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27.03.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv
Beim gemeinsamen Mahl verabschiedetsich Jesus von seinen Jüngern.

Bibelarbeit im April 2005

Jesus und seine Jünger

1. Einführung

Mit Kapitel 12 geht im Johannesevangelium die Zeit des öffentlichen Wirkens Jesu ihrem Ende zu und das Leidensschicksal Jesu gerät in den Blick. Der Hohe Rat hat beschlossen, dass Jesus sterben muss (11,47-53). Jesus bewegt sich von nun an nicht mehr öffentlich unter den Juden (11,54). Der Blick richtet sich auf das Passahfest als mögliche Gelegenheit, den Tötungsbeschluss umzusetzen, und damit auch auf die Stadt Jerusalem als den Ort des Sterbens Jesu (11,55-57). In Betanien wird Jesus von Maria gesalbt (12,1-11) – "für den Tag meines Begräbnisses" wie er selbst sagt (V.7). Anschließend zieht er nach Jerusalem ein (12,12-19). Die Stunde des Todes Jesu, in der Sprache des Johannesevangeliums: seiner Verherrlichung, ist nahe (12,20-36). In großer Dichte formuliert Jesus an dieser Stelle noch einmal, weshalb er, der Gottesssohn, seinen irdischen Weg gegangen ist: "Ich bin das Licht, das in die Welt gekommen ist, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibt" (12,46). Glaube an Jesus ist darauf die notwendige, wie sein Schicksal zeigt allerdings nicht selbstverständliche Antwort (12,37-50).

Es folgt bei Johannes wie bei den anderen Evangelisten die Erzählung von Tod und Auferstehung, beginnend mit dem letzten gemeinsamen Mahl Jesu und seiner Jünger. Johannes schildert es als große Abschiedsszene (13,1 - 17,26). Noch einmal – ein letztes Mal – sind sie zusammen: Jesus, Petrus, Judas und die anderen.

Gleich im ersten Vers dieser Abschiedsszene redet der Evangelist von der Liebe Jesu zu seinen Jüngern. Das Stichwort wird später in der Szene noch mehrfach wiederholt. Jesus und die Jünger – auch das ist ein biblische Liebesgeschichte. Johannes zeigt in den folgenden Versen, dass auch diese Liebesgeschichte nicht ohne Brüche ist. Beim letzten Mahl kommen sie zu Tage: vollendete Liebe, Vertrautheit und Intimität, übereifriges Missverstehen, Scheitern, Verrat.

2. Text

1 Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.

2 Es fand ein Mahl statt, und der Teufel hatte Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, schon ins Herz gegeben, ihn zu verraten und auszuliefern. 3 Jesus, der wusste, dass ihm der Vater alles in die Hand gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte,  4 stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch.  5 Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war. 6 Als er zu Simon Petrus kam, sagte dieser zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füße waschen? 7 Jesus antwortete ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen. 8 Petrus entgegnete ihm: Niemals sollst du mir die Füße waschen! Jesus erwiderte ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir.  9 Da sagte Simon Petrus zu ihm: Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt.  10 Jesus sagte zu ihm: Wer vom Bad kommt, ist ganz rein und braucht sich nur noch die Füße zu waschen. Auch ihr seid rein, aber nicht alle. 11 Er wusste nämlich, wer ihn verraten würde; darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein.

12 Als er ihnen die Füße gewaschen, sein Gewand wieder angelegt und Platz genommen hatte, sagte er zu ihnen: Begreift ihr, was ich an euch getan habe? 13 Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. 14 Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. 15 Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe. 16 Amen, amen, ich sage euch: Der Sklave ist nicht größer als sein Herr und der Abgesandte ist nicht größer als der, der ihn gesandt hat. 17 Selig seid ihr, wenn ihr das wisst und danach handelt. 18 Ich sage das nicht von euch allen. Ich weiß wohl, welche ich erwählt habe, aber das Schriftwort muss sich erfüllen: Einer, der mein Brot aß, hat mich hintergangen. 19 Ich sage es euch schon jetzt, ehe es geschieht, damit ihr, wenn es geschehen ist, glaubt: Ich bin es. 20 Amen, amen, ich sage euch: Wer einen aufnimmt, den ich sende, nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.

