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01.10.2016
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Aus dem kirchensite.de-Archiv
Von 1940 bis 1944 an der Ostfront:Kriegspfarrer Joesf Perau

Eine Osterserie aus dem Zweiten Weltkrieg

Elend und Kälte, Freude und Hoffnung

Für die heutige Zeit lesen sich seine Zeilen wie die aus einer anderen Welt: Pfarrer em. Josef Perau (93) aus Goch war als junger Priester von 1940 bis 1944 an der Ostfront eingesetzt. Das Einsatzgebiet des Militärseelsorgers lag direkt hinter den kämpfenden Truppen der Wehrmacht. Zu Beginn dieses Militärdienstes war er 30 Jahre alt und drei Jahre zuvor zum Priester geweiht worden. In einer Chronik hat er festgehalten, wie er in dieser Zeit das Weihnachtsfest zwischen Krankensälen, Schützengräben, bei Soldatenmessen und auf der Flucht erlebte. "kirchensite" macht in der Osterwoche mit Auszügen aus dieser Chronik Station in einer Zeit, die nur 60 Jahre zurück liegt, in ihrer Grausamkeit aber viel weiter entfernt scheint. Eine sechsteilige Serie, die Elend und Kälte, aber auch Freude und Hoffnung dieser Zeit lebendig werden lässt.

Teil eins: Ein grauenhafter Fund

Nachdem Hitler am 15. Januar 1942 endlich sein Einverständnis zum Rückzug der Heeresgruppe Mitte aus unhaltbar gewordenen Positionen auf die "Winterstellung" westlich von Moskau gegeben hatte, konnte ich als Pfarrer der Kriegslazarettabteilung 521 mit dem gleichen Sanitätspersonal (Ärzten, Rotkreuzschwestern, Sanitätern) die während der Weihnachtszeit in Juchnow und Medyn erprobte Arbeit in den Lazaretten von Roslawl fortsetzen. Nur eine Fleckfieber-Baracke war hinzugekommen. Die Arbeitsbedingungen waren weitaus günstiger als während der extremen Kälte in dem sich durch den Zangengriff der Roten Armee langsam schließenden Kessel vor Moskau.

Der Weitertransport der Verwundeten war durch den Bahnanschluss nach Smolensk erleichtert. Die zurückgenommene Front festigte sich wieder. Wir waren weit vom Schuss, lange auch ohne Luftangriffe. Die Stadt hatte beim Vormarsch sehr gelitten. In der doppeltürmigen Kirche, die anscheinend zu einem Klosterkomplex gehörte, fand wieder regelmäßiger gut besuchter orthodoxer Gottesdienst statt. Es hieß, bei der Wasserweihe am Epiphanietag seien 2000 Gläubige zugegen gewesen.

Massengrab

Bei einem Spaziergang entdeckte
und fotografierte Kriegspfarrer
Perau ein Massengrab 

 

 

Die Verwundeten kamen direkt von den Hauptverbandsplätzen der Divisionen und von den Partisanenkämpfen. Sobald sie transportfähig waren, gingen sie mit dem Lazarettzug weiter, und schon waren neue da. Ich spendete in der Woche etwa 100 Verwundeten und Sterbenden einzeln Lossprechung und Kommunion.

Der Friedhof über der Stadt wuchs erschreckend. Einmal lagen 22 Tote zugleich im offenen Grab zu meinen Füßen, in Strohsäcken, nicht mehr wie noch bei Beerdigungen in Juchnow in Särgen.

Bei weitem nicht alle Toten dieses Krieges konnten ihren Angehörigen vor ihrem Sterben noch eine Nachricht zukommen lassen. Nicht alle haben ein eigenes, mit ihrem Namen gekennzeichnetes Grab in geweihter Erde gefunden. Das wurde mir ebenfalls in Roslawl am 19. Februar 1942 auf brutale Weise vor Augen geführt:

Um mir zwischen dem Dienst an den Betten der Verwundeten etwas Bewegung und frische Luft zu verschaffen, war ich in Richtung Kritschew unterwegs. Neben dem Friedhof einer kleinen Kirche am Stadtrand fiel mir ein großer, frisch aufgeworfener Erdwall auf, ähnlich der Ausschachtung für einen Neubau.

Als ich mir die Sache näher anschauen wollte, versperrte mir ein Posten der Wehrmacht den Zutritt. Angesichts des Kreuzes an meiner Mütze ließ er aber mit sich reden und gab den Blick frei in einen immer weiter wachsenden Schacht mit den Ausmaßen eines kleinen Saales, in dem vom Boden bis an die mit einer Erdaufschüttung bedeckte obere Kante in vielen Schichten übereinander nackte Leichen gestapelt waren, abgemagert, mit verzerrten Gliedern und weit aufgerissenen Augen. Es seien russische Kriegsgefangene, die in einem Lager durch Hunger und Seuchen umgekommen seien, belehrte mich der Posten. Täglich würden LKW mehrere 100 Tote hineinkippen, nach seiner Schätzung könnten es 19.000 sein.

Kriegstagebuch

Pfarrer Perau bei einem Feldgottesdienst.

(So habe ich es mir notiert, als ich wieder in meinem Quartier war. Heute kommt es mir so ungeheuerlich vor, dass ich hoffe, mich verhört zu haben, aber auch wenn es nur 9000 waren, bleibt es ungeheuerlich).

Ich konnte von meinem Standort aus keine Schusswunden feststellen. Es dürfte sich also nicht um Opfer von Exekutionen handeln. Angesichts der Unmengen von Gefangenen aus den Kesselschlachten von Wjasma und Briansk im Sommer 1941 und der Versorgungsschwierigkeiten infolge des unerwartet früh einbrechenden harten Winters könnte die Aussage des Postens im Wesentlichen zutreffend ein.

Aber glauben wird es dir niemand, wenn du das zu Hause erzählst, dachte ich, und es fiel mir ein, dass ich meinen Fotoapparat in der Tasche hatte. Als der Posten sich kurz von mir abwandte und einige Schritte von mir entfernte, machte ich schnell eine Aufnahme, ohne den Fotoapparat ruhig einstellen zu können. Aber gerade weil sie verschwommen ist und nur die Umrisse zeigt, kann ich sie veröffentlichen, ohne die Ehrfurcht vor den Toten zu verletzen.

Aus: Perau, Josef: Chronik einer niederrheinischen Familie - Wurzelgrund und Lebensraum, Nachkommen der Eheleute Gerhard Peerenboom 1771-1861 und Hendrina Kellewald 1777-1846,erscheint 2003 im Eigenverlag des Autors, Druck: Völcker Druck, 47574 Goch.

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