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24.05.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv
Weil Christus die Kirche liebt, deshalb ist die Liebe zur Kirche ein Moment der Gottesliebe und des Christus-glaubens.

Bibelarbeit im Juli 2005

Liebe zur Kirche

1. Hinführung

Ein Bistum, das den Mut hat, die Feier seines 1200jährigen Bestehens unter die Überschrift "Eine Liebesgeschichte" zu stellen, kann auch eingestehen, dass diese Liebesgeschichte radikal asymmetrisch und häufig sehr einseitig ist. Zwar gab und gibt es auch im Bistum Münster viele Männer und Frauen, die, wie Jesus es mit den Worten des Alten Testaments sagt, "Gott lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit allen Gedanken und aller Kraft" (Mk 12,30), nicht zuletzt die Seligen und Heiligen. Aber es gab und gibt eben auch immer wieder, mehr als genug, Verrat an dieser Liebe. Und die Liebe, zu der Menschen finden, kann immer nur Antwort auf die Liebe sein, die Gott ihnen schenkt, jedem und jeder einzelnen, seinem ganzen Volk, der ganzen Welt. Gottes Liebe ist unbedingt, die Liebe der Menschen immer gefährdet, gebrochen, geschwächt. Gottes Liebe gilt gerade diese Schwachen, Gebrochenen, Gefährdeten.

Beim Schlussgottesdienst des Bistumstages am Sonntag wurden auf dem Domplatz zwei biblische Liebestexte als Lesungen verkündet: die Prophetie des Hosea, dass Gott, weil er kein Mensch ist, seinen glühenden Zorn in brennende Liebe verwandelt und Israel, Gottes Volk, das aus eigener Schuld zurück nach Ägypten muss, doch heimkehren lässt in seine Häuser (Hos 11); und die Prophetie des Paulus, dass "nichts uns scheiden kann von der Liebe Christi", weil "Gott für uns ist" (Röm 8,31-39).

Die unauslöschliche Liebe Gottes zu Israel, die jedem Menschen und dem ganzen Volk gilt, umschließt nach dem Neuen Testament die Liebe Christi zur Kirche. Von ihr spricht explizit der Epheserbrief, der seinerseits sowohl Hosea als auch den Römerbrief des Paulus vor Augen hat. Weil Christus die Kirche liebt, deshalb ist die Liebe zur Kirche ein Moment der Gottesliebe und des Christusglaubens, aber auch der Bruder-, der Nächsten- und, Gott sei`s geklagt, der Feindesliebe.

In welchem Sinn? Führt, die Liebe zur Kirche auszurufen, ins Wolkenkuckucksheim? Ins Gefängnis verbotener Kritik? Die Zeit, da Gertrud von le Fort "Hymnen an die Kirche" (1924) gesungen hat – ist sie nicht unwiederbringlich vorbei? Oder steht sie wieder neu vor der Tür? Die Millionen, die beim Tode des Papstes nach Rom gepilgert sind, die Zweihunderttausend beim Münsteraner Bistumstag – sind sie nur aus Lust am Spektakel gekommen? Oder aus Liebe zur Kirche? Waren sie nur ein Haufen Individualisten? Oder eine Gemeinschaft der Glaubenden, die Gott die Ehre geben und wissen, dass die Kirche nicht nur ein notwendiges Übel ist, sondern eine Gabe Gottes, auch wenn sie einmal nicht wie ein Haus voll Glorie schauet wie der Paulusdom im Sonnenlicht am Sonntagmorgen?

2. Der Text

Christus hat die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben,
um sie zu heiligen, da er sie gereinigt hat durch das Wasserbad im Wort,
damit er sie vor sich hinstelle als seine herrliche Kirche,
ohne Flecken und Falten oder Ähnliches,
dass sie heilig sei und makellos.

3. Hinweise zur Auslegung

Der Text ist dicht. Je langsamer er gelesen wird, desto farbiger wird er. Jedes Wort ist auf die Goldwaage gelegt. Der komplizierte Satz ist so gebaut, dass die ganze Liebesgeschichte Jesu mit den Christenmenschen hineinpasst.

