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27.03.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv
Figur einer stillenden Frau, SüdlichesMesopotamien, Babylonien, spätbaby-lonische Zeit, ca. 620-540 v.Chr.,Freiburg/Schweiz, Sammlungen BIBEL+ORIENT der Universität, vermutlich gestiftet in ein Heiligtum mit Bitte um oder zum Dank für Kindersegen

Bibelarbeit Februar 2005

Die Geburt eines Kindes - Beginn einer Liebesgeschichte

1. Einführung

Fruchtbarkeit galt in der Bibel als göttliche Gabe. Eine große Nachkommenschaft ist Erweis göttlichen Segens. Nachkommenschaft ist neben der Land- und Segensverheißung feste Zusage Jahwes an Abraham: "Und der HERR sprach zu Abraham: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, dich dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter." (Gen 12,1-3)

Die Selbstverständlichkeit des Kinderreichtums, ja das Gebet um Nachkommenschaft ist uns heute weitgehend verloren gegangen. Individualisierungstendenzen zeigen deutlich ihre Schattenseiten, das damit verbundene Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit ebenfalls. Welche Freiheit haben wir hier vor Augen? Die Meßlatte ist hoch, die erfüllt sein muss, ehe neuem Leben eine Chance eingeräumt wird. Über mangelnde Verlässlichkeit in der Partnerschaft wird geklagt, über finanzielle Unsicherheiten, über wegbrechende Familienstrukturen, über mangelnde Möglichkeiten der Kinderbetreuung – daher fällt die Entscheidung nicht selten gegen ein Kind aus. Welche Sprache spricht der biblische Text und welche Impulse setzt er angesichts der Verantwortung, die wir heute tragen und der Herausforderungen, vor denen wir als Eltern und Familien stehen?

2. Bibeltext: Das Danklied der Hannah (1 Sam 2, 1-10)

1 Und Hanna betete und sprach:
Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, mein Haupt ist erhöht in dem HERRN. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils.
2 Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist.
3 Lasst euer großes Rühmen und Trotzen, freches Reden gehe nicht aus eurem Munde; denn der HERR ist ein Gott, der es merkt, und von ihm werden Taten gewogen.
4 Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke.
5 Die da satt waren, müssen um Brot dienen, und die Hunger litten, hungert nicht mehr. Die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hatte, welkt dahin.
6 Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.
7 Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.
8 Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse. Denn der Welt Grundfesten sind des HERRN, und er hat die Erde darauf gesetzt.
9 Er wird behüten die Füße seiner Heiligen, aber die Gottlosen sollen zunichte werden in Finsternis; denn viele Macht hilft doch niemand.
10 Die mit dem HERRN hadern, sollen zugrunde gehen. Der Höchste im Himmel wird sie zerschmettern, der HERR wird richten der Welt Enden. Er wird Macht geben seinem Könige und erhöhen das Haupt seines Gesalbten.

(nach der Übersetzung von Martin Luther,
Die Bibel, in der revidierten Fassung von 1984, Stuttgart 1999)

3. Hintergrund
Das sogenannte Danklied der Hannah ist theologisch von enormem Gewicht. Es ist ein facettenreicher Text, heute wiederentdeckt und neu akzentuiert. Sein Stellenwert zeigt sich nicht zuletzt in seiner Rezeption. Als "Cantiucm Annae" geht Hannahs Lobgesang in die abendländische Literatur und Musik ein – als Hymnus auf Gottes Macht und Gerechtigkeit, zusammen mit Miriam und Debora singt Hannah das Loblied Israels. Aktuelle Auswahlbibeln wie "Meine Schulbibel", Kevelaer 2003 oder die "neue Jugend Bibel", Stuttgart 2002, enthalten diesen Text. Im letzten Jahr war er Leittext der biblischen Impulse auf dem Katholikentag in Ulm. Wovon handelt dieser Text? In welchem Kontext steht er? Worauf verweist er? Was ist sein Leitthema?