21 Nach diesen Worten war Jesus im Innersten erschüttert und bekräftigte: Amen, amen, das sage ich euch: Einer von euch wird mich verraten. 22 Die Jünger blickten sich ratlos an, weil sie nicht wussten, wen er meinte. 23 Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte. 24 Simon Petrus nickte ihm zu, er solle fragen, von wem Jesus spreche. 25 Da lehnte sich dieser zurück an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist es? 26 Jesus antwortete: Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde. Dann tauchte er das Brot ein, nahm es und gab es Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. 27 Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, fuhr der Satan in ihn. Jesus sagte zu ihm: Was du tun willst, das tu bald! 28 Aber keiner der Anwesenden verstand, warum er ihm das sagte. 29 Weil Judas die Kasse hatte, meinten einige, Jesus wolle ihm sagen: Kaufe, was wir zum Fest brauchen!, oder Jesus trage ihm auf, den Armen etwas zu geben. 30 Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht.

31 Als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist in ihm verherrlicht. 32 Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen, und er wird ihn bald verherrlichen. 33 Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ihr werdet mich suchen, und was ich den Juden gesagt habe, sage ich jetzt auch euch: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen. 34 Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. 35 Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.

36 Simon Petrus sagte zu ihm: Herr, wohin willst du gehen? Jesus antwortete: Wohin ich gehe, dorthin kannst du mir jetzt nicht folgen. Du wirst mir aber später folgen. 37 Petrus sagte zu ihm: Herr, warum kann ich dir jetzt nicht folgen? Mein Leben will ich für dich hingeben. 38 Jesus entgegnete: Du willst für mich dein Leben hingeben? Amen, amen, das sage ich dir: Noch bevor der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.

3. Auslegung

Liebe bis zur Vollendung

Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.

Johannes eröffnet die Szene mit einem sehr dichten Satz, der in knappen Worten vieles in Erinnerung ruft, das aufmerksame Leserinnen und Leser des Evangeliums schon wissen. Das Passahfest ist nahe. Jesus weiß, dass er jetzt sterben wird. Die Rede von der ‘Stunde’ zeigt, dass Jesu Weg dem Willen und Plan Gottes entspricht (vgl. z.B. 2,4; 7,30). Dieser Wille und Weg schließt den Tod Jesu ein. Der Tod wird verstanden als Übergang zu Gott, dem Vater. Von dort kommt Jesus, der Sohn, nach dem Verständnis des Johannesevangeliums her. Er ist in die Welt gekommen, um sie zu retten. Am Ende aber wird ihn sein Weg zum Vater zurückführen.

Das Lebenswerk Jesu wird in unserem Vers auf den Begriff der Liebe gebracht. Er spielt im Johannesevangelium eine zentrale Rolle. Er beschreibt einerseits das einzigartige Verhältnis Gottes zu seinem Sohn Jesus (3,35; 10,17; 15,9-10; 17,24-26). Andererseits gilt: "Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat" (3,16). In der Liebe Jesu zu den Seinen laufen diese beiden Linien zusammen, kommt die Liebe Gottes zu seinem Sohn in der Welt an und werden die Jünger in die liebende Beziehung zwischen Vater und Sohn hinein genommen (vgl. 15,9-10; 17,24.26).

 "Bis zur Vollendung" oder "bis zum Ende", wie auch übersetzt werden könnte, erweist Jesus seine Liebe. Es schwingt eine zeitliche und eine qualitative Note mit. Seine Liebe erweist Jesus bis zur letzten Minute und Sekunde seines Lebens, bis zum Tod am Kreuz. Er wird mit den Worten "Es ist vollbracht (vollendet)" sterben (19,30). Und zugleich ist dieser Tod die höchste Aufbietung dieser Liebe: "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt" (15,13).

Bibelarbeit

Die Fußwaschung ist ein Zeichen
der Ehrerbietung.