Der kurze Ausschnitt macht den Text weniger problematisch, als er in Wahrheit ist. Denn er steht im Kontext einer sogenannten "Haustafel", die (nicht erst) heute auf Widerspruch stößt, weil sie den Frauen nahelegt, ihren Ehemännern Gehorsam zu erweisen und dies auch noch mit dem schuldigen Gehorsam der Christen gegenüber ihrem "Herrn" Jesus Christus begründet (Eph 5,24). Die Vorbehalte sind verständlich. Warum am "Fest der Heiligen Familie" die neutestamentliche Lesung immer aus einer ganz ähnlichen Haustafel genommen werden soll (Kol 3,12-21), leuchtet nicht ein – als hätte das Urchristentum nichts anderes zum Verhältnis der Geschlechter und Generationen zu sagen. (Eph 5,21-33 ist im Lesejahr B für den 21. Sonntag im Jahreskreis vorgesehen.) Ordnet man die Haustafeln in die Zeit ihrer Entstehung ein, verändert sich allerdings der Blick.

Die Mahnungen an das sogenannte schwache Geschlecht, sich den – angeblich – starken Männern unterzuordnen, sind konventionell; im antiken Judentum gibt es viele ähnliche Mahnungen, nicht wesentlich anders im alten Rom und in Griechenland. Die Epheser werden eher aufgehorcht haben, als sie nicht nur hörten, die Frauen sollten sich den Männern in allem unterordnen (Eph 5,24), sondern auch, die Männer sollten ihre Frauen lieben (Eph 5,25a). Diese Gegenseitigkeit ist die Pointe der neutestamentlichen Haustafeln. Kinder sollen, wie es schon im Vierten Gebot steht, ihren Eltern gehorchen (Eph 6,1), aber die Väter, so heißt es jetzt sinnvoll ergänzend, sollen die Kinder nicht zum Zorn reizen, sondern im Geiste Gottes erziehen (Eph 6,4). Sklaven (im Neuen Testament kann man sich noch nicht vorstellen, dass die Sklaverei einmal ganz abgeschafft würde) sollen ihren Herren gehorchen (Eph 6,5) – alles andere würde ihnen übel bekommen; aber die Herren, so heißt es jetzt betont am Schluss, sollen die Sklaven nicht ausnutzen, nicht bedrohen und bedrängen (Eph 6,9) – weil es den einen Herrn gibt über allen irdischen Herren.

Mit dem Prinzip der Wechselseitigkeit mildern die Haustafel damalige Härten. Auch wenn sie deshalb noch lange nicht die Programme heutiger christlicher Familien- und Sozialethik vorgeben, machen sie klar, weshalb sich im Christentum die Vorstellung der gleichen Rechte, der "Partnerschaft", mehr noch: der Liebe zwischen Mann und Frau als Inbegriff der Ehe herausbilden konnte; weshalb Kinder etwas gelten, wie Jesus ja durch die Kindersegnung (Mk 10,13-16 parr.) es vorgemacht hat, und weshalb die Sklaverei schließlich –spät genug – geächtet worden ist.

a) Die Liebe zwischen Mann und Frau
– Bild der Liebe Christi zur Kirche

Der Epheserbrief, den die heutige Exegese der Schule des Apostels Paulus zuschreibt, legt besonderen Wert auf die Liebe zwischen Mann und Frau. Er greift zurück auf die Schöpfungsgeschichte und zitiert Gen 2,24: "Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein". Dieser Satz, der ein radikal positives Verständnis der Schöpfung, der Leiblichkeit und der Sexualität des Menschen zum Ausdruck bringt, ist darauf abgestimmt, dass Mann und Frau von Gott erschaffen sind (vgl. Esther Brünenberg, Im Anfang – eine Liebesgeschichte. Bibelarbeit im Januar 2005, in: www.kirchensite.de/bibelarbeiten). Er birgt ein tiefes Geheimnis in sich; Weshalb können Mann und Frau einander lieben und "ein Fleisch werden", sodass sie, wenn Gott will, sogar fruchtbar werden und Kinder haben?