Hannah – eine Frau, die den Extremen ihrer Zeit ausgesetzt ist. Sie ist eine von zwei Frauen ihres Mannes Elkana. Peninna, die zweite, hatte Kinder, sie, die geliebte Frau, war kinderlos (vgl. auch Gen 29f.) - eine schwere Bürde in ihrer Zeit. Menschliche Fruchtbarkeit war nicht nur theologisch von großer Bedeutung. Es waren primär die sozioökonomischen Lebensgrundlagen Israels, die die Notwendigkeit von Nachkommenschaft begründeten. Das Sozialversicherungssystem Israels wurde durch Kinder garantiert. Dabei kam den Söhnen mit der Pflicht der Elternversorgung eine besondere Verantwortung zu. Darüber hinaus verlief die reguläre Erbfolge und genealogische Herleitung der Familie über die männliche Linie. Der Wert einer Frau wurde nicht selten an der Zahl ihrer Söhne gemessen. Geschichten von Unfruchtbarkeit weisen in Israel also einerseits auf die theologische Schwierigkeit des ausbleibenden Segens Gottes hin, andererseits aber auch auf das soziale Problem eines menschenwürdigen Alters.

Die vorgegebene Lebensform war für die Menschen in Israel die Ehe. Blieben Menschen unverheiratet, gab es dafür stets einen gravierenden Grund (vgl. Jer 16,1; 2 Sam 13,20). Blieb der Kindersegen in einer Ehe aus, hatte das für die Frau soziale Diskriminierung und psychische Belastung zur Folge, in besonderer Weise dann, wenn der Ehemann mit anderen Frauen bereits Kinder hatte. Kinderlosigkeit bedeutete darüber hinaus eine Schlechterstellung der Frau im Alter, insbesondere im Falle der Witwenschaft (Rut 1,12f.). Im Falle der Unfruchtbarkeit des Mannes, lag für die Frau in einer außerehelichen Beziehung eine Chance. Dies war jedoch mit hohen Risiken verbunden (Ri 13).

Schwangerschaft und Fruchtbarkeit insgesamt werden als Gabe Gottes betrachtet. Schon das Heranwachsen des Embryos im Schoss der Mutter wird als göttliches Schöpfungshandeln beschrieben (vgl. Ps 139,13-16). Jahwe selbst öffnete und schloss den Mutterschoss (1 Sam 1, 5).

Israels Anfangsgeschichte ist eine Geburtsgeschichte, es sind Familienerzählungen (Gen 12-50). Als Gründerinnen Israels (vgl. Rut 4,11) treten die Erzmütter heraus aus dem privaten Kreis der Familie – es ist der Beginn der politischen Geschichte des Volkes Israel. Mutterschaft hat also einen hohen Wert in Israel und eine bedeutende gesellschaftliche Funktion. Mutterschaft ist mit einer hohen Ehre verbunden. "Bin ich dir nicht mehr wert als zehn Söhne?", fragt Elkana seine Frau Hannah (1 Sam 1,14). Aus dieser Frage spricht die Liebe Elkanas zu seiner Frau. Eine überhöhte Liebe jedoch käme einem Ideal gleich, das die Lebenssituation der Frauen nicht abbildet – Kinderlosigkeit zog starke Benachteiligung nach sich, und Mutterschaft war die Lebensaufgabe einer Frau (vgl. Gen 3,16). Hannah bleibt Elkana die Antwort schuldig. Sie geht ins Heiligtum, um einen Sohn zu erflehen.