Jesus fasst diese Liebe beim letzten Mahl in eine symbolische Handlung. Matthäus, Markus und Lukas erzählen davon, wie Jesus seinen Jüngern Brot und Wein reicht und diese Gaben deutet als seinen Leib und sein Blut. Bei Johannes fehlen diese Gesten. Er erzählt, dass Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht. Die Fußwaschung hat in der Antike auch einen hygienischen Hintergrund, ist aber oft eine rituell-symbolische Handlung: Sie ist Zeichen der Ehrerbietung, der Zuneigung, der Unterordnung. Sie ist typische Diener- oder Sklavenarbeit, wird aber auch vollzogen von einer Frau am Mann, von Kindern am Vater, von Schülern am Lehrer. Von Kaiser Caligula wird berichtet, er habe römische Senatoren gezwungen, ihm die Füße zu waschen, um sie zu demütigen.

Jesus erweist den Jüngern also Ehre, einen Dienst. Im Rahmen antiker Wertvorstellungen (und auch vor den Hintergrund des johanneischen Bildes von Jesus als dem menschgewordenen Gottessohn) ist das eine Provokation. Petrus reagiert entsprechend. Davon wird gleich noch zu reden sein. Die entscheidende Erläuterung der Symbolhandlung findet sich im letzten Teil von Vers 8: "Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir." Die Geste steht stellvertretend für das, was Jesus zum Guten und zur Rettung der Menschen getan hat und tut. Oder mit dem Begriff von V.1: für die Liebe Jesu (in der die Liebe Gottes Wirklichkeit wird). Damit steht die Fußwaschung letztlich auch für den Kreuzestod Jesu, der seine Liebe vollendet. So verstanden ist Fußwaschung nicht eine anstößige Verkehrung des Verhältnisses Jesus-Jünger, sondern angemessener Ausdruck für den Liebesdienst, den Jesus den Seinen leistet.

Übereifriges Missverstehen und Scheitern

Als er zu Simon Petrus kam, sagte dieser zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füße waschen? Jesus antwortete ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen. Petrus entgegnete ihm: Niemals sollst du mir die Füße waschen! Jesus erwiderte ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir. Da sagte Simon Petrus zu ihm: Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt. Jesus sagte zu ihm: Wer vom Bad kommt, ist ganz rein und braucht sich nur noch die Füße zu waschen.

Petrus zeigt die Reaktion, die zu erwarten ist: Er lehnt es ab, dass Jesus ihm die Füße wäscht. Jesus verweist auf späteres Begreifen; gemeint ist wohl die Zeit nach seinem Tod und seiner Auferstehung (vgl. 2,22; 12,16). Der Hinweis fruchtet nicht, Petrus weigert sich weiter.

Jesus deutet ihm nun sein Verhalten, wie oben gesehen. Daraufhin will Petrus - im ersten Augenblick durchaus nachvollziehbar - mehr, will die Fülle der Zuwendung. Er zeigt aber nur, dass er die Symbolhandlung als Symbolhandlung noch immer nicht verstanden hat. Jesus erklärt sie mit einem Vergleich, der nicht leicht zu verstehen ist. V.10 ist in zwei Varianten überliefert, mit dem oben abgedruckten Text oder in einer kürzeren Version: "Wer gebadet ist, braucht es nicht (sich zu waschen), sondern ist ganz rein". Die Kurzfassung ist im Zusammenhang des Johannesevangeliums gut zu verstehen (und vielleicht ursprünglicher): Wenn in der Geste die Liebe Jesu bis in den Tod hinein zum Ausdruck kommt, ist mehr weder möglich noch notwendig. Die Langfassung könnte (nur eine Vermutung!) auf einer allegorischen Deutung beruhen:  Das Waschen/Bad steht für die Taufe, die Fußwaschung für die Eucharistie. Die Deutung ist plausibel im Kontext der frühchristlichen Tauftheologie und bei Kombination des Johannes mit den anderen Evangelien, die von Brot und Wein (Eucharistie!) erzählen. Andere Ausleger deuten bei der Langfassung die Fußwaschung, die nach dem Heimweg aus dem Bad die Reinigung abschließt, auf den Tod Jesu, der sein Wirken vollendet.

