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22.05.2012
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Advent und Weihnachten in einer Demenz-Gruppe.

Hände, die Erinnerungen fühlen: Eine Bewohnerin des Altenheims Heilig-Geist-Stiftung in Dülmen beim Ausstechen der Weihnachtsplätzchen.

Advent und Weihnachten in einer Demenz-Gruppe

Starkes Gefühl der Erinnerung

Dülmen. Jede Erinnerung ist wertvoll. In der Wohngruppe für demente Senioren im Altenheim Heilig-Geist-Stiftung in Dülmen bringt sie Gefühle, Reaktionen und Kommunikation. Etwas, das viele dort sonst kaum noch erleben. Die Advents- und Weihnachtszeit hat dafür ein großes Potential: Gerade Emotionen setzen dabei viel in Gang.

Immer wieder greifen die alten Hände in den Teig für das Spritzgebäck. Manchmal hilflos, manchmal grob – dann aber wieder sehr exakt und mit feinen Bewegungen. Es dauert lange, sehr lange, bis die knöchernen Finger das kleine Stückchen Teig so geglättet haben, dass die Plätzchenform zum Einsatz kommen kann. Auch dann gelingt es den unruhig zitternden Händen erst nach mehreren Anläufen, die Konturen des Nikolaus aus dem Teig zu stechen, um ihn mit dem Messer aufs Backblech zu schieben.

Die Hände der 22 Bewohner des Wohnbereichs im Altenheim Heilig-Geist-Stiftung in Dülmen können noch unterschiedlich viel. Es gibt die jener Frau, die nach dem Backen ohne Probleme die feinen Verzierungen auf der Glasur verteilen. Es gibt aber auch die Hände jener Frau, die nur noch nach großer Animation und mit intensiver Hilfe der Betreuerinnen fähig sind, den Teig zu kneten oder im Topf der Glasur zu rühren. Alle Bewohner sitzen an diesem Nachmittag im Advent im offenen Küchenbereich zusammen und nehmen beim gemeinsamen Plätzchen-Backen ein wichtiges Stück Erinnerung in die Hand.

Denn das haben sie gemeinsam: Sie sind in einer Lebensphase, in denen ihnen die Erinnerungen an ihre Leben immer mehr aus dem Gedächtnis gleiten. "Dem einen schon mehr, dem anderen noch weniger", erklärt die Leiterin des sozialen Dienstes im Altenheim, Beate Kluge. "Wir haben hier die ganze Bandbreite an Stadien von Demenz-Erkrankungen an einem Tisch sitzen." Diesen Menschen in ihren individuellen Situationen die richtigen Reize und Hilfestellungen zu geben, sei immer Ziel der Arbeit von Betreuern und Pflegern. "Wir arbeiten biografisch, nehmen das Leben des Einzelnen als Basis unserer Zuwendung", erklärt die Diplom-Sozialarbeiterin. "In dem, was sie aus ihrem Leben kennen, können wir die Tür zu ihnen immer wieder aufstoßen."

Geschmack: Beate Kluge (r.) mit einer Bewohnerin beim Naschen.

Zugang zu Reaktionen

Das gelingt weniger über das Wissen der Bewohner, sagt Altenpflegerin Sonja Hellmann. "Zum bewussten Zurückholen von Fertigkeiten und Erinnerungen sind sie nur noch selten in der Lage." Der Zugang zu Reaktionen, zum Handeln und zum Kommunizieren gelinge in erster Linie über die Gefühle der alten Menschen. "Es sind ihre Emotionen, die Erinnerungen wecken."

Die Gefühle werden angesprochen. Das ist an diesem Adventsnachmittag deutlich zu spüren. Ein ganzes Bündel an sinnlichen Erlebnissen wartet auf die Bewohner: Adventsmusik kommt vom Band, der Teig wird angefasst und geknetet, Plätzchenduft liegt in der Luft. "Es sind oft die kleinen Dinge, die etwas in Bewegung setzen", sagt Kluge. Dazu gehört auch der Teig oder die Nuss, die verspielt durch die Hände gleiten, oder das Naschen zwischendurch. Genau in diesen Momenten liegen die Erinnerungen, erklärt sie: "Ein Moment, den man als Kind genossen hat, verbunden mit einem starken Gefühl, das die Erinnerung daran lebendig machen kann."