Die griechische Mythos erzählt, dass der Mensch ursprünglich als Zwitterwesen geschaffen und später künstlich in eine männliche und eine weibliche Hälfte getrennt worden sei und deshalb die Sehnsucht nach geschlechtlicher Vereinigung in sich trage; sexuelle Liebe wäre dann letztlich Selbstsucht. Nicht so die Bibel: Sie sagt, dass die Liebe zwischen Mann und Frau "gut" ist, gottgewollt und schöpfungsgemäß: dass zwei, die sich wesentlich unterscheiden, nämlich in ihrem Geschlecht, doch zur Einheit, zu tiefster körperlicher und seelischer Gemeinschaft finden, weil es für den Menschen "nicht gut ist, dass er allein sei" (Gen 2,18). Die heutige Soziobiologie erklärt Gen 2,24 mit den kulturellen Voraussetzungen genetischer Reproduktion – und steht in der Versuchung, selbst die Liebe dem Diktat des Funktionalismus zu unterwerfen. Nicht so die Bibel: Sie lässt Adam zu Eva sagen: "Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem Bein" (Gen 2,23) und etabliert damit nicht die Vorherrschaft des Mannes über die Frau, sondern erinnert beider Geschaffensein von Gott. Deshalb kann der Epheserbrief auch den Männern ins Stammbuch schreiben: "Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst" (5,28). Diese Selbstliebe hat mit Egoismus nichts zu tun. Es ist vielmehr wie in der Nächstenliebe, wo es ja auch heißt: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (Lev 19,18 – Mk 12,31 parr.; Mt 19,19; Röm 13,9; Gal 5,14; Jak 2,8). Es geht nicht darum, Konkurrenzen auszuhalten, sondern Symmetrien aufzubauen: Wer erfährt, lieben zu können und geliebt zu sein, dem passiert das beste, was es gibt auf der Welt.

Bibelarbeit

Hier knüpft der Epheserbrief an und führt das Schriftzitat fort: "Dieses Geheimnis ist groß! Ich deute es auf Christus und die Kirche" (Eph 5,32). Die Exegeten tun sich recht schwer mit diesem Satz. Will der Verfasser sagen, eigentlich, nämlich in einem geistliche Sinn, rede der alttestamentliche Vers gar nicht von der Ehe, sondern von Christus und der Kirche (so der evangelische Exeget Andreas Lindemann in seinem Kommentar, S. 105)? Liegt das große Geheimnis gar nicht in der Ehe, sondern in der Kirche (so der verstorbene katholische Exeget Rudolf Schnackenburg in seinem Kommentar, S. 261)? Die Kirchenväter haben anders gedacht und das griechische Wort für "Geheimnis", Mystérion, ins Lateinische mit sacramentum übersetzt. Eph 5,32 ist der wichtigste Schrifttext für die katholische Theologie, dass die Ehe nicht nur, wie Martin Luther sagte, ein "weltlich Ding" sei, sondern ein Sakrament: ein wirksames Zeichen der Gnade, mit dem Gott in dieser Welt sein Heil verwirklicht. Zwar gilt, was Jesus den Sadduzäern sagt: "Wenn die Menschen von den Toten auferstehen, werden sie nicht mehr heiraten, sondern werden sein wie die Engel" (Mk 12,25). Aber deshalb steht die eheliche Liebe doch unter dem ganz besonderen Segen Gottes. Das will der Epheserbrief ausdrücken: Die Liebe zwischen Mann und Frau in der Ehe ist ein Vorgeschmack der Liebe Gottes zur Welt. Wer in dieser Welt nach Zeichen echter Liebe sucht, findet sie – nicht nur, aber nicht zuletzt – in der Liebe zwischen Mann und Frau; und die Ehe ist das Sakrament, das diese Liebe besiegelt. Das aber geht nur, weil Gott selbst diese Liebe entzündet – wie nur er selbst sie fruchtbar werden lässt.

b) Braut und Bräutigam

Wenn der Epheserbrief in Liebe und Ehe ein Bild der Liebe Christi zur Kirche sieht, variiert er ein uraltes, ewig junges Bild alttestamentlicher Prophetie, das Gottes Liebe zu Israel zum Gegenstand hat. Jesaja verheißt Israel nach den Schrecken des Exils die Freude der Rückkehr (62,4f):

Nicht länger nennt man dich "Verlassene"
und dein Land nicht mehr "Einsame",
sondern man nennt dich "Meine Wonne"
und dein Land "Vermählte".
Denn der Herr hat an dir seine Freude,
und dein Land wird mit ihm vermählt.
Wie der Jüngling die Jungfrau freit,
so freit dich dein Erbauer.
Wie der Bräutigam sich freut an der Braut,
so freut dein Gott sich an dir.

