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08.12.2016
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Aus dem kirchensite.de-Archiv
Was glänzt, sind Patronen: Das Weihnachtsfest hatte zuweilen eigentümlich Accessoires.

Ausstellung "Weihnachten in dunklen Zeiten"

Gefährlich schön

Ennigerloh. Der Weihnachtsschmuck glänzt und funkelt zwischen dem Tannengrün. Nur wer näher herantritt, erkennt, dass es Patronenhülsen sind, die diesem Christbaum sein Leuchten verleihen. Und genau das will die Ausstellung "Weihnachten in dunklen Zeiten" im Kulturzentrum "Alte Brennerei" in Ennigerloh: Herantreten sollen die Besucher – heran an eine Geschichte, die erst aus der Nähe mehr von ihren Abgründen preisgibt und eindrucksvoll erklärt, wie die politische Propaganda im vergangenen Jahrhundert das Weihnachtsfest als Motiv nutzte.

Eine Nähe, die entblößend sein kann, wie die Vorsitzende vom veranstaltenden Kulturverein, Rosida Eickelpasch, selbst erfuhr. Die 60-Jährige wuchs in der ehemaligen DDR auf. "Ich habe meinen Adventskalender aus der damaligen Zeit in der Ausstellung wieder entdeckt." Und sie konnte die Hintergründe neu überdenken: "Die Propaganda hat sogar in die Zeit eingegriffen: Er fing erst am 6. Dezember an und hörte am 31. auf." Obwohl sie immer kritisch mit den Dingen in der DDR umgegangen sei, sei ihr erst jetzt bewusst geworden, wie wenig sie damals von solchen Dingen wahrgenommen habe. Eine "späte Wachsamkeit" nennt sie das.

Für viele Besucher liegen die Erlebnisse noch länger zurück. "Als die alte Dame hierher kam, schwärmte sie von dem richtig schönen Weihnachtsfest in der Zeit des Nationalsozialismus – in der Familie, mit sozialem Engagement, mit tollen Liedern und Schmuck." Auch der alte Soldat aus Ennigerloh erzählte beim Besuch der Ausstellung mit leuchtenden Augen vom Weihnachtsbaum, den er zum Fest im Jahr 1943 per Feldpost in seine Stellung am Nordkap geschickt bekam. "Hier haben beide erkennen können, wie befangen sie damals waren."

Weihnachten in dunklen Zeiten

Der Krieg erreichte über das Weihnachtsfest auch die Kinderherzen: Käthe-Kruse-Puppe in Soldatenuniform.

Ästhetisch perfekt

Die Nationalsozialisten hatten die weihnachtliche Propaganda perfektioniert. Das sieht man auch in der Ausstellung, in der die Zeit von 1933 bis 1945 einen großen Raum einnimmt. Ein alt-germanisches "Jul-Fest" mit entsprechenden Sinnzeichen, linientreuem Liedgut und neudefinierten Bräuchen sollte entstehen. Ihr Ansatz sei dabei alles andere als "platt" gewesen, sagt Eickelpasch. Obwohl sie massiv in die Ursprünge des Festes hätten eingreifen müssen: "Das Christkind war ein jüdisches Kind, der Morgenstern nahe am Juden- oder Sowjet-Stern, das christliche Liedgut viel zu friedfertig."

Die damalige Propaganda arbeitete mit Nuancen. Ihr Abweichen von christlichen Traditionen war kaum wahrnehmbar: Der Nikolaus veränderte langsam sein Aussehen und wurde zum "Schimmelreiter". Der Advent wurde zum "Vorweihnachten" und nicht mehr durch den Adventskranz symbolisiert, sondern durch den germanischen "Julbogen". Der Christstollen wich dem "Sinngebäck", mit dem nur beim zweiten Blick erkennbare Nazi-Symbole auch ihren Weg an einen "artgerechten" Weihnachtsbaum fanden.

Ausstellungsmacherin Judith Breuer hat vieles zusammengetragen, das erzählt, wie durchdacht und zum Teil ästhetisch gekonnt diese Dinge vermittelt wurden. Von der rührenden Feldpostkarte, welche die Schrecken des Krieges verharmloste, bis zum Liedtext "Hohe Nacht der klaren Sterne", mit dem das Lied "Stille Nacht, Heilige Nacht" aus dem Bewusstsein der Menschen verdrängten werden sollte.

Weihnachten in dunklen Zeiten

Rosida Eickelpasch fand ein Stück persönliche Geschichte in der Ausstellung: Ein Adventskalender aus DDR-Zeiten.

Aus Frieden wurde Krieg

"Das Gefährliche war das Schöne und Dekorative, das die herkömmliche Weihnachtsstimmung aufnahm", sagt Eickelpasch. Vordergründig war die eigentliche Gesinnung kaum auszumachen. Der nationalsozialistische Mutter- und Kindkult passte genauso in diese Stimmung wie die Aktionen des Winterhilfswerkes, das in Kriegszeiten zur Solidaritätsaktionen für arme Menschen aufrief. "Im Hintergrund unterstützte man damit aber Struktur und Ideologie des Regimes und machte aus einem Fest des Friedens ein Fest der Gewalt und des Krieges."

Wie gekonnt dieser Ansatz war, weiß Eickelpasch: "Weihnachten ist ein Fest, an dem sich die Menschen im Tiefsten anrühren lassen – wer sie da erreicht, kann ganz tief in der Psyche der Menschen wirken." Wenn der Begriff "totalitär" zutrifft, dann hier.

Die Ausstellung präsentiert aber auch aus den Zeiten vor und nach dem Nationalsozialismus eine Reihe beeindruckender Beispiele für ein solches Vorgehen. "Gleiche Ideen gab es durchaus auch zu Kaisers Zeiten und in der Zeit des Kalten Krieges."

In den Vitrinen und an den Stellwänden der Ausstellung können Beispiele dafür gefunden werden. Aber auch Momente, in denen ein solches Ziel verfehlt wurde. Die Plätzchen-Ausstechform im Hakenkreuzformat wurde nach kurzer Zeit wieder vom Markt genommen. Die Begründung: Man habe das NS-Symbol sonst verspeisen können. Oder die "Jahresendflügelpuppe aus dem Erzgebirge", die in der ehemaligen DDR den Weihnachtsengel ersetzen sollte.

Weihnachten in dunklen Zeiten

Überzogen: Die Plätzchenform im Hakenkreuzformat wurde schnell wieder vom Markt genommen.

Zu platt, um es nicht zu merken? Der nachdenkliche Blick auf die Verhältnisse in der heutigen Zeit käme bei fast allen Ausstellungsbesuchern von allein, sagt Eickelpasch. "Eine Propaganda des Konsums, die sich genauso der tiefen menschlichen Gefühle annimmt und das Eigentliche des Festes hinter sich lässt." Wer sich die Stilblüten der heutigen Advents- und Weihnachtszeit ansehe, erkenne, dass auch heute kaum etwas "zu platt" sein könne.

Text und Fotos: Michael Bönte, 10.12.2004

Die Ausstellung "Weihnachten in dunklen Zeiten" ist samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr und werktags nach Vereinbarung geöffnet:

Kulturzentrum
"Alte Brennerei Schwake"
Liebfrauenstr. 6
59 320 Ennigerloh
Tel.: 02524/951664

Zudem ist ein Begleitbuch erhältlich:
Judtih Breuher und Breuer, Rita: Von wegen Heilige Nacht! Das Weihnachtsfest in der politischen Propaganda. Verlag an der Ruhr. Mühlheim an der Ruhr, 2000. Preis: 20,40 Euro.

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