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Seite: Aktuelles  >  Bischof Anil Couto aus Indien zu Besuch im Bistum
16.05.2012
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Bischof Couto.
Bischof Couto in einer Warendorfer Hauptschule, im Hintergrund das diesjährige Missio-Aktions-Plakat mit Mutter Teresa.

Bischof Anil Couto aus Indien zu Besuch im Bistum Münster

"Haltet Augen und Herzen offen!"

Bistum/Indien. Ein Mittwochmorgen in Warendorf: In der Hauptschule "Hinter den drei Brücken" treffen sie plötzlich aufeinander, die zwei Welten. Hier der indische Bischof, der aus seiner Diözese Jalandhar angereist ist, um eine Woche lang für den Monat der Weltmission des Internationalen Missionswerks Missio zu werben. Dort die etwa 60 Schüler der Klasse Neun, die auf den Stühlen in der Aula Platz genommen haben und den Mann in der beigen Jacke ein wenig unsicher mustern. Die Entfernung zwischen ihnen ist groß. Das wird in diesem Augenblick deutlich. Nicht nur, weil die Kommunikation mit dem Bischof über einen Dolmetscher geschieht. Auch weil die Lebenswelten unglaublich weit auseinander liegen.

Einblick in eine fremde Welt

"Viele wissen gar nicht, wo Indien liegt", hatte Schulleiter Holger Kubitza  Bischof Anil Couto bei einem kurzen Gespräch zuvor erklärt. Auch mit dem Religiösen könnten nur noch wenige etwas anfangen. "Der familiäre Hintergrund fehlt häufig." Es gebe zwar regelmäßige Schulgottesdienste, und auch die drei unterschiedlichen Unterrichtsangebote für Katholiken, Protestanten und "die übrigen Religionen" seien noch gut besucht. "Aber die Distanz zur Kirche ist schon sehr groß."

In der Aula hängt eine Weltkarte an der Wand, die den Schülern helfen soll, die lange Reise des Besuchers einzuordnen. "Er ist ein Bischof, der in einer ganz anderen Welt lebt", stellt der Schulleiter den Gast vor. Und auch Bischof Couto unterstreicht, dass "wir Europa und Indien nicht vergleichen können". Zu weit lägen Geschichte, Mentalität und Kultur auseinander, erklärt er, bevor er versucht, einen Einblick in "seine Welt" zu geben.

Mit Bildern stellt er seine Heimat im Nordwesten Indiens vor. Landschaften, Feste, Traditionen, Engagement der Kirche, Dialog mit anderen Religionen und soziale Projekte sind Aspekte seiner Ansprache. Couto kommt aus einer Region, in der die 125.000 Katholiken in der Minderheit sind. "Sikhs und Hindus stellen die größten Glaubensgruppen. In einigen Gebieten sind es bis zu 95 Prozent." Er sieht in der Minderheit-Situation ein doppeltes Problem: "Die meisten Christen sind Unterdrückte, die von den höheren Kasten oft wie Sklaven ausgebeutet werden." Auch seine Sorge um die starke Benachteiligung der Frauen in der indischen Gesellschaft spricht er an.

Die Schüler sind betroffen, als sie sich zum kurzen Gespräch in Kleingruppen zurückziehen. Sein "exotischer" Hintergrund, die völlig fremde Welt, aus der der Bischof kommt, hat sie beeindruckt. "Wie viele sind reich, wie viele arm?", fragen sie ihn. Und: "Wer kümmert sich um die, die nichts haben?" In den Antworten Coutos wird deutlich, dass in Indien niemand von einem sozialen Netz wie in Europa aufgefangen wird. "Wenn du keine Arbeit hast oder krank wirst, bist du verloren." Wenn da nicht die Kirche wäre, die sich in vielen Bereichen engagiert, Schulen aufbaut, Krankenhäuser betreibt, soziale Projekte initiiert. "Es ist aber nur ein Bruchteil der Armut, den wir als Kirche in einem so großen Land wie Indien auffangen können."

