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26.05.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv
Rita Boegershausen 65 Jahre; Mit-Initiatorin der "Bundesinitiative Großeltern"

Interview mit Rita Boegershausen, Mit-Initiatorin der "Bundesinitiative Großeltern"

"Es geht uns um die Kinder"

"kirchensite.de": Wie sieht die rechtliche Situation von Großeltern von Scheidungskindern in Deutschland aus?

Rita Boegershausen: Die ist sehr komplex. Grundsätzlich haben wir in Deutschland mehr Elternrechte. Es ist also nicht so wie in einigen anderen europäischen Ländern, etwa in Frankreich, in denen das Kinderrecht gilt: Ein Kind hat also grundsätzlich ein Recht auf die Großeltern. Daraus ergibt sich in Deutschland diese schwierige Situation im Fall einer strittigen Scheidung: Wenn der Elternteil, dem das alleinige Sorgerecht zugesprochen worden ist, dann sagt, dass der Kontakt des Kindes zu den Großeltern unerwünscht ist, müssen die Großeltern eine richterliche Entscheidung bewirken, die ihnen den Umgang ermöglicht. Das heißt, dass die Großeltern in der Argumentationspflicht sind und beweisen müssen, dass ihr Kontakt für das Wohl des Kindes wichtig ist.

"kirchensite.de": Was macht diese Argumentation schwierig?

Boegershausen: Zwei Dinge: Zum einen ist es für den Vater oder die Mutter, die sich gegen den Kontakt stellen, ein Leichtes, Stimmung gegen die Großeltern zu machen. Sie sind näher dran, und da reichen oft wenige Sätze, um das Bild von Oma und Opa bei dem Enkelkind schrecklich zu verzerren. Zum anderen leidet das Kind ohnehin schon unter dem Streit der Trennung. Wenn es jetzt auch noch zum Streit mit den Großeltern kommt, ist das umso belastender. Auch deshalb schrecken viele Betroffene vor einem offensiven Gang durch rechtliche Instanzen zurück. Sie wollen das Enkelkind schützen und nehmen ihre Interessen deshalb zurück.

"kirchensite.de": Ist die rechtliche Situation eindeutig?

Boegershausen: Nicht wirklich, weil es richterliche Entscheidungen gibt, die sich widersprechen. Die einen sagen, dass die Großeltern erst einmal beweisen müssen, dass sie wichtig für das Enkelkind sind. Die anderen gehen von vornherein davon aus und fragen, wie der Kontakt trotz des Konfliktes realisiert werden kann. Tatsache ist es in jedem Fall, dass die Großeltern vor einem Dickicht von rechtlichen und bürokratischen Fragen stehen und ihnen oft der Mut, die Kraft und die Finanzen fehlen, ihr Anliegen gerichtlich durchzuboxen. Das ist sicher auch der Grund, warum noch keiner die Instanzen bis zum Bundesverfassungsgericht gegangen ist, um die Situation endgültig zu klären.

Wichtig ist es deshalb, den Betroffenen die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und rechtlichen Entwicklungen zugänglich zu machen, damit sie sich in dieser Situation erst einmal orientieren können. Denn sie stehen sonst vor den Behörden und haben nichts in der Hand. Da reicht dann oft ein Argument der Gegenseite, um sie mundtot zu machen.

"kirchensite.de": Gibt es einen klassischen Weg, wie diese Situation entsteht?

Boegershausen: Der klassische Fall ist der, dass nach einer Trennung der Mutter des Enkelkindes das Sorgerecht zugesprochen wird. In der Mehrzahl sind wir also Eltern von betroffenen Söhnen, wo die geschiedene Mutter den Kontakt zum Enkelkind verhindern will. Allerdings verschiebt sich in den vergangenen Jahren das Verhältnis immer weiter: Vermehrt kommen jetzt auch Eltern von Töchtern zu uns. Dort ist häufig das Problem, dass die Tochter eine Zweitbeziehung eingeht und mit dem neuen Lebensgefährten eine Distanz zu den eigenen Eltern aufbaut. In allen Fällen sind es aber ganz profane Faktoren, welche die Situation auslösen. Das liebe Geld spielt dabei oft eine Rolle.

"kirchensite.de": Wie reagieren die betroffenen Großeltern in der Regel?

Boegershausen: Zunächst einmal mit großer Fassungslosigkeit. Wenn sie über Jahre vielleicht täglich auf das Kind aufgepasst haben, dann ist das wie ein Schock, wenn eine solch enge Beziehung von einem Tag auf den anderen beendet wird. Manchmal wohnen sie sogar noch nebenan, sehen das Enkelkind jeden Tag, dürfen es aber nicht ansprechen. Das ist schwer zu verstehen. Zudem gibt es ein großes Schamgefühl. Sie wollen nicht wahrhaben, dass so etwas in ihrer Familie möglich ist. Daraus entwickelt sich schnell eine Hilflosigkeit, auch gegenüber den Behörden, die nicht selten sagen, dass sie für Großeltern-Probleme gar nicht zuständig sind.

"kirchensite.de": Ist diese Situation ein Phänomen unserer Zeit?

