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22.07.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv
Lucas van Leyden: Susanna im Bade; Kupferstich, 1508.

Bibelarbeit im März 2005

"Du sollst nicht begehren …!"

Wenn Liebesgeschichten zu Leidensgeschichten werden

1. Das Sechste Gebot

Die ältere Moraltheologie litt an einer Fixierung auf das Sechste Gebot. Moral erschien als Sexualmoral, Sexualmoral als Fülle von Verboten: kein Sex vor der Ehe; Sex in der Ehe nur ohne künstliche Verhütung und nur in Gedanken an kommenden Kindersegen. Mag die offizielle Lehre auch differenzierter sein – in den Köpfen und Herzen vieler erscheint die traditionelle katholische Sexualmoral nicht als Hilfe zum erfüllten Leben aus der Freude des Glaubens, sondern als vorsintflutliches Regelwerk, das sich zölibatäre Priester ausgedacht haben, um anderen den Spaß zu verderben. Die Romane Heinrich Bölls erzählen von den Beklemmungen frommer Frauen in den 50er Jahren, die mit den überkommenen Vorschriften nicht fertig wurden und nur – oft genug vergeblich – darauf hoffen konnten, im Beichtstuhl verständnisvolle Priester zu finden, die ihnen die Absolution erteilten, auch wenn sie gegen die Kirchengebote verstießen. Martin Walser hat vor kurzem in seinen Memoiren schonungslos die Verklemmungen beschrieben, denen ein pubertierender Katholik dieser Zeit ausgesetzt sein konnte (Ein springender Brunnen, Frankfurt/Main 1998).

Heute hingegen scheint die Sexualität weithin ein moralfreier Raum zu sein. Die sexuelle Befreiung, von den 68ern propagiert, ist geschehen. Zwar gibt es – noch – das Tabu der Pädophilie. Sexuelle Gewalt wird scharf gegeißelt. Aber im übrigen zählt das Vergnügen. Lustgewinn ist oberstes Gebot. Pornographie wird als Konsumartikel vermarktet. Das Aids-Problem soll durch Kondome gelöst, die Pille als Instrument sexueller Selbstbestimmung benutzt werden. Wer keine sexuellen Erfahrungen vor der Ehe gemacht hat, gilt als schlecht vorbereitet für eine Partnerschaft.

Doch ist dies nur die Oberfläche, die von Hochglanzmagazinen glatt poliert wird. Bei aller sexuellen Freizügigkeit: Nach wie vor ist Treue der höchste Wert in der Ehe und lange vor der Ehe; nach wie vor ist Untreue der mit Abstand wichtigste Scheidungsgrund. Nach wie vor gibt es sexuellen Leichtsinn, nach wie vor aber auch hohe Verantwortung unter Jugendlichen und Erwachsenen, ihre Liebesbeziehung zu gestalten und ihre Liebesgeschichte eine Geschichte werden zu lassen, die Entwicklungen zulässt, Steigerungen möglich macht und sexuelle Erfüllung nicht gleich an den Anfang stellt.

2. Liebesglück

Sexualität ist nicht nur und nicht in erster Linie eine Frage der Moral. Sexualität ist ein Wesensmerkmal des Menschen: "Als Mann und Frau schuf er sie", heißt es im ersten Schöpfungsbericht (Gen 1,27); "und sie werden ein Fleisch" (Gen 2,24), heißt es im zweiten (vgl. Esther Brünenberg, Im Anfang – eine Liebesgeschichte: www.kirchensite.de/bibelarbeiten Januar 2005). Für Sexualfeindlichkeit ist in der Bibel kein Platz. Mann zu sein und Frau zu sein, ist die elementarste Bestimmung des Menschen, vor allem anderen. Von Hautfarbe und Bildung, Beruf und Verdienst, Ansehen, Sprache und Nationalität, von Gesundheit und Krankheit, Jugend und Alter ist auf den ersten Seiten der Bibel nicht die Rede; wohl aber davon, als Mann und als Frau erschaffen und zur Einheit, zur fleischlichen und seelischen, bestimmt zu sein.

