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22.07.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv
Der Tag des Herrn wird so wenig vorhersagbar sein wie das Kommen eines Diebes in der Nacht. Er wird so plötzlich, jedoch unvermeidlich kommen wie die Wehen einer Schwangeren. Sicherheit ist nicht zu gewinnen.

Bibelarbeit im November 2004

"Der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht"

1. Einführung

Ein Münsteraner Theologieprofessor erzählte einmal, er treffe langfristige Terminabsprachen nur noch unter dem Vorbehalt: "… falls nicht inzwischen der Herr wiederkommt". Gemeint war: falls nicht inzwischen das Ende der uns vertrauten Welt und Geschichte eintritt, zu dem die Christen nach alter Überlieferung das Wiederkommen des auferstandenen und zu Gott erhöhten Jesus erwarten. Auf den ersten Blick ein befremdlicher Gedanke!

Natürlich stehen Terminabsprachen – ausgesprochen oder nicht – unter Vorbehalten: falls nichts dazwischen kommt; falls ich nicht im Stau stecke, falls nicht einer von uns krank wird … Aber mit dem Ende der Welt als Hinderungsgrund zu rechnen, liegt den meisten von uns wohl fern. Die Rede vom Ende der Welt scheint das Metier der Zeugen Jehovas oder evangelikaler Gruppierungen in den Vereinigten Staaten zu sein. In den christlichen Kirchen Westeuropas – gleich welcher Konfession – gehört die Eschatologie, wie das Thema in der theologischen Fachsprache bezeichnet wird, nicht zu den großen und gegenwärtig heiß diskutierten Fragen.

Auch die kleineren Aufregungen rund um den Millenniumwechsel im Jahr 2000 sind nicht wirklich eine Ausnahme von der Regel. Gleichwohl gehört die Frage nach einem Ende der menschlichen Geschichte zu den Themen, die – wie die Frage nach dem Tod – niemals ganz verstummen, weil sie eine Grenze der vertrauten Wirklichkeit behaupten und damit ein großes Fragezeichen hinter den Sinn des menschlichen Lebens setzen.

Für die Zeit des Neuen Testaments stellt sich die Sache anders dar. Die Erwartung der baldigen Wiederkunft Christi gehörte für viele der frühen Christen zum wesentlichen (und auch öffentlich verhandelten) Bestand ihres Glaubens. Zum Beleg ist hier nicht nur auf die Offenbarung des Johannes zu verweisen, sondern ebenso auf die sog. "Endzeitreden" in den Evangelien von Markus, Matthäus und Lukas (Mk 13; Mt 24-25; Lk 21) oder auf viele Passagen in den Briefen des Neuen Testaments (z.B. Röm 8,18-30; 1Kor 15; 1 Thess 4,13 – 5,11; 2 Thess 2,1-12; 2 Petr 3,1-13).

Mit ihrer Erwartung eines machtvollen Handelns Gottes, das die Welt und die Geschichte radikal verwandelt, stehen diese neutestamentlichen Texte nicht isoliert dar, sondern in der Tradition alttestamentlicher Prophetenbücher (Jesaja, Ezechiel, Daniel, …) und anderer, nicht-biblischer Schriften des Judentums. Häufig zitieren die neutestamentlichen Autoren aus diesen Schriften oder spielen auf sie an, um der eigenen Erwartung eine Sprache zu verleihen und ihre Berechtigung zu erweisen.

Um einem schiefen Bild vorzubeugen: Der Stellenwert, den die Erwartungen einer baldigen Wiederkunft Christi für den Glauben und die Theologie hat, ist nicht in allen Schriften des Neuen Testaments gleich hoch. Auch in neutestamentlicher Zeit konnte man ohne eschatologische Naherwartung Christ sein. Aber die Erwartung eines endzeitlichen Handelns Gottes (durch den auferstandenen Jesus) ist ein deutlich zu erkennender Grundgedanke neutestamentlichen (und biblischen) Christentums, mit dem uns gerade die Schriftlesungen des Monats November vielfach konfrontieren. Welche Welt- und Gotteserfahrung kommt darin zu Ausdruck? Ist diese Erfahrung aus heutiger Sicht unwiederbringlich vergangen und fern? Was steht für den Glauben auf dem Spiel, wenn er mit einem Wiederkommen des Auferstandenen im Namen Gottes nicht mehr rechnet?

