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24.05.2017
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Die Antike preist die Freundschaftals glücklichste aller Liebesartenund als Krone des Lebens.

Bibelarbeit im Juni 2005

Freundschaft – eine ganz besondere Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen

1. Einführung

"Darum, mein Freund, brauche ich so sehr Deine Freundschaft. Ich dürste nach einem Gefährten. Zu Dir kann ich kommen, ohne ein Stück meiner inneren Heimat preiszugeben. In Deiner Nähe brauche ich mich nicht zu entschuldigen, nicht zu verteidigen, nichts zu beweisen. Über meine ungeschickten Worte, über meine Urteile hinweg, siehst Du einfach nur mich", so schreibt Antoine de Saint-Expupéry 1941 seinem Jugendfreund Léon Werth in dem Freundesbrief "Bekenntnis einer Freundschaft".

Freundschaft – ein schillernder Begriff, idealisiert, ausgehöhlt, verraten, verloren in den Beziehungsgefügen unserer Zeit, inflationär und dennoch: hoch geschätzt, vermisst, ersehnt, unentbehrlich. Welchen Stellenwert hat Freundschaft? Wer ist uns ein Freund? Freunde auf Zeit - Freunde fürs Leben, in dieser Spannung leben wir.

Die Antike preist die Freundschaft als glücklichste aller Liebesarten und als Krone des Lebens. So weiß die Geschichte von großen Freundespaaren zu erzählen. Schon das erste uns erhaltene Epos, das Gilgamesch-Epos, handelt von Freundschaft, Freundesverlust und der Suche nach dem Verlorenen: "Sie stießen auf des Landes Markt zusammen. Mit seinem Fuß sperrte Enkidu das Tor und wehrte so dem Gilgamesch den Eintritt, da packten die zwei einander an und beugten ihre Knie nach Ringer Art, des Tores Pforten brachen sie entzwei, und es erbebte rings das Mauerwerk. Als aber Gilgamesch niederging, den Fuß in den Grund gestemmt, verging sein Zorn und er ließ ab von ihm. Als er von ihm abließ, da sagte Enkidu zu Gilgamesch: 'Ganz ohnegleichen bist du, den gebar der Feste Wildkuh, Ninsun, deine Mutter!'" Der Kampf besiegelt diese Freundschaft. Der Kampf ist Zeichen dieser Freundschaft. Gilgameschs Ehrgeiz treibt Enkidu in den Tod. Die Größe des Geschenks der Freundschaft wird Gilgamesch erst nach ihrem Verlust bewusst. So sehr er es ersehnt, Enkidu von den Toten zurückzuholen, bleibt ihm nur die Einsicht in seinen Wahn und Irrtum, die Klage und die Trauer um den Freund: "Um Enkidu weine ich, um meinen Freund, wie ein Klageweib bitterlich klagend! Du Axt an meiner Seite, so verlässlich in meiner Hand! Du Schwert an meinem Gurt, du Schild, der vor mir ist! Du mein Festgewand, du Gurt für meine Kraftfülle! Ein böser Dämon stand auf und nahm ihn mir weg! (...) Gilgamesch – um Enkidu, seinen Freund, weint er bitterlich, läuft herum in der Steppe."

Einen tiefen Eindruck hinterlässt Achill, der um seinen toten Freund Patroklos trauert, wie es Homer in der "Ilias" schildert: "Wehe mir, Peleus´ Sohn, des feurigen, ach, ein entsetzlich Jammergeschick vernimmst du, was nie doch möchte geschehen sein! Unser Patroklos sank; sie kämpfen bereits um den Leichnam, nackt wie er ist; denn die Waffen entzog der gewaltige Hektor! Sprachs; und jenen umhüllte der Schwermut finstere Wolke. Siehe, mit beiden Händen des schwärzlichen Staubes umgreifend, überstreut er sein Haupt und entstellt sein liebliches Antlitz; auch das ambrosische Kleid umhaftete dunkle Asche. Aber er selber, groß, weithingestreckt, in dem Staube lag, und entstellt raufend mit eigenen Händen das Haupthaar." Die Trauer um den Freund offenbart die Bedeutung der Freundschaft, seit dem Beginn der Menschheit.

Das Alte Testament kennt ein Freundespaar, dessen Nähe und Verbundenheit Grenzen durchbrochen und Leben bewahrt hat: Die Freundschaft zwischen David und Jonatan trägt viele Facetten, eine Dimension unterscheidet sie aber von vielen anderen großen Freundespaaren: Sie stehen in ihrer Freundschaft in einer tiefen Gottesbeziehung.