Auch Europa ist Missionsgebiet

Einblick in eine andere Welt: Bischof Couto erklärt den Schülern das Leben in seiner Heimatdiözese Jalandhar.

An den Fragen der Schüler wird auch deutlich, dass sie sich kaum vorstellen können, was einen Bischof zu einem solchen Engagement antreibt. "Was macht ein Bischof den ganzen Tag?", lautet eine Frage, "darfst du eine Familie gründen?" eine andere. Und: "Was passiert, wenn du dich trotzdem verliebst?"

Er bekomme langsam eine Ahnung, warum Europa immer mehr als Missionsgebiet gelte, sagt Couto im Anschluss. "Ich habe aus vielen ihrer Fragen gehört, dass sie kaum noch eine Ahnung vom Kern des christlichen Glaubens haben." Darin sieht er eine Gefahr für das, was viele Menschen in seiner Heimat an Europa bewundern: "Die große soziale Absicherung." Er könne in Indien oft intensiv erleben, wie Menschen handeln, wenn sie nicht aus einer langen religiösen Tradition die Verlierer der Gesellschaft im Blick behielten. "Es führt schnell zu Diskriminierung, zu sozialer Ungerechtigkeit, zu großer Not", sagt er und verweist darauf, dass in seiner Heimat fast die Hälfte der Menschen unter der Armutsgrenze lebt.

Diese Gefahr sieht er durchaus auch in Europa: "Es ist wichtig, dass das hiesige soziale System nicht die christlichen Wurzeln vergisst, aus denen es erwachsen ist." Wenn eine zu große Entfernung zum "Herzen des Handelns" entstehe, könne ein solches System auch in sich zusammenbrechen. Denn nur der Glaube an eine "Herrschaft der Liebe", die letztlich allein aus den Religionen erwachsen könne, sei in der Lage, die Welt für alle Menschen nachhaltig und lebenswert zu gestalten.

Beeindruckende Ökumene

Eines habe ihn zudem nachdenklich gemacht, sagt Bischof Couto schließlich und taucht damit in sein Fachgebiet ein: Er hat in Rom in ökumenischer Theologie promoviert, leitet in der Indischen Bischofskonferenz die Kommission für Ökumene und ist Mitglied der Kommission für interreligiösen Dialog. "In dieser Klasse sitzen viele Konfessionen und Religionen friedlich beieinander." Was in seiner Heimat nicht immer der Fall ist. Als besonders wohltuend habe er es deshalb immer erlebt, wenn die dominierenden Religionsgruppen auf die Minderheit der Christen zugegangen seien. "Es ist wichtig, dass sich die Großen auf die Kleinen zubewegen." Das sei eine "ausgestreckte Hand", die glaubwürdig "Respekt, Friedfertigkeit und Interesse" signalisiere. Was auch für Deutschland gelte, wo die Christen die größte Gruppe seien.

Er nehme viele Impulse mit aus dieser Begegnung mit den Schülern, sagt Bischof Couto. Weitere werden folgen. Denn die Programmpunkte in der einen Woche, die er im Bistum Münster verbringt, sind eng gesetzt. In Warendorf geht es weiter ins Josephs-Hospital, Begegnungen mit Menschen aus vielen Bereichen des kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens stehen in den kommenden Tagen an. Der Besuch in einer nicht kirchlichen Hauptschule war dabei bewusst gewählt, "um dem indischen Bischof ein möglichst breites und authentisches Bild der deutschen Gesellschaft zu ermöglichen", sagt Hans Georg Hollenhorst vom Referat Weltkirche im Bischöflichen Generalvikariat Münster.

Auch die Schüler kommen "bereichert" aus diesem Vormittag. Bevor die Aula für das mittägliche Essen zur Schüler-Kantine umgebaut wird, stehen alle auf und empfangen den Segen des Bischofs, Muslime wie Christen, Orthodoxe wie Mennoniten. "Haltet eure Augen und Herzen offen für die Situation aller Menschen in der Welt", sagt er. "Sucht Kontakt und Verständnis."

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