2. Der Text:

1. Thessalonicherbrief 5,1-11

(1) Betreffs der Zeiten und Fristen, Brüder, habt ihr es nicht nötig, dass euch geschrieben wird.
(2) Denn ihr wisst selbst, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht.
(3) Wenn die Leute sagen: Frieden und Sicherheit, dann kommt plötzlich Verderben über sie, wie die Wehe über die Schwangere, und sie können nicht entrinnen.
(4) Ihr aber, Brüder, seid nicht in Finsternis, so dass der Tag euch wie ein Dieb ereilen könnte.
(5) Ihr seid ja alle Söhne des Lichts und Söhne des Tages. Wir gehören nicht der Nacht und nicht der Dunkelheit;
(6) also sollten wir nun auch nicht schlafen wie die übrigen, sondern wachen und nüchtern sein.
(7) Denn die, die schlafen, schlafen nachts, und die, die trinken, sind nachts betrunken.
(8) Wir aber, die wir dem Tag zugehören, wollen nüchtern sein, bekleidet mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und dem Helm der Hoffnung auf das Heil.
(9) Denn Gott hat uns nicht zum Zorn(gericht) bestimmt, sondern zum Besitz des Heils durch unseren Herrn Jesus Christus,
(10) der für uns gestorben ist, damit wir – ob wir nun wachen oder schlafen – zugleich mit ihm leben.
(11) Deshalb erweist einander Zuspruch und richtet einer den anderen auf, wie ihr es ja auch tut.

3. Hintergrund

Gott ist der Schöpfer der Welt und der Herr der Geschichte, besonders der Geschichte seines Volkes. Er erweist seine Treue, seine Macht und seine Gerechtigkeit in eben dieser Geschichte. Diese biblische Grundüberzeugung bildet den Hintergrund um zu verstehen, warum es im Judentum und später im Christentum zu eschatologischen Erwartungen kommt.

Auslöser für die Erwartung, dass Gott zukünftig die Geschicke der Welt machtvoll wenden wird, sind Krisen: Das Land, das Gott seinem Volk geschenkt hat, wird von fremden Mächten erobert und besetzt. Israeliten werden gezwungen, in der Fremde im Exil zu leben. Die eigene Religion wird überfremdet, gar der Tempel in Jerusalem zerstört. Die gegenwärtige Geschichte wird von vielen nicht mehr als heilvoll und von Gottes Macht erfüllt betrachtet. Gott scheint seinem Versprechen, Israels Geschichte zu leiten, untreu zu werden. Das aber ist letztlich undenkbar, wenn Gott wirklich Gott ist.

Ein Ausweg ist die Hoffnung. Gott wird seine Treue, Macht und Gerechtigkeit in Zukunft erweisen. Mag die Gegenwart auch so erscheinen, als sei Gott fern oder machtlos. Durch ein kommendes Handeln wird er zeigen, dass er doch an der Seite der Seinen steht. Je heilloser und gottloser die Gegenwart erscheint, desto neuer und anders wird die Zukunft vorgestellt, die Gott herbeiführen wird - bis hin zu Vorstellungen von einem Ende des bekannten Geschichtszusammenhangs und von einer Neuschöpfung der Welt.

Vergleichbare Erfahrungen wie ein ganzes Volk kann auch der einzelne in seinem je eigenen Leben machen. Menschen wird Unrecht getan und sie erfahren zu Lebzeiten nie Genugtuung. Manche Übertäter aber leben offenbar bis an ihr Lebensende in höchster Zufriedenheit. Kann ein gerechter Gott das zulassen? Kann es sein, dass der Tod ungerechte Zustände und erlittenes Leid endgültig besiegelt?

Aufgrund solcher und ähnlicher Überlegungen entsteht bei den Juden, die ursprünglich die Erwartung eines Lebens nach dem Tode nicht kennen, die Überzeugung, dass der Tod für Gottes Treue zu den Gerechten keine unüberwindbare Grenze darstellen kann. Es entsteht die Hoffnung, dass Gott die Toten erwecken wird - sei es in der Gestalt, dass die Gerechten mit einem ewigen Leben belohnt werden, oder sei es so, dass alle zu einem letzten Gericht auferweckt werden. So wenig wie der unheilvolle Verlauf der Geschichte, so wenig kann auch der individuelle Tod Gott bei der Verwirklichung seines Willens im Wege stehen.