Die Männlichkeit und Fraulichkeit zu leben, auch sexuell, ist schöpfungsgemäß. Die Bibel hat für den "Geschlechtsverkehr" (wie es hässlich im Deutschen heißt) den schönen Euphemismus "erkennen". Wenn Mann und Frau einander "erkennen", sind sie sich nicht nur körperlich, sondern auch seelisch nahe; sie erleben, für einander bestimmt zu sein; sie verschmelzen zu einer Einheit; sie werden, so Gott will, fruchtbar. Ohne diese Liebe zwischen Mann und Frau gäbe es kein menschliches Leben auf dieser Erde. Zur Liebe bestimmt zu sein, ist kein Entschluss, zu dem Menschen gelangen, kein Vorsatz, den sich setzen, sondern eine Bestimmung, die ihnen – von Gott – in die Wiege gelegt und mit auf dem Weg gegeben ist. Dass Jesus das Charisma der Ehelosigkeit "um des Himmelreiches willen" kennt (Mt 19,12), widerspricht dem nicht, sondern zeigt die Freiheit des Menschen, dem Sexualtrieb nicht hörig zu sein. Dass es Zeiten sexueller Askese gibt (nach dem Akten Testament z.B. für Priester, die opfern sollen), heißt nicht, dass Sexualität unrein wäre, sondern setzt im Gegenteil gerade den Wert des Geschöpflichen voraus – aber auch, dass es mehr gibt als das kreatürliche Leben.

3. Liebesleid

Liebesglück ist das eine, Liebesleid das andere – weit über Liebeskummer hinaus. Wer sich nichts vormacht, sieht nicht nur die Höhepunkte, sondern auch die Abgründe der Sexualität. Was aber in der Theologie der letzten Jahrzehnten allzu oft mit schlechtem Gewissen und mit Angst vor Repressionsvorwürfen, eher zaghaft und schüchtern angemerkt worden ist, hat die Psychologie, die Medizin, haben auch Kunst und Literatur in schonungsloser Offenheit gezeigt: welche Verführung vom Sexualtrieb ausgeht; wie hemmungslos die Gier ist; wie tief sie im Menschen wurzelt und wie zerstörerisch sie sein kann.

"Sex and Crime" garantiert nur deshalb hohe Auflagen und Einschaltquoten, weil hinter der Abscheu die Anziehung steckt, hinter der Empörung die Faszination und hinter der Verurteilung die unheimliche Ahnung, selber der Verführung zu erliegen. Sexualität nicht als Hingabe aus Liebe zu leben, sondern als Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen auf Kosten anderer – wer könnte sich freisprechen? Schuldig zu werden, ist nirgendwo leichter als in der Liebe und nirgendwo verheerender als im Intimsten.

Wenn Sexualität zum Menschsein des Menschen gehört, ist sexuelle Gewalt, ist auch ein ungezügeltes Sexualleben unmenschlich. Der Antrieb, andere Menschen sexuell zu benutzen, lauert wie ein Dämon unter der Oberfläche sexueller Attraktivität. Es ist nicht die Sexualität selbst schlecht. Es ist vielmehr die ernüchternde und erschütternde Einsicht biblischer Theologie, dass sich das Böse gerade das Schöne zunutze zu machen versucht, um das höchste Glück auf Erden in tiefstes Unglück zu stürzen.

An dieser Stelle wird deutlich, was Gebote können und nicht können: Sie können den Menschen nicht vor der Versuchung bewahren; im Gegenteil kann der Reiz des Verbotenen desto stärker verlocken. Sie können auch nicht übersehen lassen, dass Menschen, die gegen das Sechste Gebot verstoßen, mehr als nur eine wichtige Vorschrift sozialen Zusammenlebens verletzen; sie machen das Leben selbst kaputt – dort, wo es besonders schmerzt.

Dennoch sind Sexualgebote alles andere als überflüssig. Sie können vor Übertretungen warnen, und sie können auf die Notwendigkeit hinweisen, das Gewissen zu bilden und die Liebesgeschichten zu kultivieren. Was passiert, wenn eine Liebe schuldhaft verraten wird, steht nicht im Katalog moralischer Vorschriften. Aber dass die Liebe den ganzen Menschen fordert, dass sie Ansprüche stellt und dass sie Einsatz fordert, wird durch Liebesgebote deutlich gemacht. Dass die Sexualethik in der ersten Hälfte des 20. Jh. übersteigert worden ist, hat in den letzten Jahren weithin einem schlechten Gewissen Platz gemacht, öffentlich über Sexualgebote, über Normen, über Verantwortung und Pflichten zu sprechen. Es ist aber wieder an der Zeit, sich ohne Illusionen und Tabus, ohne Berührungsängste mit der Psychologie und Pädagogik an eine christliche, biblisch begründete Sexualethik zu wagen, die das Menschliche wahrt, weil sie vom Göttlichen weiß.

