
Regens Andreas Tapken.
Regens Tapken zu Missbrauchfällen:
"Ursache ist emotionale Unreife – nicht der Zölibat"
Bistum. Emotionale Unreife sieht Regens Andreas Tapken als eigentliche Ursache von Kindesmissbrauch. Man könne nicht den Zölibat mit dem Phänomen Missbrauch in Verbindung bringen, erklärte er im Deutschlandradio Kultur angesichts der jetzt bekannt gewordenen Missbrauchsfälle durch Jesuiten in den 1970er- und 1980er-Jahre.
Nach Meinung des münsterschen Regens hat man früher "etwas unbesehen" Männer zum priesterlichen Dienst zugelassen, bei denen dies nicht hätte getan werden dürfen. Tapken erklärte, dass sich in der Vergangenheit Menschen für den priesterlichen Dienst interessiert hätten, die emotional unreif waren und man das nicht erkannt habe. Diese hätten geglaubt: "Ich finde da einen Raum, wo ich mich mit meiner Sexualität nicht auseinandersetzen muss, der irgendwie asexuell ist. Heute wissen wir, dass das völliger Quatsch ist und dass solche Leute vielleicht nie hätten Priester werden sollen."
"Wissenschaftliche Sicht von Pädophilie hat sich geändert"
Tapken, der bis 2004 Professor für Psychologie an der Universität Gregoriana in Rom war, wies darauf hin, dass sich auch die wissenschaftliche Sicht von Pädophilie geändert habe. Noch vor wenigen Jahrzehnten habe man geglaubt, dass sie therapier- und heilbar sei. Nach einer solchen Therapie sei man früher dann zu der Auffassung gelangt, diese Personen wieder einsetzen zu können.
Das erkläre auch, warum die jetzt beschuldigten Jesuiten noch an anderen Schulen tätig gewesen seien. "Heute weiß man, dass Pädophilie allenfalls irgendwie kontrolliert werden kann, aber nicht geheilt werden kann. Da hat sich ja doch das Fachwissen geändert, weswegen man heute auch bedeutend strenger durchgreift", erläuterte der Regens. Er lobte ausdrücklich das gegenwärtige offensive Vorgehen der Jesuiten angesichts der jetzt bekannt gewordenen Missbrauchsfälle.
"Missbrauchfälle schrecklich – aber kein Generalverdacht"
Jede vierte Frau und jeder zehnte Mann wird laut Statistik Opfer von Missbrauch, wie der Leiter des Priesterseminars erklärte. Er geschehe nicht nur in Institutionen wie der Kirche, sondern vor allem in den Familien - durch Väter, Brüder, Onkel. Deswegen dürfe man jetzt den Zölibat nicht ursächlich mit dem Phänomen Missbrauch in Verbindung bringen. Die Missbrauchsfälle in Berlin und an anderen Orten seien "schrecklich", er mache sich "aber auch Sorgen, dass Priester dadurch unter einen Generalverdacht gestellt werden könnten", was ungerecht wäre.
Tapken erläuterte, dass in der gegenwärtigen Priesterausbildung "die Frage nach Sexualität, nach Liebesfähigkeit, nach emotionaler Reife sehr umfassend und immer wieder" thematisiert werde. "Wir bemühen uns um eine sehr persönlichkeitsorientierte Priesterausbildung." Es werde auf die menschlichen Qualitäten geachtet, Psychologen und andere Fachleute wie etwas Sexualberater würden zu Rate gezogen. Es werde geprüft, ob die Kandidaten emotional reif seien und sich in andere hineinversetzen könnten. Gerade diese Fähigkeit der Empathie fehle den Tätern in Missbrauchsfällen, erklärte der Geistliche.
"Sexualität verwandeln in eine andere Ausdrucksform von Liebe"
Wer Priester werden wolle, müsse die Berufung empfinden, auch zölibatär leben zu wollen. "Wer Priester wird, der verzichtet darauf, ganz ausdrücklich, seine Sexualität auszuleben." Aber er verzichte nicht darauf, ein liebender Mensch zu sein. Sexualität müsse jeder Mensch gestalten; ein zölibatär lebender Mensch müsse sie verwandeln in eine andere Ausdrucksform von Liebe. Tapken wörtlich: "Aber es ist nicht nur Verzicht, es geht um eine andere Form von Liebe, die für viele Menschen da ist, die eben keine sexuelle Ausdrucksweise findet, aber Liebe ist."
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Text: Norbert Göckener | Foto: Michael Bönte
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