
Zu Beginn der Weihehandlung legen sich die Diakone auf den Boden, währenddessen singt die Gemeinde die Allerheiligenlitanei.
Priesterweihe Pfingsten 2010
Regens Tapken: Der Priester als Gottsucher
Bistum. Zwei Diakone werden an diesem Pfingstsonntag (23.05.2010, 14.30 Uhr) im St.-Paulus-Dom durch Bischof Felix Genn zu Priestern geweiht; ein weiterer Kandidat des Bistums empfängt am 10. Oktober in Rom die Weihe. – Kirche+Leben stellt die Männer vor und fragt Regens Andreas Tapken, was sich gegen den akuten Priestermangel tun lässt.
Kirche+Leben: Angesichts des aktuellen Missbrauchsskandals haben katholische Priester derzeit ein Imageproblem. – Wie ist die Stimmung bei Ihnen im Priesterseminar?
Regens Andreas Tapken: Die laufende Berichterstattung in den Medien hat eine große Nachdenklichkeit bei uns im Priesterseminar ausgelöst. Manche fühlen sich verunsichert und in Frage gestellt. Andere sagen: Wir möchten zeigen, dass uns so etwas nicht passiert, dass wir wirklich anders sind. Ob sich dies mittelfristig auf die Bewerberzahlen auswirkt, lässt sich derzeit nicht sagen. Wir haben von Seiten der Leitung in den vergangenen Monaten immer wieder das Gespräch dazu gesucht und dies thematisiert.
Kirche+Leben: Wie können Sie in der Ausbildung darauf reagieren?
Tapken: Neben vielen andere Fragen geht es dabei auch um die Frage nach dem Umgang mit der eigenen Sexualität. Wir achten darauf, dass sich jeder Priesterkandidat so ehrlich wie möglich diesem Thema stellt. Sexualität ist für jeden Menschen ein Lebensthema – damit auch für einen Priester. Wir versuchen eine Atmosphäre zu schaffen, in der dies dann möglich ist.
Kirche+Leben: In dieser Situation findet die Priesterweihe an Pfingsten statt. Was bedeutet das für die Kandidaten und für Sie als verantwortlichen Regens?
Tapken: Sowohl die Diakonenweihe Mitte April als auch jetzt die Priesterweihe sehe ich zunächst einmal losgelöst von den aktuellen Diskussionen. Mit der Weihe kommt ein langjähriger Ausbildungsweg zu einem Ende. Da überwiegt dann eindeutig die Freude. Dennoch gab es bei der Diakonenweihe an zwei Stellen eine starke Reaktion der Gottesdienstgemeinde, die deutlich machte, dass die Weihe in einer besonderen Situation für die Kirche stattfand: Nach der Predigt des Bischofs und am Ende der Messe brandete lang anhaltender starker Applaus auf.
Kirche+Leben: Wie haben Sie das erlebt?
Tapken: Das habe ich als ein Zeichen empfunden, dass bei allem Negativen, das die Schlagzeilen derzeit beherrscht, eine solche Weihe auch etwas Mutmachendes für die Kirche ist. Das war ein Aufmunterungszeichen für die Geweihten – aber auch für die Gläubigen selber, denn was wir derzeit über die Medien wahrnehmen, ist nicht die ganze Wirklichkeit der Kirche.
Kirche+Leben: Neben den beiden Kandidaten, die jetzt zu Pfingsten die Weihe empfangen, wird ein weiterer Kandidat aus Münster im Oktober in Rom geweiht. Drei neue Priester in einem Jahr – das ist sehr wenig. Worauf lässt sich diese niedrige Zahl zurückführen?
Tapken: Zum einen hat dies demografische Gründe: Wo es weniger junge Leute gibt, werden auch weniger junge Männer Priester. Die allermeisten unserer Kandidaten kommen immer noch aus der kirchlichen Jugendarbeit und den Aktivitäten in den Gemeinden. Und wenn sich dort immer weniger Jugendliche engagieren, hat dies Rückwirkungen auf die Kandidatenzahlen.