Rabbi Aqiba (Mekh Ex 15,2) bezeugt Ende des 1. Jh. die jüdische Tradition, das ganze Hohelied (vgl. Johanna Erzberger, Ich suche ihn und fand ihn nicht – Das Hohelied. Bibelarbeit im Mai 2005, in: www.kirchensite.de/bibelarbeiten) sei (allegorisch, geistlich) auf die Liebe Gottes zu seinem Volk zu deuten (was wahrscheinlich die Basis seiner Kanonisierung war). Im Neuen Testament ist an Jesus selbst zu denken. Im Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen stellt er sich selbst – oder Gott, den Vater – als Bräutigam vor (25,1-13), der Hochzeit mit Israel feiert. Diejenigen, die ihn kritisieren, weil er nicht genügend faste, fragt Jesus (Mk 2,19 parr.):

Können denn die Hochzeitsgäste fasten,
solange der Bräutigam bei ihnen ist?

Nach dem Johannesevangelium (Joh 3,29) sieht der Täufer Jesus als den Bräutigam Israels, sich selbst aber als dessen Freund, der sich über dessen Hochzeit freut. (Der katholische Neutestamentler Joachim Gnilka, früher in Münster tätig, hält zwar in seinem Kommentar, S. 292, den Verweis auf diese Jesustraditionen für "abwegig", hat aber vielleicht doch nicht ganz recht.) In der Johannesoffenbarung ist das prophetische Bild auf Jesus gemünzt (19,7f):

Gekommen ist die Hochzeit des Lammes,
und seine Frau hat sich schön gemacht,
und sie wurde beschenkt, sich zu kleiden in weißes Leinen, rein und fein.

Das weiße Hochzeitskleid ist nicht nur ein Zeichen sexueller Unberührtheit, sondern himmlischer Pracht, die auf die Glaubenden in der Vollendung wartet und den Liebenden jetzt schon verheißen ist. (Deshalb deutet der Seher von Patmos das weiße Linnen auf die gerechten Taten der Heiligen, d.h. der wahren Christen.)

Das Bild Jesu als Bräutigam hat die Frömmigkeit von Frauen durch die Jahrhunderte hindurch ganz tief bestimmt. Frauen – besonders Ordensfrauen, aber nicht nur sie – können zu Jesus als Bräutigam eine besondere Beziehung haben. Dass Jesus Mann ist, dient dann nicht als Vorwand für eine Zurücksetzung von Frauen, sondern ist der Grund einer weiblichen, fraulichen Frömmigkeit, die Männer so nicht haben, an Frauen aber sehen können.

Die Brautliebe hat sich vielen Jesusbildern zutiefst eingeprägt, die nicht den Schmerzensmann am Kreuz zeigen, nicht den mächtigen König, sondern den schönen Bräutigam nach dem Psalmwort, das auf den Messias passt (Ps 45,3):

Du bist der Schönste aller Menschenkinder,
ausgegossen ist die Anmut über deine Lippen.

Der Epheserbrief zeigt einen wechselseitigen Zusammenhang: An der Liebe zwischen Mann und Frau in der Ehe kann man schon ein wenig ahnen, wie fest, wie leidenschaftlich und unverbrüchlich die Liebe Christi zur Kirche ist. Und dass Menschen lieben können, so innig wie in ehelicher Liebe, verdanken sie der Liebe Gottes. Der evangelische Neutestamentler Ulrich Luz schreibt: "Die ‚Einheit’ des Bräutigams Christus mit seinem Leib, der Kirche, in der Männer und Frauen als seine Glieder leben, ist ... der Grund, welcher auch der Einheit von Mann und Frau in der Ehe ihre Tiefe und der ehelichen Liebe ihren Halt gibt" (Kommentar, S. 173).

c) Hingabe

Eph 5,25 spricht nur ganz kurz und knapp von der Liebe Christi zur Kirche, aber ganz konzentriert aufs wesentliche. Liebe ist Hingabe. Sie sagt Ja zum anderen Menschen, sie baut eine Beziehung zu ihm auf – aber nicht im eigenen Interesse, sondern um der oder des anderen willen. Liebe will nicht haben, sondern schenken – deshalb empfängt sie alles.