2. Der Bibeltext: (1 Sam 18 – 2 Sam 1)

1 Sam 18:
1
Und es geschah, als er aufgehört hatte, mit Saul zu reden, verband sich die Seele Jonatans mit der Seele Davids; und Jonatan gewann ihn lieb wie seine eigene Seele.
2 Und Saul nahm ihn an jenem Tag zu sich und ließ ihn nicht (wieder) in das Haus seines Vaters zurückkehren.
3 Und Jonatan und David schlossen einen Bund, 
4
Und Jonatan zog das Oberkleid aus, das er anhatte, und gab es David, und seinen Waffenrock und sogar sein Schwert, seinen Bogen und seinen Gürtel.
5 Und David zog (in den Kampf). Und wohin immer Saul ihn sandte, hatte er Erfolg. Und Saul setzte ihn über die Kriegsleute. Und er war beliebt bei dem ganzen Volk und auch bei den Knechten Sauls.
6 Und es geschah, als sie heimkamen, als David vom Sieg über den Philister zurückkehrte, zogen die Frauen aus allen Städten Israels zu Gesang und Reigen dem König Saul entgegen mit Tamburinen, mit Jubel und mit Triangeln.
7 Und die Frauen tanzten, sangen und riefen: Saul hat seine Tausende erschlagen und David seine Zehntausende.
8 Da ergrimmte Saul sehr. Und diese Sache war in seinen Augen böse, und er sagte: Sie haben David Zehntausende gegeben, und mir haben sie (nur) die Tausende gegeben; es (fehlt) ihm nur noch das Königtum.
9 Und Saul sah neidisch auf David von jenem Tag an und hinfort.
10 Und es geschah am folgenden Tag, dass ein böser Geist von Gott über Saul kam, und er geriet im Innern des Hauses in Raserei. David aber spielte (die Zither) mit seiner Hand, wie (er) täglich (zu tun pflegte), und Saul hatte einen Speer in seiner Hand.
11 Und Saul warf den Speer und dachte: Ich will David an die Wand spießen! Aber David wich ihm zweimal aus.
12 Und Saul fürchtete sich vor David; denn der HERR war mit ihm. Aber von Saul war er gewichen.
13 Und Saul entfernte (David) aus seiner Umgebung und setzte ihn zum Obersten über Tausend; und er zog aus und ein vor dem (Kriegs)volk her.
14 Und David hatte Erfolg auf allen seinen Wegen, und der HERR war mit ihm.
15 Und als Saul sah, dass (David) so großen Erfolg hatte, scheute er sich vor ihm.
16 Aber ganz Israel und Juda hatten David lieb, denn er zog aus und ein vor ihnen her.
17 Und Saul sagte zu David: Siehe, meine älteste Tochter Merab will ich dir zur Frau geben. Sei mir nur ein tapferer Mann und führe die Kriege des HERRN! Saul aber dachte: Meine Hand soll nicht gegen ihn sein, sondern die Hand der Philister soll gegen ihn sein.
18 Und David antwortete Saul: Wer bin ich, und was ist meine Familie und die Sippe meines Vaters in Israel, dass ich des Königs Schwiegersohn werden soll?
19 Und es geschah zu der Zeit, als Merab, die Tochter Sauls, David gegeben werden sollte, wurde sie Adriel, dem Meholatiter, gegeben.
20 Aber Michal, die Tochter Sauls, liebte David. Das berichtete man Saul, und es war ihm recht.
21 Und Saul sagte: Ich will sie ihm geben, damit sie ihm zur Falle wird und die Hand der Philister gegen ihn ist. Und Saul sagte zu David: Zum zweiten Mal sollst du heute mein Schwiegersohn werden.
22 Und Saul befahl seinen Knechten: Redet im geheimen zu David und sagt: Siehe, der König hat Gefallen an dir, und alle seine Knechte haben dich lieb. So werde nun des Königs Schwiegersohn!
23 Und die Knechte Sauls redeten diese Worte vor den Ohren Davids. David aber sagte: Ist es ein Geringes in euren Augen, des Königs Schwiegersohn zu werden? Ich bin nur ein armer und geringer Mann.
24 Und die Knechte Sauls berichteten es ihm und sagten: So hat David geredet.
25 Da sagte Saul: So sollt ihr zu David sagen: Der König fordert keine andere Heiratsgabe als hundert Vorhäute der Philister, um an den Feinden des Königs Vergeltung zu üben. Saul aber gedachte, David durch die Hand der Philister zu Fall zu bringen.
26 Und seine Knechte berichteten David diese Worte, und es war in den Augen Davids recht, des Königs Schwiegersohn zu werden. Und noch waren die Tage nicht vollendet,
27 da machte sich David auf und zog hin, er und seine Männer, und erschlug zweihundert Mann unter den Philistern. Und David brachte ihre Vorhäute, und man lieferte sie dem König vollzählig ab, damit er des Königs Schwiegersohn werde. Da gab Saul ihm seine Tochter Michal zur Frau.
28 Und Saul sah und erkannte, dass der HERR mit David war, dass Michal, die Tochter Sauls, ihn liebte.
29 Da fürchtete Saul sich noch mehr vor David. Und Saul wurde für immer Davids Feind.
30 Die Obersten der Philister zogen aus. Und es geschah, sooft sie auszogen, hatte David mehr Erfolg als alle Knechte Sauls. Und sein Name wurde sehr berühmt.

1 Sam 19:
1
Saul nun redete mit seinem Sohn Jonatan und mit all seinen Knechten, dass er David töten wolle. Jonatan aber, der Sohn Sauls, hatte großen Gefallen an David.
2 Und Jonatan berichtete es David und sagte: Mein Vater Saul sucht dich zu töten. Nun hüte dich doch morgen und bleibe im Versteck sitzen und verbirg dich!
3
Ich aber will hinausgehen und mich auf dem Feld neben meinen Vater stellen, wo du bist, und ich will mit meinem Vater über dich reden und sehen, wie es steht, und es dir berichten.
4
Und Jonatan redete mit seinem Vater Saul Gutes von David und sagte zu ihm: Der König versündige sich nicht an seinem Knecht, an David! Denn er hat sich nicht an dir versündigt, und seine Taten sind dir sehr nützlich.
5
Er hat sein Leben aufs Spiel gesetzt und den Philister erschlagen, und der HERR hat ganz Israel einen großen Sieg verschafft. Du hast es gesehen und dich (darüber) gefreut. Warum willst du dich an unschuldigem Blut versündigen, dass du David ohne Ursache tötest ?
6
Und Saul hörte auf die Stimme Jonatans, und Saul schwor: So wahr der HERR lebt, wenn er getötet wird!
7
Da rief Jonatan David, und Jonatan berichtete ihm alle diese Worte. Und Jonatan brachte David zu Saul, und er diente ihm wie früher.
8 Und es kam wieder zum Krieg. David zog aus und kämpfte gegen die Philister und brachte ihnen eine große Niederlage bei, so dass sie vor ihm flohen.
9 Und ein böser Geist von dem HERRN kam über Saul, als er in seinem Haus saß, seinen Speer in seiner Hand. David aber spielte (auf der Zither).
10 Und Saul suchte David mit dem Speer an die Wand zu spießen. Aber er wich aus vor Saul, so dass er den Speer in die Wand stieß. Und David floh und entrann in jener Nacht.
11 Da sandte Saul Boten in das Haus Davids, um ihn zu bewachen und ihn (dann) am Morgen zu töten. Aber seine Frau Michal teilte es David mit: Wenn du nicht in dieser Nacht dein Leben rettest, dann wirst du morgen umgebracht werden.
12 Und Michal ließ David durchs Fenster hinab. Und er eilte fort, floh und entrann.
13 Und Michal nahm den Teraphim und legte ihn aufs Bett und legte ein Geflecht von Ziegenhaar an sein Kopfende und bedeckte ihn mit einem Tuch.
14 Und Saul sandte Boten, um David zu holen. Und sie sagte: Er ist krank.
15 Da sandte Saul noch einmal Boten, nach David zu sehen, und sagte: Bringt ihn im Bett zu mir herauf, damit ich ihn töte!
16 Und die Boten kamen, und siehe, der Teraphim (lag) im Bett, und das Geflecht von Ziegenhaar an seinem Kopfende.
17 Da sagte Saul zu Michal: Warum hast du mich so betrogen und meinen Feind entfliehen lassen, dass er entrinnen konnte? Und Michal antwortete Saul: Er sagte zu mir: Lass mich gehen, sonst töte ich dich!
18 David aber war geflohen und hatte sich gerettet. Und er kam zu Samuel nach Rama und berichtete ihm alles, was Saul ihm angetan hatte. Dann ging er mit Samuel, und sie wohnten in Najot.
19 Und es wurde Saul berichtet: Siehe, David ist in Najot in Rama.
20 Da sandte Saul Boten, um David zu holen. Als sie aber die Schar der Propheten, die weissagten, sahen und Samuel dabeistehen, wie er sie leitete, kam der Geist Gottes über die Boten Sauls, und auch sie weissagten.
21 Und man berichtete es Saul, und er sandte andere Boten, und auch die weissagten. Und Saul sandte zum dritten Mal Boten, und auch sie weissagten.
22 Da ging auch er nach Rama und kam an die große Zisterne, die in Sechu ist. Und er fragte: Wo sind Samuel und David? Man antwortete (ihm): Siehe, in Najot in Rama.
23 Und er ging von dort nach Najot in Rama. Und auch über ihn kam der Geist Gottes, und er ging daher und weissagte, bis er in Najot in Rama ankam.
24 Und auch er zog seine Oberkleider aus, und auch er weissagte vor Samuel, und er fiel hin (und lag) nackt (da) den ganzen Tag und die ganze Nacht. Daher sagt man: Ist auch Saul unter den Propheten ?

