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22.05.2012
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Silvester - ein Tag für Rückblicke.

Silvester - ein Tag für Rückblicke.

Rückkehr nach sieben Monaten Kampfeinsatz auf See

Weltensprung

Er fährt gern für die Marine zur See: Aber die Einsätze bringen auch Sorgen und Spannungen für Stabsbootsmann Michael Maß. Erst die Rückkehr in den heimatlichen Hafen gibt Ruhe.

Diese Welt ist eine andere – ein Labyrinth: enge Gänge, schmale Verbindungsschächte, niedrige Stahltüren mit komplizierten Verschluss-Systemen. Kaum Tageslicht dringt in das Innere der "Rheinland-Pfalz". Die 26 Jahre alte Fregatte ist verschachtelt gebaut. Allein der, der sich auskennt, kann die Wege in die technischen Einheiten, auf die Brücke oder in die Mannschaftsräume, finden. Alles ist funktional, an Seefahrer-Romantik erinnert nicht viel. "Hier muss jeder jedem absolut vertrauen können, damit alles funktioniert", sagt Staabsbootsmann Michael Maß. Etwa 220 Mann Besatzung mit zum Teil spezialisierten, hochtechnischen Aufgaben gibt es auf dem Schiff. "Das kann nur gelingen, wenn jeder professionell arbeitet."

Jede Fahrt der Fregatte ist ein Ausnahmezustand, auch die einfachen Ausbildungsfahrten. Für den Kapitän genauso wie für den Maschinisten oder für den Koch: Schichtdienste rund um die Uhr, Alarmübungen zu jeder Zeit, kaum Privatsphäre in den engen Kabinen, wenig Freizeitmöglichkeiten. Tageslicht oder Landgänge sind selten. "Die Wochen auf dem Schiff sind immer eine besondere Belastung", sagt der 46-Jährige, der als Navigationsbootsmann auf der Brücke eingesetzt wird. "Du bist in einem abgeschlossenen System, wo ein Rädchen in das andere greifen muss."

Zusätzliche Belastung

Erst recht, wenn es ernst wird. Maß kennt die Situation von vielen Einsätzen. Seit 2006 arbeitet er in der so genannten Personalergänzung des Zweiten und Vierten Fregattengeschwaders in Wilhelmshaven. Dort, wo ein Navigator fehlt, wird er angefordert. Er hat bereits an allen Operationen teilgenommen, bei denen sich die Deutsche Marine derzeit im Einsatz befindet. Er war im Mittelmeer gegen den Waffenschmuggel aktiv und hat im Roten Meer Drogenschiffe aufgespürt. Und er war in diesem Jahr innerhalb der "Operation Atalanta" mit der "Rheinland-Pfalz" im Golf von Aden und im Somalia-Becken: "Wir hatten die Aufgabe, die Schiffe des Welt-Ernährungs-Programms und zivile Frachtschiffe vor Piraten zu schützen."

Gerade dieser Einsatz habe eine deutlich spürbare, zusätzliche Belastung gebracht, erinnert er sich. "Uns war allen bewusst, dass es gefährlich werden würde, weil wir auf einen Gegner mit Waffen stoßen würden." Das war eine neue Dimension gegenüber den bisherigen Operationen, was auch in der Vorbereitung mit der Mannschaft immer wieder thematisiert worden war: "Es wird zum Einsatz von zum Teil schweren Waffen kommen." Seine Gefühle waren daher "gemischter" als sonst: Sorgen um das Gelingen der Mission und Ängste vor dem Unbekannten seien intensiv gewesen, sagt Maß. Er habe sich im Vorfeld schon mit vielen Szenarien befasst und mehr Eventualitäten durchgespielt als vor sonstigen Einsätzen. "Zum ersten Mal habe ich ein Testament verfasst und mich um eine Patientenverfügung gekümmert."

Als die "Rheinland-Pfalz" im Januar 2009 auslief, war die Gefühlswelt an Bord "sehr in Bewegung", erinnert sich Maß. Vor dem Hintergrund des Einsatzes habe bei vielen auch die Trennung von Familie und Freunden eine noch gewichtigere Rolle gespielt. Einzige regelmäßige Verbindung sollte der E-Mail-Kontakt sein. "Ein Segen", sagt er. "Weil du zwar nicht mehr daheim bist, aber auch nicht ganz weg." Oft sei es in seinen Briefen nur um Belanglosigkeiten gegangen, dem Wetter oder Alltäglichkeiten zuhause. "Das war aber eine enorm wichtige Normalität, weil es mich für Momente aus dem gedanklichen Kreisen rund um den Einsatz herausholte." So wie ihm ging es vielen an Bord. "Ich habe es sofort an der sinkenden Stimmung auf dem Schiff gemerkt, wenn mal für einige Zeit keine E-Mails geschickt werden konnten."

Blickt zurück auf einen strapaziösen, aber auch bereichernden Einsatz auf der "Rheinland-Pfalz" vor Somalia: Michael Maß.

Rissiger Gefühlspanzer

Mit vielen Gedanken musste man ohnehin an Bord bleiben. Je länger der Einsatz dauerte, um so mehr sei die körperliche und psychische Belastung spürbar geworden. Gerade wenn es um Probleme in den Partnerschaften gehe, werde bei vielen der äußere Gefühlspanzer schnell rissig. "Da müssen dann auch mal die härtesten Kerle getröstet werden", sagt Maß. Schön sei gewesen, dass ein gegenseitiges Stützen möglich gewesen sei, weil bei vielen das Eingestehen von Gefühlen nicht zum Tabu geworden sei. "Ängste wurden zugegeben, viele waren froh, wenn sie sprechen konnten, jeder war bereit, den anderen ein wenig zu stützen." Nicht selten kam Maß dabei, wie vielen seiner älteren Kollegen, eine "Vaterrolle" zu. Die jungen Mitglieder der Mannschaft vertrauten sich ihm häufig an. "Sicher auch, weil ich der Typ dafür bin." Natürlich sei es zuerst wichtig, dass die Aufgaben erfüllt werden. "In der Enge des Schiffs spielt das Zwischenmenschliche aber eine ganz besondere Rolle." Er habe von vielen jüngeren Kameraden in häufigen Gesprächen großes Vertrauen erfahren können. "Das war wie ein Lob für mich und meine Art."