Bibelarbeiten

Marc Chagall, Anne invoque
l´Eternal, 1931-1939

4. Auslegung
In diese Situation hinein spricht die Erzählung von Hannah. Dabei ist das Danklied eingebettet in einen größeren Erzählzusammenhang (1 Sam 1-3). Hannah erfährt die Schutzlosigkeit als kinderlose Frau, vor allem aber die Gehässigkeit Peninnas, der zweiten Frau Elkanas (1 Sam 1,7).  Das Gespött der Rivalin, das Gefühl der Gottverlassenheit und das Unverständnis des Ehemannes lassen Hannah die Situation durchbrechen. Sie geht ins Heiligtum von Schilo, wo Eli Priester war. Hier wurde Gott in der Lade verehrt – Sinnbild für die beständige Gegenwart Gottes. Dorthin geht Hannah allein, in eigener Verantwortung (1 Sam 1,9). Dort schüttet sie ihr Herz aus und betet – unmittelbar vor Gott, ohne Vorbeter, ohne Mittler – so inständig, dass Eli sie für betrunken hält (1 Sam 1, 13). Ihre Lippen bewegen sich, doch ihre Stimme hört man nicht. Ihren ganzen Schmerz legt sie in dieses Gebet.  Aber auch ihr ganzes Gottvertrauen. Mit diesem Gebet begründet Hannah die Tradition des privaten Gebets, aus der wir bis heute schöpfen. In eigener Verantwortung macht sie ein Gelübde: Wenn sie den ersehnten Sohn bekommt, wird sie ihn nicht behalten, sondern Jahwe übereignen, d.h. ihn als Tempeldiener dem Priester des Heiligtums überlassen. Hannah braucht einen Sohn, um Mutter zu werden, aber sie braucht ihn nicht, um Mutter zu bleiben. Dieser Gedanke scheint schwer verständlich – wenn Hannah im Zentrum des Textes stünde. Ist es aber nicht vielmehr die Größe und das Handeln Gottes? Gott gedenkt Hannahs – ein starkes Bild, Metapher für Befreiung und Rettung seit der Erfahrung des Exodus. So wird der Sohn aus der Nähe der Mutter in die Nähe Gottes gegeben, ein Nasiräer, Gott geweiht (vgl. Num 30,2-16). Der Sohn erhält den Namen Samuel, ein programmatischer Name wie zahlreiche biblische Namen, "von Gott erbeten". Nach den üblichen drei Jahren der Entwöhnung erfüllt Hannah ihr Gelübde. Samuel wächst am Heiligtum von Schilo bei Eli auf und wird dort zum Propheten berufen. Die Herausforderung, die er zu meistern hatte, war es, das Volk,  das während der Richterzeit durch die fehlende Einheit der Stämme, das Vordringen der Philister und die Vermengung der Religion mit heidnisch-kanaanäischen Anschauungen in nationale und religiöse Not geraten war, zu retten und zur Einheit zu führen. Als letzter Richter befindet er sich mit der Salbung Sauls und Davids zum König in einer entscheidenden Übergangssituation in der Geschichte Israels. In der Geburt dieses Kindes liegt somit eine neue Zukunft für Israel – auch das kein singulärer Topos im biblischen Erzählen: eine lange kinderlos bleibende Frau bringt einen Sohn zur Welt, der für sein Volk segensreich wirkt (vgl. Gen 21; Ruth 4,17).

Bibelarbeiten

(Gerbrand van den Eeckhout, Presentation in the Temple, 1671, Museum of Fine Arts, Budapest)

Über die Geburt dieses Kindes frohlockt Hannah (vgl. Ps 113,9). In einem Dankpsalm bringt sie diese Freude zum Ausdruck, wenn auch das erfahrene Schicksal der Kinderlosigkeit lediglich Anknüpfungspunkt für das Danklied ist. Schon seine Form durchbricht das Erzählgefüge. Es ist nahezu ein poetischer Text mit einer hohen Theologie. Das ganze Lied ist ausgerichtet auf den Lobpreis Gottes. Er ist Ausgangspunkt und Zielpunkt. Von ihm allein kommt dem Menschen Kraft zu. Es ist ein Gott, der das menschliche Denken durchkreuzt. Seine Macht stellt die herrschenden Ordnungen auf den Kopf und versetzt sie zurück in ihr ursprüngliches Gefüge.  Und es ist der Schöpfergott, der hier gepriesen wird (1 Sam 2,8). Die Hilfe Gottes gilt den Frommen, nicht den Starken,  Menschen wie Hannah, die erniedrigt war durch ihre Kinderlosigkeit und dann von Jahwe erhöht wurde durch die Geburt des Sohnes. Im Zentrum des Liedes jedoch steht die Heiligkeit Jahwes und das Bekenntnis zu ihm als dem einen Gott (1 Sam 2,2). Alles andere ist Explikation dieser Heiligkeit. Die Verhältnisse werden umgekehrt, die Hungernden werden satt, die Schwachen werden gestärkt (1 Sam 2, 4f.). In dieser Bewegung von der Niedrigkeit zur Erhöhung  und der Umstürzung der gegebenen Verhältnisse ist Hannahs Danklied dem Magnifikat der Maria Leitbild.