1 Sam 20:
1
Und David floh von Najot in Rama. Und er kam und sagte vor Jonatan: Was habe ich getan? Was ist meine Schuld, und was ist mein Vergehen gegen deinen Vater, dass er mir nach dem Leben trachtet ?
2
Und er antwortete ihm: Das sei ferne! Du sollst nicht sterben. Siehe, mein Vater tut nichts, weder Großes noch Kleines, ohne dass er mir etwas davon sagt. Warum sollte mein Vater diese Sache vor mir verbergen? Es ist nicht so.
3
David aber schwor dazu und sprach: Dein Vater hat wohl erkannt, dass ich Gunst in deinen Augen gefunden habe, darum denkt er: Jonatan soll das nicht erkennen, damit er nicht bekümmert ist. Jedoch, so wahr der HERR lebt und so wahr du lebst: Nur ein Schritt ist zwischen mir und dem Tod!
4
Und Jonatan sagte zu David: Was du begehrst, das will ich für dich tun.
5
Und David entgegnete Jonatan: Siehe, morgen ist Neumond, da sollte ich eigentlich mit dem König zu Tisch sitzen. Lass mich gehen, dass ich mich auf dem Feld verberge bis zum Abend des dritten Tages!
6
Wenn dein Vater mich dann vermissen sollte, so sage: David hat es sich dringend von mir erbeten, nach Bethlehem, seiner Stadt, laufen (zu dürfen); denn dort ist das Jahresopfer für die ganze Familie.
7
Wenn er dann sagt: «Es ist recht», so steht es gut um deinen Knecht. Ergrimmt er aber, so erkenne, dass Böses bei ihm beschlossen ist.
8
Erweise denn nun Gnade an deinem Knecht, denn du hast mich mit dir in den Bund des HERRN treten lassen! Wenn aber eine Schuld bei mir vorliegt, so töte {du} mich! Denn warum willst du mich zu deinem Vater bringen?
9
Jonatan antwortete: Das sei fern von dir! Denn wenn ich sicher erkannt habe, dass es bei meinem Vater beschlossen ist, Böses über dich zu bringen, sollte ich es dir dann nicht berichten ?
10
Und David sagte zu Jonatan: Wer soll es mir berichten, wenn dein Vater dir eine harte Antwort gibt?
11
Jonatan sagte zu David: Komm, lass uns aufs Feld hinausgehen! Und sie gingen beide hinaus aufs Feld.
12
Und Jonatan sagte zu David: Der HERR, der Gott Israels, (ist Zeuge), dass ich meinen Vater morgen (oder) übermorgen um diese Zeit ausforsche. Und siehe, (steht es) gut um David, und ich sende dann nicht zu dir und enthülle es deinem Ohr,
13
dann tue der HERR dem Jonatan (das an) und füge so hinzu! Wenn es aber meinem Vater gefällt, Böses über dich (zu bringen), dann werde ich es deinem Ohr enthüllen und dich ziehen lassen, dass du in Frieden weggehen kannst. Und der HERR sei mit dir, wie er mit meinem Vater gewesen ist!
14
Und nicht nur solange ich noch lebe, und nicht nur an mir erweise die Gnade des HERRN, dass ich nicht sterbe,
15
sondern auch meinem Haus entziehe niemals deine Gnade, auch dann nicht, wenn der HERR die Feinde Davids Mann für Mann vom Erdboden vertilgen wird!
16
Da schloss Jonatan mit dem Haus Davids (einen Bund) (und sprach): Der HERR fordere es von der Hand der Feinde Davids!
17
Und Jonatan ließ nun auch David bei seiner Liebe zu ihm schwören. Denn er liebte ihn, wie er seine (eigene) Seele liebte.
18
Und Jonatan sagte zu ihm: Morgen ist Neumond. Da wird man dich vermissen, wenn dein Platz leer bleibt.
19
Am dritten Tag aber steig schnell herunter! Du aber komm an den Ort, wo du dich am Tag der Tat verborgen hattest, und setz dich neben den Steinhaufen!
20
Ich aber werde drei Pfeile nach seiner Seite abschießen, als ob ich nach einem Ziel schießen würde.
21
Und siehe, ich werde den Jungen hinschicken: Geh hin, such die Pfeile! Wenn ich ausdrücklich zu dem Jungen sage: Siehe, die Pfeile sind von dir herwärts, hole sie! - so komm! Denn es steht gut um dich, und es besteht keine Gefahr, so wahr der HERR lebt.
22
Wenn ich aber so zu dem jungen Mann sage: Siehe, die Pfeile sind von dir hinwärts! - so geh! Denn der HERR schickt dich weg.
23
Das Wort aber, das wir miteinander geredet haben, ich und du, siehe, der HERR ist (Zeuge) zwischen mir und dir auf ewig.
24 Und David verbarg sich auf dem Feld. Und als es Neumond wurde, setzte sich der König zu Tisch, um zu essen.
25 Und der König setzte sich auf seinen Platz wie vorher, auf den Platz an der Wand. Als nun Jonatan sich erhob, saß (nur noch) Abner an der Seite Sauls. Der Platz Davids blieb leer.
26 Saul aber sagte nichts an diesem Tag, denn er dachte: Es ist ihm etwas widerfahren. Er ist nicht rein, gewiss, er ist nicht rein.
27 Und es geschah am anderen Tag des Neumonds, dem zweiten, als der Platz Davids wieder leer blieb, da sagte Saul zu seinem Sohn Jonatan: Warum ist der Sohn Isais gestern und heute nicht zum Essen gekommen?
28 Jonatan antwortete Saul: David hat es sich dringend von mir erbeten, nach Bethlehem (gehen zu dürfen),
29 und sagte: Lass mich doch gehen! Denn wir haben ein Familienopfer in der Stadt, und mein Bruder selbst hat es mir geboten. Und nun, wenn ich Gunst in deinen Augen gefunden habe, so lass mich doch gehen, dass ich meine Brüder sehe! Darum ist er nicht an den Tisch des Königs gekommen.
30 Da entbrannte der Zorn Sauls über Jonatan, und er sagte zu ihm: Du Sohn einer entarteten (Mutter)! Ich habe wohl erkannt, dass du den Sohn Isais erkoren hast, dir und deiner Mutter, die dich geboren hat, zur Schande.
31
Denn all die Tage, die der Sohn Isais auf Erden lebt, wirst weder du noch deine Königsherrschaft Bestand haben. Und nun schicke hin und lass ihn zu mir bringen, denn er ist ein Kind des Todes!
32
Und Jonatan antwortete seinem Vater Saul und sprach zu ihm: Warum soll er sterben? Was hat er getan?
33
Da schleuderte Saul den Speer nach ihm, um ihn zu durchbohren. Und Jonatan erkannte, dass es bei seinem Vater fest beschlossen war, David zu töten.
34
Jonatan stand vom Tisch in glühendem Zorn auf und aß am zweiten Tag des Neumonds keine Speise. Denn er war bekümmert um David, weil sein Vater ihn beschimpft hatte.
35
Und es geschah am Morgen, da ging Jonatan aufs Feld hinaus, an den Ort, den er mit David verabredet hatte; und ein kleiner Junge war mit ihm.
36
Und er sagte zu seinem Jungen: Lauf und such die Pfeile, die ich abschieße! Während der Junge hinlief, schoß er den Pfeil über ihn hinaus.
37
Und als der Junge an die Stelle kam, wohin Jonatan den Pfeil abgeschossen hatte, rief Jonatan dem Jungen nach und sprach: Liegt der Pfeil nicht noch jenseits von dir?
38
Und Jonatan rief hinter dem Jungen her: Schnell, eile und bleib nicht stehen! Und der Junge Jonatans hob den Pfeil auf und brachte (ihn) zu seinem Herrn.
39 Der Junge aber wusste von nichts; nur Jonatan und David wussten um die Sache.
40
Und Jonatan gab dem Jungen, den er bei sich hatte, seine Waffen und sagte zu ihm: Geh, bring sie in die Stadt!
41
Als der Junge weggegangen war, stand David hinter dem Steinhaufen auf und fiel auf sein Gesicht zur Erde und beugte sich dreimal nieder. Und sie küssten einander und weinten miteinander, David aber am allermeisten.
42 Und Jonatan sagte zu David: Geh hin in Frieden! Was wir beide im Namen des HERRN geschworen haben, (dafür) wird der HERR zwischen mir und dir und zwischen meinen Nachkommen und deinen Nachkommen auf ewig (Zeuge) sein.