Glaube gab Kraft

Auch der Glaube habe eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung der Situation gespielt. So oft es ging, war ein Militärpfarrer an Bord. "Das hat vielen gut getan." Für Maß waren die Gottesdienste fester Bestandteil, soweit es sein Wachdienst zuließ. "Gerade zu den Hochfesten, aber auch an den Sonntagen." Abschalten habe er dabei können, andere Gedanken fassen können, Kraft tanken können.

Denn die Situationen, in die sich die Fregatte in ihrem siebenmonatigen Einsatz begab, hatten es in sich. Da war der Hilferuf eines Schiffs, das von Piraten angegriffen wurde, dessen Entfernung aber zu groß war, um rechtzeitig zu ihm zu kommen. "Das ist bei vielen hängen geblieben", erinnert sich Maß. "Jemand schreit nach Hilfe, und wir konnten nicht helfen." Und da waren die Verfolgungsfahrten hinter den kleinen, wendigen Schnellbooten der Piraten, die bis an die Zähne bewaffnet waren. Kein Warnschuss konnte sie einschüchtern. "Und immer mit der Angst, dass wir selbst unter Beschuss genommen werden."

Und schließlich war da auch die Zeit mit den gefangen genommenen Piraten an Bord, bis man sie nach Kenia ausliefern konnte. "Mit scharfer Bewachung an Deck, Hungerstreik und zusätzlicher Belastung für die Mannschaft."

In dieser Kulisse musste Maß vieles von dem hinter sich lassen, was sein Leben sonst ausmacht. "Du gehörst voll und ganz dem Einsatz." Eine andere Welt mit anderen Gesetzmäßigkeiten, die er sieben Monate nur für kurze Momente verlassen konnte, wenn eine schöne E-Mail reinkam oder für ein paar Stunden Landgang genehmigt wurde. "So richtig fällt der Druck aber erst ab, wenn ich die Molenköpfe im heimatlichen Hafen passiere", verrät er. Wenn mehr als Tausend Freunde und Verwandte im Hafen die Heimkehrer begeistert feiern. Wenn der Stolz auf das Erreichte und die Erleichterung über das gute Ende spürbar werden. "Wenn du weißt, dass du wieder dort bist, wo so vieles wertvoll für dich ist."

Großes Gefühl der Heimkehr

Es ist auch der Moment, in dem er viele neue Dinge angehen kann. Auf dem Schiff blieb jede Menge Zeit, sich aus der Ferne Gedanken über die Heimat zu machen. "Ich hatte geplant und viele gute Vorsätze gefasst." Nicht die großen Ideen, wohl aber die kleinen wollte er umsetzen. "Das Zusammensein mit meiner Frau, die Arbeit im Garten, vielleicht einige Veränderungen am Haus." Nur einmal habe er sich bei einer früheren Fahrt mehr vorgenommen, erinnert er sich: "Der Heiratsantrag." Schließlich konnte er damit aber nicht bis zum Einlaufen in Deutschland warten und machte ihn per Telefon von Kenia aus.

Das große Gefühl der Wiederkehr, des "Sprungs" von der Welt auf dem Wasser in die Welt an Land, konnte Maß in diesem Jahr nur etwas verzögert genießen. Auf der Heimfahrt erlitt er einen Blindarmdurchbruch und musste in ein Hamburger Bundeswehrkrankenhaus ausgeflogen werden. Die obligatorische Wiedersehensfeier holte er aber nach und den Empfang der "Rheinland-Pfalz" im Hafen hat er sich auf Video aufnehmen lassen.

Wieder daheim, genoss er genau das, worauf er auf See so lange verzichten musste. "Die Zweisamkeit mit meiner Frau, Spaziergänge mit dem Hund, im großen Bett schlafen." An die Zeit an Bord wollte er erst einmal nicht erinnert werden, ständigen Fragen danach aus seinem Umfeld wich er lieber aus. "Das brauchte ich, um endgültig abschalten zu können." Denn er weiß, dass es noch ausreichend Gefühle gibt, die ihn immer wieder an die Zeit im Golf von Aden erinnern werden. Sicher gehört der Stolz auf den Beitrag zur Sicherheit in den internationalen Gewässern dazu. Sicher gehört die Freude dazu, mit allen Kameraden unversehrt heimgekehrt zu sein. Und ganz bestimmt gehört das Gefühl dazu, mit einer Mannschaft zusammengewachsen zu sein, die sich in den nicht leichten Momenten des Einsatzes gegenseitig den Rücken gestärkt hat.

Tage der Erfüllung: Bekannt?

Wer würde ihn kennen, wenn er nicht zur Jahres-Wende dem letzten Tag des Jahres seinen Namen leihen würde? Am 31. Dezember wird Silvester gefeiert, und die Menschen begrüßen das neue Jahr mit Raketen und Böllern. Kaum bekannt: Der heilige Papst Silvester lebte im 4. Jahrhundert; 314 wurde der Römer zum Papst gewählt. Während seiner Amtszeit vollzog Kaiser Konstantin der Große die Wende von einer christenfeindlichen zur christenfreundlichen Politik. Silvester selbst hatte noch unter der grausamen Christenverfolgung gelitten. Er starb am 31. Dezember 335.

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