So entsteht im Judentum ein Komplex von eschatologischen Erwartungen über die Herrschaft und das Reich Gottes, zu dem die Wende der Geschichte, die Auferstehung der Toten und das Gericht Gottes hinzugehören. Die Hoffnungen sind weder bei allen völlig einheitlich, noch werden sie von allen geteilt. Aber als das Christentum entsteht, liegt ein Repertoire an Vorstellungen über ein zukünftiges Reich Gottes bereit.

Jesus selbst knüpft an sie an. Er erhebt den Anspruch, dass in seiner Verkündigung und in seinem Wirken das endzeitliche Reich Gottes in der Welt anbricht. "Wenn ich mit dem Finger Gottes Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen" (Lk 11,20). Nach seinem Tod machen die Jünger die Erfahrung: Gott hat Jesus nicht im Tode gelassen, sondern auferweckt und zu sich erhöht. Das, was nach jüdischen Hoffnungen am Ende geschehen wird, die Auferstehung der Toten, ist an Jesus schon Wirklichkeit geworden. Er, der in seinem Wirken den Anspruch erhob, Gottes Reich breche an, wird von Gott in diesem Anspruch bestätigt. Ja mehr noch, so die Erkenntnis der Jünger, Jesus behält seine einzigartige Rolle bei der Verwirklichung des Reiches Gottes auch jetzt und Zukunft bei.

Die christliche Hoffnung auf das kommende Reich Gottes steht also in der Tradition des jüdischen Glaubens. In zwei Punkten aber erhält dieser Glaube eine charakteristische christliche Prägung. Zum einen erhält Jesus eine entscheidende Rolle in diesem Glauben. Er ist es, der in der Vollmacht Gottes dessen Reich heraufführt. Deshalb erwarten die Christen, dass Jesus am Ende der Zeiten wiederkommen wird, um das Reich seines Vaters zu vollenden und in seinem Namen Gericht zu halten. Zum anderen ist das Reich Gottes keine rein zukünftige Größe mehr. Zwar steht seine Vollendung auch für die Christen noch aus. Es ist aber in Jesu Wirken schon unwiderruflich nahegekommen und angebrochen. So ist das Dasein der Christen geprägt durch diese Spannung zwischen Anbruch und Vollendung.

4. Auslegung

Der Erste Thessalonicherbrief ist wahrscheinlich die älteste Schrift des Neuen Testaments. Er wurde geschrieben etwa im Jahr 50 n. Chr., von Paulus an die Gemeinde von Thessalonich in Mazedonien (das heutige Thessaloniki). Paulus hat diese Gemeinde gegründet (1,9f) und eine Weile in ihrer Mitte gelebt und gewirkt (2,1-12). Der Ton des Briefes ist geprägt von der herzlichen Verbundenheit des Apostels mit den Thessalonichern. Es scheint, dass der Brief auf konkrete Fragen und Probleme in der Gemeinde reagiert (vgl. 4,9.13; 5,1), die nach der Abreise des Paulus auftauchten und diesem zu Ohren gekommen sind.

Diese Fragen betreffen offenbar neben anderem auch die Erwartung der Wiederkunft Christi, die die Thessalonicher mit ihrer Bekehrung zum Christentum übernommen haben (vgl. 1,9f). Wie viele der frühen Christen erwarten auch die Thessalonicher dieses Ereignis in naher Zukunft. Es scheinen nun Gemeindemitglieder gestorben zu sein, und es herrscht die Sorge, was mit den Toten geschehen wird, wenn Christus kommt. Paulus verweist auf die Auferstehung der Toten, so dass Lebende und Tote gemeinsam mit Christus vereint werden (vgl. 4,13-18).

Unser Text schließt an diese Überlegungen an. Vielleicht ausgelöst durch die Todesfälle rückt die Frage in den Vordergrund, wann der Tag des Herrn kommen wird (5,1-3). Der Begriff ‚Tag des Herrn’ ist biblische Sprache und meint den eschatologischen Gerichts- und Erlösungstag (Joel 2,1-11; Am 5,18ff; Zef 1,14-18; 1Kor 1,8; 5,5 u.ö.; vgl. Mt 24,42 – 25,45). Paulus weist Terminspekulationen zurück. Der Tag des Herrn wird so wenig vorhersagbar sein wie das Kommen eines Diebes in der Nacht. Er wird so plötzlich, jedoch unvermeidlich kommen wie die Wehen einer Schwangeren. Sicherheit ist nicht zu gewinnen.

Wie aber kann man in dieser Situation leben? Die Antwort des Paulus besteht aus drei Elementen.