Dass Jesus sein Leben hingegeben hat zur Rettung der Menschen, ist uralte Christologie, weil sie ursprüngliche Glaubenserfahrung ist und authentische Erinnerung an Jesus. Paulus bekennt: "Ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich dahingegeben hat" (Gal 2,20). Diese Überzeugung, zu der Paulus vor Damaskus gelangt ist, wurzelt im Letzten Abendmahl: "Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird", verdeutlicht Lukas (22,19) die noch älteren Traditionen (Mk 14,22-25; 1Kor 11,23ff.). Nach dem Johannesevangelium hat Jesus sich vorgestellt als der Gute Hirt, der sein Leben gibt für die Schafe (Joh 10,11).

Der Epheserbrief weiß, dass seine Adressaten aus diesem Glauben leben. Etwas früher hat er ihn mit paulinisch klingenden, aber weit im Urchristentum verbreiteten Worten so ausgedrückt (Eph 5,2):

Christus hat uns geliebt
und sich für uns hingegeben
als Gabe und Opfer,
Gott zum Wohlgeruch …

Liebe und Hingabe sind verbunden, aber sie werden in einen Rahmen gestellt, der vom Gottesdienst, vom Kult, von der Liturgie des Volkes Israel bestimmt ist. Mit Ritualismus hat das so wenig zu tun wie mit dem Verdacht, Gott wolle Blut sehen, bevor er sich besänftigen lasse. Wer Gott ein Opfer darbringt, will ihn nicht bestechen und erhebt nicht den Anspruch auf Gegenleistung, sondern bringt in einem symbolischen Akt zum Ausdruck, dass das ganze Leben Gott verdankt ist und Gott gehört. Opfer darzubringen, ist Ausdruck authentischer Frömmigkeit; alle Religionen kennen Opfer. Wenn Weihrauch Wohlgeruch verströmt (wie das zu einem richtigen Hochamt gehört), ist dies ein Zeichen für die Kostbarkeit des Gottesdienstes, den Gott den Menschen ermöglicht, ihn zu ehren, indem sie seine Herrlichkeit darstellen (Ex 29,18.25.41; Lev 2,9.12).

Dies gilt um so mehr für die Lebenshingabe Jesu. Sein Tod am Kreuz war zwar die denkbar größte Schande. Das wird im Neuen Testament nirgends verschwiegen. Jesu Kreuzestod war voller Schmerz, Ohnmacht und Verachtung – sonst könnte er der verachteten, ohnmächtigen, schmerzerfüllten Menschen nichts geben. Jesus hat diesen Tod nicht gesucht, aber er hat ihn im Gebet (Mk 14,32-42 parr: Gethsemane) angenommen, um den Menschen noch durch das Kreuz hindurch das ewige Leben zu schenken. Das erzählen übereinstimmend alle Evangelien; es ist die tiefste Glaubensüberzeugung des Urchristentums. Jesus hat sein Leben in Liebe zu den Menschen gelebt, besonders den Schwachen, den Armen und den Sündern; so ist er auch gestorben. Jesu Menschenliebe ist aber Ausdruck seiner unbedingten Liebe zu Gott, dem Vater. Er liebt die Menschen in der Liebe Gottes. Er liebt sie als Geliebte Gottes. Das gilt im Leben wie im Sterben. Deshalb ist der Tod, den Jesus "für" die Menschen stirbt, zugleich Hingabe an sie und Hingabe an Gott – als den, der allein den Tod überwinden, die Schuld vergeben und ewiges Leben schenken, umfassende Versöhnung wirken kann.