1 Sam 2


1 Hanna betete. Sie sagte: Mein Herz ist voll Freude über den Herrn, große Kraft gibt mir der Herr. Weit öffnet sich mein Mund gegen meine Feinde; denn ich freue mich über deine Hilfe.
2 Niemand ist heilig, nur der Herr; denn außer dir gibt es keinen (Gott); keiner ist ein Fels wie unser Gott.
3 Redet nicht immer so vermessen, kein freches Wort komme aus eurem Mund; denn der Herr ist ein wissender Gott, und bei ihm werden die Taten geprüft.
4 Der Bogen der Helden wird zerbrochen, die Wankenden aber gürten sich mit Kraft.
5 Die Satten verdingen sich um Brot, doch die Hungrigen können feiern für immer. Die Unfruchtbare bekommt sieben Kinder, doch die Kinderreiche welkt dahin.
6 Der Herr macht tot und lebendig, er führt zum Totenreich hinab und führt auch herauf.
7 Der Herr macht arm und macht reich, er erniedrigt, und er erhöht.
8 Den Schwachen hebt er empor aus dem Staub und erhöht den Armen, der im Schmutz liegt; er gibt ihm einen Sitz bei den Edlen, einen Ehrenplatz weist er ihm zu. Ja, dem Herrn gehören die Pfeiler der Erde; auf sie hat er den Erdkreis gegründet.
9 Er behütet die Schritte seiner Frommen, doch die Frevler verstummen in der Finsternis; denn der Mensch ist nicht stark aus eigener Kraft.
10 Wer gegen den Herrn streitet, wird zerbrechen, der Höchste lässt es donnern am Himmel. Der Herr hält Gericht bis an die Grenzen der Erde. Seinem König gebe er Kraft und erhöhe die Macht seines Gesalbten.

Lk 1


46 Da sagte Maria: Meine Seele preist die Größe des Herrn,
47 und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
48 Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
49 Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig.
50 Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.
51 Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;

 

 

 

 

 

 

 



52 er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
53 Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.
54 Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen,
55 das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

Bezeichnenderweise endet das Danklied Hannahs mit der Erhöhung des Messias, des Gesalbten (1 Sam 2,10). Damit reiht sich der Text ein in die Tradition der prophetisch-messianischen Texte des Alten Testaments, die Israel eine messianische Gestalt ankündigen. Im Angesicht der Geschichte Israels lässt sich das Lied im Großtun der Feinde, der Hilfe Gottes gegen ihre Übermacht, die Niederlage des Überlegenen und der Sieg des Unterlegenen, die Bewahrung des Gottesfürchtigen und die Verstoßung des Ungerechten, ja die Erhöhung des Hauptes des Gesalbten als vorgreifende Leseanweisung dessen lesen, was kommt.

Und doch geht es in beiden Liedern um Frauen, denen Heil widerfährt, zwei Frauen, die einen Sohn zur Welt bringen, der auf je eigene Weise in einer tiefen Gottesbeziehung zum Propheten wird und zum Retter seines Volke. Und es sind Frauen, die ihre Mutterliebe zum Kind einer größeren Liebe unterordnen, im Bewusstsein der Gnade, die ihnen widerfährt. Als solche sind sie Glaubende. Beide geben ihr Kind frei, den je erstgeborenen Sohn. Beiden kommt aber auch noch späterer Kindersegen zu.

Geburt und Leben haben gesellschaftliche und biologische Dimensionen, sie sind aber – und das zeigt das Danklied der Hannah deutlich – wesentlich mehr. Sie stehen in einem größeren Horizont. Leben ist stets geschenktes Leben, unverfügbares Leben.

5. Bibelarbeit

  • Sich einfinden
    GL 292: Herr, dir ist nichts verborgen
    Vier Jahre seines Lebens musste der russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1881) in einem Zwangslager in Sibirien verbringen. Sieben Jahre nach seiner Entlassung schrieb er seine dortigen Erlebnisse in seinen "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus" nieder. Darin erfahren wir von einem jungen Sterbenden, der etwa 25 Jahre alt war, einst hoch gewachsen und von edlem Äußeren. Auffallend waren vor allem seine leuchtenden Augen.

    "Jetzt, da er im Sterben lag, war sein Körper bis auf Haut und Knochen abgemagert. Bewusstlos und schwer atmend lag er auf seinem Bett. Die Decke und seine Bekleidung hatte er von sich geworfen. Alles war ihm zu schwer geworden. Nur noch ein kleines Holzkreuz lag auf ihm. Eine halbe Stunde vor seinem Tod verstummten alle Mithäftlinge, oder sie sprachen nur flüsternd. Wer gehen musste, trat leise, kaum hörbar auf. Er starb gegen drei Uhr nachmittags. In einem breiten Strom fiel das Sonnenlicht auf sein Gesicht. Schließlich erschien der Unteroffizier der Wache mit Helm und Seitengewehr. Als er bis auf einen Schritt vor dem Toten angelangt war, blieb er plötzlich stehen, wie von Furcht befangen. Der Tote schien ihn zu erschüttern. Unerwartet nahm er seinen Helm ab und machte eine tiefe Verneigung. Neben ihm stand ein Häftling. Auf den Toten weisend, sagte er aus einem unbekannten Grund mit zitternder Stimme: "Hat doch auch eine Mutter gehabt!" und ging fort."

