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11.12.2018
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Schwester Maria Magdelene.

Schwester Maria Magdelene erinnert sich gern an die Zeit in Hamm.

Viele Jahre Engagement für Sinti und Roma

Eine Aufgabe mit viel Fingerspitzengefühl

Coesfeld. Ein kleiner Zigeunerjunge barfuß im Schnee: Dieses Bild geht Schwester Maria Magdelene bis heute nicht aus dem Kopf, obwohl die Begegnung 61 Jahre her ist. Die in Langwege im Landkreis Vechta geborene Maria Magdelene Middendorf war 14 Jahre alt, als sie als Hilfskraft bei einem Bauern arbeitete. Eines Wintermorgens stapfte sie auf dem Weg zum Hof durch die Kälte, als sie am Waldrand an einem Zigeunerwagen vorbei kam. Dort standen zwei Jungen: ein Lulatsch in übergroßen Latschen. Und ein kleiner Junge: "Er schaute misstrauisch und ängstlich. Sein Blick hat mich getroffen."

Im Spätsommer 1979 bekam die Nonne einen Anruf von ihrer Provinzoberin der Schwestern Unserer Lieben Frau. Damals machte die gelernte Erzieherin eine Weiterbildung zur Heilpädagogin und arbeitete in einem Brennpunktviertel in Würzburg. Ihre Beharrlichkeit bewies sie bereits dort. Ein junger Polizist habe sie aufgefordert, ihre Wohnung in dem Viertel aufzugeben. Man könne dort nicht für ihre Sicherheit garantieren. Ihre Antwort: "Ich weiß, dass ich hier hingehöre. Ich muss hier bleiben." Und sie blieb. Nach dem Abschluss ihrer Weiterbildung kam der Anruf. Eine Frage. Ein Auftrag: "Könntest du dir vorstellen, nach Hamm zu den Zigeunern zu kommen?"

Für das älteste von zwölf Kindern eines Grubenholzarbeiters schloss sich mit diesem Telefonat der Kreis – 19 Jahre nach der Ableistung des ewigen Ordensgelübdes. Sie fasst sich an das kleine Holzkreuz um ihren Hals, als sie erzählt, dass in diesem Moment plötzlich das Bild des kleinen Zigeunerjungen wieder da gewesen sei: "Ich wusste sofort: Da soll ich hin, zu diesen Menschen." Berufung.

Am Westberger Weg lag eine von vier Obdachlosensiedlungen in Hamm. Sie war die mit dem schlechtesten Ruf. Dort lebten kinderreiche Familien, viele herunter gekommene Männer und Frauen, "im wahrsten Sinn des Worts Beschäftigungslose", wie Maria Magdelene sie beschreibt. Und die Zigeuner. "Zigeuner sind saubere Menschen. Die wollten auf Dauer nicht mit diesen Deutschen zusammen leben. Das war unehrenhaft." Wenn Maria Magdelene den Begriff "Zigeuner" benutzt, klingt in ihrer Stimme Ehrfurcht mit. Für Zigeuner sei es Sünde, Hunger zu haben, erklärt die 75-Jährige: "Die alten Zigeunerfrauen kochen immer in großen Töpfen. Damit kein Gast hungrig vom Tisch aufsteht, auch wenn es ein Bettler ist." Der katholische Glaube spiele bei den Zigeunern eine große Rolle, insbesondere die Verehrung der Mutter Gottes. Maria strahle Barmherzigkeit aus. Das Gottesbild der Zigeuner sei lange Zeit von der Vorstellung des strafenden Gottes geprägt gewesen. Der Satz von Alfred, einem Zigeuner, der spät zum Prediger wurde, habe ihr begreiflich gemacht, welche Gewissensqualen die Zigeuner generationenlang durchleiden mussten: "Wir haben nicht gewusst, dass Jesus Christus für uns gestorben ist."

Viele konnten sich auch kein eigenes Bild über Jesus verschaffen: Sie konnten nicht lesen und schreiben. Maria Magdelenes Tätigkeit in Hamm bestand auch aus diesem Grund zu einem Großteil aus Behördenhilfe. Das brauchte viel Fingerspitzengefühl: "Ein Zigeuner will immer Herr bleiben über das, was er tut", vermittelt Maria Magdelene einen Eindruck vom ausgeprägten Stolz und dem Überlebenswillen: "Die Zigeuner kamen zurecht. Im Unterschied zu vielen anderen Bewohnern der Siedlung."

2006 ging Maria Magdelene in Ruhestand. Sie lebt im Kloster Annenthal, dem Provinzhaus des Ordens in Coesfeld. Was hat sich zurückblickend in der Zeit ihres Wirkens bei den Hammer Zigeunern geändert? "Sie leben jetzt nicht mehr neben den anderen her, sondern unter ihnen", antwortet Maria Magdelene und nennt ein Beispiel: "Als ich 1979 angefangen habe, wollten die Frauen ihre Kinder nicht in die Schule schicken." Zu sehr sei es noch in den Köpfen gewesen, dass die Nazis die Kinder alle mitgenommen hätten.

"Heute ist das kein Thema mehr. Das prinzipielle Misstrauen und die Angst vor den Deutschen sind weg." Maria Magdelene lächelt zufrieden, ihre Augen strahlen.

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Text: Stephan Wolfert | Foto: Stephan Wolfert in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
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