Kirche+Leben: Gibt es eigentlich weniger Berufungen oder schaffen es weniger Berufene bis zur Weihe?
Tapken: Es ist völlig normal, dass nicht alle, die die Priesterausbildung beginnen, schließlich auch Priester werden. Darin sehe ich meine Aufgabe: Jungen Männern zu helfen, ihren Lebensweg und ihre Berufung zu finden. Leider ist es aber wohl auch so, dass manche Berufenen erst gar nicht den Weg ins Priesterseminar finden.
Kirche+Leben: Woran liegt es, dass es weniger Berufene bis ins Priesterseminar schaffen?
Andreas Tapken ist Regens des Bischöflichen Priesterseminars Borromaeum in Münster. |
Tapken: Vielerorts gibt es meines Erachtens keine wirklich berufungsfreundliche Atmosphäre. Jungen Menschen, die mit dem Gedanken an einen geistlichen Beruf spielen, wird eher ab- als zugeraten. Sie brauchen aber Menschen, die sie ansprechen und ermutigen. Auch kommt das Wort "Berufung" vielleicht zu wenig vor in unserer kirchlichen Verkündigung.
Kirche+Leben: Was sind die tieferen Ursachen?
Tapken: Das hat mit einem sinkenden geistlichen Grundwasserspiegel zu tun. Wir denken oft nicht, dass Gott ganz konkret in unserem Leben handelt und handeln möchte. Rechnen wir damit, dass Gott real in unserem Leben vorkommt und einen Menschen in Anspruch nehmen könnte? Oder ist Gott doch eher eine irgendwie vage Wirklichkeit, jemand auf den ich nur zurückkomme, wenn ich ihn mal brauche? Auch in der Jugendarbeit könnte das Thema Berufung stärker vorkommen; es geht ja nicht nur um die Berufung zu einem kirchlichen Beruf, sondern darum, mit Gott in meinem Leben wirklich zu rechnen.
Kirche+Leben: Was lässt sich gegen den massiven Rückgang beim Priesternachwuchs tun?
Tapken: Was sich bewährt hat, sind die Berufungsgruppen, die es in einigen Regionen unseres Bistums gibt. Viele unserer Kandidaten kommen aus diesen Kreisen. Dort treffen sich Jugendliche, um sich dem Thema Berufung zu stellen, und sie tauschen sich untereinander aus. Ich glaube, dass ist gut, weil man sich nicht allein dieser Frage stellen kann.
Kirche+Leben: Unsere Welt wird – freundlich gesagt – immer differenzierter, man kann auch sagen: komplizierter. Wie reagiert die Priesterausbildung darauf?
Tapken: Das ist nicht anders als für andere Berufgruppen auch: Die immer komplexere Welt ist sicher eine Signatur der Postmoderne. Sie bringt für den Priester eine gewisse Schwierigkeit mit sich, weil er – anders als eine große Zahl anderer Zeitgenossen – eine verbindliche Lebensentscheidung trifft und für ein sehr klares Wertesystem steht. Wir versuchen darauf zu reagieren, indem wir die Priesteramtskandidaten persönlich begleiten. Wir wollen ihnen helfen, eine integrierte Persönlichkeit zu entwickeln; dies verlangt auch einen sehr ehrlichen Umgang der Kandidaten mit sich selbst.
Kirche+Leben: Was heißt integrierte Persönlichkeit?
Tapken: Das bedeutet, für sich klar zu haben, wer ich bin und was ich will.
Kirche+Leben: Aber das ist kein Prozess, der mit der Priesterweihe zu Ende ist, oder?
Tapken: Nein, das ist eine Lebensaufgabe. Darum ist auch geistliche Begleitung so wichtig, weil ich immer wieder das Neue, das mir begegnet, integrieren muss in das, wofür ich mich entschieden habe.
Kirche+Leben: Was muss ein Priester heute an Fähigkeiten mitbringen?