1 Sam 21:
1 Und David machte sich auf und ging weg. Jonatan aber ging (zurück) in die Stadt.

1 Sam 23:
14 Und David blieb in der Wüste auf den Bergfesten, und er blieb im Gebirge in der Wüste Sif. Und Saul suchte ihn alle Tage, aber Gott gab ihn nicht in seine Hand.
15 Und David sah, dass Saul ausgezogen war, um ihm nach dem Leben zu trachten. Und David war in Horescha in der Wüste Sif.
16
Da machte sich Jonatan, der Sohn Sauls, auf und ging zu David nach Horescha und stärkte seine Hand in Gott.
17 Und er sagte zu ihm: Fürchte dich nicht! Denn die Hand meines Vaters Saul wird dich nicht finden. Du wirst König über Israel werden, und ich werde der Zweite nach dir sein. Und auch mein Vater Saul hat erkannt, dass es so ist. Und beide schlossen einen Bund vor dem Herrn. David blieb in Horescha, Jonatan aber kehrt nach Hause zurück.

Bibelarbeiten

König David.

1 Sam 31:
1 Die Philister aber kämpften gegen Israel. Und die Männer von Israel flohen vor den Philistern, und (vom Schwert) Durchbohrte fielen auf dem Gebirge Gilboa.
2 Und die Philister holten Saul und seine Söhne ein. Und sie erschlugen Jonatan, Abinadab und Malkischua, die Söhne Sauls.
3 Und der Kampf (tobte) heftig gegen Saul, und die Bogenschützen erreichten ihn. Und er zitterte sehr vor den Schützen.
4 Da sagte Saul zu seinem Waffenträger: Zieh dein Schwert und durchbohre mich damit, damit diese Unbeschnittenen nicht kommen und mich durchbohren und ihren Mutwillen mit mir treiben! Sein Waffenträger aber wollte nicht, denn er fürchtete sich sehr. Da nahm Saul das Schwert und stürzte sich hinein.
5 Und als sein Waffenträger sah, dass Saul tot war, stürzte auch er sich in sein Schwert und starb mit ihm.
6 So starben Saul und seine drei Söhne und sein Waffenträger, auch alle seine Männer zugleich an diesem Tag.
7 Als aber die Männer von Israel, die jenseits der Ebene und jenseits des Jordan (wohnten), sahen, dass die Männer von Israel geflohen und dass Saul und seine Söhne tot waren, da verließen sie die Städte und flohen. Und die Philister kamen und wohnten darin.

