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22.05.2012
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Wenn die Gewalt eskaliert, hat das oft auch Ursachen im Erlebnisumfeld der Kinder und Jugendlichen.

Wenn die Gewalt eskaliert, hat das oft auch Ursachen im Erlebnisumfeld der Kinder und Jugendlichen.

Kinder- und Jugendhilfe St. Mauritz in Münster

Traumapädagogik: Explosion psychischer Probleme

Münster. Bei bis zu 90 Prozent der Jugendlichen, bei denen eine Störung des Sozialverhaltens festgestellt wird, sind schwere Gewalterfahrungen die Ursache. Die Energie, die "nach traumatischen Geschehnissen im Körper eingeschlossen wird, sucht sich irgendwann Wege", beschreibt Klemens Richters, Leiter der Kinder- und Jugendhilfe St. Mauritz in Münster, die Folgen: "Mädchen haben Angst und laufen weg, Jungen werden aggressiv und beißen zu."

Für die Jugendlichen sei dies ein natürlicher Schutzmechanismus und eine Überlebensstrategie – für die Jugendhilfe ein großes Problem. "Wir beobachten geradezu eine Explosion von psychischen Problemen", erklärte Prof. Dr. Silke Gahleitner auf einem Fachkongress "Traumapädagogik" in Münster.

Auf dem Kongress stellte die Kinder- und Jugendhilfe St. Mauritz vor, wie sie als erste Einrichtung bundesweit Traumapädagogik in allen Gruppen anwendet und über drei Jahre die Mitarbeiter dafür qualifiziert hat. Eine Krise war der Auslöser dazu: "Die Gewalt der Kinder untereinander aber auch gegen die Mitarbeiter eskalierte, und gleichzeitig war auch bei den Tätern Angst im Hintergrund spürbar", berichtete Erziehungsleiterin Maria Krautkrämer-Oberhoff.

Für die Kinder, die existenzielle Gewalt oder Vernachlässigung erfahren haben, reichen einzelne Therapiestunden nicht aus, war die Erkenntnis. Sie brauchen "ein besonderes Umfeld und eine besondere Art der Beziehungsgestaltung", sagte Richters. Traumatisierte Jugendliche reagierten auf minimale Reize, als wenn ihr Leben in Gefahr sei. Das habe man von Wilma Weiß gelernt, Fachleiterin im Zentrum für Traumapädagogik in Hanau, die die Schulung der Mitarbeiter zusammen mit Krautkrämer-Oberhoff organisierte.

Erklären lasse sich das aus der Hirnforschung und sei sogar auf Aufnahmen des Gehirns sichtbar. In der Regel sei die Gewalterfahrung kein einmaliges Ereignis, sondern von klein auf immer wieder wiederholte Traumata im engsten Beziehungsumfeld, erklärte Gahleitner. Das mache es der Jugendhilfe so schwierig. Sie müsse den Ausweg aus diesen immer neu gebahnten Wegen im Gehirn finden.

Die Erkenntnis der Traumapädagogik dazu sei, dass "jeder Moment zählt", sagte Gahleitner. Psychotherapie sei begleitend notwendig und sinnvoll, aber lange überschätzt worden. Wesentlich komme es auch auf die "restlichen 23 Stunden des Tags an".

Alltagserfahrungen seien die tragenden Säulen der Veränderung. Umgedacht werden müsse auch in der Sozialarbeit. Lange habe gegolten, auch zum Selbstschutz professionelle Distanz zu halten. Hier aber sei Beziehungsarbeit wichtig und in diesem Sinne "ganz auf die Jugendlichen einzugehen".

Kinder- und Jugendhilfe St. Mauritz

Die Kinder- und Jugendhilfe St. Mauritz in Trägerschaft der "Stiftung Kinderheim und Waisenhaus auf St. Mauritz" gibt es seit 1842. Das Leistungsangebot umfasst 207 Plätze, Wohnorte zum Leben für Mädchen und Jungen jeden Alters, Unterstützung für junge Mütter und ein schnelles und flexibles Hilfesystem. Mit diagnostisch-klärenden Kleinkindergruppen, koedukativen Kinderwohngruppen, Außenwohngruppen und Familiengruppen gibt es für jede Altersgruppe adäquate Konzepte. Die sozialpädagogischen Lebensgemeinschaften und Jugendwohngemeinschaften werden ergänzt durch Nachbetreuungsformen. Die Stadt Münster hat der Einrichtung die Aufgaben der Inobhutnahme für Mädchen bis zwölf und Jungen bis 14 Jahre übertragen.

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Text: pd | Foto: Martin Schemm, Pixelio in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
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