Petrus spricht als erster, zeigt sich eifrig, geht damit aber in die Irre. Dieses Bild wiederholt sich noch zugespitzter am Ende von Kapitel 13 (und findet sich so oder ähnlich auch anderorts im Johannesevangelium: 18,10f; vgl. 20,1-10; 21,3-7; 21,15-23). Petrus will Jesus nachfolgen, will gar sein Leben für ihn geben. Jesus entgegnet darauf: "Du willst für mich dein Leben hingeben? Amen, amen, das sage ich dir: Noch bevor der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen." Die Ansage wird bittere Wahrheit werden. Doch ist der Weg Jesu mit Simon Petrus damit nicht zu Ende. Jesus erscheint ihm nach seiner Auferstehung wie den anderen. Mehr noch erhält er von Jesus den besonderen Auftrag: "Weide meine Lämmer" (21,15; vgl. 21,17 und 17), der auf die herausragende Rolle des Petrus in der Frühen Kirche hinweist. Und schließlich wird Petrus – so deutet das Johannesevangelium an - auch das Versprechen wahr machen dürfen, sein Leben für Jesus zu geben (21,18f; vgl. 13,36).

Petrus ist der erste unter den Jüngern – wenn auch bei Johannes vielleicht nicht so deutlich wie bei anderen Evangelisten. Es gehört zum Bild dieses ersten Jüngers, der sich mit Leidenschaft für Jesus einsetzen will, dass er sich mehr zutraut, als er zu tun vermag. Er scheitert, aber er wird von Jesus in diesem Scheitern nicht allein gelassen, sondern bekommt einen neuen Weg eröffnet, sein Jünger zu sein.

Vertrautheit und Initimität

Nach diesen Worten war Jesus im Innersten erschüttert und bekräftigte: Amen, amen, das sage ich euch: Einer von euch wird mich verraten. Die Jünger blickten sich ratlos an, weil sie nicht wussten, wen er meinte. Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte. Simon Petrus nickte ihm zu, er solle fragen, von wem Jesus spreche. Da lehnte sich dieser zurück an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist es? Jesus antwortete: Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde. Dann tauchte er das Brot ein, nahm es und gab es Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.

Zum ersten Mal im Evangelium taucht in dieser Szene jener Mann auf, den der Evangelist Johannes nur als den "Jünger, den Jesus liebte" bezeichnet. Umstritten ist bei den Fachleuten, ob es sich bei dem anonym bleibenden zweiten Jünger neben Andreas aus Joh 1,35-42 auch schon um diesen Lieblingsjünger handelt. Nach Kapitel 13 taucht er jedenfalls mehrfach auf. Er dürfte es sein, der Petrus in den Hof des Hohenpriesters schleust (18,15-18); er steht als einziger der Jünger unter dem Kreuz (19,25-27); er läuft mit Petrus zum leeren Grab und kommt dort – anders als Petrus – zum Glauben (20,2-10); er erkennt am See von Tiberias als erster der Jünger den Auferstandenen (21,4-7). Joh 21,20-23 lässt ahnen, dass diese Gestalt für die Geschichte der johanneischen Gemeinde eine bedeutende Rolle gespielt ha. Er bleibt im Evangelium namenlos. Erst die kirchliche Überlieferung hat ihn – ob zu Recht oder nicht, kann hier offen bleiben – mit dem Zebedäussohn Johannes identifiziert.

Seine Rolle in 13,21-26 ist charakteristisch für sein Bild im Johannesevangelium. Ihn kennzeichnet eine intime Nähe zu Jesus. Er fragt Jesus nach dem Verräter und bekommt eine Antwort. Er erkennt und versteht, wo die anderen noch blind sind. Das hebt ihn nicht nur unter seinen Zeitgenossen heraus, das macht ihn auch wichtig für die nachfolgenden Generationen. Im vorletzten Vers des Evangeliums wird der Lieblingsjünger für die johanneischen Christen zum Garant ihrer Jesusüberlieferung erklärt. Er bezeugt, was im Evangelium aufgeschrieben ist, und sein Zeugnis ist wahr (vgl. 21,24). Er, der nach dem Johannesevangelium Jesus nahe ist wie kein anderer, wird dadurch zum vertrauenswürdigen Vermittler für die anderen und die Späteren.

Verrat

Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, fuhr der Satan in ihn. Jesus sagte zu ihm: Was du tun willst, das tu bald! Aber keiner der Anwesenden verstand, warum er ihm das sagte. Weil Judas die Kasse hatte, meinten einige, Jesus wolle ihm sagen: Kaufe, was wir zum Fest brauchen!, oder Jesus trage ihm auf, den Armen etwas zu geben. Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht.