2 Sam 1:
1 Und es geschah nach dem Tode Sauls, als David von der Schlacht gegen Amalek zurückgekommen war, da blieb David zwei Tage in Ziklag.
2 Und es geschah am dritten Tag, siehe, da kam ein Mann aus dem Heerlager von Saul her. Seine Kleider waren zerrissen, und Erde war auf seinem Kopf. Und als er zu David kam, fiel er zur Erde und huldigte ihm.
3 Und David sagte zu ihm: Woher kommst du? Er sagte zu ihm: Aus dem Heerlager Israels bin ich entkommen.
4 Und David sagte zu ihm: Wie steht die Sache? Berichte mir doch! Und er sagte:
Das Volk ist aus dem Kampf geflohen, auch sind viele von dem Volk gefallen und umgekommen, und auch Saul und sein Sohn Jonatan sind tot.
5 Da sagte David zu dem jungen Mann, der ihm berichtete: Wie hast du erfahren, dass Saul und sein Sohn Jonatan tot sind?
6 Der junge Mann, der ihm berichtete, sagte: Ich geriet zufällig auf das Gebirge Gilboa, und siehe, Saul lehnte sich auf seinen Speer; und siehe, die Wagen und die Reiter holten ihn ein.
7 Da wandte er sich um, sah mich und rief mich, und ich sagte: Hier bin ich!
8 Und er sagte zu mir: Wer bist du? Ich sagte zu ihm: Ich bin ein Amalekiter.
9 Da sagte er zu mir: Tritt doch her zu mir und gib mir den Todesstoß, denn ein Schwächeanfall hat mich ergriffen, doch mein Leben ist noch ganz in mir!
10 Da trat ich zu ihm und gab ihm den Todesstoß, denn ich erkannte, dass er nach seinem Fall nicht am Leben bleiben würde. Und ich nahm das Diadem, das (er) auf seinem Kopf (hatte), und die Spange, die an seinem Arm war, und bringe sie hierher zu meinem Herrn.
11
Da fasste David seine Kleider und zerriss sie; (das taten) auch all die Männer, die bei ihm waren.
12
Und sie klagten und weinten und fasteten bis zum Abend um Saul und um seinen Sohn Jonatan und um das Volk des HERRN und um das Haus Israel, weil sie durchs Schwert gefallen waren.
13 Und David sagte zu dem jungen Mann, der ihm berichtete: Woher bist du? Er sagte: Ich bin der Sohn eines amalekitischen Fremdlings.
14 Und David sagte zu ihm: Wie, hast du dich nicht gefürchtet, deine Hand auszustrecken, um den Gesalbten des HERRN umzubringen ?
15 Und David rief einen von den jungen Männern und sagte: Tritt heran, stoß ihn nieder! Da erschlug er ihn. So starb er.
16 Und David sagte zu ihm: Dein Blut (komme) auf deinen Kopf! Denn dein (eigener) Mund hat gegen dich ausgesagt, als du sprachst: Ich habe den Gesalbten des HERRN getötet.
17 Und David stimmte dieses Klagelied an über Saul und über Jonatan, seinen Sohn.
18 Und er befahl, dass man die Söhne Juda (das Lied über) den Bogen lehren solle. Siehe, es ist geschrieben im Buch Jaschar :
19 Deine Zierde, Israel, liegt erschlagen auf deinen Höhen! wie sind die Helden gefallen!
20 Berichtet es nicht in Gat, verkündet die Botschaft nicht auf den Straßen von Aschkelon, dass sich nicht freuen die Töchter der Philister, dass nicht frohlocken die Töchter der Unbeschnittenen!
21 Ihr Berge von Gilboa, nicht Tau noch Regen (falle) auf euch, ihr Berge des Todes! Denn dort wurde besudelt der Schild der Helden, der Schild Sauls nicht gesalbt mit Öl.
22
Ohne das Blut von Durchbohrten, ohne das Fett der Helden kam Jonatans Bogen nie zurück, und (auch) Sauls Schwert kehrte nicht erfolglos heim.
23
Saul und Jonatan, die Geliebten und Holdseligen, in ihrem Leben und in ihrem Tod sind sie ungetrennt; sie waren schneller als Adler, stärker als Löwen.
24 Ihr Töchter Israels, weint um Saul, der euch köstlich kleidete in Karmesin, der goldenen Schmuck an eure Kleider heftete!
25
Wie sind die Helden gefallen mitten im Kampf! Jonatan (liegt) durchbohrt auf deinen Höhen.
26
Mir ist weh um dich, mein Bruder Jonatan! Über alles lieb warst du mir. Wunderbar war mir deine Liebe, mehr als Frauenliebe.
27 Wie sind die Helden gefallen, verlorengegangen die Waffen der Schlacht!

(nach der revidierten Elberfelder Übersetzung, Wuppertal 2001)

3. Die Vorgeschichte

Die Geschichte Davids ist eine Geschichte in zwei Teilen: Am Anfang  steht das Leben Davids unter Sauls Regierung, danach folgt die Periode seiner Herrschaft als König und Thronfolger. Doch bis dahin ist es ein langer Weg. Saul ist noch König, doch weist die Trauer um Saul zu Beginn von 1 Sam 16 schon auf sein Ende hin, das erst im Schlusskapitel des 1. Samuelbuches geschildert wird – Hinweis auf die literarische Komposition der Saul-David-Geschichte. 1 Sam 16 markiert mehrere Spannungen: Sauls Verwerfung durch Gott wird notwendig, damit sich Davids Weg ebnet. Der neue König wird schon gesalbt, während der alte noch in Herrschaft ist. Hier liegt ein hohes Konfliktpotential, das sich durch die Geschichte Davids und Sauls hindurchziehen wird. Wie Saul selbst wird auch David von Samuel auf Gottes Geheiß hin im Geheimen zum König gesalbt. Ein Amtsbeginn ist damit noch nicht angezeigt. Dieser muss erst durch politische und militärische Leistungen erstritten werden. Die Salbung gibt jedoch die Richtung vor. Und nicht zuletzt hat sie eine theologische Aussage: Als Jüngster und Geringster unter seinen Brüdern ist David der Auserwählte des Herrn  (1 Sam 16). Das Erwählungshandeln Gottes geht allen menschlichen Bemühungen voraus und übertrifft sie. In ähnlicher Weise wird auch die Erwählung Israels in Dtn 7,7f. begründet: "Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker währet, hat euch der Herr ins Herz geschlossen und auserwählt; ihr seid das kleinste unter allen Völkern. Weil der Herr euch leibt und weil er auf den Schwur achtet, den er euren Vätern geleistet hat, deshalb hat der Herr euch mit starker Hand herausgeführt und euch aus dem Sklavenhaus freigekauft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten."

Am Hof Sauls beeindruckt David durch sein therapeutisches Saitenspiel. Der Geist des Herrn war von Saul gewichen, seine Lebenskraft war geschwunden. Saul aber schließt David in sein Herz und ernennt ihn zu seinem Waffenträger. Dies ist die zweite Entdeckung Davids. Eine dritte wird im biblischen Text geschildert, die David vor eine große Herausforderung stellt: Er tritt gegen den Philister Goliath im Kampf an und besiegt ihn mit dem Beistand Jahwes.

Vier Momente sind es, die den Kampf Davids mit Goliath ausmachen: David tötet Goliath mit der Schleuder, er enthauptet Goliath, er steht mit dem Haupt Goliaths vor Saul und triumphiert. Gerade die letzte Szene ist häufig Thema der Malerei geworden. Das Bild "David mit dem Haupt Goliaths" von Rembrandt konzentriert das Geschehen – in einem Heerlager von Soldaten – auf eine Hauptgruppe. Diese besteht aus David, Saul, Samuel und Abner. David kniet mit dem Haupt Goliaths in den Armen vor Saul, während Samuel sich neben Saul tief verneigt. Neben David steht Abner, der Heerführer, der ihn dem biblischen Text nach Saul vorstellt. Er trägt Goliaths Schwert. Links schaut Sauls Sohn Jonatan von seinem Pferd aus zu. Dabei hat die Blickrichtung der einzelnen Personen interpretatorischen Charakter. Während Saul an David vorbei auf Abner schaut, verneigt sich der Prophet Samuel, der dem biblischen Text nach in dieser Szene gar nicht anwesend ist, vor dem auf Gottes Geheiß hin gesalbten Hirtenjungen David. Jonatan hingegen schaut an Saul vorbei direkt zu David. Dargestellt ist der Beginn der Freundschaft zwischen Jonatan und David, der in 1 Sam 18, 1 wie folgt geschildert wird: "Nach dem Gespräch Davids mit Saul schloss Jonatan David in sein Herz. Und Jonatan liebte David wie sein eigenes Leben."