Diesen Zusammenhang bringt der Epheserbrief zum Ausdruck. Deshalb spricht er von Liebe. In Eph 5,2 redet der Autor von "uns": jeder und jede einzelne ist persönlich gemeint; jeder und jede einzelne ist aber nicht auf sich allein gestellt, sondern steht zusammen mit anderen in der Gemeinschaft der Glaubenden. Deshalb kann Eph 5,25 sagen, dass Christus "die Kirche" geliebt hat. Gemeint ist nicht ein Apparat, eine Institution, sondern der lebendige Organismus der Glaubensgemeinschaft, der "Leib Christi" (Eph 1,23; 4,4.15f.).

d) Der lebendige Leib Christi

Die Kirche ist das große Thema des Epheserbriefes. Er richtet sich an Christen der zweiten und dritten Generation. Die Gründungsphase liegt zurück. Worauf es jetzt ankommt, ist, dauerhaft Gemeinde zu bilden, von Generation zu Generation, solange die Zeit reicht. Der Epheserbrief sagt, dass dies nur gelingen kann, wenn die Kirche aller Zeiten sich fest auf das Fundament stellt, das die Apostel und Propheten gelegt haben, sodass Jesus Christus der alles bestimmende Eckstein sein konnte (Eph 2,20f.). Wer die Zukunft der Kirche gestalten will, muss wissen, woher sie kommt und was sich ereignet hat, dass es sie überhaupt gibt.

Der Epheserbrief zeigt dies, indem er sich auf den Standpunkt der sogenannten "Heidenchristen" stellt, die schon am Ende des 1. Jh. die große Mehrheit bilden (und in der Gefahr stehen werden, die Judenchristen an den Rand zu drängen). Aus ihrer Perspektive zeigt er den radikalen Wandel ihres Status, den Jesus Christus herbeigeführt hat. "Ihr seid nicht mehr Fremde und Ausländer, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes" (Eph 2,19). Bis in die heutigen Diskussionen um Ausländergesetze und Staatsbürgerrechte kann man verfolgen, welche Brisanz dieser Satz hat. Der Epheserbrief wählt das kräftige Bild, Jesus Christus habe die Mauer niedergerissen, die zwischen dem einen Gottesvolk und den vielen Völkern getrennt habe (Eph 2,14). In Deutschland kann man besonders gut verstehen, wie stark dieses Bild ist. Der Brief will aber nicht etwa die Erwählung Israels als Diskriminierung der Heiden denunzieren, sondern im Gegenteil zeigen, was es bedeutet, dass durch Jesus Christus auch die Heiden in die Nähe Gottes selbst geführt werden.

Den Zugang zum Volk Gottes eröffnet Jesus Christus den Heiden durch sein Leben, das er ihnen hingibt. Deshalb kann der Epheserbrief drastisch formulieren (Eph 2,13):

Jetzt aber, in Christus, seid ihr, die ihr einst fern waret, nahe gekommen:
im Blut Christi.

Bibelarbeit

Man muss an das Kreuz, man darf an die Eucharistie denken: Zugang zum Altare Gottes zu gewähren, ist die Intention Jesu, der die Menschen mit Gott versöhnt. Dass er sein Blut vergossen hat, zeigt die Unbedingtheit, die Grenzenlosigkeit seiner Liebe zu den Menschen. Der Epheserbrief nimmt das ernst, indem er die grenzüberschreitende Heilswirkung deutlich macht, die seinem Tode zukommt. Das eucharistische Brot zu essen und den eucharistischen Kelch zu trinken, stellt die Gemeinschaft mit Christus dar und die darin begründete Gemeinschaft der Glaubenden untereinander, unabhängig von Geschlecht und Herkunft, Bildung und Hautfarbe.

e) Im Glauben wachsen – Die Liebesgeschichte Gottes mit der Kirche

Eph 5,25ff sagt, dass die Liebe, die Jesus Christus der Kirche unüberbietbar in seinem Tod erwiesen hat, der Beginn einer langen, unaufhörlichen Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen ist. Der Text hat eine innere Dynamik, die von der Einheitsübersetzung leider abgeschwächt wird. Entscheidend ist, (wie in der Übersetzung oben) die Zeitformen im griechischen Original genau wiederzugeben.

