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17.05.2012
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Weihbischof Dieter Geerlings.
Weihbischof Dieter Geerlings.

"Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr"

Weihnachtsgruß von Weihbischof Dieter Geerlings

Coesfeld/Recklinghausen. Weihnachten ist vor allem eins – ein ganz besonderer Geruch. So war eine weihnachtliche Geschichte von Anne Rheinländer in einer Werbebroschüre überschrieben. Ich dachte zunächst an verschlüsselte Werbung für ein Parfüm. War es aber nicht. Es ging auch nicht um den Stallgeruch in der Herberge von Betlehem: von Ochs und Esel, von einem neugeborenen Kind, von Heu und Stroh. Dieses Grunddatum unseres Glaubens wurde in der Geschichte gar nicht erwähnt. Typisch, dachte ich, es ist wieder von Weihnachten die Rede, ohne die Botschaft von Weihnachten zu benennen. Menschen machen sich in dieser Geschichte vorweihnachtlich auf einen sehr weiten Weg aufgrund einer Einladung. Es geht, wie sich herausstellt, zu einem Ort, "den man womöglich nur mit der Nase finden kann". Dort kommen sie nicht an.

Für die, die da unterwegs sind, ist "Weihnachten der verloren gegangene Geruch ihrer Kindheit". Gemeint ist der Duft von Lebkuchen, Kerzen, Tannengrün. Ich entscheide mich innerlich dafür, diese Geschichte für eine Symbolgeschichte zu halten: Menschen auf der Suche, denen der tiefe Sinn von Weihnachten abhanden gekommen ist, die einfach nicht wissen.

Wir gläubige Christen sind als deren Zeitgenossen ebenfalls unterwegs – im Glauben, dass Er uns aus unendlicher Liebe entgegen kommt. Aber sind wir heute auskunftsfähig genug über diesen Glauben? Ist das nicht das Problem der Christenheit in unseren Breiten insgesamt: die Unwissenheit über das Christentum? Wie werden wir auskunftsfähig in der heutigen Welt? Neue Herausforderungen kann man nicht allein mit den Kriterien der Vergangenheit beurteilen und bestehen, mit dem "Geruch aus Kindertagen".

Die Konsequenz wäre Unbeweglichkeit und weniger innere Offenheit für die neuen Möglichkeiten, die Gott uns durch neue Fragen erschließen will. Die weihnachtliche "Geruchsgeschichte" bringt in mir mehr in Bewegung, als ich anfangs dachte.

Ist im Bild auf dieser Titelseite etwa "mehr" Weihnachten drin? Jedenfalls viel von dem, was Menschen mit Weihnachten verbinden: Die durch unberührten Schnee beruhigte Landschaft, die schneeweiß verzauberten Tannen – ein Bild von Harmonie und ungestörtem Frieden, aber aus sich heraus trotzdem dunkel. Die Wirklichkeit dieser Welt ist eben doch anders, glänzt nicht aus sich selbst.

Die Meldung aus einem Institut für Zukunftsforschung: 78 Prozent der Deutschen verbinden laut einer Umfrage mit Weihnachten vor allem einen Tannenbaum. Der Baum wird erstmals in Straßburg im Zusammenhang mit Weihnachten erwähnt (1539). Die Tanne wird als besonderer Baum angesehen, weil sie immergrün ist, weil sie sich nach oben verjüngt. So drückt sie die Hoffnung des Lebens mitten im Winter aus. Zudem bilden alle Zweige bis in die kleinste Ausformung hinein kleine Kreuze. Durch entsprechenden Schmuck wird der Tannenbaum zum Christbaum. Auf unserem Bild: die von Licht ausgeleuchtete Tanne als Symbol für das Licht, das der Mensch gewordene Gottessohn im Dunkel der Welt verbreitet? "Beglänzt von seinem Lichte hält euch kein Dunkel mehr."

Weihnachten erinnert noch an einen anderen "Baum": den Stammbaum Jesu. Damit beginnt Matthäus sein Evangelium (1,1-17). Jesus, das Licht vom Licht, wird hineingestellt in eine menschliche Geschichte mit ihren vielen Dunkelheiten. Ihr tiefstes Ziel ist, dass Christus ans Licht kommt. Dieser Stammbaum ist nicht zu verstehen im Sinn einer wissenschaftlichen Geschichtsschreibung. Er ist vielmehr Mittel für eine Glaubensaussage: Der "Licht vom Licht" ist, beglänzt die Finsternis menschlicher Geschichte, auch die unseres Lebens. Wir bleiben nicht mehr darin gefangen gehalten.

Nun nennt der Stammbaum Jesu vier Frauen, denen ein dunkler Makel anhaftet. Unmöglich für den Stammbaum des Gottessohnes? Offensichtlich nicht. SEIN Licht kehrt die Maßstäbe der Menschen um. Die Schwachen, Sündigen hat Gott erwählt. Um vier solcher Frauen handelt es sich. Aber bei näherem Hinsehen stellt man fest: Es waren jeweils die Sünden der Männer gewesen, nicht der Frauen, bei Rahab, Rut, Batseba, Tamar.