4. Auslegung

Die Erzählung konzentriert sich auf David. Es ist seine Geschichte. Die Geschichte seines Aufstiegs vom Hirtenjungen zum König. Dabei geht es dem Text nicht etwa darum, eine chronologische Reihenfolge einzuhalten, sondern vielmehr das Königtum Davids zu legitimieren, seinen Weg gegen alle Widerstände hindurch aufzuzeigen und seine Erwählung durch Jahwe zu bezeugen, damit Jahwe selbst in seiner Treue und Verlässlichkeit zu bezeugen. Es sind theologische wie literarische Motive, die den biblischen Bericht beherrschen. Apologetische Interessen der Verfasser dürften nicht zu leugnen sein. Was den historischen Wert der Erzählung angeht, ist also hohe Skepsis geboten.

Die Erzählung kennt ein Thema, das sich durch die ganze Geschichte zieht: die Versuche Sauls, David zu vernichten Nachdem Saul David zu Beginn zwar liebgewonnen und an den Hof geholt hat, entfacht jedoch genau dieser Sieg Davids über Goliath den Streit mit Saul, der zum offenen Konflikt wird. Als die israelitischen Frauen das zurückkehrende Heer begrüßen und singen: "Saul hat Tausende erschlagen, aber David Zehntausende" (1 Sam 18,7), wird Saul so sehr von Eifersucht überwältigt, dass er entschlossen ist, David zu töten. Die Gestalt Sauls bleibt eine ambivalente. Er ist der vom Volk gewünschte und auch der von Gott gewährte König. Als solcher ist er Erwählter, repräsentiert aber auch den törichten Willen Israels. David hingegen erscheint im Licht. Selbst sein Fehlverhalten kann seine Erwählung nicht aufheben. Seine Geschichte beginnt nicht als großer König, hervorgehoben werden vielmehr die kleinen Anfänge – Hirte war er, Harfenspieler und Flüchtling, in allem aber der von Gott Herausgehobene, aber auch der sich Demütigende, der mit Gottes Kraft Handelnde. Später wurde David idealisiert. Er galt als Maßstab für die folgenden Könige. Nicht zuletzt ruhen auf ihm und seinem Geschlecht die messianischen Hoffnungen. Die Geburt Jesu in Bethlehem, der Stadt Davids, die Genealogien, die David als einen Vorfahren anführen (Mt 1,16; Lk 3,31) und die Prädikation Jesu als Sohn Davids (Mt 1,1, Mk 10,46-52) haben Bekenntnischarakter.

Zwei Personen aus dem königlichen Hause spielen für David, vor allem im Blick auf seine glückliche Rettung, eine besondere Rolle. Das ist zum einen Michal, die Tochter Sauls, die David liebt, und zum anderen immer wieder Jonatan, der Sohn Sauls, der David in sein Herz geschlossen hat. Beide Kinder Sauls lieben David, beide setzen ihr Leben für ihn aufs Spiel. Davids Hochzeit mit Michal dürfte jedoch von seiner Seite aus vorwiegend politische Gründe gehabt haben, die Ehe machte David zu Sauls Schwiegersohn, damit erhielt er einen zwar indirekten, aber legitimen Anspruch auf das Königtum. Die Zuneigung und Freundschaft Jonatans hat David erwidert.

David – das bedeutet: der Geliebte. Als solcher wird er zu Beginn von 1 Sam 18 vorgestellt. Jonatan schließt David in sein Herz, mehr noch, seine Seele verbindet sich mit der Seele Davids, Jonatan gewinnt ihn lieb wie seine eigene Seele. Wie ist diese Liebe zu verstehen?

Manche vermuten ein homoerotisches Verhältnis. Klagt nicht David um Jonathan: Wunderbar war mir deine Liebe, mehr als Frauenliebe (2 Sam 1,26)? Tatsächlich gibt es literarische Spuren, die in diese Richtung weisen. Else Lasker-Schüler schreibt über "David und Jonathan" ein Gedicht: "In der Bibel stehen wir geschrieben, buntumschlungen, aber unsere Knabenspiele leben weiter im Stern. Ich bin David, Du mein Spielgefährte. O, wir färbten unsere weißen Widderherzen rot! Wie die Knospen an den Liebespsalmen unter Feiertagshimmel. Deine Abschiedsaugen aber – immer nimmst du still im Kusse Abschied. Und was soll dein Herz noch ohne meines, deine Süßnacht ohne meine Lieder –."

Doch weiß die Antike – nicht nur die Bibel – um die Stärke der Freundesliebe. Sie ist von größter Emotionalität, aber sie äußert sich nicht sexuell. Im Hebräischen steht zwar für die Beziehung zwischen David und Jonathan dasselbe Wort "Liebe", das im Hohenlied die Liebe zwischen Mann und Frau beschreibt. Aber im Hebräischen wird wie im Deutschen zwischen verschiedenen Formen der Liebe sprachlich nicht genau unterschieden (anders als im Griechischen). Auch die Liebe Gottes zu Israel und die Liebe zu Gott werden mit demselben Wort bezeichnet. Dies legt eher die Frage nahe, ob nicht die dreifache Verwendung des Begriffs "Liebe" in der Beziehung Jonatans zu David im weitesten Sinne Abbildfunktion hat zur Liebe des Volkes zu Jahwe und andersherum, ob also die Liebe Jonatans über die zwischenmenschliche Dimension hinaus eine theologische erfüllt.

