
Am Ziel: 1992 firmt Weihbischof von Twickel Aussiedler in Delmenhorst.
Wie Menschen in Kasachstan ohne Priester Christen wurden – und blieben
Die Oma taufte in Kasachstan
Wie geben Eltern den Glauben weiter? In der deutschen Kirche scheint alles vorgezeichnet: Das Neugeborene wird getauft. Es hat zwei Paten, der Pfarrer spendet das Sakrament. Dann eine schöne Feier. Aber in der Sowjetunion? In der Unterdrückung? Fragen an zwei Aussiedler.
Maria Schall war restlos glücklich. 1995 hatte sie es endgültig geschafft, mit ihrem Mann Martin Russland verlassen und sich in der Nähe ihrer Kinder in Delmenhorst ansiedeln zu dürfen. Das war ein Grund des Glücks für die Russlanddeutsche, und sicher der wichtigste, der größte. Sie war aber auch glücklich und beeindruckt, dass kurze Zeit nach ihrer Anreise Menschen aus der Pfarrgemeinde Delmenhorst Sankt Marien vor ihrer Tür standen, Hilfe anboten. Bei all den Kleinigkeiten, die ein deutscher Neubürger braucht. Vom Behördengang bis hin zum Erhalt günstiger Kleidung. Gisela und Arnold Harfst haben sich um die Schalls gekümmert. Sie haben sich über Jahre hinweg in der kirchlichen Aussiedlerarbeit in Delmenhorst einen Namen gemacht.
Dankbar war Maria Schall auch für den Besuch von Pfarrer Hubert von der Heide, der das Gespräch mit ihr und ihrem Mann suchte. Nach einiger Zeit nahm er Maria Schall mit zur Pfarrkirche Sankt Marien und wollte ihr das Gotteshaus zeigen, mit allen seinen Einzelheiten.
Pfarrer von der Heide muss nach wenigen Schritten schon völlig verblüfft gewesen sein. Vor dem Marienaltar etwa gab Maria Schall deutlich zu verstehen: "Das kenne ich doch schon alles!" Eine Russlanddeutsche, geboren in der Zeit des Zweiten Weltkriegs – sie sollte katholisches Leben und seinen Ausdruck kennen?Ein Rückblick liefert die Erklärung.Zunächst hatte alles seine Ordnung. Der russische Zar war froh, die deutschen Bauern im Land zu haben. Sie waren im 18. Jahrhundert vor allem aus Baden und aus Württemberg ins Land gekommen, hatten zunächst an der Wolga gesiedelt, dort und anderswo blühende Landschaften geschaffen, später immer neue Kolonien in anderen Regionen des riesigen Reiches gegründet, zum Beispiel an der Küste des Schwarzen Meeres.
Martin und Maria Schall haben eine neue Heimat in Delmenhorst gefunden. Ihr ganzer Stolz ist die Familie, vier Kinder und neun Enkel. Bis auf ein Enkelkind sind alle von der Oma Maria getauft. |
Freie Religionsausübung war ihnen garantiert – also musste auch der Unterhalt der Geistlichen geregelt sein. So legte das Innenministerium 1826 fest, eine Taufe müsse 25 Kopeken kosten, ein Viertelrubel. So hatte alles seine Ordnung, wenige Jahre später mit einer Reihe anderer Bestimmungen bestätigt durch einen Staatsvertrag zwischen dem Russischen Reich und dem Papst in Rom.
Mit dieser Ordnung war es 100 Jahre später vorbei. Die bolschewistische Revolution hatte brutal alle Strukturen zerschlagen, die auch nur entfernt eine Gefahr für den Aufbau des Sozialismus sein konnten. Das Wort "Freiheit", gar "freie Religionsausübung" war undenkbar. Evangelische und katholische Geistliche, die trotz allem ihrem Auftrag getreu bei ihren deutschen Gemeinden blieben, die sich mit aller Kraft um Seelsorge bemühten, hatten einen schweren Stand. Statt des Rechtsanspruchs auf 25 Kopeken pro Taufe warteten Verfolgung durch die Geheimpolizei und Lagerhaft auf sie.
Zu den Aufgaben der Geistlichen hatten neben der Feier der Gottesdienste auch der religiöse Unterricht der Kinder und Jugendlichen, Taufen, Beerdigungen, Hochzeiten, die Erstkommunion gehört. Seelsorge von der Wiege bis zur Bahre. Für mehr als zwei Millionen Russlanddeutsche. Jeder Vierte von ihnen war katholisch.
Maria Schall kann sich noch gut erinnern. Ihre Mutter Maria sei noch von einem Priester getauft worden. Heimlich. "Den haben sie nachts mit dem Pferdewagen in unser Dorf geholt. Dann hat er alle Kinder getauft, und noch vor dem Morgengrauen musste er wieder weg sein."