Eine zwar leise, aber höchst dramatische Szene. Erneut ist beeindruckend, wie sehr Johannes die Passion als etwas sieht, das Jesus vollbringt (vgl. 19,30). Er weiß um den Verrat und fordert Judas auf sein Werk zu tun. Enorm verdichtet wird dadurch die eigentümliche Dialektik zwischen der Notwendigkeit, der Planmäßigkeit und der Bejahung des Sterbens Jesu einerseits und den feindlichen Absichten gegen Jesus andererseits.

Jesus identifiziert den Verräter. Die anderen rätseln. Der Verräter bleibt stumm, geht sofort hinaus. "Es war aber Nacht" notiert Johannes ebenso knapp wie bedeutungsträchtig. Eine schaurig-faszinierende Szene. Sie konzentriert sich ganz auf das Gegenüber von Jesus und Judas; die anderen verstehen nicht. Der Lieblingsjünger scheint ausgeblendet; er müsste doch eigentlich verstehen.

Der Verrat des Judas hat den Christen zu denken gegeben, im Neuen Testament und auch danach immer wieder. Johannes sieht in Judas den Satan oder Teufel am Werk, der als der Ankläger, Verführer, Schädiger und Verderber der Menschen quasi der "natürliche Feind" des Gottessohnes ist (Joh 6,70; 13,2.27; vgl. auch Mt 4,1-11; Mk 4,15; 8,33; 22,3; 22,31). Mit  Jesu Kommen ist seine Niederlage besiegelt (vgl. Lk 10,18). Andere haben über Judas’ Motive gerätselt, ihm Geldgier unterstellt (Mk 14,10f; Mt 26,14-16; vgl. Joh 12,4-6). Wenn sich die Apostelgeschichte (1,15-19) oder andere Schriften sein schauriges Ende ausmalen, ist er zum Objekt der Abscheu und des Hasses geworden. Eingedenk der unverzichtbaren Rolle, die Judas in der Heilsgeschichte spielt, lässt Walter Jens dagegen in seiner Erzählung "Der Fall Judas" einen Pater die Seligsprechung des Verräters fordern; einer habe ihn ja im der Heilsgeschichte willen verraten müssen.

Führt man sich noch einmal die Szene des letzten gemeinsamen Mahles Jesu und der Jünger vor Augen, die den Rahmen für die Worte an Judas bildet, ist mit H. Gollwitzer (Krummes Holz – aufrechter Gang, 51972) auf zwei Gedanken hinzuweisen. Einerseits: Verraten konnte Jesus nicht Pilatus, einer der Hohenpriester oder sonst ein Außenstehender, sondern nur einer der Seinen. Verrat ist "die Möglichkeit der Kirche, und nur der Kirche". Und andererseits: Judas ist ein extremer Fall, aber kein Sonderfall, sondern letztlich unser aller Fall. Auch für die Geschichte seines Verrates muss gelten, dass Gott in Jesu Tod und Auferstehung die Schuld der Menschen überwindet und verwandelt. "Die Feindschaft gegen das Leben siegte, und, sie siegen lassend, siegte die Freundschaft für das Leben."

Ausblick

Die Überlegungen zur Liebesgeschichte zwischen Jesus und seinen Jüngern im Johannesevangelium wäre unvollständig, käme nicht in den Blick, wie sie nach dem Tode Jesu weitergeht. Die Jüngerschaft besteht auch dann noch fort, das wird schon am Beispiel des Petrus sichtbar. Das Johannesevangelium entfaltet in der Abschiedsrede, die das gemeinsame Mahl beschließt, das Fortbestehen der Gemeinschaft in verschiedene Richtungen. Jesus ist den Jüngern zum Vater vorausgegangen, bereitet dort eine Wohnung für sie und wird sie holen (14,1ff). Er sendet für die Zeit seiner Abwesenheit den Geist als Beistand (14,15ff; 16,4ff). Kapitel 13 geht jedoch zunächst in eine andere Richtung. Sie zeichnet sich schon ab, wenn Jesus das Waschen der Füße als ein Beispiel hinstellt, dem die Jünger folgen sollen (13,12-17). Die Gemeinschaft der Jünger untereinander ist der Ort, an dem die Liebe Jesu fortbesteht. Ausdrücklich formuliert er dies am Ende des Kapitels: "Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt." (13,38)

4. Vorschläge zur Gestaltung der Bibelarbeit

Anregungen für ein Gespräch über den Text

(1) Joh 13 im Zusammenhang vorlesen

(2) Ein erstes mögliches Thema: "Liebe bis zur Vollendung".