Erstens verweist er darauf, wer und was die Christen sind, nämlich Christen. Sie gehören - bildlich gesprochen - auf die Seite des Lichts, nicht auf die der Dunkelheit (V.4-5). Sie sind zum Heil bestimmt, nicht zum Zorn Gottes (V.9). Für sie ist Jesus gestorben, damit sie das wahre und endgültige Leben haben (V.10). Von diesem Standpunkt aus birgt der Tag des Herrn keine bösen Überraschungen (vgl. V.4). In dieser Argumentation kommt deutlich zum Tragen: Christliches Leben steht immer schon unter der Voraussetzung, dass die Verwirklichung des Reiches Gottes unwiderruflich begonnen hat.

Zweitens mahnt Paulus die Thessalonicher sich zu wappnen. Er ist nicht naiv. Er weiß darum, dass auch unter der Voraussetzung der anbrechenden Gottesherrschaft das Leben der Christen schief laufen und scheitern kann. Wachsamkeit und Nüchternheit sind gefragt (V.6-8). Die Christen sind jedoch gut gerüstet für dieses Leben: durch den vertrauenden Glauben, dass Gott in Jesus seine Zuwendung zu den Menschen wahr gemacht hat und auch weiterhin wahr machen wird; durch die liebende Verbundenheit mit Gott und Jesus, aber auch der Christen untereinander; durch die zuversichtliche Hoffnung, dass der treue Gott seine Zusage einhalten wird (V.8). (Zum Bild der Rüstung vergleiche man Jes 59,17 und Weish 5,18.)

Drittens ermuntert Paulus die Thessalonicher, sich gegenseitig beizustehen, aufzurichten, zu ermahnen und zu trösten. Sie sind keine Einzelkämpfer, sondern brüderliche (geschwisterliche) Gemeinde (V. 11; vgl. die Anrede in V. 1 und 4).

Die christliche Hoffnung auf den Tag des Herrn muss sich – teilweise schon im Neuen Testament – kritische Fragen und Einwände gefallen lassen. Diese zeigen Grenzen und Gefahren eines eschatologischen Denkens auf. In Auseinandersetzung mit ihnen werden aber auch dessen Stärken deutlich. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien drei Punkte aufgegriffen.

(1) Ist durch den nun fast zweitausendjährigen Fortgang der Geschichte die Hoffnung auf einen Tag des Herrn, der als Wende oder Abbruch der Geschichte vorgestellt wird, nicht erledigt?

Diesen Einwand spiegelt schon das Neue Testament selbst (vgl. 2 Petr 3,1-13). Die Erwartung einer unmittelbar bevorstehenden Vollendung des Reiches Gottes hat es im Urchristentum gegeben. Sie taucht auch später in der Kirchengeschichte bei verschiedenen Gruppen immer wieder mal auf. Sie hat sich stets als trügerisch erwiesen. Schon Paulus weist im Thessalonicherbrief Terminspekulationen zurück. Statt um die Naherwartung des unmittelbar bevorstehenden Kommens geht es eher um eine "Stets-Erwartung", d.h. um die ständige Bereitschaft Jesus gegenüberzutreten.

Seit den Tagen der Thessalonicher ist eine immer größere Zahl von Christen gestorben. Deshalb rückt für viele Theologen der Tod des bzw. der Einzelnen stärker in den Blick. Er bedeutet das individuelle Ende des räumlich und zeitlich gebundenen Daseins. Viele stellen sich vor, dass im Tod jedes Menschen seine Begegnung mit Christus stattfindet. Medard Kehl (s.u. Nr. 6) spricht davon, dass sich die Wiederkunft Christi und die Vollendung der Geschichte nicht in einem einzigen Ereignis am Ende der Geschichte, sondern quasi entlang der Tode der einzelnen Menschen ereignet. Wichtig ist bei einem solchen Denkmodell, den einzelnen Menschen nicht zu isolieren. Er ist in seinen Beziehungen zu anderen und zur Welt Teil eines Ganzen. Erlösung kann deshalb nie nur den einzelnen meinen, sondern muss immer auch das Ganze der Welt einbeziehen. Darauf macht die Vorstellung von dem einen Tag des Herrn aufmerksam.

(2) Bedeutet eschatologische Hoffnung nicht eine Vertröstung auf das Jenseits und ein Ablenken vom Leben in der Gegenwart? Fördert sie nicht eine egoistische Konzentration auf das eigene Heil?

