Achtgeben als großen Vorteil. "Ich bin früher auch sonntags immer ins Büro gegangen, bis mir Michael sagte, ich solle mehr auf meine Erholung achten."

Text: Michael Bönte | Foto: Michael Bönte in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
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