Es gebe im Jahr immer wieder die Möglichkeiten, über Gefühle zu Erinnerungen vorzudringen. Aber die Weihnachtszeit schaffe eine besondere Dichte. Aus vielen Gründen. "Natürlich waren die Gefühle dieser Jahreszeit im Kindes- und Jugendalter unserer Bewohner sehr intensiv", erklärt Kluge. Jeder Mensch kenne die emotionale Dichte rund um das Weihnachtsfest. "Je stärker aber das Gefühl von früher, desto leichter fällt die Erinnerung daran." Zudem schaffe die Gesamtatmosphäre im Haus eine Kulisse, in der diesen Emotionen viel Raum gegeben werde. Kluge hat aber noch einen weiteren "Verstärker" ausgemacht: "Die Zuneigung und Sensibilität der Betreuer ist sonst schon enorm hoch – zu Weihnachten werden aber auch bei ihnen noch einmal neue Ressourcen für die Zuwendung frei."

Das Miteinander am langen Tisch ist intensiv. Jeder macht, was er noch kann. Zwischen Mehl, Teig und Blechen entwickelt sich ein lebendiges Hin und Her von Blicken, Gesprächen und Aktionen. Hier hilft die Betreuerin beim Anrühren der Glasur, dort rollt man gemeinsam den Teig aus, ein Stück weiter nippt man am Glühwein und summt die Musik mit.

Aktion: Verzieren der Plätzchen.

Bewusste Impulse

Beate Kluge und ihr Team geben bewusste Impulse in dieser Atmosphäre. "Wer hat denn früher auch so gebacken wie wir heute?", ist eine Frage. Oder: "Haben Sie auch noch an das Christkind geglaubt?" Die Reaktionen sind so unterschiedlich wie die Verfassungen der Menschen am Tisch. Viele lächeln stumm, aus einigen sprudeln die Erinnerungen aber nur so heraus. "Ich habe früher die fertigen Bleche von daheim quer durchs Dorf zum Bäcker bringen müssen", erzählt Erwin Snater. Der 92-Jährige kämpft sichtlich mit dem klebrigen Teich, nicht aber mit den Worten für seine ganz persönliche Weihnachtsgeschichte. "Natürlich habe ich dabei immer etwas genascht." Ursula Knümann nickt bedächtig. "Der Geschmack ist der gleiche wie früher", sagt die 67-Jährige.

Es sind die kleinen Reaktionen, die den Betreuern wichtig sind. "Es geht um das kleine Aufflammen von Mimik, Gesten und Worten", erklärt Sonja Hellmann. Davon haben sie am heutigen Tag schon viel erlebt. Die Frau, die in der großen Runde sonst da sitzt und sich nur durch laute Zwischenrufe bemerkbar macht, rollt schon seit einiger Zeit mit Hingabe die Küchenrolle über den Teig. Oder jene Frau, die erst kürzlich den Tod ihrer Tochter verkraften musste und seither nur noch schweigend über die Flure lief. "Sie hat sich über viele Monate gegen jegliche Kommunikation gesperrt – heute hat sie sich zu uns gesetzt und die Plätzchen verziert."

Klang: Sonja Hellmann singt gemeinsam mit Ursula Knümann (r.) und Erwin Snater.

 Nicht nur heile Welt

Und auch das wird deutlich: Alle Gefühle zählen für diese Menschen. "Die fröhlich-besinnlichen genauso wie die traurigen", erklärt Beate Kluge. Die Träne, die an diesem Nachmittag geweint wird, sei ebenso wichtig wie die Reaktion der Frau, die plötzlich aufsteht und sich zurückzieht, weil sie es nicht mehr aushält. "Wenn wir die Menschen in ihrer Lebensgeschichte ernst nehmen wollen, dann ist es nur ehrlich, nicht nur die heile Welt zuzulassen." Die prägendste Zeit im Leben eines Menschen sei die Kindheit und Jugend, erklärt sie. "Wir müssen also schauen, wo sie damals standen." Nicht selten spielen Kriegserinnerungen ein Rolle, Erinnerungen an verstorbene Angehörige, Sehnsucht nach der Familie. "Da kann Weihnachten auch ein enorm wichtiges Ventil für die Trauer der alten Menschen sein."

Schon deshalb setzen die Betreuer ganz bewusst auf die Dinge, die auch in den Kinder- und Jugendzeiten dieser Menschen eine Rolle gespielt haben. "Wir müssen keine Fensterbilder mit modernen Glasfarben produzieren, die es zu ihren Kinderzeiten noch nicht gab", erklären sie. Stattdessen haben sie einige nostalgische Küchengeräte besorgt und fragen in die Runde, wer diese noch kennt. "Ein Spekulatiusbrett", weiß eine Bewohnern. Eine andere erkennt den Brotschieber.

Wie intensiv die Erinnerungen durch die Gefühle angestoßen werden können, wird beim abschließenden Singen noch einmal deutlich. Es gibt kaum jemanden in der Runde, der die erste Strophe von "Schneeflöckchen" nicht mitsingen kann. Und auch wenn viele aus dem Text der zweiten Strophe nach und nach aussteigen, so begleiten sie den Gesang doch weiter mit einem Summen und einem Lächeln.

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