4. Die Zehn Gebote

Die Zehn Gebote sind die Magna Charta biblischer Ethik. Jesus hat sie mehrfach zitiert. Weit über Judentum und Christentum hinaus gelten sie als wichtigster Kompass für moralisches Handeln. Sie halten die Mitte zwischen zu großer Abstraktion (wie sie dem kategorischen Imperativ Immanuel Kants eignet) und zu großer Detailregelungen (wie sie viele Beichtspiegel und Ratgeber enthalten).

Im Alten Testament stehen die Zehn Gebote zweimal: in Ex 20, wo die Offenbarung des Gesetzes Gottes am Berg Sinai erzählt wird, und in Dtn 5, wo Mose an der Schwelle des gelobten Landes nach vierzig Jahren der Wüstenwanderung den Exodus aus Ägypten und die Gabe des Gesetzes Revue passieren lässt. Die Zehn Gebote sind Israels Wegweiser für ein gelingendes Leben im Gelobten Land. Sie zeigen zugleich, wie das Volk auf die Befreiung antworten soll, die Gott ihm durch Mose geschenkt hat. Die Zehn Gebote schränken die Freiheit der Israeliten nicht ein, sondern schützen sie. Deshalb sind sie verbindlich. Sie werden nicht eigens begründet; sie werden erlassen: Denn sie sind, wie die Bibel sagt, nicht auf den Wegen menschlicher Erfahrungen und Überlegungen gewonnen, sondern durch Gottes Offenbarung ihnen zuteil geworden, vermittelt durch Mose, den menschlichen Gesetzgeber und Propheten, den Gott berufen und begeistert hat. Sie werden auch nicht an Fallbeispielen, Zweifels- und Grenzfällen konkretisiert, sondern sind so grundsätzlich gehalten, dass sie einerseits die genaue Richtung des Denkens und Handelns anzeigen, andererseits aber Spielraum für Interpretationen öffnen.

Im Blickwinkel des Historikers zeigt sich, dass die Zehn Gebote unmittelbar israelitische Männer ansprechen, die Besitz haben. Es sind die Protagonisten des antiken Israel. Aber schon im Alten Testament und im Judentum wird diese Grenze durchbrochen. Die Zehn Gebote sind allgemeingültig formuliert. Es fällt leicht, sie in neue Situationen zu übertragen. Auch Frauen und Arme, auch Kinder und Greise, auch Nicht-Israeliten wissen sich angesprochen. Im Deuteronomium wird von Mose prognostiziert, dass die Heiden, wenn sie die Zehn Gebote hören, nicht werden umhin können, ihren ethischen Wert zu erkennen und ihren göttlichen Ursprung zu erahnen (Dtn 4,6ff.).

Nachdem die erste Tafel die grundlegenden Pflichten der Gottesliebe genannt hat, geht die zweite Tafel auf die Nächstenliebe ein. Auf der ersten Tafel steht, dass Israel die Einzigkeit Gottes achten soll, bis hin zum Verbot, ein Kultbild zu verehren, und zum Gebot, den Sabbat zu heiligen. Auf der zweiten Tafel werden die elementaren Dimensionen menschlichen Lebens genannt: die Familie und das Haus, das Leben, der Besitz, die Sprache.

5. Die Zweite Tafel

Zwei der Zehn Gebote handeln vom Begehren. Es sind die beiden letzten: ein Gebotspaar, auf dem der Schlussakzent liegt.

Ex 20,17
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, seinen Sklaven oder seine Sklavin, sein Rind oder seinen Esel oder sonst etwas, das deinem Nächsten gehört.

Dtn 5
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, nicht sein Feld, seinen Sklaven oder seine Sklavin, sein Rind oder seinen Esel, nichts, was deinem Nächsten gehört.

