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30.07.2010
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Pater Dr. Hans Langendörfer: "Kirche vertritt eine dezidierte Gewaltkritik."

Interview mit Pater Langendörfer

"Kein Krieg für einen Regime-Wechsel"

Bonn / Münster. Kriege dürfen nach katholischer Lehre nicht geführt werden, um eine allgemein bedrohliche Situation abzuwenden oder um einen "Regime-Wechsel" herbeizuführen. Dies stellt der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, der Jesuit Dr. Hans Langendörfer, im Interview mit dem katholischen Online-Nachrichtenmagazin "kirchensite" heraus. Mit Blick auf die aktuellen politischen Diskussionen mahnt er: "Persönliche Betroffenheit hat ihr Recht, darf aber nicht gegen die Rationalität ausgespielt werden."

kirchensite: Die Irak-Krise erhitzt die Gemüter und polarisiert die Gesellschaft. Zwar ist keiner für einen Krieg, dennoch verstärkt sich der Eindruck, dass es gerade in der politischen Diskussion "Friedensengel" und "Kriegstreiber" gibt. Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Stimmungslage?

Pater Dr. Hans Langendörfer: Viele Menschen sind angesichts des offenbar bevorstehenden Krieges beunruhigt und besorgt. In einer solchen Situation kochen auch die Emotionen gelegentlich hoch. Das ist nicht erstaunlich und kein Grund für Kritik. Gleichwohl gehört es zu einer guten Streitkultur, dass man sich nicht gegenseitig verketzert. Jeder ist gehalten, sich ernsthaft mit den Argumenten der anderen Seite auseinander zu setzen. Persönliche Betroffenheit hat ihr Recht, darf aber nicht gegen die Rationalität ausgespielt werden. Und Rechthaberei – auf welcher Seite auch immer – dient niemandem.

kirchensite: Unermüdlich setzt sich der Papst mit seinen Mitarbeitern für eine friedliche Lösung des Konfliktes ein. Warum engagiert er sich gerade in dieser Krise so besonders?

Langendörfer: Zunächst muss gesagt werden, dass der Papst sich über den brutalen und menschenfeindlichen Charakter des Regimes von Saddam Hussein keinerlei Illusionen hingibt. Auch über dessen Gefährlichkeit muss ihn niemand überzeugen. Die politischen Entwicklungen der letzten Monate haben bei Johannes Paul II. jedoch die Sorge wachsen lassen, der Krieg könne zunehmend wieder zu einem gleichsam normalen Mittel der Politik werden. Kriege dürfen nach katholischer Lehre – und auch dem Völkerrecht nach – nicht geführt werden, um eine allgemein bedrohliche Situation abzuwenden oder um einen "Regime-Wechsel" herbeizuführen. Auch darf die Verantwortlichkeit der internationalen Gemeinschaft in Sachen Krieg und Frieden, vor allem die Zuständigkeit des Weltsicherheitsrates, nicht durch einseitiges Vorgehen überspielt werden.
Das sind Grundpfeiler des internationalen Systems – und der Papst weist auf die Gefahr hin, dass diese in der jetzigen Krise ins Wanken geraten. Darüber hinaus wendet er sich dagegen, dass über die Opfer, die mit einem Krieg gegen den Irak verbunden sein werden, oft viel zu leichtfertig hinweggegangen wird. Und schließlich: Was bedeutet ein Krieg für die ohnehin schwierigen Beziehungen zwischen muslimischer und westlicher Welt bzw. zwischen Christentum und Islam? Papst Johannes Paul II., der sich wie vielleicht keiner seiner Vorgänger um ein gutes Einvernehmen zwischen den Religionen bemüht, sieht hier die Gefahr langfristiger Zerrüttungen, die mit enormen Risiken für den Weltfrieden verbunden sein könnten.

kirchensite: Der aktuelle Irak-Konflikt macht deutlich, dass katholisch nicht gleich CDU und umgekehrt ist. Frau Merkel betont, es müsse in dieser Frage möglich sein, "auch zu einem anderen Schluss zu kommen als die Kirchen". – Wird diese Auseinandersetzung zum Zerwürfnis zwischen katholischer Kirche und den C-Parteien führen?

Langendörfer: Wer sich in der Geschichte auskennt, weiß: Niemals, nicht einmal im oft beschworenen ersten Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg, sind Katholizismus und Unionsparteien politisch einfach deckungsgleich gewesen. Neben vielen Übereinstimmungen hat es immer auch Konflikte gegeben. Vor diesem Hintergrund ist es ganz unangebracht, wenn Meinungsverschiedenheiten immer gleich zum Zerwürfnis stilisiert werden. In den friedensethischen Prinzipien der Außen- und Sicherheitspolitik gibt es zweifellos eine große Nähe zwischen der Kirchen und vielen Verantwortlichen aus CDU und CSU. Das ist eine gute und feste Grundlage auch für den manchmal unvermeidlichen Streit.

kirchensite: ZdK-Mitglieder Hermann Kues (CDU) meint: "Als Christ darf man sich durchaus in bestimmten Fällen für militärische Maßnahmen aussprechen." – Darf das ein Christ heute noch?

Langendörfer: Die katholische Kirche vertritt eine dezidierte Gewaltkritik, jedoch keinen radikalen oder bedingungslosen Pazifismus. Sie weiß, dass es Situationen geben kann, in denen der Rückgriff auf militärische Mittel zwar ein großes Übel darstellt, angesichts der Alternativen aber vielleicht das geringere Übel. Die Bedingungen dafür sind in der katholischen Friedenslehre klar formuliert: Es muss um die Abwehr eines tatsächlichen oder unmittelbar bevorstehenden Angriffs gehen oder um die Verhinderung eines Menschheitsverbrechens wie Völkermord.

kirchensite: Wie sollte aus Ihrer Sicht die Weltgemeinschaft mit Diktatoren umgehen?

Langendörfer: Es gibt hier keine Patentlösungen. Wichtig ist aber in jedem Fall ein abgestimmtes Vorgehen der demokratischen Staaten und ein langer Atem. Die ganze Palette politischer, diplomatischer und wirtschaftlicher Möglichkeiten muss genutzt werden, um die Menschenrechtssituation in repressiven Systemen – wenn auch oft nur Schritt für Schritt – zu verbessern.

Das Interview führte Norbert Göckener, 19.03.03 / Foto: KNA

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