Beide Gefahren bestehen zweifellos. Karl Marx beispielsweise hat nicht ohne Grund Religion als Opium des Volks bezeichnet. Aber umgekehrt ist aus biblischer Sicht festzuhalten: Der Mensch ist überfordert, wenn er sich sein Glück oder wenn er Gerechtigkeit allein schaffen soll. Mir scheint, dieses Menschenbild ist realistisch. Die Hoffnungsperspektive, die mit der Erwartung des Reiches Gottes gegeben ist, entlastet, weil der Mensch es nicht allein schaffen muss, und setzt dadurch in ihm die Kräfte frei, das zu tun, was er vermag. Auch der Vorwurf, Jenseitshoffnung fördere den Heilsegoismus, muss nicht zutreffen. Gott hat mit seinem vorausgehenden und grundlegenden Handeln Maßstäbe gesetzt, die eine Konzentration auf das eigene Heil - losgelöst von den anderen - als Irrweg entlarven. Wer von Jesus den anderen als von Gott geliebten Menschen betrachten lernt, dem wird es nicht möglich sein, das eigene Heil ohne ihn oder gar auf seine Kosten zu suchen. So verweist ja auch Paulus auf die Gemeinschaft derer, die sich gegenseitig stärken (1Thess 5,11).

(3) Was ist das für ein Gott, der zulässt, dass die Menschen sich gegenseitig zum Teil unvorstellbares Leid zufügen, um es dann am Ende mit einem Handstreich wiedergutmachen zu wollen?

Der Einwand wiegt schwer. Ihn gänzlich aus dem Weg zu räumen, gelingt nicht. Ansätze zu einer Antwort bieten m. E. die folgenden Punkte.

  • Der Respekt vor der Freiheit des Menschen: Der Mensch ist das Wesen, das in Freiheit ja zu Gott sagen soll. So ist er nach biblischem Verständnis geschaffen. Muss es dann für ihn nicht immer auch die Möglichkeit geben, sich dem Willen Gottes und dem Wohl der anderen Menschen zu verweigern, so schmerzhaft die Folgen der Weigerung auch sein mögen?
  • Das Mit-Leiden Gottes: Jesus selbst hat sich dem Widerstand der Menschen ausgesetzt – bis zum bitteren Ende am Kreuz. In ihm ist Gott nach christlicher Überzeugung den Menschen auf einzigartige Weise nahe gekommen. Deshalb heißt Jesus "Sohn Gottes". Das aber bedeutet: Gott ist in die Welt gekommen auf eine Weise, die das Leid nicht einfach übergeht, sondern sich ihm ausgesetzt und es ausgehalten hat.
  • Das Ernstnehmen menschlichen Handelns im Gericht: Das Reich Gottes kommt nicht mit einem Handstreich, der alles einfach wiedergutmacht. Zu den eschatologischen Hoffnungen des Christentums gehört als ein festes Element das Gericht hinzu. Vielen erscheint es heute als problematisch, in Gott oder Jesus den Richter zu sehen. Aber die Vorstellung von einem endzeitlichen Gericht hält fest: Es wird nicht einfach so alles wieder gut sein. Das Leben und die Taten der Menschen werden ernst genommen. Was sie zum Guten wie zum Schlechten angerichtet, was sie erfahren und erlitten haben, kommt auf den Tisch, und wird nicht einfach unter den Teppich gekehrt. So falsch es ist, mit den kommenden Gericht Angst zu verbreiten: Die Gerichtsvorstellung stellt sicher, dass das irdische Leben der Menschen etwas gilt.

Die Hoffnung der Christen auf das Wiederkommen ihres Herrn am Ende der Tage ist anfällig für Missverständnisse und Fehldeutungen. Sie wirft Fragen auf, die zu beantworten nicht leicht fällt. Aber was ist die Alternative? Steht das Christentum wirklich besser dar, wenn es die Hoffnung auf eine eschatologische Vollendung begräbt?

5. Vorschlag zur Gestaltung der Bibelarbeit

A. Ankommen:

(1) Singen oder gemeinsam lesen:
‚Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt’
(zu finden z.B. in: Elsbet Bihler u.a. (Hg.), Singt dem Herrn. Schwerter Liederbuch, Verlag BDKJ: Paderborn 1990, Nr. 181)

Alternativen:
Gotteslob Nr. 291 oder 295

(2) Dem Text des Liedes nachspüren
Still für sich überlegen:
- Wie wird das Leben, das Sein in der Welt verstanden?
- Kann ich mich darin wiederfinden?
- Was empfinde ich ähnlich, was empfinde ich anders?