Die emotionale Stärke der Freundesliebe macht das Bild "David und Jonathan" von Rembrandt sichtbar. Es kennt nicht nur den biblischen Text, sondern noch eine zweite Quelle, das Werk des jüdischen Geschichtsschreibers Flavius Josephus über die "Jüdischen Altertümer". Dargestellt ist die Szene der Verabschiedung zwischen David und Jonatan. Durch Jonatans Freundschaft kann David sein Leben vor dem Hass Sauls retten. Ein Leben in Jonatans Nähe ist ihm jedoch verwehrt. Zum Abschied fällt David vor Jonatan zur Erde und beugt sich dreimal nieder. Sie küssen sich und weinen miteinander. David scheint jedoch noch ergriffener als Jonatan. Sie geloben einander Frieden und gehen auseinander. Der biblische Text betont den sozialen Unterschied zwischen dem Königssohn Jonatan und dem Heerführer David. So fällt David vor Jonatan nieder. Dies gibt auch die Bildtradition wieder. Meist kniet David vor Jonatan. Josephus jedoch zweifelte wohl, ob diese Ehrfurchtshaltung auch bei der emotionalen Zuwendung noch aufrecht erhalten wurde. Er erweiterte den Bibeltext und vertieft dabei den Freundschaftsgedanken, wenn er schreibt: "Jonathan aber hieß ihn aufstehen, und sie umarmten sich beide, küssten sich lange und unter Schluchzen und beklagten ihre Jugend, den Hass, der ihre Freundschaft verfolge, und ihre zukünftige Trennung, die ihnen nichts anderes als der Tod zu sein schien" (VI, 11 (Übersetzung: H. Clementz). Diesen Moment hat Rembrandt dargestellt: Jonatan umfängt David und stützt ihn. David weint an seiner Brust. Jonatan wird als der Ältere dargestellt. Jonatan überragt den jüngeren David. Schon fast als väterlicher Freund schützt er David. Davis Schmerz ist unverkennbar. Jonatan hingegen strahlt Ruhe, Schutz und Trost aus. Indem der Betrachter David als Rückenfigur wahrnimmt, erfährt er das Bild im Mitempfinden mit David. Zu Beginn von 1 Sam 18 wird geschildert, welche Geschenke Jonatan David zum Zeichen des Bundes, den er mit David schließt, überreicht: Oberkleid, Waffenrock, Schwert, Bogen und Gürtel. Diese Geschenke liegen zu Davids Füßen – sie sind Zeichen ihrer Freundschaft.

In 1 Sam 18,1 heißt es, dass sich die Seele Jonatans mit der Seele Davids verbindet. Dies ist über die emotionale Bindung hinweg jedoch auch ein gängiger Terminus für das politische Zusammenspiel zweier Parteien. Es bleibt zu fragen, welcher Aspekt im literarischen Kontext der Samuel- und Königsbücher der stärkere ist. Auffällig ist, dass die innere Bewegung in ihrer Tendenz einseitig auf David hin ausgerichtet ist. Dies unterstreicht die politische wie auch die theologische Dimension dieser Beziehung. Der emotionale Aspekt würde zurücktreten.

Dies zeigt auch der literarische Aspekt an, in den die David-Jonatan-Geschichte eingebettet ist. Es ist die Aufstiegsgeschichte Davids. Innerhalb dieses Erzählkomplexes ist die Freundschaft zwischen David und Jonatan eines von mehreren Elementen, die für den Aufstieg Davids zum Thron bedeutsam sind. Für das Verständnis ist wichtig, dass die Geschichte von ihrem Ziel her, von der Übernahme des Thrones durch David, erzählt wird. Für die Erreichung dieses Ziels ist der Bundesschluss zwischen David und Jonatan (1 Sam 18,3), der zu späterem Zeitpunkt nochmals wiederholt wird (1 Sam 23,18) in seiner Bedeutung sehr hoch einzuschätzen, und doch bleibt er einer von mehreren, die noch folgen werden. So wird David noch einen Bund schließen mit Abner (2 Sam 3,12f) und mit den Ältesten Israels (2 Sam 5,3). Der Bund Jonatans mit David dürfte durch mehrere Gründe motiviert sein: Der vorrangige Grund, den der biblische Text nennt, ist die Liebe Jonatans zu David. Es ist ein Freundschaftsbund, der die Treue Davids gegenüber seinem Freund symbolisch zum Ausdruck bringt: "Und nicht nur solange ich noch lebe, und nicht nur an mir erweise die Gnade des HERRN, dass ich nicht sterbe, sondern auch meinem Haus entziehe niemals deine Gnade, auch dann nicht, wenn der HERR die Feinde Davids Mann für Mann vom Erdboden vertilgen wird! Da schloss Jonatan mit dem Haus Davids (einen Bund) (und sprach): Der HERR fordere es von der Hand der Feinde Davids!" (1 Sam 20,14-16). Dieses Versprechen, das Haus Jonatans nicht auszulöschen, erfüllt sich am Gnadenerweis Davids an Merib-Baal, einem überlebenden Sohn Jonatans: "David sagte zu ihm: Fürchte dich nicht; denn ich will dir um deines Vaters Jonatans willen eine Huld erweisen: Ich gebe dir alle Felder deines Großvaters Saul zurück und du sollst immer an meinem Tisch essen" (2 Sam 9,7).

Mit Blick auf das Ziel der Thronübernahme ist eine politische Motivation jedoch nicht zu leugnen, zumal ein Grund auch der vorangegangene Sieg Davids über Goliath sein dürfte. Auch die Übergabe von Mantel, Rüstung, Schwert, Bogen und Gürtel dürfte nicht nur Zeichen der Freundschaft sein, sondern in erster Linie ein symbolischer Hinweis auf die Übergabe des Königtums an David, damit zugleich von den Sauliden auf die Davididen.  In 1 Sam 20 ist David in der Rolle des zukünftigen Königs. Jonatan tritt als Bittender auf. Entscheidend ist der Moment, in dem Jonatan das Mitsein Jahwes, das bisher Saul gegolten hat, David zuspricht und damit implizit auf die eigene Thronfolge, die für ihn als Königssohn vorgesehen, war verzichtet (1 Sam 20,13), mehr noch, es ist ihm bewusst, dass die Übertragung der Thronnachfolge von ihm auf David dem Willen Jahwes entspricht (1 Sam 20,23). Die Freundschaft zwischen Jonatan und David zeigt sich auch an dieser Stelle als theologisch motiviert.

Eine ähnliche Gestaltung ist zu beobachten, wenn es um das Beziehungsgefüge Davids geht, insbesondere um die Liebe, die ihm von verschiedenen Seiten entgegengebracht wird. Sein Name zeichnet sein Leben und gibt ihm den Weg vor: Geliebter, Liebling. Zunächst ist es Saul (1 Sam 16,21), der David in sein Herz schließt und ihm Verantwortung überträgt, dann Jonatan (1 Sam 18,3), Michal (1 Sam 18,20), dann die Hofleute Sauls (1 Sam 18,22) und schließlich das ganze Volk (1 Sam 18,16). Und doch ist diese Liebe zu David mehr als eine bloße literarische Gestaltung. Der Text ist eine gewachsene Größe, das gilt es zu beachten, es ist kein Historienbericht, aber eine Erzählung mit hoher Aussageabsicht. David und Jonatan sind das einzige Freundespaar im Alten Testament, dessen Freundschaft so unbefangen dargestellt wird. Es ist eine ungewöhnliche Freundschaft, und eine, die in jedem Fall positiv bewertet wird. Ohne Jonatans Hilfe wäre David Sauls Zorn nicht erspart geblieben. So konnte er sein Leben retten – ein unverbrüchliche Freundschaft, in der Treue, Verlässlichkeit und ein stetiger Gottesbezug eine hohe Bedeutung haben. Und so singt David in seiner Totenklage um Jonatan: "Weh ist mir um dich, mein Bruder Jonatan. Du warst mir sehr lieb. Wunderbarer war deine Liebe für mich als die Liebe der Frauen" (2 Sam 1,26).

