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22.07.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv
Der Kontakt zu den Großelternkann für das Scheidungskind enorm wichtig sein.

Initiative: Großeltern von Scheidungskindern

"Vielleicht spielter ja Fußball ..."

Ihr Anliegen stieß über lange Zeit auf Unverständnis, mittlerweile haben sie sich zu einer bundesweiten Initiative zusammengeschlossen und fühlen sich längst nicht mehr als "Ausnahmefälle": Ein Beispiel erzählt von den Sorgen und Nöten der Großeltern von Scheidungskindern.

Die Fotos zeigen lachende Kinderaugen. Weihnachten 2001, Karneval 2002, ein Ausflug im gleichen Jahr. Dann reißen die Bilderstrecken im Album abrupt ab – leere Seiten. "Wir haben einen lieben Menschen verloren", sagen die Großeltern. Sie sprechen von "unserem Jungen", als sei er gestorben. In gewisser Hinsicht ist er das auch für sie: Ihr Enkel ist raus aus ihrem Leben. Sie haben ihn seit etwa vier Jahren nicht mehr gesehen. Er ist jetzt 13 Jahre und wohnt eine halbe Stunde Autofahrt durch das Ruhrgebiet von ihnen entfernt. "Wir wissen nicht mehr, wie er aussieht, ob er schon eine Freundin hat, was ihm gerade Spaß macht."

Sie sprechen von Gedanken, Ängsten und Sehnsüchten, die "richtig weh tun". Ein Weg zu ihm, ein kurzes Gespräch, vielleicht regelmäßige Treffen könnten diese Schmerzen lindern. Aber sie dürfen nicht. Der Weg zu "ihrem Jungen", dem Sohn ihres Sohns, der jetzt bei der geschiedenen Ehefrau lebt, ist ihnen verbaut. Sie sind Großeltern von einem Scheidungskind, wie es sie in Deutschland zu Hunderttausenden gibt. Wenn es zu keiner gütlichen Regelung im Sorgerecht zwischen den Geschiedenen kommt, ist oft auch der Weg für die Großeltern zum Enkelkind verbaut. "Wir leiden nicht weniger als unser Sohn."

Wenn sie an ihrem Wohnzimmertisch sitzen und von ihrer Geschichte erzählen, unterstreichen ihre Tränen hier und da die Wucht, mit der sie die Trennung von ihrem Enkel trifft. Es ist ein vielfacher Schmerz, sagen sie: "Zum einen ist da die Sehnsucht nach ihm, dann aber auch das Mitleiden mit unserem Sohn, der den Jungen schon mehr als sechs Jahre nicht mehr gesehen hat." Hinzu komme aber der wohl entscheidende "Stich ins Herz": Die Sorge um unseren Enkel, der unter dieser Situation unheimlich leidet und uns als Großeltern jetzt besonders braucht."

Eltern als "schlechte Ratgeber"

Es ist ihre eigene Geschichte, wenngleich die Eckpunkte mit vielen anderen Familiengeschichten vergleichbar sind. Die Beziehung ihres heute 41-jährigen Sohns zu seiner späteren Frau stand für sie von Beginn an auf wackeligen Beinen. Allein die Tatsache, dass sie nicht mit ihm zusammenziehen wollte, weil sie seine Haustiere nicht mochte, sei ein Indiz dafür gewesen, dass "die Gefühle nicht so ganz passten". Im Rückblick fragen sich die beiden Rentner, ob sie das damals nicht deutlicher hätten formulieren müssen: "Aber als Eltern ist man in dieser Situation ein denkbar schlechter Ratgeber."

1995 wurde dann Rene (Name von der Redaktion geändert) geboren, kurze Zeit später heiratete ihr Sohn dessen Mutter. "Eine Riesenfreude", erinnern sich die Großeltern. "Weil jedes Kind eine neue Dimension der Liebe ins Leben bringt." Eine Liebe, die sie von Beginn an pflegten, trotz der räumlichen Distanz ihrer Wohnung zu der des Sohns. "Er war Hausmann und kümmerte sich um das Kind", erinnern sie sich an die ersten Jahre. "Wir haben ihm dabei zur Seite gestanden, so oft es ging." Mindestens ein Mal in der Woche setzte sich die Oma ins Auto und fuhr quer durchs Ruhrgebiet, um ihren Enkel zu sehen. "Die Zeit war wunderschön, wir konnten sehen, wie er sich entwickelte."