Getaufter Christ zu sein – das war in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts in der Sowjetunion durchaus gefährlich.
Später gab es gar keine katholischen Priester mehr, die die kleinen russlanddeutschen Dörfer in Kasachstan besuchen konnten. Maria Schall ist in Bruderoschnja im Bezirk Kustanai aufgewachsen; die wenigen hundert Menschen dort waren alle Deutsche. Martin Schall kann sich noch gut erinnern: "Ich bin mit acht Jahren zur Schule gekommen, vorher habe ich nur Deutsch gesprochen."
Seine Vorfahren und die seiner Frau waren 1905 in diese Region gekommen; Zar Nikolaus hatte ihnen dort Land und Steuerfreiheit versprochen, wenn sie die unwirtliche Steppe urbar machen würden. Nach der Revolution 1917 gehörte das Land nicht mehr den Bauern, sondern einem genossenschaftlich organisierten sozialistischen Betrieb, einer Kolchose.
Martin Schall ist Elektriker und arbeitete dort als Traktorist, seine Frau Maria war 20 Jahre lang Köchin im Kindergarten der Kolchose. Die vier Kinder Alexander, Walter, Helena und Maria leben heute ebenfalls alle in Deutschland – und alle sind sie getauft. Aber nicht von deutschen Geistlichen. Sondern schon in Russland: von Oma Maria.
Sie wurde die zentrale Persönlichkeit der Familie: Oma Maria (vorn, dritte von rechts), die alle Kinder und Enkel mit großem Ernst durch die Taufe in die Kirche aufnahm. |
Maria Schall erinnert sich noch sehr gut an sie: "Meine Mutter hat erst das Wasser gesegnet, hat dann einen Krug genommen, das Kind über einem großen Teller drei Mal mit Wasser begossen und es gesegnet." Und mit Achtung fährt sie fort: "Meine Mutter war eine sehr fromme Christenfrau, sie hat sich auch von der Verfolgung nicht verbiegen lassen. Sie hat sogar heimlich Heiligenfiguren und christliche Broschüren aufgehoben." Das waren keine Äußerlichkeiten, wie Maria Schall betont. Abends habe sie mit ihren sechs Schwestern und drei Brüdern vor dem Schlafen mit ihr gebetet. Und vor dem Essen sowieso. Aus den Broschüren habe sie auch die Grundlagen des Glaubens kennen gelernt und so Pfarrer von der Heide in Delmenhorst Sankt Marien überraschen können.
Vier Kinder – ein großer Reichtum, auf den die Eheleute Schall stolz sind. Inzwischen freuen sie sich schon über neun Enkelkinder, alle getauft. Aber nicht alle von einem Geistlichen – sondern acht von Oma Maria, die so für die Kinder der Familie Schall den Anfang setzte zu christlichem Leben, als die Familie noch in Kasachstan lebte.
Viele Russlanddeutsche aus der früheren Sowjetunion haben es ähnlich erlebt: dass die älteren Familienmitglieder mit aller Energie versuchten, ihren Kindern den Glauben weiterzugeben. Indem sie ihnen aus der Bibel vorlasen, mit kleinen Marienfiguren das Geschehen verdeutlichten.
Manche hatten noch das Glück, Anfang der Neunzigerjahre in der großen Welle der russlanddeutschen Aussiedler heimkehren zu führen. Max-Georg von Twickel, früher Weihbischof und Offizial in Vechta, hat einer ganzen Reihe von ihnen in Delmenhorst Sankt Marien das Sakrament der Firmung gespendet. Bei einem dieser älteren Firmlinge äußerte sich die Begeisterung in dem spontanen Ausruf: "Jetzt gehöre ich endlich dazu!"
Der Mutter von Maria Schall war dieses Erlebnis in Deutschland nicht mehr vergönnt. Sie starb vor dieser Öffnung der Grenzen im Alter von 90 Jahren.
Tage des Erfüllung: Taufe des Herrn
Die Bibel berichtet im Matthäus-Evangelium, wie Jesus an den Jordan kommt, um sich von Johannes taufen zu lassen. Im Text heißt es: "In jener Zeit kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Johannes aber wollte es nicht zulassen und sagte zu ihm: Ich müsste von dir getauft werden, und du kommmst zu mir? Jesus antwortete ihm: Lass es nur zu! Denn nur so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen. Da gab Johannes nach."
Matthäus beendet sein Evangelium mit dem Auftrag Jesu zur Taufe: "Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt."
Mit dem Fest der Taufe des Herrn endet die Weihnachtszeit.
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Text: Franz Josef Scheeben | Fotos: Franz Josef Scheeben, privat in
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