In der Exodusfassung scheint – die patriarchalischen Entstehungsverhältnisse machen sich bemerkbar – die "Frau" zum Besitz des Mannes zu gehören. Zuerst wird das "Haus" genannt. Damit ist nicht nur das Gebäude, sondern die ganze (Groß-)Familie samt Knechten und Mädgen gemeint. Dann wäre das zehnte Gebot nur eine Konkretisierung des neunten. Im Deuteronomium hingegen wird ein klarer Unterschied gemacht; das neunte Gebot bezieht sich auf die Frau; dann erst kommt der Besitz. Beide Male geht es ums Begehren. Aber das Objekt der Begierde wird doch im einen und im anderen Fall klar unterschieden.

Das neunte und zehnte Gebot beziehen sich auf das sechste und siebte Gebot zurück:

Du sollst nicht die Ehe brechen (Ex 20,14 – Dtn 5,18)

Du sollst nicht stehlen (Ex 20,15 – Dtn 5,19)

Das Verbot des Ehebruchs ist noch nicht, wie im Gefolge des Neuen Testaments, mit dem sakramentalen Charakter der Ehe begründet; Ehescheidung, wenngleich von den Propheten verpönt, ist nach dem Alten Testament erlaubt – als Konzession des Mose an die Hartherzigkeit der Menschen, wie Jesus sagt (Mk 10,1-12 parr.). Die Ehe ist aber die mit Abstand wichtigste soziale Institution Israels, in die einzubrechen und aus der auszubrechen (damals wie heute) verheerende Folgen hat. Mehr noch: Schon bei den Propheten Hosea und Ezechiel gilt sie – in guten wie in schlechten Tagen – als Bild für die Beziehung Gottes zu seinem Volk Israel. Das Verbot des Ehebruchs zielt nicht nur auf Besitzstandswahrung, sondern auf eheliche Treue. Hier knüpft Jesu Kritik der Ehescheidung an.

Der Besitz, den das siebte Gebot schützt, spricht nicht das Eigentum heilig. Wer die Zehn Gebote im Licht der Prophetie betrachtet, erkennt die soziale Ausrichtung: Die Armen sollen geschützt werden, das wenige, das sie haben, soll ihnen nicht genommen werden. Besitz, der vor unberechtigter Wegnahme gesichert ist, vor Raub und Diebstahl, Betrug und Veruntreuung, wird von der Bibel auf weiten Strecken als eine Leihgabe betrachtet. Der eigentliche Eigentümer (gerade auch des Landes) ist Gott, der Schöpfer und Herr der Geschichte; Menschen empfangen, was sie besitzen, um damit den Willen Gottes zu erfüllen. Das setzt intakte Besitzverhältnisse voraus.

Der Zusammenhang zwischen dem sechsten und siebten wie zwischen dem neunten und zehnten Gebot ist erhellend. Die Antike hat von der Habgier geredet, einem der großen Laster, auf Kosten anderer zu leben und das Herz an den Mammon zu hängen. Die heutige Psychologie weiß, dass neben dem Sexualtrieb der Macht- und Geltungstrieb ganz tief im Menschen sitzt. Es geht weniger darum, irgend etwas Bestimmtes unbedingt haben zu wollen, sondern, viel grundsätzlicher: einer zu sein, der etwas hat und es anderen nehmen, sich gegen andere durchsetzen kann.

5. Begierde

Was beim sechsten und siebten Gebot unmittelbar einleuchtet, gilt für die ganze Zweite Tafel und den gesamten Dekalog. Das neunte und zehnte Gebot vertiefen die Ethik. Die anderen Gebote der zweiten Tafel handeln von Taten, das neunte und zehnte Gebot aber von der Einstellung, die ihnen zugrunde liegt. Paulus hat das im Römerbrief auf den Punkt gebracht.

Du sollst nicht begehren!,

so fasst er den Anspruch des ganzen Gesetzes zusammen (Röm 7,7) – nicht ohne die positive Kehrseite zu nennen: "Alle Gebote sind in dem einen Satz zusammengefasst:

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! (Röm 13,9 – Lev 19,18).