Impulsfragen dazu:
- Was bedeutet für uns "Liebe bis zur Vollendung"? Was verstehen wir darunter?
- Wie passt die Fußwaschung zum Stichwort Liebe? Was bedeutet dieser Handlung für das Verständnis von Liebe an dieser Stelle?
- Johannes denkt bei "Vollendung" v.a. an den Tod Jesu, an das Sterben für die Freunde. Wie passt das zu unserem Verständnis von vollendeter Liebe?
- Zu den "Seinen", d.h. zu den Jüngern Jesu, gehören auch die Christen späterer Generationen. Finden wir uns wieder in der Aussage, dass Jesus uns liebt, dass er uns bis zur Vollendung (im Kreuzestod) liebt? Wie treffend ist umgekehrt unser Glaube, unsere "Jesus-Beziehung" mit "Liebe" zu beschreiben?
- Wie plausibel und wie wichtig ist für uns Jesu "neues Gebot": "Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt"

(3) Ein zweites mögliches Thema: Die verschiedenen Jünger und ihr Verhalten.

Impulsfragen dazu:
- Wie gut können wir das Verhalten des Petrus verstehen? Wie fremd oder nahe ist es uns? Was macht er falsch? Wie sind die Antworten und Erklärungen zu verstehen, die ihm Jesus gibt?
- Welche Rolle hat der "Jünger, den Jesus liebte"? Wie erscheint uns sein Verhältnis zu Jesus? Welche Rolle hat er im Jüngerkreis? Ist er für uns eine Identifikationsfigur?
- Warum verrät Judas Jesus? Wie erklärt Johannes den Verrat? Warum hält Jesus ihn nicht zurück, sondern "schickt" ihn regelrecht los? Wie beurteilen wir den Verrat des Judas? Macht es seine Schuld geringer, dass Jesus um seinen Verrat weiß und ihn gehen lässt, dass er eine von Gott vorhergesehene Rolle für den Lebensweg Jesu spielt? Gibt es Vergebung für Judas? Wie sehr steckt Judas in jedem von uns?
Zur Vertiefung können weitere Texte über diese Jünger (in erster Linie aus dem Johannesevangelium) einbezogen werden. Die wichtigsten sind oben in der Auslegung genannt.

Lieder zum Thema:
Es bieten sich Lieder zum Thema Liebe, zu Jüngerschaft/Nachfolge oder auch zum Tod Jesu an. Beispiele:

"Das Weizenkorn muß sterben" (Gotteslob 620)
"Liebe ist nicht nur ein Wort" (Gotteslob 871)
"Ubi caritas" (Gotteslob 887)
Vgl. auch die Lieder zum "Leben aus dem Glauben" Nr. 614-627 und 881-887 im Gotteslob

5. Weiterführende Literatur

Zur Auslegung des Textes:

Christian Dietzfelbinger, Das Evangelium nach Johannes, 2 Bde., Zürich 2001
Udo Schnelle, Das Evangelium nach Johannes, Leipzig 1998

Spezialliteratur zu den verschiedenen Jüngern:

Zum Lieblingsjünger gibt es Exkurse in den genannten Kommentaren von Dietzfelbinger und Schnelle.
Hans-Josef Klauck, Judas – ein Jünger des Herrn, Freiburg – Basel – Wien 1987
Christfried Böttrich, Petrus. Fischer, Fels und Funktionär, Leipzig 2001
Georg Langenhorst, Die Apostel: Johannes, Petrus und Paulus, in: H. Schmidinger, Die Bibel in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts, Band 2, Mainz 1999, 435-453

Dr. Christian Münch, April 2005
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (www.bibelwerk.de)

in Kooperation mit
kirchensite – online mit dem Bistum Münster (www.kirchensite.de)

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