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29.05.2016
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Reinhard Lettmann: Christliche Persönlichkeit (I)

Vor Gottes Angesicht ist Leben

Ein Fresko Michelangelos zeigt in der Sixtinischen Kapelle in Rom die Erschaffung des Menschen. Gott blickt Adam an. Kraftvoll streckt er ihm seine Hand entgegen. Noch hängt die Hand des Menschen kraftlos herab. Gott schaut Adam an, und auch dieser richtet seinen Blick auf Gott. Es ist, als wolle Gott mit seinem Finger, den er Adam entgegenstreckt, sagen: "Du bist gemeint." Adam will sich erheben, als zöge der Blick Gottes ihn empor.

Der Mensch ist berufen, vor Gottes Angesicht zu leben und ihm, dem lebendigen Gott, sein eigenes menschliches Angesicht zuzuwenden. Das gibt ihm seine Würde als Mensch. Die Menschenwürde gründet sich nicht auf Funktionen, Leistungen, Verdienste und Eigenschaften. Sie kommt jedem Menschen zu, unabhängig von Volkszugehörigkeit, Rasse, Farbe und Sprache. Die Würde des Menschen ist unteilbar. Sie wird auch nicht beeinträchtigt durch Krankheit und Behinderung. Die Rede vom lebensunwerten Leben steht in krassem Widerspruch zu unserem christlichen Menschenbild.

Sixtinische Kapelle

Das Fresko von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle in Rom zeigt die Erschaffung des Menschen.

Vor Gott hat jeder Mensch Würde und Wert. In diesem Bewusstsein kann John Henry Newman, ein großer englischer Theologe und Kardinal des 19. Jahrhunderts, sprechen: "Ich habe einen Platz in Gottes Ratschluss, auf Gottes Erde, den kein anderer hat. Ob ich reich oder arm bin, verachtet oder geehrt bei den Menschen – Gott kennt mich und ruft mich bei meinem Namen."

Vor Gottes Angesicht ist Leben. Wie ist es, wenn der Mensch sich vom Angesicht Gottes abwendet? Zunächst scheint das ein Mehr an Freiheit zu bedeuten. Doch was zunächst als größere Freiheit erfahren wird, wird auf die Dauer als Enge spürbar, die den Menschen den Atem nehmen kann. Die Welt wird zu einer geschlossenen Welt. Der Mensch fühlt sich zwar als Herr der Welt. Doch in einer geschlossenen Welt wird die Stellung des Menschen nicht erhöht sondern erniedrigt. Er wird, wie alle Werke der Schöpfung, für seinesgleichen verfügbar. Er steht in der Gefahr, in seiner Eigenmächtigkeit den eigenen Lebensraum zu beschneiden. Es ist wie in den Tagen des Smog: Der Himmel ist über den Menschen verschlossen, es besteht die Gefahr, dass sie an dem von ihnen selbst produzierten giftigen Dunst ersticken.

Gott sprengt die engen Grenzen unserer Welt. Weil Gott nicht aufgeht in der Welt, kann er den Menschen Lebensraum geben - in dieser Welt und darüber hinaus. Weil Gott der Herr ist, setzt er der Eigenmächtigkeit des Menschen Grenzen, die zugleich zum Schutzwall werden für den Menschen und für alle Werke der Schöpfung. Weil Gott Gott ist, kann er dem Leben des Menschen Weite, Freiheit und Sinn geben, selbst über die Grenzen des Todes hinaus.

Schauen wir noch einmal auf das Fresko Michelangelos. Wenn Gott in diesem Bild sprechen würde, was würde er dem Menschen bei der Erschaffung sagen? Vielleicht: "Wage das Ja – und du erlebst Sinn." Wenn der Mensch sich auf Gott und auf das von ihm geschaffene Sein einlässt, wenn er Ja sagt zu Gott, zum Sein und damit auch zu sich selbst, erlebt er Sinn.

Wage das Ja! Ist das Ja ein Wagnis? Es ist ein Wagnis, weil der Mensch Gott vertrauen muss. Er kann es wagen, weil Gott ihm und er Gott in die Augen schaut.

Autor: Bischof Dr. Reinhard Lettmann / Foto: KNA Katholische Nachrichtenagentur GmbH, 27.10.03

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