Das Begehren wird auch von den Propheten als Ursünde kritisiert. Bei Micha heißt es:

1 Weh denen, die Böses und Unrecht planen auf ihren Lagern
um es im Morgengrauen auszuführen,
weil sie die Macht dazu haben.
2 Sie begehren Felder und rauben sie,
Häuser und nehmen sie.
Sie bemächtigen sich des Mannes und seines Hauses,
eines Menschen und seines Eigentums.

Das Begehren hängt auf das engste mit dem Planen und dem Ausführen zusammen, ohne mit beidem identisch zu sein: Es setzt dem nächtlichen Planen seine Ziele; und es verleiht der zwielichtigen Ausführung im Morgengrauen die nötige Rücksichtslosigkeit und Durchsetzungskraft. Weder ist das Begehren nur ein Affekt, lediglich eine Gedankensünde; noch ist es die schon vollbrachte Tat. Vielmehr ist es ein Wollen, das zum Vollbringen, ein Entschluss, der zur Ausführung, ein Gelüsten, das zur Befriedigung drängt. Das Begehren ist ein innerer Trieb, der die Möglichkeiten der praktischen Umsetzung bereits einkalkuliert.

Freilich muss man genau unterscheiden. Vom Antrieb, haben und genießen zu wollen, ist niemand frei; auch nicht von der Versuchung, in jedem Fall – koste es, was es wolle – zu bekommen, was das Herz begehrt. Gerade die katholische Theologie ist aber an dieser Stelle milde. Sie sieht jenes Begehren – das Gefallen, das ein Mann an einer schönen Frau oder eine Frau an einem attraktiven Mann findet – nicht selbst als Sünde, sondern, ohne es zu verharmlosen, nur als "Zunder" der Sünde an. Dass wir Menschen allesamt in diesem Sinn "begehren", zeigt nur, dass wir Gotteskinder, solange wir auf Erden sind, auch Adamskinder sind, voller Sehnsucht und Unvollkommenheit. Gegen solches Begehren anzugehen, wäre nicht nur unsinnig; es macht die meisten Menschen krank.

Aber die Zehn Gebote (und Micha wie Paulus) reden von einem "Begehren", das – lange vor der Ausführung – schon zur Tat geworden ist: zu einem mehr oder weniger entschiedenem Wollen, einem Vorsatz und Entschluss. Hier gilt: "Du sollst nicht …"; gälte es nicht, wäre die ethische Naivität kaum zu überbieten. Indem das 9. und 10. Gebot das Begehren verbietet, führt es in doppelter Hinsicht über die Verbote des Ehebruchs und des Diebstahls hinaus bzw. tiefer in sie hinein: Einerseits verurteilt es nicht nur Handlungen, die strafbar sind, sondern auch weit unterhalb des Justiziablen jede Aktion, die das Freiheitsrecht des Nächsten tangiert. Andererseits verurteilt es nicht nur Handlungen, sondern auch Motive, nicht nur die schlechte Tat, sondern auch den bösen Willen.

6. Die große Sünde in den kleinen Sünden

Auf der Linie der beiden Schlussgebote, die das Begehren verbieten, liegt die Bergpredigt. Jesu hält sie nicht, um das Gesetz aufzulösen, sondern um es zu erfüllen (Mt 5,17-20), d.h. um es auf den ursprünglichen Willen Gottes zurückzuführen und von dort her neu zu sehen. Die zweite Antithese lautet (Mt 5,27f.):

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist:
Du sollst nicht die Ehe brechen.
Ich aber sage euch:
Jeder, der eine Frau anschaut, um sie zu begehren,
hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.

Jesus verknüpft das sechste mit dem neunten resp. zehnten Gebot. Nicht erst der flagrante Ehebruch ist Sünde. Manchmal sagt ein Blick schon alles. Jesus verurteilt nicht das Gefallen, das ein Mann an einer Frau finden kann (oder umgekehrt eine Frau an einem Mann). "Wer eine Frau anschaut, um sie zu begehren", hat mehr im Sinn. Er will sie haben – wenigstens in der Vorstellung. An dieser Stelle hat die Frauenbewegung die Sensibilität nicht nur für die offenen, sondern auch für die sublimen Formen sexueller Gewalt geschärft. Wie Blicke töten können, können sie auch Gewalt antun. Allein die Absicht, eine Frau zum Mittel der sexuellen Selbstbefriedigung zu machen, widerspricht dem Willen Gottes. Das ist nicht rigoristisch, sondern human gedacht.