Das Besondere an diesen Frauen aber ist: Sie sind alle Nicht-Jüdinnen, heidnische Frauen, und stehen an dem entscheidenden Wendepunkt der Geschichte Israels. Papst Benedikt XVI. erklärt, was das bedeutet: "Dieser Stammbaum … ist durch die vier Frauen ein Stammbaum für die Kirche aus Juden und Heiden. Er verweist auf das Kommende, die Kirche der Völker. Ja, man könnte sagen: Diese vier Frauen schieben ... die ganze hochwichtige Geschichte der Männer beiseite; sie sind die eigentlichen Gelenke des Stammbaums, der damit aus einem Stammbaum angeblicher männlicher Taten zu einem Stammbaum des Glaubens und der Gnade wird – auf dem Glauben dieser Frauen ruht das Eigentliche dieser Geschichte, der Fortgang der Verheißung. Damit wird nun bei allen Gegensätzen der innere Zusammenhang mit der fünften Frau sichtbar, auf die alles zugeht: mit Maria."

Durch das Ja Marias wird der Anfang einer neuen Schöpfung gelegt, in der das Licht vom Licht sich ausbreiten kann, um alle Dunkelheiten zu erhellen. Als der evangelische Theologe, Schriftsteller und Verfasser geistlicher Lieder Jochen Klepper 1938 – in der Erfahrung des Dunkels der Nazizeit – das Lied "Die Nacht ist vorgedrungen" (Gotteslob Nr. 111) mit dem Vers "Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr" niederschrieb, ahnte er noch nicht sein eigenes dunkles Schicksal.

Nichts aber hielt das Verhängnis dieses Mannes auf, der mit einer Jüdin verheiratet war. Eine Scheidung kam für ihn nicht in Betracht. Als ihm am 10. Dezember 1942 Eichmann persönlich die Ausreise der Tochter Renate endgültig verweigerte und auch die Zwangsscheidung von seiner Frau mit deren sofortiger Deportation zu befürchten war, erreichte die Familie die Finsternis dieser Welt ganz. Die letzte Eintragung im Tagebuch: "Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott. Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben."

Wer kann hier Richter sein? Ist nicht auch diese schreckliche Situation "beglänzt von seinem Lichte" – und erlöst? Ist nicht jedes menschliche Scheitern durch SEIN Licht erhellt? Ist das nicht die tiefe Botschaft von Weihnachten? Mitten im großen Glaubensbekenntnis erklingt die Weihnachtsbotschaft so: Der in Betlehem geboren ist, war Licht vom Licht, "lumen de lumine". Die abstrakten Begriffe des Bekenntnisses werden verlassen, die dogmatischen Brocken, die manchmal auf unserem Weg liegen. Dieses faszinierende Bild: Licht vom Licht! Es ist das Bild vom Licht, das von einem anderen Licht genommen wird, wogegen jede Dunkelheit machtlos ist. Licht vom Licht – Gott von Gott – wahrer Gott vom wahren Gott.

Wo ihn die Seinen, denen er Mitmensch wurde, nicht gebrauchen konnten, als Störung empfanden und ihn tot redeten und tot trampelten, wo sie Gott verleugneten und sterben ließen in der Finsternis ihres Herzens, da sagt er unbeirrbar: Ich liebe euch. So unbeirrbar, dass die Nacht hell werden musste, dass die Uhr nicht mehr zurückgedreht werden konnte. Das Entscheidende, nämlich das Gericht über die Finsternis der Welt, ist schon geschehen: "hält euch kein Dunkel mehr".

Auffallenderweise begreifen es oft eher die zuerst, die das Dunkel nicht vergessen haben, die es nicht mit Geglitzer verdrängen können: die Unsicheren, die sich schwer tun mit dem Glauben; die schuldig wurden, deren offene Wunde nach Heilung schreit. Die Ausgeflippten, die plötzlich wieder viel klarer sehen, wie es um diese Welt steht und wie sie sein müsste; die Unbehausten und die "Penner", die so oft im Dunkeln sind, die Flüchtlinge, denen hier eine gute Zukunft durch eine bisweilen gnadenlose Politik verbaut wird. Für sie alle und für uns alle ist Gott unbeirrbares Licht in der Finsternis. Und Jesus sagt: Das Licht der Welt – das seid von nun an – Ihr!

Weihnachten riecht nach mehr als nach Lebkuchen, Tannengrün, Apfelsinen, nach mehr als nach verloren gegangenen Gerüchen der Kindheit, es riecht nach Zukunft, Zukunft von Gott, nach seinem Glanz. – Kann man den riechen?

Ich wünsche Ihnen gesegnete Weihnachten!

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Text: Weihbischof Dieter Geerlings in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben | Foto: Michael Bönte
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