Tapken: Zuallererst möchte ich sagen: Er muss von ganzem Herzen Gott suchen. Dann braucht es natürlich verschiedene Kompetenzen. Heute ist gerade die Fähigkeit zur Zusammenarbeit gefragt, weil kein Priester irgendwo allein arbeiten wird. Er muss Spannungen aushalten können. Er muss sich in andere hineinfühlen können und ein Gespür für Menschen und eine Freude an Menschen haben.
Kirche+Leben: Der Pastor – ein Alleskönner?
Tapken: Niemand muss alles können. In diesem Punkt differenziert sich derzeit das Priesterbild. Wir werden Priester haben, die eine gute Leitungskompetenz haben und deswegen auch große Gemeinden gut leiten können. Genauso brauchen wir auch Geistliche, die schwerpunktmäßig seelsorglich tätig sind. Insgesamt geht es in diesem Punkt aber nicht um Wertigkeiten: der Leiter einer Gemeinde ist nicht ein höherwertiger Priester im Gegensatz zu dem, der vor allem Seelsorger ist.
Kirche+Leben: Wie gehen die Geistlichen mit dem gewachsenen Anforderungsdruck um – auch angesichts der großen Veränderungen der Seelsorgestrukturen?
Tapken: Der Druck wächst ja in den allermeisten Berufen – nicht nur bei den Priestern: Man muss so etwas wie Frustrationstoleranz lernen, also die Fähigkeit, nicht allen Anforderungen gerecht werden zu wollen. Es geht darum auszuhalten: einerseits als Priester nahe bei den Menschen zu sein und andererseits sich davon frei zu machen, von allen gemocht zu werden. Das ist die persönliche Perspektive. In der objektiven Sicht geht es um Entlastung – etwa im Bereich der Verwaltung, die ebenfalls in den Blick zu nehmen ist.
Kirche+Leben: Über Entlastung in der Verwaltung wird allerdings schon seit Jahrzehnten gesprochen…
Tapken: Das wird angesichts immer größerer Gemeinden allerdings jetzt sehr viel drängender. Da wird es mit Sicherheit zu Veränderungen kommen müssen.
Kirche+Leben: Die Wünsche von Laien an Priester sind vielfältig – was wünschen sich eigentlich die Geistlichen von den Gemeindemitgliedern?
Tapken: Ich glaube, die derzeitige Missbrauchsdiskussion zeigt uns auch, dass die Menschen wünschen, dass der Priester für das Heilige und Göttliche stehen sollte. Die Gemeinden sehen einem Geistlichen sicher vieles nach, wenn ihm etwa organisatorische Fähigkeiten oder anderes fehlen. Aber wenn ein Priester nicht von Gott sprechen kann, wenn er mir im Glauben nicht helfen kann, dann haben sie ein schwerwiegendes Problem mit ihm.
Kirche+Leben: Die Gottesbeziehung sollte im Mittelpunkt stehen?
Tapken: Aus meiner Erfahrung in der Priesteraus- und fortbildung weiß ich, dass Priester sich dies wünschen, weil sie aus diesem Grund eigentlich diesen Weg gegangen sind. Darum wünschen sie sich auch, dass sie sich in diesem tiefsten Beweggrund von der Gemeinde getragen wissen. Ihnen ist ganz klar, dass sie die Gemeinde nicht allein bauen können, sondern dass dies gemeinsam mit den vielen engagierten Laien geschieht.
Kirche+Leben: Es gibt ja auch viel engagierte Gemeindemitglieder…
Tapken: Aber das Gemeindeleben darf nicht auf der einen Seite aus Gottesdiensten bestehen und auf der anderen Seite einer Vielzahl von Vorstandssitzungen, Versammlungen und Treffen, wo der Glaube nicht vorkommt. Ich wünschte mir, wenn es mehr Zeiten und Orte im Gemeindealltag gäbe, in denen der Glaube auf ausdrückliche Weise miteinander geteilt wird.
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