Die Zehn Gebote öffnen bereits den Blick für diese Zusammenhänge. Das neunte und zehnte Gebot lenken das Augenmerk nicht erst auf die vollbrachte Tat, sondern bereits auf den begehrlichen Blick und dadurch auf die Wahnidee, durch Gewalt und Unrecht, das Leben steigern zu können. Gerade so würde die von Gott geschenkte Freiheit verloren.

Die beiden Schlussgebote sprechen, indem sie das Begehren kritisieren, die Grundsünde des Menschen schlechthin an - den Trieb, groß sein zu wollen, selbst wenn es auf Kosten der anderen geht; die Einstellung, im Nächsten nicht den Mit-Menschen, sondern den Rivalen zu sehen; den Drang, das eigene Leben ohne Rücksicht auszuleben und zu steigern, koste es was, was es wolle. Dieses Begehren, das auf Kosten des Nächsten ausgelebt sein will, ist die originäre Haltung des Egoisten - der in seiner Ich-Sucht die Beziehungen zu den anderen Menschen und zu Gott zerstört. Wenn speziell auf das sexuelle Verlangen und auf die Habgier abgehoben wird, so sind mit großem psychologischen und theologischen Wissen jene beiden Formen des Begehrens herausgehoben, die leichter als alle anderen die Menschen in ihre Gewalt zu bringen vermögen und stärker als alle anderen die Beziehungen zu den anderen Menschen zerstören können.

In Röm 7 sieht Paulus, einer jüdischen Tradition folgend, die Grundsünde des Begehrens in Verbindung mit der Ursünde Adams, sein zu wollen wie Gott (Gen 3,5). Das eigene Begehren zum letzten Maßstab das Handelns zu erheben, heißt demnach: sein eigener Gott sein und anderen dies aufdrücken zu wollen. Das führt zur Unmenschlichkeit. Mit seinen beiden Schlussgeboten deckt der Dekalog auf, was die Menschen zuletzt hindert, Gott als den anzuerkennen, der er in Wahrheit ist, und dem Nächsten zukommen zu lassen, was ihm gebührt: das Begehren nach seiner Frau und nach seinem Hab und Gut, verstanden als Paradigmen einer Lebenseinstellung, in der Menschen so denken und so handeln, als gäben sie sich selbst ihr Gesetz und müssten auf Teufel komm raus ihre vermeintlichen und tatsächlichen Eigeninteressen verfolgen. Letztlich signalisiert das ungezügelte Begehren die Unwilligkeit der Menschen, die ihnen kreatürlich und ethisch gesteckten Grenzen zu akzeptieren, und damit signalisiert es ihren Eigen-Sinn, ihr eigener Gott zu sein.

7. Ein Vorschlag zu einer Bibelstunde

Über Sexualität zu reden, fällt nicht nur vielen Menschen schwer; der Bereich des Intimen muss auch geschützt werden, er eignet sich nicht ohne weiteres für ein "offenes" Gespräch. Deshalb findet sich im folgenden auch ein Vorschlag, der im ersten Teil eher eine Diskussion als ein Glaubensgespräch vorsieht und im zweiten die Betrachtung biblischer Problem-Texte als Impuls für Gespräche vorsieht, die die Möglichkeit einer gewissen Distanzierung erlauben.

(1) Einführung

Über Sexualität, über Begehren und Begierden zu sprechen, ist schwer. Wir wollen nicht, dass jemand gezwungen wird, die eigene Sexualität vor anderen auszubreiten. Wir wollen auch nicht, dass jemand ungewollt ausplaudert, was Diskretion und Verständnis braucht.

Aber Sexualität ist ein Riesenthema nicht nur unseres Lebens, sondern auch unserer Kirche und aller Religionen. Wie können wir unser Mannsein und Frausein leben? Innerhalb der Ehe und außerhalb einer Ehe?

Was sagt uns die Bibel? Und hilft sie uns, unsere heutigen Fragen zu beantworten

(2) Diskussion

Wir alle sind Kinder von Eltern, die – wie die Bibel sagt, wenn keine Gewalt im Spiel ist – einander "erkannt" haben. Manche haben Kinder. Vielleicht hilft es, von dieser Seite her dem heißen Thema sich zu nähern.