Die Dynamik zeigt sich auf Seiten Christi und soll dann auf die Christen überspringen. "Christus hat die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben" (Eph 5,25) – das deutsche Perfekt (entsprechend dem griechischen Aorist) verweist auf das einmalige, unwiederholbare Ereignis des Todes Jesu, in dem sein ganzes Leben kulminiert. Dieser Akt hat allerdings nach Jesu Willen dauerhafte Wirkungen. Davon spricht der Finalsatz zu Beginn von Vers 26: "um sie zu heiligen". Er lenkt nicht nur auf die damalige Intention zurück, in der Jesus den Tod auf sich genommen hat, sondern auf die permanente, immer gegenwärtige Aktivität des Auferstandenen hin, der ja kein anderer als der Gekreuzigte ist. Die Kirche zu "heiligen", heißt, sie zur Kirche Gottes zu machen, die sie nach dem Willen Gottes, des allein Heiligen, bereits ist. Das geschieht permanent, immer neu, durch die Kraft des Geistes. Der Epheserbrief schreibt in ganz einfachen Worten von Jesu Auferstehung und Himmelfahrt (Eph 4,8):

Aufgefahren in den Himmel,
machte er Gefangene und gab den Menschen Geschenke.

Die Gefangenen, die Jesus gefangen nimmt, sind die widergöttlichen Mächte des Bösen; die Geschenke, die er ihnen gibt, die Dienste und Charismen, die sie brauchen, um im Glauben Kirche zu bilden, angefangen mit den Aposteln und Propheten.

Was Christus immer wieder neu, für alle Zeit der Kirche tut, wie er ein für allemal aus Liebe sein Leben für sie hingegeben hat, soll sich in ihr ausprägen. Auch hier kommt es auf die Zeitstufen an. Am Anfang steht die Taufe. Der Epheserbrief spricht sinnfällig vom "Wasserbad". Wie man beim Baden den Schmutz abwäscht, so im Wasser der Taufe die Sünden (das Neue Testament denkt im wesentlichen an die Taufe von Erwachsenen); und wie ein Bad Leib und Seele erfrischt, so macht die Taufe den ganzen Menschen neu. Die Erfahrung, unbedingt von Gott geliebt zu sein, macht der Glaube, der die Taufe begehrt und durch sie neue Kraft gewinnt. Mit Wasser auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft zu werden (Mt 28,19f), ist aber mehr als eine Glaubenserfahrung; es ist eine Zeichenhandlung, die durch Gottes Geist zueignet, was sie besagt: Befreiung von der Unheilsmacht des Bösen, Eintauchen in die Flut der Gnade Gottes, Anteilgabe am Tode und der Auferstehung Jesu Christi (Röm 6,1-11). Die "Reinigung" meint nicht nur das Abwaschen des Bösen, sondern die innere Läuterung durch das Feuer des Geistes, das schon der Täufer Johannes verheißt (Mk 1,4-8 parr.). Die Taufe ist allerdings nicht nur eine stumme Geste, sondern ein Sprachereignis Der Epheserbrief nimmt die ganze spätere Sakramententheologie vorweg ("äußeres Zeichen – innere Wirkung"; "sichtbares Zeichen – wirksames Wort"). Deshalb formuliert er, auf den ersten Blick etwas umständlich: "durch das Wasserbad im Wort". Das Wort, das bei der Taufe gesprochen wird, bezieht sich (damals wie heute) im wesentlichen auf den Namen: den Namen des Täuflings und den Namen Christi, genauer: des dreieinigen Gottes.

Dieser Anfang aber muss eine Fortsetzung finden. Deshalb geht der Satz weiter: "…,damit er sie vor sich hinstelle als seine herrliche Kirche, ohne Flecken und Falten oder Ähnliches, dass sie heilig sei und makellos" (Eph 5,27). Das Ziel der anfänglichen Reinigung, die ich auf Erden ereignet, ist die Vollendung, die im Himmel geschieht. Subjekt ist und bleibt Jesus Christus. Er macht aus der Kirche das, was sie sein soll. Sie soll "heilig" sein, wie es auch das Glaubensbekenntnis sagt; sie soll "makellos" sein, nicht so sehr im Sinne eines ethischen Perfektionismus als im Sinne eine Formung nach dem Gestaltungswillen Gottes; sie soll "herrlich" sein, indem sie ausstrahlt, was sie feiert: das Geheimnis des lebendigen Gottes.