Etwa drei Jahre nach der Hochzeit brach die Ehe des Sohns auseinander, trotz vieler Rettungsversuche. "Er wollte die Ehe unbedingt retten, weil er die innige Beziehung zum Sohn halten wollte", erinnern sie sich. "Und für die Frau hatte die Ehe finanzielle Vorteile." Trotzdem war der Bruch so massiv, dass nichts mehr zu vermitteln war. Es ging bis vor das Familiengericht, weil sie nicht mehr miteinander sprechen konnten. Die Mutter bekam das alleinige Sorgerecht zugesprochen, der Vater musste sich von diesem Zeitpunkt an von seinem Sohn fern halten.

Schwere Momente

Damit war auch der Kontakt der Großeltern zu Rene zunächst abgeschnitten. "Die Mutter hatte Angst, dass er über uns auch wieder Kontakt zum Vater aufnehmen würde", erinnern sie sich. Zunächst noch vermittelte der neue Freund der Mutter, sodass ein Mal im Monat ein Treffen mit den Großeltern stattfinden konnte. Als auch das nicht mehr möglich war, drohte der völlige Kontaktverlust. "Wie schwer das fällt, merkt man meistens bei bestimmten Ereignissen im Leben eines Kindes, bei denen man einfach dabei sein will." Bei Rene war es die Einschulung, zu der sie nicht kommen durften. Sie versuchten über das Jugendamt und später gerichtlich, Zeiten mit ihrem Enkel einzufordern. Es kam schließlich zu einer "gütlichen Regelung": Ein Mal im Monat durfte Rene zu ihnen, aber nur im Beisein seiner Mutter. "Zu diesem Zeitpunkt hatte er uns schon fast ein Jahr nicht mehr gesehen."

Sie merkten in dieser Zeit und auch in den kommenden drei Jahren mit den monatlichen Treffen, wie "zerrissen der Junge war": "Er war im Ehestreit instrumentalisiert worden, aufgerieben zwischen den Fronten der Eltern." Die Seele von Rene musste zu viel mitmachen, konnte nicht erkennen, was gut und böse ist, wem er vertrauen konnte und wem nicht. "Natürlich standen wir auf der Seite unseres Sohns", sagen die Großeltern. "Aber wir waren nicht blauäugig, wir haben alles unter dem Gesichtspunkt gesehen, was für Rene das Beste war."

Entsetzen

Viel Gutes war da nicht, das wissen sie. "Das Bild des Vaters wurde von seiner Mutter zum Bild eines Versagers verzerrt, der an allem schuld war." Einige ihrer Sätze rufen noch im Rückblick Entsetzen bei den Großeltern hervor. "Als der Vater in seiner neuen Beziehung einen weiteren Sohn bekam, sagte sie: Siehst du, jetzt braucht Papa dich nicht mehr, er hat jetzt einen anderen Jungen lieb." Der Enkel war da gerade sechs Jahre alt geworden. "Das konnte der Kopf des kleinen Rene doch gar nicht verarbeiten."

Die Situation zeigte Spuren. Rene wurde verschlossener, aggressiv, wirkte in der Begegnung mit ihnen gehemmt, eingeschüchtert und verkrampft. Wie sehr seine Gefühle gegenüber der Familie des Vaters manipuliert worden seien, zeige ein Ausspruch, den er später bei einem zufälligen Treffen vor Gericht tat: "Was willst du hier, du Verbrecher – so etwas sagt kein kleines Kind aus freien Stücken zu seinem Vater."

Vorbei waren selbst die schönen Stunden bei seinen Großeltern. Kein Toben mehr mit seinem Cousin, keine unbeschwerten Ausflüge, kein fröhliches Spielen mehr im Schwimmbad. "Unsere Treffen wurden immer schlimmer", sagen die Großeltern. "Oft zitterte er und traute sich kaum, uns in den Arm zu nehmen." Nur wenn seine Mutter außer Sichtweite gewesen sei, sei er für Momente aus sich herausgekommen. "Ein Lächeln oder ein Kuscheln – so wie es früher einmal gewesen war."

Bauchschmerzen um die Seele

Der Entschluss, den sie vor vier Jahren fassten, war ein Entschluss zum Wohl des Kindes und kein egoistischer, sagen sie: "Wir hatten Bauchschmerzen um seine Seele, nicht um unser Recht." Das Leiden des Kindes war für sie nicht mehr zu ertragen. "Wir haben den Kontakt deshalb abgebrochen – mit sehr schwerem Herzen." Und seitdem nichts mehr gehört: "Briefe, die wir ihm schreiben, bleiben unbeantwortet." Gut möglich, dass er sie gar nicht erhält.

