
- Professor Thomas Söding.
Professor Thomas Söding über die Arbeit des DÖSTA
Theologische "Powerriegel" für Ökumene-Marathon
Münster. Vom 11. bis 13.11.2010 tagt in Münster der Deutsche Ökumenische Studienausschuss (DÖSTA) der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK). kirchensite.de sprach mit dem stellvertretenden DÖSTA-Vorsitzenden, Professor Thomas Söding.
kirchensite.de: Herr Professor Söding, Sie sind stellvertretender Vorsitzender des "Deutschen Ökumenischen Studienausschusses". Womit beschäftigt der sich?
Professor Thomas Söding: Der Ausschuss beschäftigt sich mit zentralen Fragen ökumenischer Theologie. Er wird von Theologinnen und Theologen gebildet, die das Vertrauen ihrer Kirche haben, aber auch alle Freiheit, eine eigene Position zu vertreten, die den Dialog voranbringt. Das Besondere am DÖSTA: Seit 60 Jahren arbeiten hier – und weltweit nur hier – nicht allein Katholiken und Lutheraner oder sonstige Zweierpärchen zusammen, viele – auch Orthodoxe, Reformierte, Freikirchliche, Altkatholiken, Orientalien – sitzen an einem Tisch. Das ganze bunte Spektrum der weltweiten Ökumene ist wie in einem Brennglas eingefangen. Das macht die Gespäche manchmal komplizierter, im Ganzen aber reicher und tiefer.
kirchensite.de: Welche Bedeutung hat die Arbeit des Ausschusses?
Söding: Dem DÖSTA geht es nicht um Tagespolitik; er befasst sich mit den nachhaltigen Themen der Theologie, die für alle Beteiligten wesentlich sind. Er unterstützt durch wissenschaftliche Beratung eine Reihe von öffentlichkeitswirksamen Aktionen der ACK, zum Beispiel Initiativen zur Eindämmung der Gewalt oder zur Bewahrung der Schöpfung. Vor allem aber dient der Ausschuss dazu, große Themen der Theologie so zu diskutieren, dass viele Stimmen zu Wort kommen und im Gespräch bleiben. Das ist für die Kirchen der ACK eine große Chance, die eigene Position zu überdenken und weiterzuentwickeln. Der DÖSTA hat aber nur die Macht seiner Argumente – mehr will er auch nicht.
kirchensite.de: Welche wichtigen Erkenntnisse wurden durch die Arbeit des Ausschusses gewonnen?
Söding: Die wichtigste Erkenntnis ist, wie viel nicht nur die "Großen", die katholische und die evangelische Kirche, sondern auch die "Kleinen" theologisch zu sagen haben, die weltweit oft alles andere als klein sind. Ein international beachtetes Projekt vor kurzem war eine Studie zur Rechtfertigungslehre: Wie sieht die ökumenische Situation nach der "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" von 1999 aus, wenn erstens nicht nur die katholischen und lutherischen, sondern all die anderen Erfahrungen, Einsichten und Kritiken christlicher Kirchen ausgewertet werden, und wenn zweitens ganz gezielt darauf geachtet wird, nicht einen christlichen Konsens auf Kosten des Judentums zu gewinnen. Antwort: Eigentlich noch besser, als wenn die ökumenischen Profilneurotiker in den großen Kirchen den Ton angeben. Die jüngste Studie befasst sich mit dem Entstehung, der Kritik und der Erneuerung von Tradition. Früher ein heißes Eisen, das viele nicht anfassen mochten, heute ein Glutkern ökumenischer Verständigung.
kirchensite.de: Hat die Arbeit des Ausschusses nur Wert für Theologen oder profitieren auch die Gemeinden?
Söding: Der DÖSTA hat den Anspruch, ökumenische Theologie auf Höhe der wissenschaftlichen Forschung zu treiben. Ob das gelungen ist, müssen andere beurteilen. Aber der DÖSTA treibt keine Ökumene im Elfenbeinturm. Alle Veröffentlichungen sind für ein breites interessiertes Publikum geschrieben. Die ersten Adressaten sind die Mitglieder der ACK, oft die Vorkämpfer der Ökumene vor Ort. Wenn wir die nicht erreichen, haben wir unsere Aufgabe verfehlt. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass das schon oft passiert ist. Der DÖSTA produziert die theologischen "Powerriegel", die man für den Marathonlauf der Ökumene braucht. Man muss sie sich nur greifen: Alle Studien sind veröffentlicht. Ohne Lesen und eigenes Denken geht es nicht.
kirchensite.de: Wo steht die Ökumene derzeit?
Söding: Viele sehen nur Stillstand. Viele beklagen, dass die Ökumene vor Ort funktioniert, aber von "denen da oben" blockiert wird. Viele verstehen auch gar nicht mehr, worum man sich überhaupt streitet. Das ist im DÖSTA anders. Hier gibt es Leidenschaft für Theologie, hier gibt es Bewegung, hier gibt es auch die Hoffnung, durch klare Analysen die Kluft zwischen Basis und Leitung zu überbrücken. Wichtig ist, dass die Kirche sich nicht selbst im Wege steht, wenn es um neue Formen der Einheit im Glauben geht. Gemeinsames Nachdenken über die Würde des Menschen und über die religiöse Bildung in Deutschland, über die künftige Rolle der Kirche in der offenen Gesellschaft – das sind die Schlüsselfragen der Zukunft. Die Arbeit an solchen Initiativen schafft auch eine gute Voraussetzung, die innerkirchlichen und zwischenkirchlichen Konflikte zu befrieden.
kirchensite.de: Wo liegen die Streitpunkte und wie könnten Lösungswege aussehen?
Söding: In der evangelisch-katholischen Ökumene geht es nach dem Konsens in der Rechtfertigungslehre jetzt um die Frage des kirchlichen Amtes, um seine Formen und Aufgaben, seine Begründung und Verantwortung. Das ist eine Frage, von der ich überzeugt bin, dass man sie mit Argumenten beantworten kann. Aber in der gesamten Ökumene ist diese Debatte nur ein kleiner Ausschnitt. Es reicht nicht, zu sagen: "Schön, dass wir darüber gesprochen haben." Es gibt den Auftrag Jesu, die Einheit im Glauben zu finden, in vielen Sprachen, vielen Zeichen, vielen Formen. In neutestamentlicher Zeit haben die Christen das hinbekommen. Wir müssen es neu lernen.
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