4. Hinweise zur Gestaltung einer Bibelstunde

(1) Ankommen

- Gebet: Gotteslob 28,5 (S 69)
- und/oder Lied: Gotteslob 637: "Lasst uns loben, freudig loben …"
- und/oder Ps 122: "Wie freute ich, als man mir sagte: …"

(2) Einstimmen im Gespräch

- Woran denke ich, wenn ich "die Kirche" sage? Welche Bedeutung hat für mich das Kirchenhaus, welche haben Papst, Bischöfe, Priester, Diakone, Hauptamtliche, welche die anderen Christinnen und Christen?
- Was weiß ich über meine Taufe? In welcher Kirche wurde ich getauft? Oder geschah es auf die Schnelle in einem Krankenhaus? Wer waren meine Paten? Haben mir meine Eltern von meiner Taufe erzählt?
Bin ich selbst einmal Pate gewesen? Habe ich als Vater oder Mutter, Großmutter oder Großvater, Onkel oder Tante eine Taufe in der Familie erlebt? Welche Eindrücke sind geblieben?

(3) Das Schriftwort hören

- Den Text, Eph 5,25-28, in der Übersetzung oben langsam lesen,
- am besten mehrfach von jeweils anderen.

- Welche Fragen gibt es?
- Was kann man nicht so gut verstehen?
- Inwieweit helfen die Informationen oben weiter, die Fragen zu beantworten?
- Welche Aussagen, Worte, Motive bleiben hängen? Geben zu denken? Sind wichtig?

(4) Das Wort Gottes bedenken

Schwerpunkt 1: Jesus liebt die Kirche
- Welche Erzählungen aus den Evangelien fallen mir ein, in denen diese Liebe konkret wird? Welches sind meine Lieblingsstellen? Welche machen mir Schwierigkeiten?
- Welche Geschichten aus der Geschichte der Kirche kenne ich, in denen Menschen die Liebe Jesu Christi zur Kirche erfahren haben?
- Wie verhält sich die Liebe, die Jesus Christus seiner Kirche schenkt, zu der Liebe, mit der er alle Menschen liebt? Welche Erzählungen aus den Evangelien, welche Texte der Liturgie fallen mir ein, in der die Zusammenhänge deutlich werden?

Schwerpunkt 2: Liebe ich die Kirche?
- Wo habe ich die Kirche als liebenswert erfahren? Was verdanke ich ihr? Weshalb freue ich mich (sollte ich mich freuen), zur Kirche zu gehören?
- Welche negativen Erfahrungen habe ich in der Kirche gemacht? Wo und von wem? Wie haben sie mein Christsein beeinflusst? Bin ich mit ihnen fertiggeworden? Belasten sie mich nach wie vor?
- Wo finde ich Orte in der Kirche, die mich an den Anfang der Liebesgeschichte Gottes erinnern? Die mir Kraft geben, den Weg weiterzugehen und neu Erfahrungen zu machen, geliebt zu sein und lieben zu können?

(5) Ausklang

- Gebet: Gotteslob 28,8 (S. 69)
- und/oder Lied: Gotteslob 638: "Nun singe Lob, du Christenheit"
- und/oder Psalm 133: "Seht doch, wie gut und schön es ist …"

6. Literaturhinweise

Kommentare zum Epheserbrief
J. Gnilka, Der Epheserbrief (HThK 10/2), Freiburg - Basel - Wien 2001 (1971)
A. Lindemann, Der Epheserbrief (ZBK 8), Zürich 1985
U. Luz, Der Brief an die Epheser (NTD 8/1), Göttingen 1998
R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser (EKK 10), Neukirchen-Vluyn – Zürich 1982

Thomas Söding
Diözesanleiter
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster
in Kooperation mit
kirchensite – online mit dem Bistum Münster (www.kirchensite.de)

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