5. Bibelarbeit

  • Sich einfinden
  • GL 289: Herr, deine Güt ist unbegrenzt

"Und sie baten ihn: Erzähl uns über die Freundschaft. Darauf antwortete er folgendermaßen: Euer Freund ist die Fülle eurer Bedürfnisse. Er ist euer Feld, das ihr sät, indem ihr Liebe gebt, und mäht, indem ihr eure Dankbarkeit zeigt. Und er ist der Tisch, an dem ihr esst, und der Kamin, an dem ihr euch wärmt. Denn zu ihm kommt ihr, wenn ihr hungrig seid und wenn ihr Frieden sucht. Wenn euer Freund offen seine Meinung sagt, dann fürchtet ihr weder das Nein eurer eigenen Meinung, noch haltet ihr das Ja zurück. Und selbst wenn er schweigt, dann hört euer Herz nicht auf, seinem Herzen zuzuhören. Denn in einer Freundschaft bedarf es keiner Worte: Alle Gedanken, alle Wünsche, alle Erwartungen werden geboren und geteilt mit einer Freude, die nicht auf Beifallsbekundungen aus ist. Wenn ihr Abschied nehmt von einem Freund, dann trauert ihr nicht. Denn das, was ihr am meisten an ihm mögt, offenbart sich möglicherweise deutlicher während seiner Abwesenheit, genauso wie dem Bergsteiger ein Berg deutlicher erscheint, wenn er ihn aus der Ebene betrachtet. Und es sollte für euch keinen anderen Grund für Freundschaft geben als die Vertiefung des Geistes. Denn Liebe, die irgendetwas anderes sucht als die Enthüllung ihres eigenen Geheimnisses, ist keine Liebe: Vielmehr ist sie wie ein Netz, das ausgeworfen wurde und mit dem nur das Nutzlose gefangen wird. Und gebt eurem Freund euer Bestes. Wenn er schon die Ebbe eurer Gezeiten kennen lernen muss, dann lasst ihn auch deren Flut kennen lernen. Denn was wäre das für ein Freund, den ihr nur besuchen würdet, um die Zeit totzuschlagen? Besucht ihn immer, um erlebnisreiche Stunden zu verbringen. Denn er sollte eure Bedürfnisse erfüllen, nicht eure Leere. Und versüßt euch eure Freundschaft durch gemeinsames Lachen und geteilte Freuden. Denn es sind die kleinen Dinge, die das Herz erfrischen wie der Tau am Morgen.

(aus: Gibran, Khalil, Sprich uns von der Freundschaft
– Worte des Propheten, Gütersloh 2002, 15-17)

  • EG 417: Lass die Wurzel unseres Handelns Liebe sein

  • Die Heilige Schrift lesen
    1 Sam 18-2 Sam 1: Die Freundschaft zwischen David und Jonatan

  • Über den Bibeltext sprechen:
    Die Freundschaft zwischen David und Jonatan nimmt in den Samuelbüchern einen breiten Raum ein. Wie wird die Freundschaft beschrieben, was zeichnet sie aus? Wird ein Grund für diese Freundschaft genannt, ein Zeichen? In welcher Situation befindet sich David? Wie lässt sich die Konstellation der Personen beschreiben? Wie ist die Aktivität und Bewegungsrichtung der beiden Protagonisten zu fassen? In welchen Lebenszusammenhängen stehen sie?
    Die Freundschaft zwischen David und Jonatan unterscheidet sich von der zwischen Patroklos und Achill. Der biblische Bericht hat eine bestimmte Intention und Funktion. Wo könnte sie liegen? Welche Bedeutung wird David zugemessen, in der Freundschaft zu Jonatan, in der Geschichte Israels, in Judentum und Christentum? Welche Sinnspitze erhält damit die Freundschaft zwischen David und Jonatan?

  • Den Bibeltext ins eigene Leben übersetzen:
    Wenn wir an eigene Freundschaften denken: Was ist uns dabei wichtig? Was verstehe ich unter Freundschaft? Wie gestaltet sich im Vergleich dazu die biblische Freundschaft? Welche Impulse gibt sie? Wie lassen sich unsere Beziehungen im Angesicht Gottes verantwortet leben?

  • Das Leben ins Gebet nehmen

Ich bin kalt in der Liebe

Siehe, Herr,
ich bin ein leeres Gefäß,
das bedarf sehr,
dass man es fülle.

Mein Herr, fülle es,
ich bin schwach im Glauben;
Stärke mich,
ich bin kalt in der Liebe.

Wärme mich und mache mich heiß,
dass meine Liebe herausfließe
auf meinen Nächsten.

Ich habe keinen festen, starken Glauben,
und zweifle zuzeiten
und kann dir nicht völlig vertrauen.

Ach Herr, hilf mir,
mehre mir den Glauben und das Vertrauen.
Alles, was ich habe,
ist in dir beschlossen.

Ich bin arm,
du bist reich
und bist gekommen,
dich der Armen zu erbarmen.

Ich bin ein Sünder,
du bist gerecht.
Hier bei mir ist die Krankheit der Sünde,
in dir aber ist die Fülle der Gerechtigkeit.

Darum bleibe ich bei dir,
dir muss ich nicht geben;
von dir kann ich nehmen.

(Martin Luther)

6. Weiterführende Literatur

  • Dietrich, Walter/Naumann, Thomas, Die Samuelbücher, Darmstadt 1995
  • Dietrich, Walter (Hrsg.), König David – biblische Schlüsselfigur und europäische Leitgestalt, Fribourg 2004
  • McKenzie, Steven L., König David – Eine Biographie, Berlin 2002
  • Nitsche, Stefan A., König David – sein Leben, seine Zeit, seine Welt, Gütersloh 2002
  • Lewis, C.S., Was man Liebe nennt, Zuneigung, Freundschaft, Eros, Agape, Basel 1998
  • Zenger, Erich (Hrsg.), Stuttgarter Altes Testament – Einheitsübersetzung mit Kommentar und Lexikon, Stuttgart 2004

Dipl.-Theol. Esther Brünenberg (Juni 2005)
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (www.bibelwerk.de)

in Kooperation mit
kirchensite – online mit dem Bistum Münster (www.kirchensite.de)

Die Bibelarbeit zum Download...

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