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22.05.2012
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Kamphaus

Bischof em. Franz Kamphaus fragt: "Warum fällt es uns so schwer, Schwächen einzugestehen?"

Geistlicher Abend im Dom mit Bischof em. Franz Kamphaus

Schwache Stimme - kraftvolle Predigt

Bistum. Welch ein faszinierender Prediger! Atemlose Stille im vollbesetzten St.-Paulus-Dom beim dritten Geistlichen Abend zur Fastenzeit am Mittwoch (18.03.2009), während der emeritierter Limburger Bischof Franz Kamphaus in drei großen Abschnitten dem Geheimnis des Paulus-Wortes "Wenn ich schwach bin, bin ich stark" nachspürte. So zerbrechlich der vor 50 Jahren gemeinsam mit Bischof em. Reinhard Lettmann zum Priester geweihte Mann aussah und sich anhörte, so voller Wortgewalt war das, was er sagte – so mag sich Paulus selbst an seine Gemeinden gewandt haben.

Die Menschen waren zu Hunderten in den Dom gekommen – sie brachten Fußbänkchen, Klapphocker und Kissen mit, fanden Platz im Chorgestühl und auf der Kanzeltreppe. Für ein besonderes Klangerlebnis sorgte der Percussionist Gereon Voß, der zur Einstimmung und zwischen den Predigtabschnitten Holzkästchen und Tontöpfe, Glas und Metall zum Klingen brachte; mit einem Nachhall, der den riesigen Kirchenraum mal bedrohlich, dann ganz zart zu durchschweben schien.

"Gott will doch keine Schwächlinge"

"Was soll dieses Paulus-Wort? Gott will doch keine Schwächlinge, sondern selbstbewusste, starke und freie Menschen." Franz Kamphaus, der heute im Rheingau lebt, stellte zunächst den Hintergrund des zweiten Korintherbriefes dar, aus dem ein Schauspieler der Städtischen Bühnen Teile verlesen hatte. Der Gemeindegründer musste sich gegen neue "Super-Apostel" zur Wehr setzen, die alles im Griff hatten, auf ein "Christentum light" und eine steile Karriere mit Gott setzten. "Gott zu spielen statt ihm zu dienen – das ist eine bleibende Versuchung in der Kirche", holte Kamphaus den Mangel an Zutrauen in kleine Anfänge und das Nicht-Warten-Können direkt in die Gegenwart. "Paulus hat den Mut, offen über seine Schwächen zu sprechen und dem eigenen Leben mit seinen Schattenseiten ins Gesicht zu sehen – genau das macht ihn stark", sagte der ehemalige Regens des münsterschen Priesterseminars.

Im zweiten Teil seiner Ansprache wurde der emeritierte Limburger Bischof aktuell: "Aufsteiger bestimmen heute die Szene", sagte er. "Rezession ist nicht vorgesehen. Noch nicht am Tiefpunkt der Wirtschaftskrise angekommen, sind schon alle wieder beim Aufschwung." Der Menschheitstraum, unverwundbar zu sein wie einst Siegfried erlebe immer neue Ausprägungen: "Filme und Comics sind voll von solchen Siegfried-Typen." Alles lerne der moderne Mensch – nur nicht, wie er Niederlagen und Verwundungen annehmen könne.

Schwächen eingestehen können

"Warum nur fällt es uns so schwer, Schwächen einzugestehen?", fragte Kamphaus eindringlich, denn: "Wenn wir Fassaden aufbauen und nur die Sonnenseite zeigen, dann halbieren wir doch die Wirklichkeit!" Dabei sei "halb stark ganz schwach". Unter Anspielung auf eine Installation von Josef Beuys rief er deren Motto "Zeige Deine Wunden!" in die halbdunkle Kathedrale und machte Mut, "den eigenen Schatten zu sehen und anzunehmen".

Paulus "ist so frei" – denn er wusste sein Leben gegründet auf Gott als tragfähiges Fundament. "Glaube kann nicht ausstrahlen, wenn er nicht geerdet ist." Und: "Der Weg zu Gott darf nicht an unseren Schwachstellen vorbeiführen", stellte Kamphaus klar, denn die Wuzeln des Glaubens säßen eben nicht nur auf der Sonnenseite. Das Annehmen von dunklen Seiten sei gleichermaßen schwerste Lebensaufgabe wie nachhaltigste Stärke des Menschen. Und eine Behinderung, "auch die der Stimme", spielte Kamphaus auf sich selber an, sei eine verlässliche Brücke zu behinderten Menschen.

Als Kirche stark und mächtig sein zu wollen, damit Gott stark und mächtig empfunden werde, gehe an den Wegen Gottes vorbei: Denn der habe eine Schwäche für uns unperfekte Menschen. "Gott trägt die Dornenkrone und nicht den Lorbeerkranz, Christus wird von Thomas an seinen Wunden erkannt." So erinnerte Kamphaus daran, dass Leiden und Tod eben "nicht unter Gottes Niveau" lägen. Gerade die Kirche müsse in der gegenwärtigen Situation zu ihren eigenen Schwachpunkten stehen und sich durchaus als sündig sehen: "Das Schuldbekenntnis von Papst Johannes Paul II. im Jahr 2000, das war ganz stark!" Der Niedergang der Beichte, so merkte Kamphaus an, sei kein gutes Zeichen für die Situation der Kirche.

Begrenztheit wird verwandelt

Wer seine Begrenztheit annehmen könne, dem werde sie verwandelt. Solch ein Mensch brauche keine Angst mehr vor dem Zusammenbrechen von Fassaden und Luftschlössern zu haben. Er müsse nicht – wie ein Mann in einer Geschichte aus Asien – aus Furcht vor dem eigenen Schatten bis zur tödlichen Erschöpfung vor sich selbst wegrennen. Er müsse sich nur in den Schatten des Kreuzes begeben, der die eigenen Dunkelheiten aufnehme. Denn gerade dort sei Gottes Schwäche für die Menschen sichtbar.

Mit Fürbitten für Starke wie Schwache, für Ausgegrenzte wie Mächtige und einem Segen endete der Abend mit einem ebenso anrührendend schwachen wie kraftvoll anrührenden Prediger. Sicher eine der Sternstunden der diesjährigen Fastenpredigten!

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Text: Heike Hänscheid | Foto: Heike Hänscheid
19.03.2009

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