  • Wenn Sie Kinder haben:

o Sprechen Sie mit Ihren Kindern über Sexualität, über Glück und Unglück in der Liebe? Wann und wie?
o Was wollen Sie ihnen mitgeben (was haben Sie ihnen mitgegeben) an Ratschlägen, Vorschriften, Erfahrungen, die Sexualität betreffend? Wovor wollen Sie sie warnen (haben Sie sie gewarnt)? Weshalb?
o Wo sehen Sie mögliche Kritikpunkte an Ihrem eigenen Konzept, berechtigte und unberechtigte?

  • Wenn Sie an Ihre Eltern denken:

o Haben Ihre Eltern mit Ihnen geredet über Sexualität und Liebe?
o Was wollten/wollen Ihre Eltern Ihnen mitgeben an Ratschlägen, Vorschriften, Erfahrungen, die Sexualität betreffend? Wovor wollen/wollten sie warnen (haben Sie gewarnt)?
o Wie haben Sie dies damals eingeschätzt? Wie schätzen Sie es heute ein?

  • Wenn Sie an die Generationenfolge denken:

o Sind Ihre Eltern eher strenger oder milder als Sie selbst es sind oder wären?
o Haben Ihre Eltern es eher leichter oder schwerer gehabt,

  • Wenn Sie an die Bibel denken:

o Welche Rolle spielt(e) in dieser Erziehungsarbeit die Bibel?
o Gibt es Gebote und Geschichten aus der Bibel, die Ihnen wichtig waren oder sind? Welche sind es und weshalb?
o Oder spielt die Bibel letztlich keine Rolle? Weshalb? Weil Sie sie unter diesem Aspekt nicht kennen oder nicht für so wichtig halten?

(3) Ausweitungen, Vertiefungen

Die Bibel erzählt eine Vielzahl gelungener Liebesgeschichten. Manche werden in dieser Serie näher vorgestellt.

Die Bibel scheut sich aber auch nicht, von Fehlformen sexuellen Verhaltens zu sprechen. Darum geht es in dieser Folge – nicht um Sexualität schlecht zu machen, sondern um vor Illusionen zu warnen: und zu überlegen, welche Möglichkeiten es gibt, Verstöße gegen das Sechste und das Neunte resp. Zehnte Gebote zu vergeben oder doch ihr negativen Folgen zu verwinden. Es sind an einem Abend nicht all diese problematischen Liebesgeschichten zu erarbeiten; aber es gibt die Möglichkeit, eine begründete, abgestimmte Auswahl zu treffen.

  • Sexueller Missbrauch: Die Töchter des Lot (Gen 19)

o Wie kommt es zum sexuellen Missbrauch der Töchter?
o Welche Rolle spielen die Engel, welche Lot, welche die Sodomiter, welche die Töchter?


  • Sexuelle Denunziation: Joseph und Potiphars Frau (Gen 39)

o Wie kann Potiphars Frau ein Auge auf Joseph werfen?
o Wie widersteht Joseph der Verführung?
o Wie reagiert der Pharao?
o Wie kommt es doch zum happy end? (Vgl. Gen 41.)


  • Die gläubige Prostituierte: Rahab (Jos 2)

o Welche Rolle spielt Rahab in der Geschichte, welche ihr Beruf
o Wie wird die Dirne Rahab im Neuen Testament gesehen: Mt 1,5; Hebr 11,31; Jak 2,25? Wie ist im Neuen Testament die Rahab-Geschichte gelesen worden?

  • Ehebruch: David und Batseba (2Sam 11-12)

o Wie kommt es zum Ehebruch?
o Welche Rolle spielt David, welche Batseba?
o Wie wird David seiner Sünde überführt und wie reagiert er?
o Welche Rolle wird Salomo spielen, das Kind, das Batseba von Davis hat? (Vgl. 1Kön 1-11.)
o Was bedeutet es, dass "die Frau des Urija" im Stammbaum Jesu erscheint (Mt 1,6)?

  • Inzest und Vergewaltigung: Amnon und Tamar (2Sam 13)

o Wie kommt es zur Vergewaltigung?
o Welche Rolle spielt Amnon, welche Tamar?
o Wie wird Amnon bestraft? Was sind die Konsequenzen der Bestrafung?