B. Das Wort der Schrift hören

1 Thess 5,1-11 wird laut vorgelesen.

C. Gespräch über den Text

(1) Annäherung an den Text
- Wovon handelt der Text? Welche Vorstellungen stehen in seinem Hintergrund? (Glaubenswissen der Beteiligten abfragen; evtl. muss der Gesprächsleiter/die Gesprächsleiterin zusätzliche Informationen geben.)
- Im Vergleich mit dem Lied: Wie beschreibt der Text das Leben der Christen/ihr Sein in der Welt?
- Was an dieser Beschreibung ist mir nahe und vertraut, was ist fremd und unverständlich?

(2) Vom Text zum Leben
Paulus und seine Adressaten rechnen fest damit, dass am Ende der Zeiten Christus wiederkommen wird, um das Reich Gottes zu vollenden. Dazu gehört die Auferstehung der Toten (siehe 1 Thess 4,13-18), das Gericht und das Eingehen in eine vollendete Gemeinschaft mit Jesus und Gott.
- Welche Bedeutung haben diese Vorstellungen für meinen Glauben?
- Warum erscheinen sie mir glaubwürdig (oder auch nicht)?
- Was ändert es für den Glauben, ob man an ein endzeitliches Geschehen, wie im Text vorausgesetzt, glaubt oder nicht?

D. Besinnung:

Jemand muss zu Hause sein, Herr, wenn du kommst.
Jemand muss dich erwarten, unten am Fluss vor der Stadt.
Jemand muss nach dir Ausschau halten
Tag und Nacht.

Wer weiß denn, wann du kommst?
Herr, jemand muss dich kommen sehen
durch die Gitter seines Hauses
durch die Gitter –
durch die Gitter deiner Worte, deiner Werke
durch die Gitter der Geschichte,
durch die Gitter des Geschehens
immer jetzt und heute in der Welt.

Jemand muss wachen unten an der Brücke,
um deine Ankunft zu melden, Herr,
du kommst ja doch in der Nacht wie ein Dieb.

Wachen ist unser Dienst. Wachen.
Auch für die Welt.
Sie ist oft so leichtsinnig,
läuft draußen herum,
und nachts ist sie auch nicht zu Hause.
Denkt sie daran, dass du kommst?

Dass du ihr Herr bist und sicher kommst?

Herr,
und jemand muss dich aushalten,
dich ertragen, ohne davonzulaufen.
Deine Abwesenheit aushalten,
ohne an deinen Kommen zu zweifeln.
Dein Schweigen aushalten
und trotzdem singen.
Dein Leiden, deinen Tod mitaushalten
und daraus leben.
Das muss immer jemand tun mit allen andern
und für sie …

(aus: Silja Walter, Das Kloster am Rande der Stadt, Zürich 1971/1980;
gefunden in: Medard Kehl, Und was kommt nach dem Ende (s.u. Nr. 6), S. 111f)

Abschluss:

Gemeinsames Beten des Vaterunsers
(Ein Gebet, das man auch sehr eschatologisch verstehen kann!)

Alternativvorschlag zur Gestaltung:

Als zweite Phase des Gesprächs über den Bibeltext das Gebet von Silja Walter hinzunehmen und beiden Text miteinander konfrontieren. Das Gebet müsste in diesem Fall für alle Gesprächsteilnehmer als Text (Kopie) vorliegen. Auf ein Gespräch über das Eingangslied sollte dann verzichtet werden, sonst sind zu viele Texte im Spiel.

6. Weiterführende Literatur

Zum biblischen Hintergrund:
Klaus Koenen – Roman Kühschelm, Zeitenwende. Perspektiven des Alten und Neuen Testaments (Die Neue Echter Bibel – Themen, Bd. 2), Echter: Würzburg 1999
Zum Nachdenken über eschatologische Themen (z.B. Wiederkunft Christi, Letztes Gericht, Auferstehung der Toten, unsterbliche Seele, Himmel, Fegfeuer) aus der Perspektive gegenwärtiger Theologie:
Medard Kehl, Und was kommt nach dem Ende. Von Weltuntergang und Vollendung, Wiedergeburt und Auferstehung, Herder: Freiburg, 4. Auflage 2002

Dr. Christian Münch
Bergische Universität Wuppertal
November 2004

Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster
in Kooperation mit
kirchensite – online mit dem Bistum Münster (www.kirchensite.de)

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