    Dostojewski, der als Augenzeuge dabei war, war tief betroffen: "Diese Worte durchbohrten mich förmlich... Warum nur hatte er sie gesagt, und wie war er überhaupt darauf gekommen?"
    (aus: Dostojewski, Fjodor M., Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, München 1980,263-266)
    EG 576: Kind, du bist uns anvertraut

  • Die Heilige Schrift lesen
    1 Sam 2,1-10: Das Danklied der Hannah

  • Über den Bibeltext sprechen:
    In welcher Situation befindet sich Hannah (hierzu empfiehlt es sich 1 Sam 1-3 im Zusammenhang zu lesen)? Hannahs Handeln überrascht. Wie lässt es sich doch begründen? Was ist ihre treibende Kraft? Hannahs Kinderlosigkeit ist nur der Aufhänger für ihr Gebet? Was ist Sinnrichtung und Zielpunkt? Welches Gottesbild kommt in dem Lied zum Ausdruck?

  • Den Bibeltext ins eigene Leben übersetzen:
    Hannah lehrt uns beten und danken, das Leben zu gestalten in Gottvertrauen und Zuversicht. Was bedeutet das für unsere Zeit? Wir flehen nicht mehr um Kinder, wir verzichten oft freiwillig darauf. Die Zahl der Abtreibungen gerade unter jungen Frauen ist so hoch wie selten zuvor. Das Leben scheint machbar geworden zu sein, bestimmbar, am Ende doch ziellos, haltlos, gottlos? In welchen Zusammenhängen wird das Leben gesehen? Welchen Stellenwert hat das Leben, wenn es nicht als geschenktes betrachtet wird, dem Experiment ausgeliefert, von der Geburt bis zum Tod? Hannah ist aber auch eine Mutter, und Elkana ist der Vater. Die Eltern-Kind-Beziehung ist eine der stärksten, die nicht aufgehoben werden kann. Wie wird diese Beziehung, wie wird die Liebe zwischen Kindern und Eltern erlebt? Welche Freiräume sind hier erfahrbar? Hannah und Elkana geben ihr Kind, zumal den Erstgeborenen, frei für seinen Weg. Wie sieht das in den Beziehungen aus, die wir leben? Welche Impulse setzt Hannah im Glauben und im Leben?

  • Meditation:

HANNA - "Unfruchtbare Mutter"
grosser gott
uns näher
als haut
oder halsschlagader
kleiner
als herzmuskel
zwerchfell oft:
zu nahe
zu klein -
wozu
dich suchen?
wir:
deine verstecke
(Kurt Marti)

GL 266: Nun danket alle Gott

6. Weiterführende Literatur:

  • Becker-Spörl, Silvia, "Und Hanna betete und sie sprach..." – Literarische Untersuchungen zu 1 Sam 2,1-10; THLI 2, Tübingen 1992
  • Fischer, Irmtraud, Gottesstreiterinnen. Biblische Erzählungen über die Anfänge Israels, Stuttgart 2000
  • Haag, Herbert u.a., Große Frauen der Bibel – in Bild und Text, Ostfildern 2004
  • Motté, Magda, Esthers Tränen, Judiths Tapferkeit. Biblische Frauen in der Literatur des 20. Jahrhunderts, Darmstadt 2003
  • Ohler, Annemarie, Mutterschaft in der Bibel, Würzburg 1992
  • Schroer, Silvia, Die Samuelbücher, NSK-AT7, Stuttgart 1992
  • Zeitschrift "Bibel heute" 4/2003: "Mütter", bestellbar unter: Katholisches Bibelwerk Stuttgart, Silberburgstr. 121, 70176 Stuttgart, 0711/61920-50, bibelinfo@bibelwerk.de
  • Zeitschrift "Welt und Umwelt der Bibel" 6/1997: Geburt und Kindheit, bestellbar unter: Katholisches Bibelwerk Stuttgart, Silberburgstr. 121, 70176 Stuttgart, 0711/61920-50, bibelinfo@bibelwerk.de
  • Internet: www.bible-orient-museum.ch bzw. www.unifr.ch/naitre2001. Unter dem Titel "Naitre" wird ein virtueller Rundgang zum Thema Mutterschaft vom Alten Orient bis in die römische Zeit angeboten.

Dipl.-Theol. Esther Brünenberg, Februar 2005

Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster
in Kooperation mit
kirchensite – online mit dem Bistum Münster (www.kirchensite.de)

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