Boegershausen: Natürlich, wenngleich es das Problem sicher auch schon früher gab, aber nicht darüber gesprochen wurde. Dass es heute in so hoher Zahl auftritt, hat sicher viele Gründe. Da gehört auch die Kindschaftsrechtsreform aus dem Jahr 1998 dazu, mit der das automatische Sorgerecht für die Mutter aufgehoben wurde. Dadurch ist ein neues Konfliktpotenzial in die Trennung gekommen, was nicht vorhersehbar war. Die Scheidungen, die im Bezug auf das Sorgerecht des Kindes uneinvernehmlich verlaufen, sind häufiger geworden.

Zudem ist die Hemmschwelle in der Gesellschaft, sich zu trennen, niedriger geworden. Das Schlimmste ist aber, dass die Trennung der Enkelkinder von den Großeltern durch die Behörden unterstützt wird, solange sie sich nicht aktiv dagegen wehren. Für die Jugendämter oder Familiengerichte ist es immer noch der einfachste Weg, eine Seite als Bösewicht zu erklären, der aus der Beziehung, mitsamt den Großeltern, zu verschwinden hat.

"kirchensite.de": Warum sind Großeltern wichtig für das Enkelkind?

Boegershausen: Gerade in der Situation der Trennung kommt den Großeltern eine entscheidende Rolle zu. Auch weil sie häufig als Vertraute der Eltern an Bedeutung gewinnen. Sie können in dieser Krise trösten und beraten. Damit bieten sie ein sicheres Nest, das die Familie sonst nicht mehr zu bieten hat.

Und das nehmen die Enkelkinder sehr sensibel wahr. Die Haltung der Großeltern und der Umgang mit dem Konflikt kann daher enorme Bedeutung für den Verlauf des Trennungsgeschehens und auch für die Verarbeitung der Situtation durch das Kind haben. Natürlich müssen das auch die Großeltern wissen und dürfen nicht weiter Öl ins Feuer gießen, sondern schlichten und vorbildlich handeln, was oft schwierig ist.

"kirchensite.de": Was heißt das konkret?

Boegershausen: Großeltern können die Ruhe und Gelassenheit in die Phase der Trennung bringen, zu denen die Eltern nicht mehr in der Lage sind. Man muss einfach wissen, was man allein mit Worten in dieser Situation anrichten kann. Wenn ein Elternteil, der geliebte Vater oder die geliebte Mutter, plötzlich vor dem Kind als böse dargestellt wird, verliert das Kind das Gefühl für wichtige psycho-soziale Strukturen. Vertrauen, Achtung und Konfliktkultur gehören etwa dazu.

Großeltern können in diesem Moment noch mit Vernunft handeln, was vielen Eltern emotional nicht mehr möglich ist. Sie wollen zwar das Beste für ihr Kind, sind aber gefangen in den eigenen Gefühlen von Hass, Trotz oder sogar Rache. Großeltern bieten deshalb eine wichtige Chance, in der oft unvermeidlichen Situation der Trennung den Schaden für das Kind möglichst gering zu halten.

Und nur darum geht es uns in unserem Engagement: Wir wollen nicht unser Recht durchsetzen, sondern wir sehen die Not der Kinder und wollen deshalb helfen.

"kirchensite.de": Welchen Schaden kann das Kind nehmen?

Boegershausen: Es ist durch unzählige Studien erwiesen, dass es zwischen Kindern in intakten Familien und Trennungskindern gravierende Unterschiede in der Entwicklung gibt. Dabei geht es aber nur um Kinder aus konfliktreichen Scheidungen, nicht um jene, in denen die Eltern die Charakterstärke haben, besonnen und konzentriert auf das Wohl des Kindes hin zu handeln. Kinder aus Konflikt-Trennungen aber sind nachgewiesen weniger wissensdurstig, weniger abenteuerlustig und haben zum Teil massive Defizite im Sozialverhalten. Das geht bis zu Zahlen, die belegen, dass unter den jugendlichen Selbstmördern der Anteil dieser Kinder unverhältnismäßig hoch ist.

"kirchensite.de": Wie also muss eine Konfliktkultur in der Situation der Trennung in Ihren Augen aussehen?

Boegershausen: Unsere Initiative setzt sich für ein lösungsorientiertes Verfahren ein. Dabei sollen die Beteiligten mit fachmännischer Begleitung an einen Tisch gesetzt werden, um selbst Lösungen zu erarbeiten. Sie sollen diese Lösungen nicht von den Behörden vorgegeben bekommen. Nur wenn ein Elternteil emotional nicht in der Lage ist, wird ihnen ein Konfliktberater oder Psychologe an die Seite gestellt. Den Eltern muss dabei deutlich gemacht werden, was sie bei ihrem Kind anrichten, wenn sie nicht gemeinsam zu einer Lösung finden. Weil sie so die Lösung ausgerichtet auf das Wohl des Kindes gemeinsam erarbeiten, bekommt auch das Kind eine Hochachtung vor diesem Weg. Die Großeltern könnten auf diesem Weg automatisch als wichtige, vermittelnde Instanz und möglicher ruhender Pol wahrgenommen werden. Wichtig ist, dass auch sie in diesem Prozess ihre Aufgabe erkennen und danach handeln.

Interview und Foto: Michael Bönte, 15.01.2009

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