  • Sexuelle Heuchelei: Susanna im Bade (Dan 13)

o Wie fädeln die beiden Alten ihr Spiel ein?
o Wie entzieht sich Susanna dem Vergewaltigungsversuch?
o Wie versuchen die beiden, Susanna mundtot zu machen?
o Wie wird Susanna dennoch Recht verschafft?

  • Die Liebe der Sünderin (Lk 7,36-50)

o Woran nimmt der gastgebende Pharisäer Anstoß? Welche Vorstellung von Heiligkeit hat er?
o Was will Jesus mit seinem Gleichnis erreichen?
o Wie beurteilt er das Handeln der Frau? Wie begründet er die Vergebung?

  • Die begnadigte Ehebrecherin (Joh 8,1-11)

o Worin besteht die Versuchung, in die Jesus gestellt werden soll?
o Wie reagiert Jesus auf die Anklage? Was bedeutet sein Wort: "Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein", in dieser Situation? Was bedeutet das Schreiben in den Sand (vgl. Jer 17,6)?
o Was sagt Jesus der Frau? Was ist daran für sie wichtig?

Zu dieser Perikope ist im Internet als pdf-Datei ein Vortrag vom Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin zugänglich: Thomas Söding, Von Gott berührt – Orte der Rechtfertigung, in: www.uni-wuppertal.de/fba/kaththeo "Welt der Bibel" Bibelarbeiten" "Ökumenischer Kirchentag"

(4) Ausklang

Gebet

Unser Vater,
wir danken dir, dass du uns erschaffen hast,
als Mann und als Frau,
als Menschen mit Leib und Seele, mit Herz und Verstand,
als Menschen von Fleisch und Blut,
die glauben, hoffen, lieben können.
Wir danken dir, dass wir Eltern haben
und dass es immer wieder Kinder gibt auf dieser Welt.

Jesus Christus, unser Erlöser,
wir bekennen, dass wir Adamskinder sind.
Es ist gerade das Schöne, das uns in Versuchung führt,
es ist das Gute, das wir schlecht finden,
es ist das Wahre, das wir falsch machen.
Wir sind schwach,
wir kommen in Versuchung und geben ihr nach,
wir lassen zu,
dass unsere Liebe zu Hass wird oder zu Gleichgültigkeit;
und wir
Wir hoffen auf Dich, Herr Jesus Christ,
Du hast unsere Schwachheit geteilt – und bis darin stark geworden,
Du hast die Sünder nicht verstoßen, sondern gesucht und gefunden,
Du vergibst unsere Schuld und lässt uns leben.

Heil’ger Geist, der Leben schafft,
wir freuen uns, lieben zu können und geliebt zu werden.
Entzünde in uns das Feuer deiner Liebe,
dass wir verbrennen, was schlecht ist,
und läutern, was gut ist,
wenn wir lieben.

Gott unserer Liebe,
Besiege in uns das falsche Begehren.
Gieße deine Liebe in unsere Herzen aus,
dass wir lieben können.

8. Literaturhinweise

Zu den Zehn Geboten:
· exegetisch: Werner H. Schmidt, Die Zehn Gebote, Darmstadt 1993
· praktisch: Fulbert Steffensky, Die Zehn Gebote, Würzburg b2003
· pastoral: Zehn Gebote, hg. v. Kath. Bibelwerk, Stuttgart 2001
· künstlerisch: Die Zehn Gebote. Eine Kunstausstellung. 19. Juni – 5. Dezember 2004. Deutsches Hygiene-Museum Dresden, hg. v. Klaus Biesenbach, Ostfildern 2004

Zur Theologie der Liebe und Sexualität:
· Thomas Söding, Eros und Agape. Liebe und Sexualität im Licht des Neuen Testaments, in: Geist und Leben 77 (2004) 248-260
· Katholischer Erwachsenenkatechismus II: Leben aus dem Glauben, hg. v. der Deutschen Bischofskonferenz, Freiburg – Kevelaer 1995

Thomas Söding
www.bibelwerk.de
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster

in Kooperation mit
kirchensite – online mit dem Bistum Münster (www.kirchensite.de)

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