
Bei Kerzenschein beten die Teilnehmer am Abend in Dülmen.
Die Gemeinde Heilig Kreuz lädt zum Nachtgebet ein
Den Alltag hinter sich lassen
Dülmen. Stille in der Dunkelheit. Sie wird nur durchdrungen von zart romantischen Klavierklängen, die in ihrer Lautstärke zögernd ansteigen und schließlich immer eindringlicher werden. Stille. Das Licht der großen Osterkerze wird mit Hilfe vieler kleiner Kerzen an alle Menschen weitergegeben. Stille, getaucht in warmes Kerzenlicht.
In der Heilig-Kreuz-Kirche findet das kleine Nachtgebet statt. Auf dem höchsten Punkt im Kirchenraum, der Empore hinter dem Altar, zwischen dem sanft angestrahlten Kreuz und der leuchtenden Osterkerze ist ein kleiner Kreis aus Holzhockern aufgebaut. Es wird umher gerückt, weil nicht genug Sitzplätze da sind und der Kreis noch um zehn weitere Hocker ergänzt werden muss, damit alle einen Platz finden. Die Menschen sind gekommen, weil sie zusammen die Komplet beten möchten.
In der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten findet dieses Nachtgebet jeden Mittwoch um 21.45 Uhr statt. Nicht zuletzt, um sich in der Zeit zwischen diesen beiden wichtigen christlichen Festen, der Auferstehung Jesu und der Herabsendung des Heiligen Geistes 50 Tage später, auf den eigenen Glauben zu besinnen. In einer Zeit, in der viele Menschen vielleicht dem Alltag hinterherjagen, kommen sie nicht oft dazu, sich Raum für das zu schaffen, was ihnen wirklich wichtig ist und sie befähigt, einen Moment innezuhalten, um dann wieder für einen neuen Tag gerüstet zu sein.
"Dieses halbstündige Nachtgebet gibt mir innere Ruhe und Gelassenheit. Bei uns zu Haus ist um 21.30 Uhr Schluss. Beim Nachtgebet nehme ich mir die Zeit, um am Abend herunterzufahren. Ein bisschen Zeit, die ich mir zu Haus wahrscheinlich nicht nehmen würde, um zum Ende des Tags einmal in mich hineinzuhorchen", beschreibt eine Teilnehmerin die Atmosphäre.
Wenn man den Kirchenraum – wie beim Nachtgebet – einmal aus einer neuen Perspektive, nämlich vom höchsten Punkt innerhalb der Kirche betrachtet und auf die Bänke hinunterblickt, auf denen man normalerweise sitzt, liegt es nah, auch sich selbst aus einem anderen Winkel zu sehen.
Es sind die idealen Voraussetzungen für einen stimmungsvollen Tagesabschluss gegeben: Im warmen Kerzenlicht wird der Lesungstext des Tages vorgetragen, anschließend erlebt man eine abwechslungsreiche Zusammenstellung aus verschiedenen Gesängen. "Marion. Ulla. Jens. Laura …", die Kirche ist erfüllt von Namen, als jeder eingeladen wird, einen Menschen in die Fürbitten einzuschließen.
Die Stille, die zwischen den Gebeten Raum für Besinnung lässt, ist greifbar; so wohltuend legt sie sich über den kleinen Kreis, wenn sie nicht gerade von der Sirene eines Rettungswagens durchschnitten wird, der unterwegs zum nah gelegenen Krankenhaus ist. Das erinnert die Betenden daran, dass außerhalb dieser Gemeinschaft der Alltag weitergeht.
Das ist die Absicht der Initiatorin Graciela Sonntag. "Ich finde es wichtig, gemeinsam zu beten. Mit dieser schlichten Gebetsform möchte ich mein Anliegen weitergeben und ein Bewusstsein für die Zeit schaffen. Man braucht nicht immer pompöse Mittel, um etwas zu vermitteln. Schon das Weitergeben des Lichts, das die Kirche und die Gesichter – die Nacht – erleuchtet, soll Licht in die Herzen der Menschen bringen", erklärt die Pastoralassistentin ihre Beweggründe.
So verläuft das halbstündige Nachtgebet besonders stimmungsvoll, bis die Teilnehmer am Ende mit den Augen blinzeln, wenn sie in das ungewohnt helle Licht des Flurs treten, um sich schließlich im Alltag wiederzufinden.
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Text: Nora Frerichmann | Foto: Nora Frerichmann in
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