
Ein Koffer, der nicht geschlossen werden sollte: Johannes Gröger (l.) und Stefan Bargert mit dem "Notfallkoffer", den sie für das Schulzentrum St. Michael in Ahlen gepackt haben.
Wenn ein Schüler stirbt, ist die ganze Schule gefordert
Ein Koffer gegen Hilflosigkeit
Ahlen. Rein statistisch ist es nur logisch, dass diese Situation eintritt. Aber wirklich darauf vorbereitet ist kaum jemand. Denn wer Lehrer werde, gehe zumeist mit einem anderen Grundgefühl in seinen Beruf, weiß Johannes Gröger, Lehrer und Schulseelsorger am St.-Michael-Berufskolleg in Ahlen und Ständiger Diakon in St. Nikolaus in Münster-Wolbeck. "Ich gehe doch zur Jugend, dorthin, wo das Leben beginnt, wo Anfang ist." Wenn mit dem Tod eines Schülers dann plötzlich eine ganz andere Situation eintrete, herrsche oft große Hilflosigkeit. "Weil eine Vorbereitung auf diesen Moment oft nicht stattgefunden hat", sagt Gröger, der auch als Mentor die angehenden Religionslehrer im Studium begleitet.
Hilflosigkeit bis hin zur Lähmung. "Je näher die Situation des Verstorbenen an den Schülern ist, desto gravierender sind die Auswirkungen", weiß auch Stefan Bargert, Pastoralreferent und Schulseelsorger am benachbarten St.-Michael-Gymnasium. Die beiden Pädagogen haben diese Momente selbst schon einige Male erleben müssen und wissen, dass auch der Tod von Lehrerkollegen oder Eltern der Schüler eine ähnliche Situation in der Schule schaffen könne. Sterbe aber ein Schüler, entstehe eine absolute Ausnahmesituation, so Bargert: "Dann geht nichts mehr, keiner kommt daran vorbei, der Schock lässt nichts mehr zu – normaler Schulbetrieb ist nicht mehr möglich."
Tod bleibt abstrakt
Der Trend der Gesellschaft, den Tod nicht mehr zum Thema zu machen, macht auch vor der Schule nicht Halt. Zwar stehe das Thema durchaus auf dem Lehrplan, etwa im Religionsunterricht. "Aber eben nur theoretisch, nicht mit seiner emotionalen Seite", weiß Bargert. Die Schüler seien dabei nicht wirklich berührt, der Tod bleibe abstrakt. "Sie können dann mit mir über den Friedhof gehen, zwar interessiert, aber eher wie beim Gang über eine Bundesgartenschau." Die Auseinandersetzung bleibe auf einer sachlichen Ebene: "Der Tod passiert und der Umgang kann so oder so aussehen – gestaltet, mit Gefühlen hinterfragt oder gar aufgearbeitet wird dieser Moment nicht."
Eine Tatsache, welche die Hilflosigkeit der Schüler in der Extremsituation des Todes vergrößere. Auch weil die Auseinandersetzung mit dem Thema in anderen Lebensfeldern immer weniger stattfinde. Zudem verbringen die Jugendlichen mittlerweile zwei Drittel des Alltags in der Schule, die damit zu einem vorrangigen Lebensraum geworden ist. "Deswegen müssen wir die Schüler nicht nur für ihre schulischen Leistungen fit machen, wir müssen sie ganzheitlich sehen, als Menschen, denen wir die Chance zur persönlichen Entwicklung in allen Bereichen geben müssen", sagt Gröger. "Auch im Umgang mit dem Ende des Lebens, denn es gibt nichts Menschlicheres als den Tod."
Basis für die Reaktion
Wie aber kann es gelingen, dass diese Situation nicht aus dem Ruder läuft? Gröger und Bargert haben dafür eine Grundidee. "Es muss darum gehen, im Vorfeld eine Basis geschaffen zu haben, um dann kreativ und individuell reagieren zu können." Denn in der Situation selbst habe keiner mehr Kraft und Kapazität dazu, sich die entscheidenden Dinge zurecht zu legen. Nur wer sich auf einen Grundstock an Ideen und Möglichkeiten der Bewältigung stützen könne, habe die Möglichkeit, mit der gebotenen Wachsamkeit auf die Schüler zuzugehen. Was im Übrigen nicht nur für Schulseelsorger oder Religionslehrer gelte, sondern für alle Beteiligten. Das betonten beide: "Es gilt dann alle Talente, die es zum Meistern dieser Herausforderung gibt, zu nutzen."
Aus dieser Idee haben Gröger und Bargert einen "Notfallkoffer" entwickelt. Der ist mit keinen Zauber-Utensilien bestückt, eher mit Banalem, aber Wirkungsvollem und Hilfreichem. Etwa dem Taschentuch, der Kerze, dem kleinen Bronze-Engel oder auch der Tafel Schokolade, die bei der großen Aufregung der Unterzuckerung der Schüler vorbeugen soll. Wichtig seien natürlich auch die vielen Bücher und Broschüren zum Thema, in denen sich Spezialisten Gedanken zur Bewältigung gemacht haben. "Wer sich damit beschäftigt hat, findet die besseren Antworten auf die vielen Fragen, die dann kommen", erklärt Gröger. Etwa die nach der Sitzordnung: "Wie gehe ich mit dem leer gewordenen Stuhl in der Klasse um?" Oder die nach Ritualen für die Trauer: "Wie können Kerzen und Blumen helfen oder Bücher, in die die Schüler etwas schreiben können?"
Bei all den Materialien gehe es darum, den Jugendlichen Orte, Zeiten und Hilfen für die Trauer zur Verfügung zu stellen. "Was im Schulalltag oft gar nicht so einfach ist", weiß Bargert. Auch, weil die Dosierung eine Rolle spiele. "Sonst wird die Trauer schnell zu einer Art Schock-Event, die bis hin zur Massenhysterie gehen kann." Den Schülern müsse die Möglichkeit gegeben werden, ihre individuelle Bewältigung zu finden und trotzdem Halt in der Gemeinschaft zu erfahren.
Kein Feuerlöscher
Dafür dürfe der Koffer kein abgeschlossenes System sein. Ähnlich einem Feuerlöscher, der zwar da sei, aber kaum jemand wisse, wo genau. "Er muss ständig genutzt und weiterentwickelt werden", sagt Bargert. "Auch außerhalb der Krisenzeiten." Denn eine Routine könne sich im Umgang mit dem Tod nicht einstellen: "Ich muss immer schauen, was mir weiterhelfen kann, was es Neues gibt, wo ich mir Hilfe holen kann." Dann könne der Notfallkoffer auch mehr sein als ein "Erste-Hilfe-Set", das bei der "Erst-Versorgung" helfe, dann aber mit den weiteren Fragen allein lasse. Denn letztlich gehe es doch auch um die Lehrer, unterstreicht Gröger: "Sie sollen vermeiden, in der Situation ins Schwimmen zu geraten, um gemeinsam mit den Schülern aus der Hilflosigkeit herauszukommen."
Schon gar nicht dürfe der Koffer zu einem "Missions-Koffer" werden, ist den beiden Seelsorgern wichtig. "Natürlich hat Kirche gerade in diesem Moment den Jugendlichen etwas mitzugeben, damit sie im Leben nicht zerbrechen", sagt Bargert. Was aber nicht zur Strategie werden dürfe. "Es muss ein Angebot bleiben, in dem sie sich ihr Handwerkzeug dafür holen können." Eine Chance, wichtige Antworten zu finden – keine Methode, Antworten zu verbreiten."
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Text: Michael Bönte | Foto: Michael Bönte
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