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28.06.2016
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"Todsünde" Neid

Der "Haben-Wollen-Anspruch"

Es gibt nichts, worauf man nicht neidisch sein könnte. Ob Haus, Auto oder Yacht, Fahrrad, Klamotten oder Handy: Das Verlangen, das zu besitzen, was ein anderer auch hat, ist groß. Schon bei Kindern und Jugendlichen spielt das Markenbewusstsein eine große Rolle. Da darf es nicht irgendein Turnschuh sein, sondern nur der aus der Werbung.

"Der klassische Neid ist unter Jugendlichen längst kein Thema mehr." Das behauptet Albert Wunsch (59), Erziehungswissenschaftler und Leiter des katholischen Jugendamtes in Neuss. "Neid oder Sehnsucht setzen voraus, dass ich etwas sehe, es toll finde, es aber nicht bekommen kann." Er habe jedoch den Eindruck, dass heutzutage "ganz viele Jugendliche unwahrscheinlich viel haben", sagt Wunsch. "Ich habe Jugendliche kennen gelernt, die 400 bis 800 Euro Taschengeld im Monat bekommen. Wer so viel Geld hat, hat keine Gelegenheit, Neid zu entwickeln. Der kauft sich etwas sofort."

Für einen Großteil der Jugendlichen gilt: Vorbei die Zeiten, in denen Wochen oder Monate lang jede übrig gebliebene Mark in die Spardose wanderte, jeden Tag das Geld gezählt wurde. Vorbei die Tage, an denen dem Stichtag entgegengefiebert wurde, an dem man endlich das heiß begehrte Mountainbike oder den ersten eigenen Fotoapparat kaufen konnte.

Kraftvoll

"Haben wollen und nicht erreichen können – das macht den Neid so kraftvoll", sagt Wunsch. Doch Jugendliche handelten heute nach dem Prinzip: "Ich will es haben – sofort." Sie hätten gelernt, für die Realisierung ihrer Wünsche Strategien zu entwickeln: "Sie setzen zum Beispiel Eltern oder Großeltern unter Druck." In der "härteren" Jugendszene stünde sogar "Abzocke" (das Erpressen von Wunschgegenständen) oder das Klauen durchaus auf der Tagesordnung.

Bei Kindern von Familien, die weniger Geld zur Verfügung hätten, könne sich allerdings immer noch der klassische Neid entwickeln: "Die Kinder leiden darunter und mache den anderen eine Sache madig." Die Folge: "Aggressives Verhalten gegen Mitschüler und Eltern."

Doch nicht nur Turnschuhe und Handys ziehen Neid auf sich: "Besonders begabte Kinder werden gemobbt, weil die anderen auf ihre Leistung neidisch sind. Innerhalb des Klassenverbandes sind das oft die Außenseiter." Unter Jungs kommt gut an, wer besonders cool ist, lässige Klamotten trägt oder sich locker gegenüber Lehrern verhält. Mädchen dagegen werfen neidische Blicke auf die bessere Figur oder die schöneren Haare ihrer Klassenkameradinnen. "Das ist die Form des Neides, unter der man am stärksten leiden muss", vermutet Wunsch, "denn daran werde ich kaum etwas ändern können."

Todsünde Neid

Dr. Albert Wunsch ist Erziehungswissenschaftler, Leiter des Katholischen Jugendamts in Neuss und Herausgeber mehrerer Erziehungsratgeber.

Werbung als Verstärker

Wodurch die Gefühle verstärkt werden, ist leicht auszumachen: "Die Werbung versucht, Neid zu schüren, 'Haben-Wollen-Ansprüche' einzupflanzen, und baut darauf, dass die Botschaft 'jetzt und sofort' von den Jugendlichen möglichst schnell umgesetzt wird", sagt Wunsch. Aber auch die Eltern seien nicht ganz unbeteiligt: "Kinder lernen, indem sie Erwachsenen zugucken." So würde vielen Kindern das Kauf-, Mode- und Markenverhalten schon von Kindesbeinen an beigebracht. "Neid ist kein Naturphänomen, sondern wird durch eine Erziehung geschaffen, in der man jetzt und sofort alles haben will und darf."

Zu wenige Kinder hätten eine gewisse "Grundstabilität" gegen die Verführung des Konsumrausches in die Wiege gelegt bekommen. Sie hätten gelernt, ihre Bedürfnisse aufzuschieben und wüssten, dass es Menschen gebe, die anderes und mehr haben dürften. Eine "Schutzimpfung gegen Werbeterror" nennt Wunsch das: "Man muss Kinder und Jugendliche widerstandsfähig machen, um in einer mit aggressiven Mitteln arbeitenden Konsumgesellschaft in einem gewissen Maß resistent zu werden." Das setze aber voraus, dass auch die Eltern eine gewisse Stabilität gegenüber dem Konsum entwickelten.

Und: Die Gruppe, der Verband und der Verein könnten helfen: "Eine Jugendgruppe legt andere Wertmaßstäbe." Hier zählten andere Dinge als nur die Marke: Verlässlichkeit, Gemeinschaft... Hier werde die Persönlichkeit zum Status-Symbol und nicht das Handy.

Text: Almud Schricke / Foto: Schricke, Bönte, 18.03.2004

Lesen Sie außerdem in "kirchensite":
- Interview mit dem Konsumforscher Dieter Korczak
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