Die Bauchschmerzen sind geblieben. "Ein Kind braucht Großeltern, und wir sind die einzigen, die er hat." Vielleicht weil sie als Oma und Opa ein anderes Gefühl dafür entwickeln könnten, was ein Heranwachsender braucht. "Eltern machen doch viel automatisch, Großeltern aber gehen bewusst auf die Bedürfnisse des Kindes ein." Diese Beziehung sei eine wichtige Ergänzung für die Entwicklung eines Kindes. Auch wenn es nur um Zeit zum Spielen und Zuhören gehe. "Eltern erziehen, Großeltern verwöhnen."

Wenn der Trennungsschmerz besonders nagt, erinnert sich die Großmutter immer an das gemeinsame Backen, Kochen oder das Essen in großer Runde. "So etwas kannte er von daheim überhaupt nicht. Wir konnten sehen, wie er es genoss." Auch der Opa erinnert sich an solche Momente: "Ich habe ihm das Tischtennis-Spielen beigebracht, war lange mit ihm spazieren." Schlimm finden sie, dass sich Rene in seinen ersten Lebensjahren an diese Bereicherungen gewöhnen konnte. "Deshalb werden sie ihm jetzt besonders fehlen." Manchmal fragen sie sich deshalb auch, ob sie "ihren Jungen" mit ihrem Rückzug nicht zu sehr im Stich gelassen haben.

Sein Lachen fehlt

Eine Frage, die den eigenen Schmerz verstärkt. Denn natürlich blutet ihnen das Herz, weil der Enkel "eigentlich nur noch in den Erinnerungen lebt". Es gibt besondere Anlässe, etwa Weihnachten oder die Geburtstage ihrer anderen Enkel, an denen sie deren Lachen besonders hart trifft. "Sein Lachen fehlt." Manchmal, wenn die Sehnsucht zu groß wird, setzen sie sich ins Auto und fahren an seiner Wohnung oder Schule vorbei, in der Hoffnung, einen Blick auf ihn zu erhaschen. Selbst bei Fernsehbildern aus der Heimatstadt ihres Enkels hoffen sie aufgeregt, ein "Lebenszeichen" von ihm  über den Bildschirm zu bekommen.

"Uns würde doch schon reichen, wenn wir sehen würden, dass es ihm gut geht", sagen sie. Vielleicht spielt er Fußball, wie sieht er heute aus, denkt er manchmal an die Großeltern? Fragen, die sie sich ständig stellen. "Viel wichtiger wäre uns aber, ihn einfach mal in den Arm zu nehmen und ihn zu fragen, wie es ihm geht."

Denn sie haben die Hoffnung, dass da irgendwann eine Wende kommt. Dass er vielleicht einmal alles überdenkt, wenn er älter ist. "Vielleicht kommt er mit 20 Jahren ja mal zu uns, und wir sind noch fit genug, um mit ihm vieles nachzuholen."

Ungewisses Warten

Ihre Tür soll immer offen bleiben für ihn. Das ungewisse Warten aber bleibt Tortur. "Wir wollen nicht resignieren oder anfangen, ihn zu verdrängen – das ist er uns wert." Hilfe auf diesem Weg erfahren sie auch bei den regionalen Treffen der "Bundesinitiative Großeltern", die sich zum Ziel gesetzt hat, die Beziehungen zwischen den Kindern, Eltern und Großeltern auch nach Trennung und Scheidung nicht abbrechen zu lassen. Neben der rechtlichen Beratung sei es vor allem die emotionale Nähe der anderen Betroffenen und deren Verständnis, die helfen würden. "Es sind Zeiten, in denen wir weinen können und unsere Tränen verstanden werden."

Tränen, die auch daheim ihren Raum haben. Denn "ihr Junge" ist immer präsent: Ein Bild von ihm haben sie vergrößert und in den Flur ihrer Wohnung gehängt. "Er lächelt uns jeden Tag an." Es waren fröhliche, glückliche Tage, die er mit seinen Großeltern verbrachte." Sein Lächeln verschwand aber mehr und mehr. Fotos aus späteren Zeiten zeigen einen Heranwachsenden mit versteinerter Miene und traurigen Augen. Da konnte man schon sehen, was das Gemüt des Jungen alles mitmachen musste. "In unserem Herzen lebt er aber so, wie er hier bei uns gespielt und gelacht hat."

Text und Foto: Michael Bönte, 15.01.2009

Lesen Sie zu diesem Thema in "kirchensite.de":
- Bundesweite Initiative – 70.000 Rat Suchende
- Interview mit Rita Boegershausen

Mehr dazu im Internet unter:
www.grosseltern-initiative.de

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